{"id":8399,"date":"2017-06-02T15:53:27","date_gmt":"2017-06-02T13:53:27","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/?p=8399"},"modified":"2017-06-02T16:03:14","modified_gmt":"2017-06-02T14:03:14","slug":"brent-cobb-hamburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/brent-cobb-hamburg\/","title":{"rendered":"Warmer Bariton aus dem l\u00e4ndlichen Georgia"},"content":{"rendered":"<p><em>Country-Musiker Brent Cobb geh\u00f6rt zu den Neo-Traditionalisten der US-S\u00fcdstaaten. Im Hamburger Nochtspeicher \u00fcberzeugte er mit einem kleinen, aber feinen Auftritt. <\/em><\/p>\n<p>&#8222;Warum Brent Cobb der Redneck-Paul-Simon ist&#8220;, \u00fcberschrieb im Januar der amerikanische <em>Rolling Stone<\/em> seine Lobeshymne auf das Album <em>Shine On Rainy Day<\/em>, erschienen beim legend\u00e4ren Elektra-Plattenlabel. Den Begriff pr\u00e4gte sein Cousin Dave Cobb (42), der als einer der geschmackvollsten Singer-Songwriter- und Countryrock-Produzenten der Gegenwart gilt und der Platte des etwa zehn Jahre j\u00fcngeren Familienmitglieds Brent zu einem lupenreinen Vintage-Sound verhalf. Als Vinyl-Enthusiast erschafft Dave Cobb den warmen Klang der fr\u00fchen Siebziger neu, als die K\u00fcnstler des Genres Jerry Jeff Walker oder John Hartford hie\u00dfen.<\/p>\n<p>An Hartfords unsterblichen <em>Evergreen Gentle On My Mind<\/em> ist <em>Solving Problems<\/em> angelehnt, das erste St\u00fcck von <em>Shine On Rainy Day<\/em>; die flie\u00dfenden Akkorde erklingen in der Mitte des Sets. Das zweite LP-St\u00fcck er\u00f6ffnet den kleinen, aber feinen Showcase im Hamburger Nochtspeicher: <em>South Of Atlanta<\/em> setzt den Rahmen, der Song beschreibt die Vorz\u00fcge des Landlebens in gesunder Natur. <!--more--><\/p>\n<p>Dort, im l\u00e4ndlichen Georgia, ist der S\u00e4nger mit der warmen Baritonstimme aufgewachsen. Dort ist alles, was ihm etwas bedeutet, einschlie\u00dflich einer offenbar intakten Familie. Wie selbstverst\u00e4ndlich benutzt er diese ihm vertrauten Bilder f\u00fcr althergebrachte, aber unsentimentale Sujets. Das reicht von der Schwarzbrennerei seines Gro\u00dfvaters in <em>Down In The Gulley<\/em> bis zur ausgedehnten adoleszenten Lebensorientierung in <em>Traveling Poor Boy<\/em>.<\/p>\n<p>Cobb spielt Akustikgitarre, ihm zur Seite steht ein amtlicher <em>Picker<\/em>: Mike Harris, vollb\u00e4rtiger E-Gitarrist aus North Carolina, entlockt seiner Fender Telecaster genau die richtigen <em>licks<\/em> und <em>twangs<\/em>. H\u00f6chst fingerfertig, angenehm zur\u00fcckhaltend. Auch seinem Back-up-Gesang merkt man lange B\u00fchnenerfahrung an; er tourte bis 2015 mit der in Nordamerika nicht unbekannten Folkrock-Band The Apache Relay (drei Alben). In Brent Cobbs d\u00fcsterer Selbstreflektion <em>Black Crow<\/em> l\u00e4sst er gegen Ende die Slidegitarre gef\u00e4hrlich sirren.<\/p>\n<p>Alle St\u00fccke des Albums kommen zu Geh\u00f6r, Cobb reiht sich damit ein in eine neue Riege mainstreamferner Neo-Traditionalisten aus den US-S\u00fcdstaaten. Anderson East, Chris Stapleton, Margo Price, Nikki Lane und Jason Isbell sind nur einige dieser Namen. In den achtziger Jahren gab es schon einmal diese R\u00fcckbesinnung, weil der bombastische sogenannte Nashville-Sound nichts Urspr\u00fcngliches mehr \u00fcbrig lie\u00df, sondern nur noch Zuckerpop f\u00fcrs Nachtprogramm. Dwight Yoakam, Randy Travis und George Strait sorgten f\u00fcr die Wende.