{"id":10136,"date":"2017-01-23T17:24:55","date_gmt":"2017-01-23T16:24:55","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=10136"},"modified":"2017-02-11T12:11:47","modified_gmt":"2017-02-11T11:11:47","slug":"warum-die-produktivitaet-stagniert-und-was-dagegen-getan-werden-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2017\/01\/23\/warum-die-produktivitaet-stagniert-und-was-dagegen-getan-werden-kann_10136","title":{"rendered":"Warum die Produktivit\u00e4t stagniert \u2013 und was dagegen getan werden kann"},"content":{"rendered":"<p>Aus deutscher Sicht l\u00e4uft es wirtschaftlich ziemlich gut, wenn wir mal von den vielen Millionen prek\u00e4rer Jobs oder der ungleichen Verteilung von Verm\u00f6gen und Einkommen absehen. Es gab 2016 so viele Jobs wie noch nie, 43,5 Millionen und damit ein Prozent mehr als im Vorjahr, es herrscht nicht nur nahezu Vollbesch\u00e4ftigung, sondern auch Preisstabilit\u00e4t, der Staat erwirtschaftet seit Jahren Budget\u00fcbersch\u00fcsse, kaum ein anderes Land ist international so wettbewerbsf\u00e4hig, und die <a title=\"Stat. Bundesamt Pressemitteilung Nr. 010 vom 12.01.2017\" href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/PresseService\/Presse\/Pressemitteilungen\/2017\/01\/PD17_010_811.html\" target=\"_blank\">Zuwachsrate des realen BIP von 1,9 Prozent<\/a>, wie sie im abgelaufenen Jahr erreicht worden ist, kann sich sehen lassen.<\/p>\n<p>Aber in einer Hinsicht l\u00e4uft es gar nicht gut: Die Produktivit\u00e4t w\u00e4chst seit fast zehn Jahren nur noch sehr langsamen. <!--more-->Der Sachverst\u00e4ndigenrat f\u00fcr Wirtschaft schreibt in <a title=\"SVR: Jahresgutachten 2016\/17\" href=\"https:\/\/www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de\/jahresgutachten-2016-2017.html\" target=\"_blank\">seinem letzten Jahresgutachten<\/a> (S. 126f.), dass &#8222;die Potenzialwachstumsrate der Arbeitsproduktivit\u00e4t seit Beginn der 1990er-Jahre von \u00fcber 2% auf 0,8% im Jahr 2009 gefallen [ist] und [&#8230;] seitdem auf diesem Niveau [verharrt].\u201c Bei zwei Prozent im Jahr verdoppelt sich der Output pro Arbeitsstunde alle 35 Jahre, wenn es bei einer Zuwachsrate von 0,8 Prozent bleibt, dauert es 87 Jahre, also ein ganzes Menschenleben lang. Das war in der Vergangenheit viel besser. Sollte der Input an Stunden also um 0,8 Prozent j\u00e4hrlich zur\u00fcckgehen, kann das reale BIP nicht mehr steigen. Manche halten das angesichts des demografischen Wandels f\u00fcr gar nicht so unwahrscheinlich. Wenn dann gleichzeitig Einkommen und Verm\u00f6gen weiterhin immer ungleichm\u00e4\u00dfiger verteilt werden, ergibt sich eine politisch explosive Mixtur.<\/p>\n<p>Wie die folgende Tabelle zeigt, hat die Arbeitsproduktivit\u00e4t im Verlauf der Zeit mit st\u00e4ndig niedrigeren Raten zugenommen; in den letzten zehn Jahren ist die Zuwachsrate bei 0,8 Prozent angekommen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2017\/01\/Tabelle_Produktivitaetswachstum_DE_USA.gif\" alt=\"Tabelle: Zuwachsraten der Produktivit\u00e4t in Deutschland und den USA\" width=\"435\" height=\"256\" class=\"size-full wp-image-10144\" \/><\/p>\n<p>Es wird mehr gearbeitet, gemessen an der Anzahl neuer Jobs und dem gesamtwirtschaftlichen Anstieg der Arbeitsstunden, aber pro Stunde nimmt der Output fast nicht mehr zu. Es fehlt an Effizienzgewinnen bei der Produktion der G\u00fcter und Dienstleistungen. Der gr\u00f6\u00dfte Teil des BIP-Wachstum stammte zuletzt aus der Zunahme der Besch\u00e4ftigung, nicht aus dem effizienteren Einsatz der Mittel.<\/p>\n<p>Die Tabelle zeigt auch, dass es in den USA nicht viel anders war \u2013 dort hat sich die Zuwachsrate der Produktivit\u00e4t gegen\u00fcber der vorangegangenen Periode in etwa halbiert. Nun k\u00f6nnte man argumentieren, dass es so etwas immer mal wieder gegeben hatte, weil wir es bei Innovationssch\u00fcben und Investitionszyklen nicht mit stetig verlaufenden Prozessen zu tun haben, man sich also keine Sorgen zu machen braucht. Ob es sich um ein zyklisches oder ein strukturelles Ph\u00e4nomen handelt, l\u00e4sst sich allerdings erst im Nachhinein sagen; jedenfalls wird zur Zeit wieder einmal lebhaft \u00fcber die &#8222;<em>s\u00e4kulare Stagnation<\/em>&#8220; diskutiert, was bedeutet, dass viele \u00d6konomen den R\u00fcckgang des Produktivit\u00e4tswachstums eben nicht f\u00fcr etwas Vor\u00fcbergehendes halten. Wie kommen sie darauf und welche Therapie schlagen sie vor?