{"id":7000,"date":"2016-07-20T16:06:57","date_gmt":"2016-07-20T14:06:57","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/?p=7000"},"modified":"2016-07-20T21:38:57","modified_gmt":"2016-07-20T19:38:57","slug":"wie-in-alten-zeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/wie-in-alten-zeiten\/","title":{"rendered":"Wie in alten Zeiten"},"content":{"rendered":"<p><em>Mit einer Gro\u00dfrazzia wollte die Hamburger Polizei am Montag auf St. Pauli Drogendealer dingfest machen. In der alternativen Szene vom Kiez kam das nicht so gut an.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&#8222;Schluss mit den rassistischen Kontrollen!&#8220;, rufen die Demonstranten, als der Zug von der Reeperbahn in die Hein-Hoyer-Stra\u00dfe biegt. Fast eine Stunde lang hatten sich rund 750 Menschen am Dienstagabend im Schatten der Davidwache auf St. Pauli versammelt, bis die Polizei die Spontandemonstration genehmigte. Hier der Kordon von Polizisten in schwarzer Montur, flankiert von Polizeipferden und Wasserwerfern, die am Eingang der Reeperbahn stehen, dort die ebenfalls meist schwarz gewandeten Demonstranten, mit T-Shirts auf denen &#8222;<em>Refugees Welcome<\/em>&#8220; oder &#8222;Niemand muss Bulle sein&#8220; steht.<\/p>\n<p>Es ist ein Bild wie aus alten Tagen, als man &#8222;St. Pauli&#8220; und &#8222;Hafenstra\u00dfenh\u00e4user&#8220; noch in einem Atemzug sagte.<\/p>\n<p>Anlass f\u00fcr den Aufzug ist eine Gro\u00dfrazzia der Hamburger Polizei, die tats\u00e4chlich etwas an die Zeit erinnerte, als St. Pauli noch der Schauplatz von Stra\u00dfenk\u00e4mpfen um die ehemals besetzten H\u00e4user war. Am Montag gegen 19 Uhr hatte die Polizei mit Einsatzfahrzeugen und 260 Beamten ein Areal an der Hafenstra\u00dfe abgeriegelt, gleichzeitig drangen oben an der Bernhard-Nocht-Stra\u00dfe Polizisten in das Erdgeschoss des Wohnprojekts Plan B ein.<\/p>\n<p>&#8222;Mehrere Dutzend vermummte Beamt_innen bedrohten Bewohner_innen und andere anwesende Personen in einer unserer Wohnungen teilweise mit vorgehaltener Schusswaffe, nachdem diese dazu aufgefordert wurden, sich mit erhobenen H\u00e4nden zu zeigen&#8220;, hei\u00dft es in einem Protestschreiben, das die Bewohner des alternativen Wohnprojekts am Montag ver\u00f6ffentlichten. Gleichzeitig h\u00e4tten die Polizisten den Garten des Hauses verw\u00fcstet und das unverschlossene Tor zum Hinterhof eingerissen.<\/p>\n<p>Es geht \u2013 mutma\u00dflich \u2013 um eine Kleindealerszene, die sich seit \u00fcber zwei Jahrzehnten um die ehemals besetzten Hafenstra\u00dfenh\u00e4user etabliert hat. Die jungen afrikanischen M\u00e4nner, die hier herumstehen, verkaufen Marihuana und Kokain in kleinen Mengen. Kleine Fische \u2013 in einer allerdings wachsenden Szene. Seit zwei Jahren hat sich der Stra\u00dfenverkauf auf St. Pauli \u00fcber den Stadtteil ausgebreitet.<\/p>\n<p>Der Durchsuchungsbefehl, den die Polizei den Plan-B-Bewohnern vorlegte, ist \u00fcber zwei Monate alt, der Vorfall, auf den er sich bezieht, datiert vom 12. April. Beamte der neu gegr\u00fcndeten Taskforce zur Bek\u00e4mpfung des Drogenhandels auf St. Pauli hatten seinerzeit &#8222;nach Ver\u00e4u\u00dferung einer Kleinmenge Marihuana&#8220; einen Mann kontrollieren wollen, dieser habe sich \u00fcber den Hinterhof in das Haus des Plan-B-Wohnprojektes zur\u00fcckgezogen. &#8222;Es ist zu vermuten, dass die Durchsuchung zum Auffinden von Gegenst\u00e4nden f\u00fchren wird, die als Beweismittel f\u00fcr das Verfahren in Betracht kommen&#8220;, hei\u00dft es in dem Papier.