<\/p>\n<p>Brent Cobb erweist dem Wegbereiter Yoakam die Ehre und covert im Konzert dessen 1986er-Hitsingle <em>Guitars, Cadillacs<\/em>. Zweite Coverversion: <em>Swamp Music<\/em> von der Southernrock-Band <em>Lynyrd Skynyrd<\/em>. <em>Swamp<\/em> als Begriff, das steht auch f\u00fcr Southern Soul: Einige Nummern wie das LP-Titelst\u00fcck sind \u2013 selbst ohne Rhythmusgruppe \u2013 schw\u00fcl und funky, trotz \u00e4u\u00dferst niedriger BPM-Zahl.<\/p>\n<p>Die Paul-Simon-Komponente betrifft also kaum die Musik, eher Brent Cobbs Qualit\u00e4ten als Verfasser bildstarker, simpler Texte. Das haben schon vor Jahren andere Nashville-K\u00fcnstler erkannt, die viele Cobb-Originale aufnahmen. Dass er selbst das Zeug zum Plattenstar hat, musste ihm erst sein Cousin einh\u00e4mmern. Schlecht kann Brent zuletzt dennoch nicht gelebt haben. C&amp;W-Superstar Kenny Chesney hievte den Song <em>Don\u2019t It<\/em> auf die mit Gold ausgezeichnete Platte <em>The Big Revival<\/em> (2014). Die noch erfolgreichere Miranda Lambert nahm im selben Jahr Cobbs <em>Old Shit<\/em> auf. Dieses St\u00fcck von ihrem mit Platin pr\u00e4mierten Album <em>Platinum<\/em> (!) steht auch in Hamburg auf dem Programm.<\/p>\n<p>Leider, berichtet er, wird ein derartig betiteltes Lied in den USA nicht im Radio gespielt. W\u00e4re er damals so schlau gewesen wie heute, h\u00e4tte er es <em>Old Stuff<\/em> genannt. Er singt diese Variante auch kurz vor, bringt mit Harris dann aber eine sch\u00f6ne Rockabilly-Boogie-Version des Originals, so wie es Miranda Lambert sang.<\/p>\n<p>An deren Hit <em>Sweet By And By<\/em> versucht sich Cobb \u2013 nun allein auf der B\u00fchne \u2013 in den Zugaben auf Zuruf, bricht aber angek\u00fcndigterweise ab \u2013 Gitarrenakkorde unklar. Stattdessen setzt das eigene <em>Come On Get Down<\/em>, bisher unver\u00f6ffentlicht, den zart gezupften, zu Herzen gehenden Schlusspunkt. Mit geschlossenen Augen die Strophen rekapitulierend, verabschiedet er sich als wahrlich authentischer No-Bullshit-K\u00fcnstler. S\u00fcdstaatenmatte mit Seitenscheitel, Zehntagebart und Jeans vervollst\u00e4ndigen dieses Bild.<\/p>\n<p>Ausdr\u00fccklich um das Erscheinen in Jeanskleidung hatte auch die Allman-Familie ihre Trauerg\u00e4ste zur Beisetzung von Gregg Allman am kommenden Pfingstsamstag gebeten. An dessen Sterbetag Ende Mai geh\u00f6rte <em>Ain\u2019t Wastin\u2019 Time No More<\/em> der Southernrock-Begr\u00fcnder The Allman Brothers Band zu Brent Cobbs Setliste. Die Grabst\u00e4tte des schon 1971 verstorbenen Bruders Duane Allman hatte er erst k\u00fcrzlich in Macon, Georgia, mit Freunden besucht, wie er nach dem Konzert berichtet. Die Stadt liegt 100 km entfernt von seinem Heimatort Ellaville (2.000 Einwohner). &#8222;Am Grab hatten wir eine friedvolle Zeit&#8220;, erz\u00e4hlt er und ahmt den Zug an einer Rauchware nach. Beim Auseinandergehen verabschiedet er sich seiner Herkunft entsprechend: <em>&#8222;Thank you, Sir.&#8220;<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Country-Musiker Brent Cobb geh\u00f6rt zu den Neo-Traditionalisten der US-S\u00fcdstaaten. Im Hamburger Nochtspeicher \u00fcberzeugte er mit einem kleinen, aber feinen Auftritt. &#8222;Warum Brent Cobb der Redneck-Paul-Simon ist&#8220;, \u00fcberschrieb im Januar der amerikanische Rolling Stone seine Lobeshymne auf das Album Shine On Rainy Day, erschienen beim legend\u00e4ren Elektra-Plattenlabel. 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