{"id":7901,"date":"2017-02-06T13:18:10","date_gmt":"2017-02-06T12:18:10","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/?p=7901"},"modified":"2017-02-07T11:00:40","modified_gmt":"2017-02-07T10:00:40","slug":"schoen-schreien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/schoen-schreien\/","title":{"rendered":"Sch\u00f6n schreien"},"content":{"rendered":"<p><em>Vom hanseatischen Kuttenkumpel in den 50ern bis zum Nachwuchsfan im Baseballcap: Die Thrash-Metaller Kreator haben ihre Hamburger Freunde auf Touren gebracht.<\/em><\/p>\n<p>Es muss f\u00fcr die Musical-gewohnten Mitarbeiter der Halle am Gro\u00dfmarkt eine gewisse Belastung sein, sich den ganzen Abend s\u00e4gende Gitarren, peitschende Drums und zornige Schreie durch die Geh\u00f6rg\u00e4nge jagen zu lassen. Doch das erst vor zwei Jahren entstandene Mehr!-Theater, in dem ab Sommer das Ballett-Musical <em>Billy Elliot<\/em> laufen soll, wird immer h\u00e4ufiger zum Schauplatz von Konzerten h\u00e4rterer Gangart. Alles an diesem Abend wirkt professionell. Die Ruhrpott-Metaller Kreator sind zu Gast und teilen sich die B\u00fchne mit Sepultura aus Brasilien, den Schweden von Soilwork und den multinationalen Aborted.<\/p>\n<p>Letztere machen mit kompromisslosem und sensationell brutalem Death-Metal-Gekn\u00fcppel den Auftakt in der eindrucksvollen Halle des Hamburger Architekten Hermkes. Das Konzert ist nicht ganz ausverkauft und so bleibt es \u00fcber den ganzen Abend den Umst\u00e4nden entsprechend gem\u00fctlich. Von Kuttenkumpels in ihren 50ern bis zu Baseballcap-tragenden Nachwuchsfans ist alles anwesend, ein typisches Metal-Konzert in Hamburg eben. Der \u00e4u\u00dferliche Kontrast der Chaos-Horden zum Barpersonal in feinen Hemden ist gro\u00df.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nSoilwork sind als Nummer zwei an der Reihe und freuen sich sichtlich, mit auf Tour zu sein. S\u00e4nger Bj\u00f6rn Strid, bekannt f\u00fcr seine kunstvollen Wechsel zwischen bellenden Vocals und hohem Klargesang, macht m\u00e4chtig Stimmung in der Halle und richtet angeregte Worte an das Publikum. Mag der sehr moderne Sound der Schweden bei Old-School-Metallern nicht auf gro\u00dfe Gegenliebe sto\u00dfen \u2013 in Sachen Show gibt es bei Soilwork nichts zu m\u00e4keln.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7902\" aria-describedby=\"caption-attachment-7902\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7902 size-medium\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2017\/02\/akreator-620x413.jpg\" width=\"620\" height=\"413\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2017\/02\/akreator-620x413.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2017\/02\/akreator-768x512.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2017\/02\/akreator-1024x683.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7902\" class=\"wp-caption-text\">Kreator in der ehemaligen Hamburger Gro\u00dfmarkthalle (c) Justus Ledig<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Was weniger gut aufgeht, ist der Sound von der B\u00fchne. Den ganzen Abend \u00fcber scheinen die Gitarren untermotorisiert, w\u00e4hrend Schlagzeug und Gesang deutlich pr\u00e4sent sind. Zuweilen wirkt es, als st\u00fcnde man auf einem Festivalgel\u00e4nde sehr weit hinten. Daf\u00fcr ist das Licht stets eine Augenweide, hier spielt das gro\u00dfe, moderne Musiktheater seine Trumpfkarte aus.