{"id":5404,"date":"2015-11-10T18:17:09","date_gmt":"2015-11-10T17:17:09","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/?p=5404"},"modified":"2015-11-10T18:47:52","modified_gmt":"2015-11-10T17:47:52","slug":"bob-dylan-konzert-hamburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/bob-dylan-konzert-hamburg\/","title":{"rendered":"Immer noch der coole Hund"},"content":{"rendered":"<p><em>Bob Dylan \u00fcberzeugt in der Alsterdorfer Sporthalle auch ohne Gitarre. Breitbeinig hinterm Mikrost\u00e4nder singt er ungew\u00f6hnlich sauber Songs von sich und Frank Sinatra.<\/em><!--more--><\/p>\n<p>Man hat sich M\u00fche gegeben, dem Anlass eine gewisse W\u00fcrde zu verleihen: Bob Dylan und seine Band sind in der Stadt. Der Innenraum der Alsterdorfer Sporthalle ist bestuhlt, die gesamte B\u00fchne dunkelbraun abgeh\u00e4ngt. Alte Filmscheinwerfer an der R\u00fcckwand sowie auf der ganzen B\u00fchne verteilte kleine, orangegelb glimmende &#8222;Gaslampen&#8220; sollen eine schummrig-kostbare Atmosph\u00e4re mit historischer Anmutung schaffen. Die Handfl\u00e4chen zum Fernglas geformt, den Rest des Betonklotzes ausblendend, gelingt es ansatzweise.<\/p>\n<p>Die sechs Musiker tragen Anzug, Dylan zus\u00e4tzlich einen hellen Pflanzerhut. Sieht alles sehr gut, sieht richtig aus. Und es ist immer sch\u00f6n zu beobachten, welchen kleinen B\u00fchnentrick er sich ausgedacht hat \u2013 Bob Dylan versteht sich auch mit 74 noch als Performer. Das kann man unterschiedlich gestalten, etwa extrovertiert wie David Lee Roth; Dylan aber ist Minimalist. Zuletzt streckte er ein Bein unter seiner im Stehen gespielten Farfisa-Orgel aus, die Stiefelette keck auf der Absatzspitze in die H\u00f6he gereckt. Diesmal stellt er sich breitbeinig hinter den geraden Mikrofonst\u00e4nder und l\u00e4sst einen gewissen Abstand. Zum Gesangseinsatz umfasst er den St\u00e4nder und kippt ihn leicht, bis das Mikrofon den Mund erreicht, um ihn in den Pausen wieder in die Ausgangsstellung zu entlassen. Ein cooler Hund, wie bekannt.<\/p>\n<p>Die Sache mit dem <i>straight stand<\/i> ohne Knick funktioniert, weil Bob Dylan nicht nur noch bei wenigen Songs, sondern \u00fcberhaupt nicht mehr Gitarre spielt. Arthrose im Handgelenk scheint dieses Kapitel beendet zu haben. Schade, aber kein gigantischer Verlust. Dylans gleichmachendes Geschrummel auf der E-Gitarre kann den St\u00fccken auch gern mal die letzte Finesse nehmen. Und schlie\u00dflich hat er mit Charlie Sexton, Stu Kimball und Donnie Herron drei brillante Gitarristen in der Band.<\/p>\n<p>Herron spielt dabei eine zentrale Rolle, denn in den Ballroom-Standards von Dylans letztem Studioalbum <i>Shadows In The Night<\/i> ersetzt er mit der Pedal-Steel-Gitarre die Streicher. Er ist ein Meister auf diesem kompliziert, zus\u00e4tzlich mit Kniehebeln zu spielenden Instrument. Seine weichen, Jazz-beeinflussten Septakkorde durchfluten die gro\u00dfe Alsterdorfer Sporthalle und sind die Grundlage f\u00fcr Bob Dylans weit \u00fcber der Musik gemischten, zwar br\u00fcchigen, aber f\u00fcr seine Verh\u00e4ltnisse ungewohnt sicher und sauber intonierten Gesang. Der respektvolle Umgang mit den Frank-Sinatra-Klassikern, vorsichtig ins Western-Swing-Genre \u00fcbersetzt, scheint dies zu bewirken. Bisher musste er immer eigene Geschichte zerlegen, um noch einen Antrieb zu finden, ein weiteres Mal aufzutreten. Mit sehr unterschiedlichem Ergebnis.