{"id":4270,"date":"2015-06-25T12:42:05","date_gmt":"2015-06-25T10:42:05","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/?p=4270"},"modified":"2015-06-25T12:42:05","modified_gmt":"2015-06-25T10:42:05","slug":"die-revolution-eine-baustelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/die-revolution-eine-baustelle\/","title":{"rendered":"Die Revolution, eine Baustelle"},"content":{"rendered":"<p><em>Unvertr\u00e4glich, aber nicht unertr\u00e4glich: die Rote Flora wird umgebaut<\/em><\/p>\n<p>Die Rote Flora, ein muffiges Loch, in dem schwarz gewandete Linksradikale in grimmigen Vollversammlungen ihre Wursthaark\u00f6pfe zusammenstecken? Think again! Seit Mitte Juni pr\u00e4sentiert sich Hamburgs bekannteste Problemimmobilie mit neuen, kundenfreundlichen Angeboten: Ein neues Treppenhaus, neue Toiletten und eine grundsanierte &#8222;Vok\u00fc&#8220; (Volxk\u00fcche) zeugen vom Sanierungseifer der Besetzer. Wei\u00dfe W\u00e4nde, lichte R\u00e4ume, ein &#8222;Gefahrengebiet&#8220;-Wandmosaik, Steinchen f\u00fcr Steinchen von zarter Autonomenhand gelegt. F\u00fcr die kommenden Monate haben die Flora-Aktivisten eine &#8222;Sommerbaustelle&#8220; angek\u00fcndigt. Mit einer Ausstellung zur Geschichte des Hauses und seiner Umbauten werben sie um die Gunst des Publikums. Man wolle sich wieder mehr dem Stadtteil \u00f6ffnen, hei\u00dft es.<!--more--><\/p>\n<p>Was ist da los? Wird die Rote Flora jetzt ein stinknormales Haus, in das jeder einfach so reinspazieren kann? Ach, na ja. Einerseits war das Bild von der linksautonom-vernagelten Trutzburg seit je auch ein sorgsam gepflegtes Feindbild. Dutzende von Print- und Fernsehberichten bezeugen: Eigentlich haben die Genossen vom Schulterblatt die Bude immer brav aufgesperrt, wenn die \u00d6ffentlichkeit mal wieder wissen wollte, was da eigentlich abgeht. Haben die Motorrad-Selbsthilfewerkstatt im Keller hergezeigt, die Prober\u00e4ume und das mit Flugbl\u00e4ttern vollgestopfte &#8222;Archiv der sozialen Bewegungen&#8220; \u2013 und haben den Reportern geduldig erkl\u00e4rt, wie das zu verstehen ist: Die Rote Flora als Stachel im Fleisch der herrschenden Eigentumsordnung, als kollektiv betriebenes Projekt, das sich nicht darum schert, wem das Geb\u00e4ude geh\u00f6rt, das man deshalb am liebsten aus dem Grundbuch gestrichen s\u00e4he. Seit die Stadt die Flora dem insolventen Vorbesitzer zwangsabgekauft und der st\u00e4dtischen Lawaetz-Stiftung \u00fcbergeben hat, ist dieser Outlaw-Status quasi Staatsr\u00e4son. L\u00e4ngst wirbt auch Hamburg Marketing mit der Roten Flora als Landmark-Building f\u00fcr das &#8222;alternative und trendy&#8220; Schanzenviertel.