{"id":10038,"date":"2016-12-01T14:42:44","date_gmt":"2016-12-01T13:42:44","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=10038"},"modified":"2016-12-04T09:59:14","modified_gmt":"2016-12-04T08:59:14","slug":"der-staat-gibt-gas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2016\/12\/01\/der-staat-gibt-gas_10038","title":{"rendered":"Der Staat gibt Gas"},"content":{"rendered":"<p>Fast unbemerkt setzt der Staat die kr\u00e4ftige Expansion seiner Ausgaben fort. Das zeigen die <a title=\"Stat. Bundesamt Pressemitteilung Nr. 413 vom 24.11.2016\" href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/PresseService\/Presse\/Pressemitteilungen\/2016\/11\/PD16_413_811.html\" target=\"_blank\">volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen, die in der vergangenen Woche ver\u00f6ffentlicht wurden<\/a>. Weil die Einnahmen seit einigen Jahren stark steigen und der Schuldendienst wegen der niedrigen Zinsen r\u00fcckl\u00e4ufig ist, kann er sich das leisten und trotzdem gleichzeitig die Schuldenquote weiter in Richtung 60 Prozent des BIP reduzieren. Wenn man Ausgaben und Einnahmen zusammen betrachtet, ist die Finanzpolitik angesichts der nach wie vor gro\u00dfen Outputl\u00fccke und des neuerlichen \u00dcberschusses im Gesamthaushalt eher restriktiv, wenn auch nicht so sehr wie noch vor wenigen Jahren. Was der Staat mehr ausgibt, nimmt er der privaten Wirtschaft erst einmal ab und senkt damit deren Ausgabenspielraum.<!--more--><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2016\/12\/DE_BIP_Trend_und_Output_gap.gif\" alt=\"Grafik: Deutsches BIP Mit Potenzialtrend und Outputl\u00fccke\" width=\"564\" height=\"504\" class=\"size-full wp-image-10039\" \/><\/p>\n<p>Wie sehen die Zahlen aus? In den ersten drei Quartalen dieses Jahres lagen die staatlichen Konsumausgaben inflationsbereinigt um nicht weniger als 4,5 Prozent \u00fcber ihrem Vorjahreswert. Seit dem Fr\u00fchjahr 2014 betrug die Zuwachsrate im Durchschnitt 3,4 Prozent \u2013 in den vier Jahren zuvor waren es nur 0,9 Prozent gewesen. Auch im Tiefbau, wo ein gro\u00dfer Teil der Auftr\u00e4ge vom Staat kommt, geht neuerdings die Post ab: Im dritten Quartal waren die Auftragseing\u00e4nge real um nicht weniger als 9,7 Prozent h\u00f6her als vor einem Jahr. Der Staat holt nach, was er vorher vers\u00e4umt hatte: Von 2010 bis Mitte 2014 hatte es im Tiefbau praktisch kein Wachstum gegeben.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2016\/12\/Konsumausgaben_des_Staats.gif\" alt=\"Grafikl: Konsumausgaben des Staats\" width=\"562\" height=\"335\" class=\"size-full wp-image-10048\" \/><\/p>\n<p>Die Verbraucher machen mit. Zwar nimmt die Anzahl der neuen Jobs nicht mehr so rasch zu wie bis Anfang 2016, als im Vorjahresvergleich noch ein Plus von 1,3 Prozent erreicht wurde \u2013 seitdem bewegt sich die Zuwachsrate in Richtung 0,4 Prozent. Es f\u00e4llt aber offenbar bisher nicht schwer, Arbeit zu finden.