{"id":7696,"date":"2016-11-25T14:03:22","date_gmt":"2016-11-25T13:03:22","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/?p=7696"},"modified":"2016-11-25T15:15:05","modified_gmt":"2016-11-25T14:15:05","slug":"performance-kunst-plastik-affenfaust","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/performance-kunst-plastik-affenfaust\/","title":{"rendered":"Intellektueller, Loser, Rassistin?"},"content":{"rendered":"<p><em>Performance ist k\u00f6rperbetont \u2013 und spannt auch gern die Zuschauer mit ein. K\u00f6rperkunst mit viel Plastikfolie zeigte am Donnerstag die Hamburger Galerie Affenfaust.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Eine Frau wird in Frischhaltefolie eingewickelt, transparentes Plastik spannt sich bis \u00fcber ihr Gesicht, droht ihr den Atem zu rauben \u2013 und um sie herum stehen lauter gut gekleidete Menschen und schauen zu. Es handelt sich um eine Performance von Anne Pretzsch, Anna Hubner, Christine Kristmann und Lionel Tomm in der Affenfaust Galerie.<\/p>\n<p>Die Galerie auf St. Pauli, Hamburgs Anlaufstelle f\u00fcr alles, was sich im Dunstkreis von Urban Art abspielt, hat zur ersten Performance-Nacht geladen. Am Donnerstagabend verschmelzen hier die Grenzen zwischen Werk und K\u00fcnstler.<\/p>\n<p>Performance-Kunst, aus dem Geist der sechziger Jahre entstanden, macht den K\u00f6rper zum Kunstwerk. Durch Aktionen, die f\u00fcr Uneingeweihte irgendwo zwischen Improvisationstheater und Pantomime verortbar scheinen, entstehen Kunstwerke, die sich nicht nur im Raum, sondern in der Zeit abspielen. Ist die Performance vorbei, verschwindet auch das Kunstwerk, denn im Gegensatz zum Theaterst\u00fcck wird eine Performance in der Regel nicht wiederholt: Der K\u00fcnstler durchlebt den Moment zum ersten Mal.<\/p>\n<p>So ein Werk l\u00e4sst sich schwer verkaufen \u2013 das hindert Performance-K\u00fcnstler nicht daran, zu Stars zu werden: Bekanntes Beispiel ist die serbische K\u00fcnstlerin Marina Abramovi\u0107, die nicht nur ihren K\u00f6rper k\u00fcnstlerisch maltr\u00e4tiert, sondern durch Kooperationen mit Lady Gaga oder Jay Z noch mit \u00fcber 60 Popstarstatus erreichte.<\/p>\n<p><!--more-->Auch in der Affenfaust m\u00fcssen die K\u00f6rper der Performer viel durchmachen. Es geht um Zuschreibungen und Rollenklischees. &#8222;Als wer werde ich beschrieben?&#8220;, &#8222;Als wer werde ich gesehen?&#8220;, lauten die Fragen, die die K\u00fcnstlergruppe stellt.<\/p>\n<p>Eine halbe Stunde vor Beginn herrscht Spannung im Galerieraum. Menschen in minimalistisch geschnittenen M\u00e4nteln und wei\u00dfen Turnschuhen rauchen vor der T\u00fcr, Frauen mit Dutt und b\u00e4rtige Brillentr\u00e4ger unterhalten sich ged\u00e4mpft. Man merkt, dass sich der Abend von anderen Ausstellungser\u00f6ffnungen unterscheidet. Vorsichtig n\u00e4hert man sich den Plastikfolien, die doppelt gelegt durch den Raum gespannt sind, und liest die daran angebrachten Zettel mit Textfragmenten von politischen Statements \u00fcber Hashtags bis zu Gangster-Rap-Zitaten und Online-Psychotests. Schon hier kristallisiert sich das Thema heraus: Wahrnehmung von au\u00dfen, stereotype Identit\u00e4ten und wie man damit umgeht.<\/p>\n<p><strong>Eine Frau wird scheinbar wahllos aus dem Publikum gezogen<\/strong><\/p>\n<p>Dann begegnen wir den K\u00fcnstlern als lebende Statuen, die sich zwischen die Plastikfolien schieben. Bewegung kommt ins Spiel, als die drei Akteure, inzwischen aus ihrem Foliengef\u00e4ngnis herausgetreten, die daran montierten Zettel abrei\u00dfen und die Texte laut vortragen. Auch Zuschauer sollen Textst\u00fccke lesen oder mitfl\u00fcstern. Halb gespannt, halb \u00e4ngstlich wartet man ab, ob man auch an die Reihe kommt. Durch die Publikumsteilnahme wird die Performance kunsthistorisch gesehen zum Happening \u2013 doch geht es in der Auff\u00fchrung nicht gerade um die Hinterfragung solcher Etikettierungen?