{"id":8224,"date":"2017-04-12T16:53:53","date_gmt":"2017-04-12T14:53:53","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/?p=8224"},"modified":"2017-04-13T10:40:40","modified_gmt":"2017-04-13T08:40:40","slug":"bob-dylan-hamburg-konzert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/bob-dylan-hamburg-konzert\/","title":{"rendered":"Stimme? Na ja. Gesang? Bestens"},"content":{"rendered":"<p><em>Bob Dylan live in Hamburg: kaum noch kr\u00e4chzende Rockmusik, daf\u00fcr historische Jazzballaden und nostalgischer Mitternachtsblues. Grandios. Auch der Gesang.<\/em><\/p>\n<p>Der Literaturbetrieb reagiert wie immer stoisch. Nobelpreis? Buchdruckmaschine an! Moment mal \u2013 was drucken wir eigentlich? Bei Thalia in der Hamburger Spitalerstra\u00dfe stapelte sich im vergangenen Winter eine edel gebundene Neuauflage von Bob Dylans verschwurbeltem Prosaband <em>Tarantel<\/em>, verfasst 1965\/66, Erstver\u00f6ffentlichung 1971. Versehen mit dem Aufkleber &#8222;Nobelpreis 2016&#8220;. Verk\u00e4uferinnen verwiesen auf &#8222;das neue Bob-Dylan-Buch&#8220;. R\u00fchrend.<\/p>\n<p>Bekanntlich ist die Stockholmer Preisvergabe kein Wunschprogramm, Philip Roth und Cormac McCarthy warten schlie\u00dflich auch schon l\u00e4nger. Stattdessen als Interimsl\u00f6sung: Textdichtung im Rock. Wer k\u00e4me noch in Betracht: Joni Mitchell oder Ray Davies? Paddy McAloon von Prefab Sprout oder Mark E. Smith von The Fall? Geht es um die Qualit\u00e4t und Innovation von Songtexten, h\u00e4tte man freilich zuallererst an Chuck Berry denken m\u00fcssen, als er noch lebte \u2013 genial komprimierter und gereimter Jive-Talk voller Witz und Anspielungen. Nat\u00fcrlich nicht so lang ausformuliert wie <em>Desolation Row<\/em>, dessen zehn wortreiche Strophen Dylan in der Bahrenfelder Barclaycard Arena am Fl\u00fcgel m\u00fchelos rezitiert (m\u00e4chtige Americana-Bandversion!). <!--more--><br \/>\nM\u00fc\u00dfig, Geschmackssache, und vielleicht besser nur ausnahmsweise Bob Dylan als Nobelpreistr\u00e4ger und sonst niemand. Beworben hatte er sich ohnehin nicht. Skurrilerweise kommt die Auszeichnung zu einer Zeit, in der er gar keine eigenen Texte mehr ver\u00f6ffentlicht, sondern stattdessen in Interviews die Tiefe und Unverg\u00e4nglichkeit 80 Jahre alter <em>Great-American-Songbook<\/em>-Klassiker herausstreicht.<\/p>\n<p>Gro\u00dfmeister Irving Berlin (\u20201989) wurde immerhin 101 Jahre alt, auch er w\u00e4re also seinerzeit Kandidat gewesen; eventuell wiegen f\u00fcr einen Musiker und Textdichter der Grammy f\u00fcrs Lebenswerk (1968) und die Aufnahme in die Songwriters Hall of Fame (1970) ohnehin schwerer. Irving Berlins <em>What&#8217;ll I Do<\/em> <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/bob-dylan-konzert-hamburg\/\">sang Dylan im November 2015<\/a>. Johnny Mercer (1909\u20131976), ein ebenb\u00fcrtiger Versschmied der Goldenen \u00c4ra, verfasste die Zeilen zu <em>That Old Black Magic<\/em> und <em>Autumn Leaves<\/em>, beide Sinatra-Evergreens am Ende des aktuellen Sets.<\/p>\n<p>Diese Hinwendung der letzten Jahre zu historischen Jazzballaden und nostalgischem Mitternachtsblues verdienter Autoren, deren coole, ironiefreie Umsetzung auch auf dem aktuellen Dreifachalbum <em>Triplicate<\/em> nicht nachl\u00e4sst, ist der Ausweg aus dem nicht mehr altersgerechten Gypsy-Rock, den Bob Dylan beschreitet. Erm\u00fcdend die Diskussion, er w\u00e4re \u2013 im Allgemeinen ohnehin, mit den Jazzstandards im Speziellen \u2013 gesanglich \u00fcberfordert. Abgesehen davon, dass er so gut intoniert wie seit Jahren nicht mehr, ist er allenfalls stimmlich \u00fcberfordert, was eher reizvoll und metierbrechend ist; wie die Modulation verl\u00e4uft, wei\u00df er genau, das muss mitgedacht werden.