<\/p>\n<form id=\"newsletter-teaser-form\" action=\"http:\/\/community.zeit.de\/newsletter-signup?mode=2click&amp;nl=elbvertiefung\" method=\"POST\">\n<div class=\"newsletter-teaser-box\">\n<div class=\"newsletter-teaser-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/img.zeit.de\/bilder\/newsletter\/Anmeldeseite\/nl_elbvertiefung.jpg\" alt=\"Elbvertiefung\" \/><\/div>\n<div class=\"newsletter-teaser-title\">Elbvertiefung \u2013 Der t\u00e4gliche Newsletter f\u00fcr Hamburg<\/div>\n<div class=\"newsletter-teaser-text\">Jeden Tag wissen, was in Hamburg wichtig ist. 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Die festgenommenen M\u00e4nner wurden sp\u00e4ter wieder freigelassen.<\/p>\n<p>Die Polizei m\u00f6chte zur Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit dieses &#8222;Schwerpunkteinsatzes zur Drogenbek\u00e4mpfung&#8220; nicht viel sagen. Man m\u00fcsse noch die Berichtslage anschauen, erkl\u00e4rte Polizeisprecher Holger Vehren. Auch dazu, dass der Einsatz zwei Monate nach dem richterlichen Durchsuchungsbeschluss stattgefunden hat, will Vehren keine Details nennen. Keinesfalls richtig sei allerdings, dass unter den 260 Polizisten am Montagabend auch eine Anti-Terror-Einheit gewesen sei, wie in den sozialen Medien kolportiert wurde. Es habe sich um eine Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit gehandelt: &#8222;Das ist ganz normal, dass die dabei sind&#8220;, so Vehren.<\/p>\n<p>&#8222;Das dient der Einsch\u00fcchterung&#8220;, findet dagegen Plan-B-Sprecher Rieder. An der Fassade h\u00e4ngt ein Transparent, das die &#8222;rassistischen Kontrollen&#8220; anprangert \u2013 so sieht man das tendenziell im Plan B und auch in den benachbarten Hafenstra\u00dfenh\u00e4usern. Die Kontrollen der Polizei, die sich auf die afrikanische Dealerszene konzentriert, h\u00e4lt man f\u00fcr Rassismus, weil sie aus schwarzen Menschen per se Verd\u00e4chtige machten.<\/p>\n<p>&#8222;Drogenhandel ist ein umstrittenes Thema hier im Haus&#8220;, sagt Rieder, &#8222;aber wir sind uns einig darin, dass Repression und Militarisierung nicht der richtige Weg sind, damit umzugehen.&#8220; F\u00fcr die Polizei hei\u00dft das: Wenn sie in der Bernhard-Nocht-Stra\u00dfe mutma\u00dfliche Dealer kontrolliert, kommen aus Hafenstra\u00dfe, Plan-B oder einem der Szenelokale oft Anwohner und protestieren lautstark, rufen Anw\u00e4lte an und provozieren kleine Menschenaufl\u00e4ufe.<\/p>\n<p>In der Innenbeh\u00f6rde gibt man sich mit Ausk\u00fcnften zur Gro\u00dfrazzia ebenfalls verschlossen. Innensenator Andy Grote, der jahrelang f\u00fcr den Distrikt St. Pauli in der B\u00fcrgerschaft sa\u00df und dem ein eher entspanntes Verh\u00e4ltnis zum alternativen Kiez nachgesagt wird, hat sich erst <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2016\/19\/drogenhandel-st-pauli-schanze-dealer\">vor Kurzem in der ZEIT zur Vertreibung der Drogendealer bekannt<\/a>: &#8222;Unser Ziel ist es, die Szene in ihrer Massivit\u00e4t und Pr\u00e4senz deutlich zu reduzieren.&#8220;<\/p>\n<p>Beh\u00f6rdensprecher Frank Reschreiter best\u00e4tigt, dass der Innensenator bei gr\u00f6\u00dferen Eins\u00e4tzen vorab immer informiert werde. &#8222;Man kann sich immer \u00fcber Gr\u00f6\u00dfe und Ablauf solcher Eins\u00e4tze streiten&#8220;, so der Sprecher. &#8222;Aber dieses Gesch\u00e4ft obliegt der Polizei. Der Senator sieht keinen Anlass, das zu kommentieren.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit einer Gro\u00dfrazzia wollte die Hamburger Polizei am Montag auf St. Pauli Drogendealer dingfest machen. 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