<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7701\" aria-describedby=\"caption-attachment-7701\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7701 size-medium\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2016\/11\/aaffenfaust-1-620x296.jpg\" alt=\"aaffenfaust\" width=\"620\" height=\"296\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2016\/11\/aaffenfaust-1-620x296.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2016\/11\/aaffenfaust-1-768x367.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2016\/11\/aaffenfaust-1-1024x490.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2016\/11\/aaffenfaust-1.jpg 1972w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7701\" class=\"wp-caption-text\">Erste Performance-Nacht in der Affenfaust (c) Presse<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Im ersten Teil der knapp 45-min\u00fctigen Performance werden die K\u00fcnstler zunehmend aggressiver. Sie br\u00fcllen sich Zitate entgegen, nehmen sich Huckepack oder halten einander Mund oder Augen zu. Erst bleiben wir distanziert, dann ist doch ein geschocktes &#8222;Alter Schwede&#8220; zu h\u00f6ren, als eine Frau scheinbar wahllos aus dem Publikum gezogen und in Frischhaltefolie eingewickelt wird. Erst nach ihrer Befreiung stellt man erleichtert fest, dass sie Teil der K\u00fcnstlergruppe ist.<\/p>\n<p>Im zweiten Teil der Performance kommt Dialog hinzu. Die eben noch in Folie gefesselte Christine Kristmann gibt ihren Kollegen Anweisungen. Zu Begriffen wie &#8222;Macht&#8220; oder &#8222;Familie&#8220; halten sie erst frei assoziierte Monologe, dann interagieren sie auf Zuruf: &#8222;Kannst du dich zu Anne so verhalten, wie du dich zu deiner Mutter verhalten w\u00fcrdest?&#8220; Die Aufgeforderte wirft sich ihrer K\u00fcnstlerkollegin in die Arme. Doch dann folgen Befehle wie &#8222;Kannst du die Situation gef\u00e4hrlich werden lassen?&#8220;, und die Idylle zerbricht. Unweigerlich stellt sich die Frage, wie man selbst solche Aufgaben absolvieren w\u00fcrde \u2013 und ob die Aktionen gescriptet sind oder spontan entstehen.<\/p>\n<p>Zum <em>Grand Finale<\/em> erhalten wir Zuschauer dann endg\u00fcltig unseren Platz im Performance-Kunstwerk. Erst muss sich jeder mit einem Sticker ziemlich plakativ als Intellektueller, Loser oder Rassistin labeln lassen \u2013 die Reaktion folgt auf dem Fu\u00dfe: Die K\u00fcnstler dr\u00fccken uns durch ein St\u00fcck Folie ein lobendes K\u00fcsschen auf oder machen eine Spuckgeste. Der Spie\u00df wird umgedreht und wir sind pl\u00f6tzlich selbst Objekt voyeuristischer Betrachtung \u00e0 la &#8222;Was ist die\/der denn f\u00fcr einer?&#8220;.<\/p>\n<p>Obwohl sich danach schon so mancher Zuschauer verabschiedet, gibt es noch &#8222;Nachtisch&#8220;. Die K\u00fcnstlerinnen Luise Leschik, Yolanda Morales und Lea Dietschman runden den Abend mit drei Kurzperformances ab: Dabei wird aus Jugendtageb\u00fcchern gelesen, evokativ getanzt \u2013 und schlie\u00dflich entl\u00e4sst Lea Dietschman uns mit einer augenzwinkernden Lesung aus Prosa-Fundst\u00fccken zu den Begriffen &#8222;Affen&#8220; und &#8222;Faust&#8220; gut unterhalten und mit diversen Denkanst\u00f6\u00dfen in die Novembernacht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Performance ist k\u00f6rperbetont \u2013 und spannt auch gern die Zuschauer mit ein. K\u00f6rperkunst mit viel Plastikfolie zeigte am Donnerstag die Hamburger Galerie Affenfaust. 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