{"id":545,"date":"2014-05-07T15:24:11","date_gmt":"2014-05-07T13:24:11","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/?p=545"},"modified":"2014-05-07T15:26:08","modified_gmt":"2014-05-07T13:26:08","slug":"chamburrrg-bruellt-der-russe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/chamburrrg-bruellt-der-russe\/","title":{"rendered":"&#8222;Chamburrrg!&#8220;, br\u00fcllt der Russe"},"content":{"rendered":"<p><em>Sie haben sich f\u00fcr Hamburg bislang nicht interessiert? Jetzt sollten Sie, denn nun gibt es die Kolumne \u201cHamburger Tatsachen\u201d.<\/em><\/p>\n<p>Der Mann, der als Letzter in das Zugabteil steigt, tr\u00e4gt Kurzhaarschnitt, seine Nase ist gebrochen, sein Gesicht von einer Narbe gezeichnet und seine Augen schimmern dunkel.<\/p>\n<p>\u201eChamburg?\u201c, fragt er.<!--more--><\/p>\n<p>\u201eJa, Hamburg\u201c, antwortet ein junger Mann, der gleich neben der Abteilt\u00fcr sitzt und einen Laptop auf seinem Scho\u00df \u00f6ffnet, um zu arbeiten. Die Hornbrille gibt ihm ein ultramodernes Aussehen.<\/p>\n<p>\u201eChamburg! Gut, Karascho!\u201c, sagt der Russe und macht einen Schritt nach vorne. Es ist, als sch\u00f6be sich ein riesiger, zerbeulter Schrank ins Zugabteil. Die Reisenden starren auf das, was sie gerade vor sich haben. Auf den Laptop, auf eine Zeitung, auf ein Buch und auf die verregnete, graue Landschaft, die vor dem Fenster vorbeirauscht. Und ihnen rieselt ein kalter Schauer \u00fcber den R\u00fccken.<\/p>\n<p>Der Russe setzt sich, l\u00e4chelt eine w\u00f6lfisches L\u00e4cheln, greift in die Innentasche seiner Lederjacke, zieht einen Reisepass heraus, \u00f6ffnet ihn und h\u00e4lt ihn dem Hornbrillentr\u00e4ger vor die Hornbrille.<\/p>\n<p>\u201eLettland!\u201c, sagt der Russe.<\/p>\n<p>Der junge Mann l\u00e4chelt, der Laptop auf seinem Schoss surrt.<\/p>\n<p>\u201ePonimajesch Russki?\u201c, brummt der Russe.<\/p>\n<p>\u201eEnglisch!\u201c<\/p>\n<p>\u201eNo, English sorry!\u201c, dann denkt er lange nach, sagt schlie\u00dflich: \u201eI \u2026 I&#8230;\u201c, dann schl\u00e4gt er sich mit seiner Faust auf die m\u00e4chtige Brust. \u201eI Latvia! I Lettland!\u201c.<\/p>\n<p>Er l\u00e4chelt wieder und entbl\u00f6\u00dft dabei messerscharfe Haifischz\u00e4hne. Die Nachricht, dass es die Mitreisenden mit einem Letten zu tun haben, ist als Beruhigung gedacht, denn Russen haben keinen guten Ruf, seit sich ihr Pr\u00e4sident mittels Gewalt die Krim geschnappt hat. So viel wei\u00df offenbar auch der ungeschlachte Riese. Die Mitreisenden aber wirken gar nicht erleichtert, als der Russe seinen lettischen Pass wieder einsteckt. Sie sind nicht bereit, ihm lautere Absichten zu unterstellen. Vielleicht ist ihnen auch die Tatsache bekannt, dass 25 Prozent der lettischen Bev\u00f6lkerung ethnische Russen sind. Und Wladimir Putin hat nach der Einnahme der Krim verk\u00fcndet, er werde \u00fcberall dort eingreifen, wo Russen au\u00dferhalb der Grenzen ihres Mutterlandes lebten und sich bedr\u00e4ngt f\u00fchlten.<\/p>\n<p>Der Riese im Abteil sieht nicht aus, als sei er bedr\u00e4ngt, und wie ein schutzbed\u00fcrftiger B\u00fcrger des Zwergstaats Lettland wirkt er auch nicht. Er sieht aus wie ein Russe, er spricht wie eine Russe, er verbreitet Angst, wie es Russen in dieser bewegten Zeit tun.<\/p>\n<p>Der Russe, der vergeblich vorgibt eine Lette zu sein, verf\u00fcgt immerhin \u00fcber so viel Feingef\u00fchl, dass er das eisige Misstrauen seiner Mitreisenden bemerkt und\u00a0 versucht es mit Komplimenten .<\/p>\n<p>\u201eChamburrrg! Beautifulll!\u201c, rollt es aus ihm. Sein Lippen \u00f6ffnen sich, und die furchteinfl\u00f6\u00dfende Zahnreihe blinkt auf. Es hilft nichts. Schweigend wird ihm weiter die Bereitschaft zu Schandtaten unterstellt.<\/p>\n<p>Wolf, B\u00e4r, Haifisch, Schl\u00e4ger, alle m\u00f6glichen Bezeichnungen f\u00fcr den Russen sieht man schon auf der Stirn der Reisenden aufleuchten wie Flammenzeichen, da k\u00fcndigt die Schaffnerin via Mikrofon an, dass man in wenigen Minuten Hamburg Hauptbahnhof erreichen werde.<\/p>\n<p>\u201eChaaamburrg!!\u201c, br\u00fcllt der Russe aus Lettland, \u201eChaaamburrg!!!\u201c<\/p>\n<p>Der Zug ruckelt und zuckelt. Der Russe erhebt sich, es wird dunkel im Abteil. Neben ihm steht eine junge, kleine, zarte, blonde Frau auf, der es bisher gelungen war,\u00a0 sich durch best\u00e4ndiges Abwenden seiner Aufmerksamkeit zu entziehen. Sie reckt sich nach einer schweren Tasche auf der Gep\u00e4ckablage. Als sie sie zu fassen bekommt, bremst der Zug pl\u00f6tzlich ab, die Tasche f\u00e4llt herunter, und da geht der Russe mit den m\u00e4chtigen Pranken dazwischen, mit der Rechten wehrt er die Tasche ab und mit der Linken umfasst er die junge Frau. Dabei l\u00e4chelt er ein L\u00e4cheln, dass die Frau nicht anders kann, als ihm ein ebenso aufrichtiges wie \u00fcberraschtes \u201eDanke! Danke!\u201c in sein zerknautschtes Ohr zu fl\u00fcstern. Dann l\u00f6st sie sich schnell und eilt davon, gefolgt von den Mitreisenden.<\/p>\n<p>Der Russe aus Lettland geht als Letzter hinaus. Er tritt auf den Bahnsteig und ist nun bereit Chamburg mit seiner Anwesenheit zu bereichern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie haben sich f\u00fcr Hamburg bislang nicht interessiert? Jetzt sollten Sie, denn nun gibt es die Kolumne \u201cHamburger Tatsachen\u201d. 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