<\/p>\n<p>Wer dazu nicht in der Lage ist, sucht eben unter Protest das Weite wie seinerzeit die braven Mark-Knopfler-Fans, die 2011 das Doppelkonzert an selber Stelle nach wenigen Dylan-St\u00fccken zu Hunderten verlie\u00dfen. Man muss sich nur das herrliche Sammelsurium des einst verp\u00f6nten Doppelalbums <em>Self Portrait<\/em> (1970) in Erinnerung rufen, um zu begreifen, dass Dylan sogar im Belcanto zu Hause ist.<\/p>\n<p>Die 100-min\u00fctige Show, diesmal ohne Pause, unterscheidet sich nicht wesentlich von 2015. Dunkel, schwer und glimmend, gleichzeitig frei und beschwingt, mit Donnie Herrons breitfl\u00e4chiger Pedal-Steel-Gitarre als Streicherersatz. Kein <em>Like A Rolling Stone<\/em> und wenig anderer Rock, daf\u00fcr wieder viele Ballroom-Standards \u2013 dargebracht von, und das ist der Clou: einer Rockband.<\/p>\n<p>Damit hat sich die Grundstimmung der seit 1988 rollenden Never Ending Tour entscheidend ge\u00e4ndert: Vom harschen Bluesrock mit viel Geschreie und Gekr\u00e4chze zum leise k\u00f6chelnden, untertourigen Schnurren der ausgefuchsten Musiker inklusive Bob Dylans freigeistig-simplem Honky-Tonk-Piano.<\/p>\n<p>Weit dar\u00fcbergemischt, in erstaunlicher Tonqualit\u00e4t, seine Stimme. Dylan wird Dylan, wenn er sie denn erhebt. Die altbekannte Mischung aus Shouten und Singen wird dann zum glei\u00dfenden Strahl, wie in <em>Long And Wasted Years<\/em> kurz vor Konzertende. Laut, eindringlich, unmissverst\u00e4ndlich. Anklagend nicht mehr notwendigerweise gegen\u00fcber anderen, sondern sich selbst, den 75-J\u00e4hrigen \u2013 wegen der einfachen Dinge: &#8222;<em>I wear dark glasses to cover my eyes. There are secrets, that I can\u2019t disguise. Come back, baby. If I hurt your feelings, I apologize.<\/em>&#8222;<\/p>\n<p>Die fast rhythmuslose, stehende Version von <em>Autumn Leaves<\/em> l\u00e4sst wie vor eineinhalb Jahren viele erschauern, pure Magie. Fantastisch gesungen, ja inbr\u00fcnstig geschmettert. Weitere Highlights: tolle, inspirierte Versionen von <em>Highway 61 Revisited<\/em> und <em>Tangled Up In Blue<\/em>. Diese Inseln sind seit jeher der Grund seiner Fans, Konzerte zu besuchen und abzuwarten: Es wird schon etwas dabei sein. Nat\u00fcrlich ist es schwer nachvollziehbar, weshalb gleich sechs Nummern von <em>Tempest<\/em> (2012) im Programm sind. Warum nicht stattdessen interessante LP-Tracks wie <em>The Man In Me<\/em> oder <em>Se\u00f1or<\/em> oder <em>Every Grain Of Sand<\/em> oder <em>What Was It You Wanted<\/em>? Er wei\u00df doch, dass er die zahlreichen Kenner damit gl\u00fccklich machen w\u00fcrde. Was soll man mit der bescheuerten Humptata-Version von <em>Blowin&#8216; In The Wind<\/em> anfangen?<\/p>\n<p>Diese Fragen? Stellen sich nicht, und das wird auch hoffentlich noch lange so bleiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bob Dylan live in Hamburg: kaum noch kr\u00e4chzende Rockmusik, daf\u00fcr historische Jazzballaden und nostalgischer Mitternachtsblues. Grandios. Auch der Gesang. Der Literaturbetrieb reagiert wie immer stoisch. Nobelpreis? Buchdruckmaschine an! Moment mal \u2013 was drucken wir eigentlich? 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