{"id":979,"date":"2014-05-21T16:11:25","date_gmt":"2014-05-21T14:11:25","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/?p=979"},"modified":"2014-05-21T16:28:14","modified_gmt":"2014-05-21T14:28:14","slug":"geraubte-buecher-in-der-stabi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/geraubte-buecher-in-der-stabi\/","title":{"rendered":"Geraubte B\u00fccher in der Stabi"},"content":{"rendered":"<p><em>Was passiert mit den B\u00fcchern, die w\u00e4hrend der NS-Zeit Verfolgten geraubt wurden? Darum k\u00fcmmert sich heute ein Projekt der Staats- und Universit\u00e4tsbibliothek Hamburg.<\/em><!--more--><\/p>\n<p>Der Fr\u00fchlingsausbruch in Hamburg-Eimsb\u00fcttel ist an diesem Tag im Magazinturm der Staats- und Universit\u00e4tsbibliothek Carl von Ossietzky nicht zu bemerken. Volker Cirsovius-Ratzlaff\u00a0f\u00fchrt uns in den zw\u00f6lften Stock des B\u00fccherturms. In den Fahrstuhl passen gerade vier Leute, schon nach wenigen Sekunden \u00f6ffnet sich die T\u00fcr. Es ist k\u00fchl und dunkel. Hier haben nur einige wenige Mitarbeiter der Stabi Zugang. Denn hier befinden sich wertvolle B\u00fccher und Sondersammlungen. Zudem beherbergt der zw\u00f6lfte Stock einen weiteren besonderen Bestand, der erst seit 1999 vollst\u00e4ndig erforscht wird. Es handelt sich um NS-Raubgut. B\u00fccher, die die Nazis zwischen 1933 &#8211; 1945 haupts\u00e4chlich von Juden geraubt haben. &#8222;Die Staatsbibliothek konnte sich aus den beschlagnahmten B\u00fcchern aussuchen, was Sie brauchte, um ihre Regale aufzuf\u00fcllen. Einiges wurde auch als verbotene Literatur gef\u00fchrt&#8220;, erkl\u00e4rt Provenienzforscher Volker Cirsovius-Ratzlaff.<\/p>\n<p><figure style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.eimsbuetteler-nachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/FOTOS_NS-Raubgut_3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"Die Zugangsb\u00fccher. Foto: Simon Karger\" src=\"http:\/\/www.eimsbuetteler-nachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/FOTOS_NS-Raubgut_3-300x200.jpg\" width=\"300\" height=\"200\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-caption-text\">Die Zugangsb\u00fccher. Foto: Simon Karger<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><strong><i>&#8222;Von der Gestapo Hamburg \u00fcberwiesen&#8220;<\/i><\/strong><\/p>\n<p>Der NS-Raubgut-Bestand der Stabi Hamburg befand sich lange Zeit als Gebrauchsliteratur zwischen den anderen B\u00fcchern. Cirsovius-Ratzlaff ist seit 2009 f\u00fcr das NS-Raubgut-Projekt der Stabi angestellt. Er ist Historiker und arbeitet mit zwei weiteren Mitarbeiterinnen an der Suche nach den Eigent\u00fcmern der gestohlenen B\u00fccher. 1998 wurde die Washingtoner Erkl\u00e4rung unterzeichnet, in der sich die Mitgliedstaaten dazu bereit erkl\u00e4rt haben, in allen \u00f6ffentlichen Einrichtungen nach NS-Raubgut zu suchen. &#8222;Seither bem\u00fcht sich auch die Stabi f\u00fcr s\u00e4mtliche Raubgutfunde die Besitzverh\u00e4ltnisse zu kl\u00e4ren, und eine Einigung \u00fcber den Verbleib der B\u00fccher zu erzielen\u201c, berichtet \u00a0Volker Cirsovius-Ratzlaff. Er klappt ein Buch auf und zeigt den roten, eingeklebten Zettel: \u201cVon der Gestapo Hamburg \u00fcberwiesen.