<\/p>\n<p>Sepultura feuern modern verspielten Thrash Metal ins Hamburger Publikum. S\u00e4nger Derrick Leon Green, der einzige US-Amerikaner im brasilianischen Line-up, erntet nicht nur mit einigen deutschen Ansagen reichlich Sympathien. Die Ausstrahlung der ganzen Band hinterl\u00e4sst einen ausgesprochen positiven Eindruck, hier wird mit Leidenschaft gearbeitet. Vor allem die zweite H\u00e4lfte des gut einst\u00fcndigen Sets begeistert mit den Signature-Songs <em>Refuse\/Resist<\/em> und nat\u00fcrlich <em>Roots Bloody Roots<\/em>; dazu kommen die f\u00fcr den Sepultura-Sound typischen Tribal-Elemente, die archaische Rezeptoren anzusprechen scheinen. Wer da nicht mitgeht, ist selber Schuld.<\/p>\n<p><strong>Platz 1 der deutschen Albumcharts<\/strong><\/p>\n<p>Wohl aber dem, der sich noch etwas Energie f\u00fcr den Headliner aufgespart hat! Unz\u00e4hlige leere Bierbecher auf dem Boden des Mehr!-Theaters deuten darauf hin, dass ein Gro\u00dfteil der Besucher inzwischen Betriebstemperatur erreicht hat. Die Schlangen an den Bars rei\u00dfen dennoch nicht ab.<\/p>\n<p>Um halb zehn entern Kreator die B\u00fchne \u2013 und spektakul\u00e4rer als sie kann man Thrash Metal kaum inszenieren: Rauchs\u00e4ulen steigen auf, Konfetti rieselt in Massen von der Hallendecke, das Licht setzt die vier Musiker brillant in Szene. Immer wieder erscheinen Filmsequenzen auf gro\u00dfen Leinwand-T\u00fcrmen am Rand der B\u00fchne.<\/p>\n<p>Fast 35 Jahre besteht die Band aus Essen und man ist in wechselnden Besetzungen durch H\u00f6hen und Tiefen gegangen. Mit dem frisch ver\u00f6ffentlichten bombastischen <em>Gods of Violence<\/em> belohnen sich Kreator erstmals mit Platz 1 der deutschen Albumcharts. Umso erstaunlicher, dass das Konzert mit \u00e4lterem Material losgeht, der Uralt-Klassiker <em>Phobia<\/em> erklingt an zweiter Stelle. Frontmann Mille h\u00e4lt sich zun\u00e4chst nicht mit Ansagen auf, richtet erst nach mehreren Songs das Wort ans Hamburger Publikum und bedankt sich f\u00fcr die Unterst\u00fctzung durch die Fans, ohne die das nicht m\u00f6glich sei. Niemand will da widersprechen.<\/p>\n<p>Mit unbarmherziger Energie brettern sich Kreator durch ihr Set, das im weiteren Verlauf nat\u00fcrlich stark von <em>Gods of Violence<\/em> gepr\u00e4gt ist. Wer irgendwie in der Lage ist, mit der Kreiss\u00e4gen-Stimmlage von Mille mitzuhalten, schindet seine Kehle und schreit Songs wie <em>Phantom Antichrist<\/em>, <em>World War Now<\/em>, <em>Violent Revolution<\/em> und <em>Flag of Hate<\/em> herzhaft mit. Anderthalb Stunden geben Kreator und das Publikum Vollgas und lassen allen negativen wie positiven Gef\u00fchlen freien Lauf. Es bleibt allerdings friedlich, h\u00f6chstens mit Ausnahme der gigantischen, von der Band errichteten <em>Wall of Death<\/em> \u2013 das Publikum wird geteilt, beide H\u00e4lften rennen auf Kommando aufeinander zu.<\/p>\n<p>Die Songs und Texte von Kreator sprechen eine deutliche Sprache, so auch auf <em>Gods of Violence<\/em>. Als eine der wenigen Metal-Bands nimmt man kein Blatt vor den Mund, was politische Statements, beispielsweise Bekenntnisse gegen Homophobie und totalit\u00e4re Regimes, angeht. Doch davon ist heute \u2013 im Gegensatz zu fr\u00fcheren Tagen \u2013 auf der B\u00fchne wenig zu sp\u00fcren. Mit keiner Silbe nimmt Mille, der sonst um klare Kante nicht verlegen ist, Bezug auf die aktuelle Lage in Deutschland und der Welt. <em>Party hard<\/em> ist die Devise. Schade, dass gerade in diesen Zeiten die Chance ausgelassen wird, Zehntausende Fans mit direkten Botschaften zu erreichen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom hanseatischen Kuttenkumpel in den 50ern bis zum Nachwuchsfan im Baseballcap: Die Thrash-Metaller Kreator haben ihre Hamburger Freunde auf Touren gebracht. Es muss f\u00fcr die Musical-gewohnten Mitarbeiter der Halle am Gro\u00dfmarkt eine gewisse Belastung sein, sich den ganzen Abend s\u00e4gende Gitarren, peitschende Drums und zornige Schreie durch die Geh\u00f6rg\u00e4nge jagen zu lassen. 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