{"id":8373,"date":"2017-05-24T16:32:32","date_gmt":"2017-05-24T14:32:32","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/?p=8373"},"modified":"2017-05-24T17:16:14","modified_gmt":"2017-05-24T15:16:14","slug":"evan-dando-lemonheads","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/evan-dando-lemonheads\/","title":{"rendered":"Kaputt, aber mit ungebrochenem Willen"},"content":{"rendered":"<p><em>Die Stimme pures Gold, das Antlitz makellos, dazu lauter hippe Freunde: Ex-Lemonhead Evan Dando war mal ber\u00fchmt. Dienstag spielte der 50-J\u00e4hrige im Hamburger Molotow. <\/em><\/p>\n<p>Wie geht es Evan Dando? Das fragen sich auch die gut 100 treuen Anh\u00e4nger im Molotow \u2013 mehr sind es nicht. Anl\u00e4sslich der Wiederver\u00f6ffentlichung seiner Solo-LP <em>Baby I\u2019m Bored<\/em> (2003) wurde eine kurze Europatournee anberaumt. Gleich der erste Auftritt Mitte Mai in London musste verschoben werden. Probleme mit der Flugverbindung, hei\u00dft es. Und wer wei\u00df, wie der Vorabend in Berlin verlief.<\/p>\n<p>In Hamburg jedenfalls gibt er zun\u00e4chst das erwartet m\u00fcde und leicht bemitleidenswerte Bild ab, Schlabberhemd und Stoffturnschuhe, verklebte lange Haare und erloschener Blick. Aber, und das ist die gute Nachricht, mit der Kraft und dem sp\u00fcrbar ungebrochenen Willen, aufzutreten und den Menschen das zu geben, weswegen sie zu ihm gekommen sind. Am Ende sind es 41 Lieder.<\/p>\n<p>Murmelnd betritt der 50-j\u00e4hrige Ostk\u00fcstenamerikaner, aufgewachsen in der <em>upper middle class<\/em>, die B\u00fchne, schlenzt seine Jacke in die Ecke, stimmt die Westerngitarre und beginnt unvermittelt mit dem Song <em>Frying Pan<\/em> der Singer-Songwriterin Victoria Williams. Das \u00fcbliche Auftaktst\u00fcck <em>Being Around<\/em> folgt, dann <em>Hard Drive<\/em>, <em>Confetti<\/em>, <em>Favorite T<\/em> und das einst so fr\u00f6hlich stimmende, mellow rockende <em>Great Big No<\/em> von 1993. Andere Zeiten \u2013 damals stand die Welt offen. Ein langgezogenes, strahlendes \u201eNo\u201c konnte so erhebend sein. Er bringt es auch jetzt, die Stimme ist noch intakt, wenn auch nicht mehr ganz so golden. Aber zwischen ihm und den Liedern scheint eine ironische Distanz zu liegen, Leidenschaft ist nicht zu sp\u00fcren.<!--more--><\/p>\n<p>Dando blickt meist tr\u00fcbe an die Decke, wahlweise kurz ins Textbuch, und spult ohne Pause ab. Viele Lieder beendet er mit einem unentschlossen hinausgez\u00f6gerten Schlussakkord. <em>The Outdoor Type<\/em> wird lautstark mitgesungen. Ob es ihn freut? Schwer zu sagen. Nach <em>Hannah &amp; Gabi<\/em>, dem zwanzigsten St\u00fcck seines Akustik-Sets, richtet er die ersten direkten \u2013 auch freundlichen \u2013 Worte ans Publikum: Eine Freude, wieder in Hamburg zu sein, aber er m\u00fcsse anmerken, es g\u00e4be Sehprobleme. Irgendetwas w\u00fcrde vor seinen Augen flimmern.<\/p>\n<p>Der Hamburger S\u00e4nger Jan Gazarra fand ihn einst weggetreten im Sand des Spielbudenplatzes \u2013 eine Standardstory. Das Netz wimmelt von Absturzgeschichten, leutselig und schuldbewusst schmunzelt sich Dando jedem noch so fremden Interviewer gegen\u00fcber durch Drogenanekdoten aller Art. Jede denkbare Absturzvariante, jede vorstellbare Droge. <em>Life is a gamble<\/em>, kaputter Fun als Lebensmotor. Jemand wird ihn aufheben, bisher war es immer so.<\/p>\n<p>Der australische Modefotograf Robbie Fimmano portr\u00e4tierte ihn 2015 f\u00fcr das Magazin <em>GQ Style<\/em> als Lookalike des fr\u00fch verstorbenen Beach-Boys-Schlagzeugers Dennis Wilson in dessen letzter Lebensphase. Wilde Langhaarmatte, Vollbart, aufm\u00fcpfiger, gleichzeitig leerer, zerst\u00f6rter Blick. Evan Dando spielt mit diesen coolen, zitatreichen Bildern.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_8376\" aria-describedby=\"caption-attachment-8376\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-8376\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2017\/05\/GettyImages-459749538-620x413.jpg\" alt=\"\" width=\"620\" height=\"413\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2017\/05\/GettyImages-459749538-620x413.