<\/p>\n<p>Vor Kurzem hat sich Bradford DeLong, Professor in Berkeley, in seinem Blog dazu ge\u00e4u\u00dfert (<a title=\"DeLong: Three, Four... Many Secular Stagnations!\" href=\"http:\/\/www.bradford-delong.com\/2017\/01\/three-four-many-secular-stagnations.html\" target=\"_blank\"><em>Three, Four&#8230; Many Secular Stagnations<\/em><\/a>). Ausgangspunkt ist f\u00fcr ihn die Beobachtung, dass die Realzinsen sowohl am kurzen als auch am langen Ende seit Jahrzehnten r\u00fcckl\u00e4ufig sind. Die folgende Grafik zeigt die &#8222;realen&#8220; Renditen der zehnj\u00e4hrigen amerikanischen und deutschen Staatsanleihen. Bei Unternehmensanleihen ist der Trend nicht anders, nur das Niveau ist h\u00f6her, soll hei\u00dfen, dass Sachinvestitionen im Zeitverlauf unattraktiver geworden sind oder dass das Angebot an Ersparnissen viel st\u00e4rker zugenommen hat als die Nachfrage.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2017\/01\/DE_US_reale_10j_Renditen_1981-Jan2017.gif\" alt=\"Grafik: reale Renditen 10j\u00e4hriger Staatsanleihen in Deutschland und den USA , 1981-Jan2017\" width=\"572\" height=\"350\" class=\"size-full wp-image-10138\" \/><\/p>\n<p>DeLong pr\u00e4sentiert eine Liste mit sieben verschiedenen Erkl\u00e4rungsversuchen:<\/p>\n<ol>\n<li>Durch die ungleiche Einkommensverteilung wird zu viel gespart \u2013 die Reichen konsumieren nicht genug (These von Hobson).<\/li>\n<li>Da technischer Fortschritt und Bev\u00f6lkerungswachstum stagnieren, sinkt die Ertragsrate der Investitionen, so dass zu wenig investiert wird (Hansen).<\/li>\n<li>Bedeutende Anleger, bei denen nicht das Gewinnmotiv sondern die politischen Risiken im Vordergrund stehen, haben eine starke Nachfrage nach sicheren Assets ausgel\u00f6st und deren reale Renditen gesenkt (Bernanke und seine <em>saving glut<\/em>).<\/li>\n<li>Der Finanzsektor ist dysfunktional: Es gelingt ihm nicht, die Risikobereitschaft der Gesellschaft zu mobilisieren. Dadurch ist eine gewaltige L\u00fccke zwischen der Verzinsung riskanter und sicherer Anlagen entstanden (Rogoff).<\/li>\n<li>Wegen der sehr niedrigen aktuellen und erwarteten Inflation ist selbst ein \u201esicherer\u201c nominaler Zins von Null zu hoch f\u00fcr eine Balance zwischen Investitionsvorhaben und Sparpl\u00e4nen bei Vollbesch\u00e4ftigung. Wir h\u00e4tten es mit einer R\u00fcckkehr der <em>depression economics<\/em> zu tun (Krugman, Blanchard).<\/li>\n<li>Die schwache Nachfrage nach Kapitalg\u00fctern zusammen mit <a title=\"Herdentrieb: Warum die Zinsen so niedrig sind, 6.Juli 2015\" href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2015\/07\/06\/warum-die-zinsen-so-niedrig-sind_8595\">deren raschem Preisverfall<\/a> haben die Gewinnaussichten von Firmen dieses Sektors stark verschlechtert.<\/li>\n<li>Das ist ein Punkt, den ich nicht richtig verstehe und den ich deswegen hier mal weglasse.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Harvards Larry Summers, der die jetzige Diskussion angesto\u00dfen hat, hat sich zu all diesen Aspekten ge\u00e4u\u00dfert, ohne aber ein konsistentes Gesamtmodell entwickelt zu haben.<\/p>\n<p>Was die Therapie angeht, herrscht unter den \u00d6konomen, die sich mit dem Thema &#8222;<em>s\u00e4kulare Stagnation<\/em>&#8220; befassen, Einigkeit, dass es der private Sektor allein nicht schaffen kann und der Staat daher aktiv werden muss. Summers sieht hier zwei Ansatzpunkte: Zum Einen sollte die Verteilung von Verm\u00f6gen und Einkommen durch ein progressives Steuersystem und gezielte Transfers nachhaltig korrigiert werden. Zum Anderen braucht es eine expansivere Finanzpolitik mit einem Focus auf Investitionen in Human- und Sachkapital, verbunden mit Anreizen f\u00fcr private Investitionen.<\/p>\n<p>Das trifft sich gut mit dem Paradigmenwechsel, der in der \u00d6konomie begonnen hat, dass es den M\u00e4rkten (einschlie\u00dflich der Weltm\u00e4rkte) und der Geldpolitik allein nicht gelingt, Wachstum und Wohlstand zu schaffen. Ohne den Staat geht es nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus deutscher Sicht l\u00e4uft es wirtschaftlich ziemlich gut, wenn wir mal von den vielen Millionen prek\u00e4rer Jobs oder der ungleichen Verteilung von Verm\u00f6gen und Einkommen absehen. 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