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Nobelpreis für Wachstums-Ökonomen

 

Logo: Wirtschaftsdienst - Zeitschrift für WirtschaftspolitikExklusiv aus dem Wirtschaftsdienst: 2018 erhalten die US-Ökonomen William D. Nordhaus und Paul M. Romer den Nobelpreis für Wirtschaft (eigentlich Schwedischer Reichsbankpreis für Wirtschaftswissenschaften zu Ehren von Alfred Nobel). Gewürdigt wurde ihre Forschung zu nachhaltigem Wirtschaftswachstum im Zusammenhang mit Klimawandel und technischem Fortschritt. Karl Aiginger, bis 2016 Leiter des renommierten Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung, setzt sich in einem Beitrag im aktuellen Wirtschaftsdienst mit dem Werk Paul M. Romers auseinander.

Paul Romer wurde für seine Forschung zur Wachstumstheorie gewürdigt, bekannt geworden ist er aber auch mit seinem Vorschlag, „Charter Cities“ in Entwicklungsländern zu errichten. Den Anstoß dazu gab der enorme Erfolg von Sonderwirtschaftszonen in China, die Anfang der 1980er Jahre eingerichtet worden waren. „Romer schlägt deswegen vor, in heute unbewohnten Gebieten Grundstücke zu erwerben und darauf Charter Cities zu gründen. Hierbei soll die jeweilige Regierung des Staates ein Stück unbesiedeltes Land auswählen und an ein ausländisches Land abgeben und unter deren Legislative, Judikative und Exekutive stellen.“ Die Kritik an diesem Vorschlag war heftig, unterstellt wurde eine paternalistische Haltung bis hin zu Neokolonialismus. Aiginger hält diese Kritik aber für überzogen. Zwar seien andere Politikänderungen prioritär, wie die Abschaffung von Subventionen für Agrarprodukte in Europa und den USA und die Beendigung der Mithilfe zur Kapitalflucht aus Entwicklungsländern. Aber unter dem Schutz der Vereinten Nationen und gemeinsam gestaltet mit Akteuren der Zielländer hält Aiginger solche „Charter Cities“ durchaus für einen gangbaren Weg für Investoren glaubwürdige institutionelle Rahmenbedingungen zu erzeugen.

Romers Forschungen zur Wachstumstheorie waren revolutionär, weil sie den technischen Fortschritt nicht mehr als exogenes Ereignis betrachtete. In seinem Modell wurden die Faktoren mit einbezogen (endogenisiert), die technischen Fortschritt entstehen lassen und beschleunigen können. Wesentlicher Antriebsmotor für Wachstum sind demnach nicht physische Infrastrukturinvestitionen sondern Investitionen in Bildung, Ideen und Innovationen, die durch eine geeignete Wirtschaftspolitik unterstützt werden können. Aiginger kritisiert allerdings, dass Romers endogene Wachstumstheorie zwar das Tempo des technischen Fortschritts erklärt, dabei aber die Richtung, in die es gehen soll, unberücksichtigt lässt. Es bleibt bei der Fixierung auf die Steigerung der Arbeitsproduktivität und des wirtschaftlichen Wachstums. Vielmehr müsse es aber darum gehen, „Fortschritt an der Lebensqualität und an den Grenzen des Planeten“ zu messen, so Aiginger. Es liege jetzt an der Forschung, dass „gesellschaftliche Ziele und partnerschaftliche Prozesse stärker in die Modelle eingebaut werden.“

Lesen Sie hier ausführlich Karl Aigingers kritische Würdigung der Forschung von Paul M. Romer in der November-Ausgabe des Wirtschaftsdienst:

Das Tempo wird erklärt, nicht die Richtung. Würdigung zweier großer Beiträge des Nobelpreisträgers Paul M. Romer, in: Wirtschaftsdienst 11/2018, S. 786-790

1 Kommentar

  1.   rjmaris

    Immer muss es irgendein Beitrag geben, das etwas neues (für mich) vermittelt, das es schon seit neun Jahren gibt: Das Konzept der Charter Cities. In sofern ein Dankeschön an Uwe Richter.

    Das Konzept ist sehr spannnend, und was ich aus der schnellen Recherche daraus verstanden habe klingt plausibel. Insbesondere das des rechtlichen Rahmens des Staates bzw. supranationales Gebildes, das solchen Städten kennzeichnen würde.
    Beispiel: Ohne Rechtstaat keine verlässliche Rahmenbedingungen für Kreditvergabe oder auch Investitionen aus dem Ausland.

    Gerne würde ich aus der kritischen Würdigung Punkt 2 betreffend Charter Cities aufgreifen, nämlich, dass
    … sie Technologien führender Länder nicht kopieren, sondern modifizieren müssen;

    Und zwar möchte ich die gute Idee Romers mit den ebenfalls guten Gedanken E.F. Schumachers in „small is beautiful“ verknüpfen.
    Dabei will ich gar nicht das „small“ hervorheben. Schumacher fand z.B., dass Städte mit mehr als 500.000 Einwohnern keine Vorteile bw. Mehrwert mehr aufweisen. Ausgenommen der Tatsache, dass es in einer Millionenstadt leichter ist, spezifische Fachkräfte zusammenzukriegen.

    Was aus Romers Charter Cities in jedem Fall im Einklang mit Schumachers Ideen ist, ist der Aufbau einer guten Industrie-Basis. Kurz zusammengefasst:

    Schumacher benennt vier Faktoren, um das Ziel von Vollbeschäftigung zu erreichen, in der Reihenfolge:
    1. Motivation (der Betroffenen); 2. Know-How/Bildung; 3. Kapital; 4. Märkte.

    Interessant ist, dass er Bildung wie Romer auch explizit vor Kapital nennt.
    Punkt 4 sieht er als schwierigster Faktor an. Denn die Bevölkerung hat nicht die Kaufkraft, lokale Erzeugnisse absorbieren zu können. Es ist einfacher, eine Produktion zu starten, als Märkte bedienen zu können.
    In der Vergangenheit hieß das Schlüsselwort deshalb immer: Export in die reichen Länder. Schumacher zeigt, dass diese Lösung sich durch die koloniale Vergangenheit quasi von selbst als alleinige Lösung etablierte (ohne die Interessen der lokalen Bevölkerung zu berücksichtigen). Es gibt aber auch das echte, reale Problem (beispielhaft):
    „Ein Dutzend unterschiedliche Fertigungsbetriebe müssten gleichzeitig aufgezogen werden, weil für jeden Betrieb der Markt in den anderen elf Betrieben [bzw. dessen Lohnempfänger] besteht. […] Aber es ist extrem schwierig, viele unterschiedliche Aktivitäten auf einmal zu etablieren“.

    Wenn ich das richtig verstanden habe, sind Charter Cities eng mit Export verknüpft. Das gibt zwar Arbeit, aber beschränkt die eigene (materielle) Wohlstandsentwicklung, sofern der Import nicht etwa proportional mit dem Export ansteigt.

 

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