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2017\/05\/GettyImages-459749538-768x512.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2017\/05\/GettyImages-459749538-1024x683.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8376\" class=\"wp-caption-text\">Evan Dando (20014) (c) Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Dass er sich auskennt, wie gut sein Geschmack ist, wo er sich verortet, das wird an den zahlreichen Coverversionen deutlich. Im Molotow sch\u00fcttelt er aus dem \u00c4rmel: <em>Side Of The Road<\/em> von Lucinda Williams, <em>I\u2019ll Be Here In The Morning<\/em> und <em>Fraulein<\/em> von Townes Van Zandt, <em>How Will I Know<\/em> von Whitney Houston, <em>Pin Your Heart<\/em> von Nikki Sudden, <em>Here Comes A Regular<\/em> von den Replacements, <em>Lonely Planet Boy<\/em> von den New York Dolls, <em>Different Drum<\/em> von Mike Nesmith, <em>I Know Where Syd Barrett Lives<\/em> von den TV Personalities und den lieblichen Countrysong <em>Speed Of The Sound Of Loneliness<\/em> von Nanci Griffiths.<\/p>\n<p>Mit dem genialen Komponisten und S\u00e4nger Harry Nilsson, bekannt durch <em>Everybody\u2019s Talkin\u2019<\/em> und <em>Without You<\/em>, teilt er das Schicksal, die gr\u00f6\u00dften Hits seiner Karriere nicht selbst geschrieben zu haben. Das unselige, von Dando stets ungeliebte Simon-&amp;-Garfunkel-Remake <em>Mrs. Robinson<\/em> von 1992 erschien anl\u00e4sslich der Video-Neuauflage von <em>Die Reifepr\u00fcfung<\/em> als Single. Nach dem Charterfolg klebte seine Plattenfirma den Song ungefragt ans Ende des Lemonheads-Meisterwerks <em>It\u2019s A Shame About Ray<\/em>. Der 1993er-Hit <em>Into Your Arms<\/em> stammt von der australischen Indieband Love Position. Beide St\u00fccke fehlen in Hamburg.<\/p>\n<p>Ein richtiger Ruck geht auch nach dem Glas Whiskey nicht durch den Mann, aber Song Nummer 31 und 32, <em>It\u2019s A Shame About Ray<\/em> und <em>Alison\u2019s Starting To Happen<\/em> \u2013 das Publikum singt die 25 Jahre alten Lemonheads-Klassiker in Erinnerung schwelgend mit \u2013 beenden einvernehmlich das regul\u00e4re Set. Dandos Ank\u00fcndigung: Kurz auf der Reeperbahn eine Zigarette rauchen, dann geht es weiter.<\/p>\n<p>Jetzt ergibt auch das ungenutzte zweite Gesangsmikro einen Sinn. Dandos junge Freundin, die New Yorkerin Marciana Jones, betritt mit halbakustischer E-Gitarre die B\u00fchne. Oft geprobt haben sie nicht, es wird schrummelig-Velvet-Undergroundig, aber immerhin zweistimmig. Bezeichnenderweise geh\u00f6rt der Velvet-Klassiker <em>I\u2019ll Be Your Mirror<\/em> zum Zugabenblock. Neben Songs von den Jayhawks und den Chart-Countryrockern Florida Georgia Line sind auch zwei eigene St\u00fccke dabei: 2016 erschien die h\u00fcbsche EP <em>Love Yourself<\/em> von The Sandwich Police, einem neuen Bandprojekt der beiden.<\/p>\n<p>\u201eEine Million verkaufte Platten, das reicht doch. Ich wollte immer nur vern\u00fcnftig von der Musik leben k\u00f6nnen, reisen, eine Wohnung, und \u00fcber die n\u00f6tigen R\u00fccklagen verf\u00fcgen f\u00fcr bescheuerte und teure Eskapaden\u201c, bekannte er k\u00fcrzlich. Man m\u00f6chte gar nicht K\u00fcchenpsychologe sein und die Genese seines Grenzg\u00e4ngertums ergr\u00fcnden. Man m\u00f6chte nur, dass Evan Dando gesund bleiben m\u00f6ge und er noch einmal Zugang f\u00e4nde zu seinem ihm gegebenen au\u00dfergew\u00f6hnlichen Talent. Schon lange ist ein Lemonheads-Album mit dem Alternative-Rockstar Ryan Adams als Produzent angek\u00fcndigt, wie passend und vielversprechend. Wir wollen und w\u00fcnschen nur das Beste.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Stimme pures Gold, das Antlitz makellos, dazu lauter hippe Freunde: Ex-Lemonhead Evan Dando war mal ber\u00fchmt. Dienstag spielte der 50-J\u00e4hrige im Hamburger Molotow. Wie geht es Evan Dando? Das fragen sich auch die gut 100 treuen Anh\u00e4nger im Molotow \u2013 mehr sind es nicht. 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