&#8220;<\/p>\n<p><figure style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.eimsbuetteler-nachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/FOTOS_NS-Raubgut_1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"Aufkleber der Gestapo, Foto: Simon Karger\" src=\"http:\/\/www.eimsbuetteler-nachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/FOTOS_NS-Raubgut_1-300x199.jpg\" width=\"300\" height=\"199\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-caption-text\">Aufkleber der Gestapo. Foto: Simon Karger<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Derselbe Hinweis befindet sich auch in den gro\u00dfen handgeschriebenen Zugangsb\u00fcchern von 1933-1945. Darin sind genau die Quellen der B\u00fccher verzeichnet, beispielsweise von der &#8222;Geheimem Staatspolizei&#8220;. Es gibt auch andere Anzeichen f\u00fcr geraubte B\u00fccher. Beispielsweise sollte f\u00fcr ein Buch mit einer Widmung zur Bar Mitzwa \u00fcberpr\u00fcft werden<b>,<\/b> wie es in die Stabi gelangt ist.<\/p>\n<p><strong>Aufwendige Suche nach Hinterbliebenen<\/strong><\/p>\n<p>Wenn festgestellt wird, dass es sich um Raubgut handelt, ist es an Volker Cirsovius-Ratzlaffs herauszufinden, wem das Buch urspr\u00fcnglich geh\u00f6rte und den Besitzer oder dessen Familie ausfindig zu machen. Dazu f\u00fchrt er auch genealogische Studien im Staatsarchiv Hamburg durch oder arbeitet mit anderen Institutionen im Ausland wie der Commision for Looted Art zusammen. Meistens sind die Nachfahren von NS-Opfern \u00fcber die ganze Welt verstreut.<\/p>\n<p>Dann folgt der sensibelste Teil: die Kontaktaufnahme. Das Projektteam versucht Menschen oder Institutionen zu finden, um zu den Personen vertrauensvollen Kontakt aufnehmen zu k\u00f6nnen. In der Regel reagieren die Menschen positiv \u00fcberrascht, wenn sie von den Funden erfahren. Meistens wissen sie gar nicht, dass es noch Besitzt\u00fcmer ihrer Verwandten gibt. Es ist aber auch schon vorgekommen, dass Angeh\u00f6rige den Kontakt zu dem staatlichen Betrieb abgelehnt haben. &#8222;Es gibt ein gewisses Misstrauen, was wollen die und ist das \u00fcberhaupt echt? \u00a0Da muss erst mal Vertrauen hergestellt werden, um diese Zweifel auszur\u00e4umen&#8220;, <i>s<\/i>agt Volker Cirsovius-Ratzlaff.<\/p>\n<p><strong>Schon 500 B\u00fccher zur\u00fcckgegeben<\/strong><\/p>\n<p>B\u00fccher mit pers\u00f6nlicher Widmung m\u00f6chten die Erben oft bei sich haben, w\u00e4hrend die \u00fcbrigen Best\u00e4nde durchaus in der Staatsbibliothek verbleiben d\u00fcrfen oder an andere Kultureinrichtungen weitergegeben werden. Es geht bei dem Projekt nicht um Sachwert oder Inhalt der B\u00fccher, sondern um den pers\u00f6nlichen Wert f\u00fcr die Hinterbliebenen.<\/p>\n<p><figure style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.eimsbuetteler-nachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/FOTOS_NS-Raubgut_4.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"Volker Cirsovius-Ratzlaff zeigt eines der gestohlenen B\u00fccher\" src=\"http:\/\/www.eimsbuetteler-nachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/FOTOS_NS-Raubgut_4-300x200.jpg\" width=\"300\" height=\"200\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-caption-text\">Volker Cirsovius-Ratzlaff zeigt eines der gestohlenen B\u00fccher.<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Das Projekt l\u00e4uft \u00a0noch ein weiteres Jahr lang. Auf Volker Cirsovius-Ratzlaff und seine Kolleginnen warten noch 200 B\u00fccher, bei denen der Vorbesitzer ermittelt werden muss. Bisher konnten dank des Projektes in 20 F\u00e4llen etwa 500 B\u00fccher zur\u00fcckgegeben werden. &#8222;Wann das Projekt abgeschlossen sein wird, l\u00e4sst sich schwer sagen. Jeder einzelne Vorbesitzer hat seine eigene Geschichte. Das l\u00e4sst sich daher nicht zeitlich vorhersagen&#8220;, so\u00a0Volker Cirsovius-Ratzlaff.<\/p>\n<p><em>Dieser Text ist im Rahmen des HAW-Seminars &#8222;Social Media and Innovation&#8220; entstanden. Autorenteam: Ermeline Jaggi, Simon Karger und Doreen Kirschner<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was passiert mit den B\u00fcchern, die w\u00e4hrend der NS-Zeit Verfolgten geraubt wurden? 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