<\/p>\n<p>Andererseits ist das, was die Floristen derzeit an PR-Offensive betreiben, nicht mehr und nicht weniger als eine Crowdfunding-Kampagne. Die Besetzer wollen eben weder mit der Lawaetz-Stiftung noch mit anderen st\u00e4dtischen Stellen \u00fcber Sanierungsgelder verhandeln. Denn um \u00f6ffentliche Mittel in Anspruch nehmen zu k\u00f6nnen, m\u00fcsste man wom\u00f6glich einen Vertrag mit der Stadt schlie\u00dfen \u2013 und dass die Flora &#8222;unvertr\u00e4glich&#8220; bleibt, ist das oberste Gebot am Schulterblatt 71. Die Besetzer des G\u00e4ngeviertels w\u00e4hlten vor ein paar Jahren einen anderen Weg: Sie schafften es, die Stadt dazu zu bewegen, das Areal von einem maroden Immobilienfonds zur\u00fcckzukaufen und es mit gesch\u00e4tzten 20 Millionen Euro zu sanieren. Seither zanken sich die G\u00e4ngeviertel-Nutzer mit dem von der Stadt beauftragten Sanierungstr\u00e4ger Steg herum, was wie saniert werden soll und wie viel Selbstverwaltung m\u00f6glich bleiben kann.<\/p>\n<p>Das soll der Roten Flora nicht passieren. &#8222;Kein Weg mit der Steg&#8220; schallte es vor zwei Jahrzehnten aus dem autonomen Zentrum. Das Flora-Umfeld will es aus eigener Kraft schaffen. Und wirbt daher um Geldspenden und Arbeitseinsatz. Da ist ein bisschen Zurschaustellen der eigenen Zug\u00e4nglichkeit nicht die schlechteste Idee.<\/p>\n<p>Schon als die Besetzer 1989 das alte Variet\u00e9theater im Schanzenviertel \u00fcbernahmen, war die Flora eine dem Abriss geweihte Ruine. Und sie ist bis zum heutigen Tage Baustelle geblieben. Das muss wohl auch so sein. Schlie\u00dflich sind autonome Zentren in den achtziger Jahren nicht zuletzt als Gegenmodell entstanden \u2013 zum fix und fertig hingestellten Jugendzentrum sozialdemokratischer Pr\u00e4gung, das viel zu abwaschbar, T\u00dcV-gepr\u00fcft und rauchfrei war, um attraktiv zu sein f\u00fcr den rebellischen Teil der Stadtjugend. Wer in der Flora feiern wollte, musste erst mal selbst ran. Hunderte von Party-Baubrigaden haben die dunkle, rohe H\u00f6hle in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten immer wieder f\u00fcr knallbunte, glamour\u00f6se Partyn\u00e4chte geschm\u00fcckt, Wochenende f\u00fcr Wochenende.<\/p>\n<p>Der unfertige, selbstgebastelte Status hat dem Haus immer auch neue Helfer zugef\u00fchrt: Der Brand im November 1995, der die Flora beinahe ruiniert h\u00e4tte, zog eine Welle der Unterst\u00fctzung nach sich. Pl\u00f6tzlich waren die Plena und Vollversammlungen wieder brechend voll. Die Geschichte wiederholt sich. Auch in den vergangenen Jahren war die Personaldecke hinter der br\u00f6ckelig-gelben Fassade d\u00fcnn. Das soll sich mit der Sanierung \u00e4ndern. 50 Wandergesellen treten im Juli an zur Fassaden-, Terrassen und Balkonsanierung. Am Ende ist die Revolution n\u00e4mlich auch blo\u00df eine Baustelle \u2013 wo lie\u00dfe sich das besser erleben als in der Roten Flora.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unvertr\u00e4glich, aber nicht unertr\u00e4glich: die Rote Flora wird umgebaut Die Rote Flora, ein muffiges Loch, in dem schwarz gewandete Linksradikale in grimmigen Vollversammlungen ihre Wursthaark\u00f6pfe zusammenstecken? Think again! Seit Mitte Juni pr\u00e4sentiert sich Hamburgs bekannteste Problemimmobilie mit neuen, kundenfreundlichen Angeboten: Ein neues Treppenhaus, neue Toiletten und eine grundsanierte &#8222;Vok\u00fc&#8220; (Volxk\u00fcche) zeugen vom Sanierungseifer der Besetzer. 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