{"id":8152,"date":"2017-03-24T10:56:44","date_gmt":"2017-03-24T09:56:44","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/?p=8152"},"modified":"2017-03-24T10:56:44","modified_gmt":"2017-03-24T09:56:44","slug":"die-linke-bundestag-martin-dolzer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/die-linke-bundestag-martin-dolzer\/","title":{"rendered":"Widdewidde wie sie mir gef\u00e4llt"},"content":{"rendered":"<p><em>Ein Linken-Abgeordneter hat ein gest\u00f6rtes Verh\u00e4ltnis zur Wahrheit. \u00c4rgerlich, dass seine Partei ihn trotzdem in den Bundestag schicken will.<\/em><\/p>\n<p>Die Zeiten sind angespannt, wenige Worte reichen oft, um die Lage eskalieren zu lassen. Im Gro\u00dfen hat das der t\u00fcrkische Au\u00dfenminister k\u00fcrzlich bewiesen, als er im Konsulat an der Alster \u00fcber angebliche Demokratiedefizite Deutschlands herzog und seine Zuh\u00f6rer damit innerhalb k\u00fcrzester Zeit aufwiegelte. Und Martin Dolzer, B\u00fcrgerschaftsabgeordneter der Linken, demonstrierte die verheerende Wirkung falscher Worte k\u00fcrzlich im Kleinen.<\/p>\n<p>In St. Georg hatte ein Zivilpolizist auf einen Ghanaer geschossen, der ihn zuvor offenbar mit einem Messer attackiert hatte. Eine undurchsichtige Situation, widerspr\u00fcchliche Zeugenaussagen. Aber schon wenige Tage nach dem Vorfall lie\u00df sich Dolzer dazu hinrei\u00dfen, in der taz von einem \u00bbrassistisch motivierten Hinrichtungsversuch\u00ab zu sprechen. Beweise f\u00fcr den krassen Vorwurf blieb er schuldig, einen Effekt hatte seine \u00c4u\u00dferung dennoch: Die Debatte \u00fcberschlug sich fast vor Hysterie, und in St. Georg kam es zu Tumulten. In einer ohnehin brisanten Situation hat Dolzer mit einer einzigen \u00c4u\u00dferung gleich mehrere Eskalationsstufen auf einmal genommen.<!--more--><\/p>\n<p>Nun hat die Linke eben diesen Mann zum Direktkandidaten f\u00fcr die Bundestagswahl im Bezirk Mitte nominiert. Eine Entscheidung, die irritiert, hat Dolzer doch bewiesen, dass es ihm an Professionalit\u00e4t schon f\u00fcr ein B\u00fcrgerschaftsamt mangelt. Die Nominierung ist aber mehr als eine Irritation, sie ist \u00e4rgerlich. Dolzer hat mit seinem Handeln gezeigt, dass er es mit der Wahrheit im Zweifel nicht so genau nimmt. Gerade wer wie der 50-J\u00e4hrige hin und wieder als Journalist arbeitet, sollte wissen, dass es nicht reicht, nur einseitig mit ein paar Leuten zu sprechen, um eine derart steile These wie jene vom \u00bbrassistisch motivierten Hinrichtungsversuch\u00ab zu formulieren. Und er sollte wissen, dass Worte Schaden anrichten k\u00f6nnen, dass sie Gr\u00e4ben zwischen Gruppen vertiefen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Anstatt die Verantwortung f\u00fcr seinen Fehler zu \u00fcbernehmen, schob der Abgeordnete die Schuld lieber einer Redakteurin der taz zu, die den Text mit seinem Zitat verfasst hatte. Die Journalistin habe ihn falsch zitiert, behauptete Dolzer, das sei ihm in der Hektik leider durchgerutscht, als er seine Zitate freigegeben habe.<\/p>\n<p>Nicht der Politiker ist schuld, sondern die Medien: ein beliebtes Muster dieser Tage. Von einem Mann, der sich gern moralisch \u00fcber Leute wie Donald Trump erhebt, h\u00e4tte man etwas anderes erwarten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Entt\u00e4uschend ist die Erkenntnis, dass man mit solcher Kaltschn\u00e4uzigkeit durchkommt. Nach Dolzers K\u00fcr zum Bundestagskandidaten zitierte die <em>Welt<\/em> einen Parteifreund des Linken-Politikers: \u00bbWarum sollten wir einen Kandidaten nicht aufstellen, nur weil er von den Medien falsch wiedergegeben wurde?\u00ab<\/p>\n<p>Die Wahrheit ist derzeit ein bedrohtes Gut. Sie im Kleinen auszulegen, wie es einem gerade gef\u00e4llt, kann Schaden anrichten, auch im Gro\u00dfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Linken-Abgeordneter hat ein gest\u00f6rtes Verh\u00e4ltnis zur Wahrheit. \u00c4rgerlich, dass seine Partei ihn trotzdem in den Bundestag schicken will. Die Zeiten sind angespannt, wenige Worte reichen oft, um die Lage eskalieren zu lassen. 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