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2016\/12\/Beschaeftigung_in_DE.gif\" alt=\"Grafik: Besch\u00e4ftigung in Deutschland, Erwerbst\u00e4tige und gelsitete Stunden\" width=\"570\" height=\"468\" class=\"size-full wp-image-10040\" \/><\/p>\n<p>Das zeigt sich unter Anderem daran, dass die Haushalte ihre Nettoersparnisse in diesem Jahr etwas vermindert haben (auf rund 45 Mrd. Euro pro Quartal). Zuletzt hatten die sogenannten Masseneinkommen, die au\u00dfer den Nettol\u00f6hnen und \u2013geh\u00e4ltern auch Renten und monet\u00e4re Sozialleistungen enthalten, real ihr Vorjahresniveau um knapp drei Prozent \u00fcbertroffen. Es w\u00e4re \u00fcbertrieben zu sagen, dass der Konsum brummt, aber er tr\u00e4gt neuerdings signifikant zum Wachstum bei, nachdem er zuvor jahrelang mit realen Zuwachsraten von rund ein Prozent eher ein Bremsfaktor gewesen war. Jetzt reden wir \u00fcber etwas mehr als 1,5 Prozent.<\/p>\n<p>Von den Ausr\u00fcstungsinvestitionen und den Bauten gingen zuletzt kaum Wachstumsimpulse aus. \u00dcberraschend ist vor allem, warum es im Bau nicht richtig l\u00e4uft. Nicht allein, dass die realen Hypothekenzinsen selbst f\u00fcr lange Fristen kaum mehr als ein Prozent betragen, gemessen am Volumen der Auftragseing\u00e4nge an den Hochbau herrschen in der Branche geradezu boomartige Zust\u00e4nde \u2013 es \u00fcbertraf in den ersten neun Monaten des Jahres seinen Vorjahreswert um nicht weniger als 14,5 Prozent. Die Diskrepanz zwischen Auftr\u00e4gen und Produktion kann nur vor\u00fcbergehend sein; irgendwann in der nahen Zukunft wird der Bau der zus\u00e4tzliche Konjunkturmotor sein, der er schon seit einiger Zeit sein sollte.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2016\/12\/DE_BIP_Wachstumsbeitraege.gif\" alt=\"Grafik: Wachstumsbeitr\u00e4ge zum BIP\" width=\"560\" height=\"410\" class=\"size-full wp-image-10041\" \/><\/p>\n<p>Dass sich bei den Ausr\u00fcstungsinvestitionen so wenig tut, war abzusehen, nachdem die realen inl\u00e4ndischen Auftr\u00e4ge an die Investitionsg\u00fcterproduzenten (ohne sonstigen Fahrzeugbau) seit zwei Jahren stagnieren. Fragt sich nur, warum das so ist. An den Zinsen und Aktienkursen kann es nicht liegen, auch nicht an der schlechten Stimmung in der Wirtschaft \u2013 laut <a title=\"ifo Gesch\u00e4ftsklima November 2016\" href=\"http:\/\/www.cesifo-group.de\/de\/ifoHome\/facts\/Survey-Results\/Business-Climate\/Geschaeftsklima-Archiv\/2016\/Geschaeftsklima-20161124.html\" target=\"_blank\">Ifo-Indikator<\/a> war die Lage der Unternehmen selten so erfreulich wie heute \u2013 ebenso wenig wie am <a title=\"Schwacher Euro, guter Euro\" href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2016\/11\/23\/schwacher-euro-guter-euro_10024\">Wechselkurs des Euro<\/a>, durch den die deutschen L\u00f6hne im internationalen Vergleich kaum steigen und Investitionen im Inland wieder attraktiver geworden sind. Ein Grund d\u00fcrfte sein, dass die Outputl\u00fccke immer noch nicht geschlossen ist (warum investieren, wenn die vorhandenen Kapazit\u00e4ten nicht voll ausgelastet sind?), ein anderer die Zunahme protektionistischer Tendenzen, die dazu gef\u00fchrt hat, dass der Welthandel erneut langsamer expandiert als das globale Sozialprodukt, und schlie\u00dflich vielleicht auch, dass durch die Erfolge rechtspopulistischer Parteien leise Zweifel an der Zukunft des Euro aufgekommen sind und das europ\u00e4ische Projekt im \u00dcbrigen ins Stocken geraten zu sein scheint.