<\/p>\n<p>Auf die erste Zugabe h\u00e4tte er, so gesehen, verzichten k\u00f6nnen: Ein zun\u00e4chst nicht einzuordnender, freundlich h\u00fcpfender Midtempo-Boogie mit einer irref\u00fchrenden Unisono-Figur der Gitarristen entpuppt sich mit der Zeile &#8222;How many roads must a man walk down&#8220; als <i>Blowin\u2019 In The Wind<\/i>. Nicht, dass man es dringend gewollt h\u00e4tte, aber: mitsingen unm\u00f6glich. Schon Dylan selbst hat seine liebe M\u00fche, einen sinnvollen Wortrhythmus zu finden, und quetscht die Verse stattdessen in irgendwelche L\u00fccken. Das abschlie\u00dfende <i>Love Sick<\/i> (von <i>Time Out Of Mind, <\/i>1997) fr\u00f6nt dem Bluesrock vergangener Tourneen und wirkt diesmal deplatziert.<\/p>\n<p>Wer nicht vorbereitet und wegen Songs wie <i>Like a Rolling Stone <\/i>und<i> All Along The Watchtower<\/i> gekommen ist, wird ohnehin entt\u00e4uscht. <i>Tangled Up In Blue<\/i> (vom Album <i>Blood On The Tracks<\/i>, 1975) vor der Pause, funky und im vollmundigen Nashville-Sound der 1970er Jahre gespielt, erf\u00fcllt noch am ehesten die Erwartungen an einen Greatest Hit. Auch die soeben ver\u00f6ffentlichte CD-Box, <span lang=\"en-US\">mit zahllosen Versionen bekannter Mittsechziger-St\u00fccke versehen und weltweit gefeiert, wird nicht erw\u00e4hnt. <\/span><span lang=\"en-US\"><i>She Belongs To Me<\/i><\/span><span lang=\"en-US\">, als zweiter Song im Set gespielt \u2013 Dylan st\u00f6\u00dft dabei kernig in die Mundharmonika \u2013, muss als Hinweis reichen.<\/span><\/p>\n<p>Mit St\u00fcck Nummer vier, Irving Berlins <i>What\u2019ll I Do<\/i> von 1923, beginnt das eigentliche Konzert. Die von Dylans eigenen Kompositionen nicht unbedingt \u00fcberforderten Musiker k\u00f6nnen bei diesen erhaben flie\u00dfenden, dennoch kurz und b\u00fcndig gespielten Swing- und Jazzballaden alter Tagen zeigen, was sie noch so drauf haben. Schlagzeuger George Receli benutzt ausschlie\u00dflich Besen, Tony Garnier zupft durchgehend Kontrabass. \u00dcber deren feinen Teppich breiten sich die Gitarristen \u00e4u\u00dferst unaufgeregt und, im herk\u00f6mmlichen Sinne, l\u00e4ngst nicht immer fehlerfrei aus. Aber was hei\u00dft das schon? Wir sind hier ja nicht bei Roger Cicero. Bob Dylan selbst schlendert hin und wieder zum Klavier und setzt gekonnt songdienliche Akzente. Der Gesamtsound, Hut ab bei diesen Verh\u00e4ltnissen, ist fulminant.<\/p>\n<p>Zwischendurch tauchen noch einige Originale der vergangenen Jahre auf. Am besten passt das lang ausgespielte, easy swingende <i>Spirit On The Water <\/i>vom Album<i> Modern Times<\/i> (2006) mit seinem melodischen Riff; der fr\u00fchere Teenager-Star Sexton hebt irgendwann zum selbstvergessenen Solo an. Im Zentrum der Show aber stehen tiefgr\u00fcndige Sinatra-Songs wie <i>Melancholy Mood <\/i>und<i> Why Try To Change Me Now<\/i>, auf eine besondere Art wie geschaffen f\u00fcr den Dylan von heute.<\/p>\n<p>Nach dem letzten St\u00fcck des zweiten Sets h\u00e4tte auch Schluss sein k\u00f6nnen, ja, <span style=\"color: #000000;\">m\u00fcssen. Verg\u00e4nglichkeit der Liebe, Verblassen des Lebens \u2013 was sollte nach den letzten Zeilen von <\/span><span style=\"color: #000000;\"><i>Autumn Leaves<\/i><\/span><span style=\"color: #000000;\"> noch kommen? <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bob Dylan \u00fcberzeugt in der Alsterdorfer Sporthalle auch ohne Gitarre. 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