<\/p>\n<p>Jedenfalls ist die Investitionsschw\u00e4che keine gute Nachricht. Wir alle w\u00fcnschen uns wieder ein rascheres Wachstum des Kapitalstocks und damit der Produktivit\u00e4t, weil das die Schl\u00fcssel f\u00fcr die Bew\u00e4ltigung der kommenden demographischen Probleme sind. Weniger beunruhigen muss dagegen, dass der Au\u00dfenbeitrag seit dem Sommer 2015 das gesamtwirtschaftliche Wachstum per saldo gebremst hat. F\u00fcr die Nachbarl\u00e4nder und die Zukunft des Euro ist es hilfreich, wenn Deutschland nicht immer noch gr\u00f6\u00dfere \u00dcbersch\u00fcsse in der Leistungsbilanz auft\u00fcrmt, sondern endlich einmal die Rolle einer Konjunkturlokomotive \u00fcbernimmt. Da die Konjunktur hierzulande besser l\u00e4uft als im Rest des Euroraums, ist die relative St\u00e4rke der Importe und die relative Schw\u00e4che der Exporte nur nat\u00fcrlich. Au\u00dferdem vermute ich, dass wir es nur mit einem vor\u00fcbergehenden Ph\u00e4nomen zu tun haben \u2013 weil der schwache Euro schon daf\u00fcr sorgen wird, dass der Au\u00dfenbeitrag durch Erfolge auf den Drittm\u00e4rkten wieder zunimmt.<\/p>\n<p>Was lernen wir aus den neuen Zahlen? Der Aufschwung wird weitergehen, getrieben vom Bau und einer leicht expansiven Finanzpolitik (2017 ist Wahljahr!). Die Verbraucher scheinen ihre Finanzen im Griff zu haben und sind angesichts des kr\u00e4ftigen Anstiegs ihrer Einkommen und der guten Lage am Arbeitsmarkt in der Lage und bereit, wieder mehr auszugeben, so dass sie die wichtigste St\u00fctze der Konjunktur bleiben. Im Au\u00dfenhandel steht nach der Abwertung des Euro eine Wende in Richtung positiver Wachstumsbeitrag bevor. Von den Ausr\u00fcstungsinvestitionen sollten wir uns wegen der vielen Unsicherheiten erneut nicht allzu viel erwarten \u2013 Hoffnung macht aber, dass die L\u00f6hne wegen des hohen Besch\u00e4ftigungsniveaus von nun an st\u00e4rker steigen d\u00fcrften und so die Unternehmen zwingen, ihre Betriebe zu modernisieren. Angesichts der guten &#8222;Fundamentals&#8220; des Euroraums k\u00f6nnen sie zudem nicht darauf setzen, dass der Euro auf Dauer eine schwache W\u00e4hrung bleiben wird und sie dadurch f\u00fcr immer Preisvorteile haben werden.<\/p>\n<p>Und die Inflation? Zun\u00e4chst einmal sieht es nicht mehr nach Deflation aus, vor allem weil die Outputl\u00fccke nicht mehr gr\u00f6\u00dfer zu werden scheint. Au\u00dferdem steckt inzwischen schon Einiges an Inflation in der Pipeline \u2013 die Erzeugerpreise gewerblicher Produkte sind in den letzten sechs Monaten mit einer annualisierten Rate von 3,0 Prozent gestiegen, die Ausfuhrpreise mit einer von 1,9 Prozent, und die Einfuhrpreise mit sogar 5,9 Prozent. Es sieht nicht danach aus, dass die EZB ihre Politik weiter lockern m\u00fcsste. Vielmehr steht im Verlauf des n\u00e4chsten Halbjahres die Zinswende bevor.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fast unbemerkt setzt der Staat die kr\u00e4ftige Expansion seiner Ausgaben fort. Das zeigen die volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen, die in der vergangenen Woche ver\u00f6ffentlicht wurden. 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