{"id":10662,"date":"2017-12-13T12:00:50","date_gmt":"2017-12-13T11:00:50","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=10662"},"modified":"2018-03-07T09:59:49","modified_gmt":"2018-03-07T08:59:49","slug":"pluralismus-in-der-oekonomik-lehre-und-forschung-auf-dem-pruefstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2017\/12\/13\/pluralismus-in-der-oekonomik-lehre-und-forschung-auf-dem-pruefstand_10662","title":{"rendered":"Pluralismus in der \u00d6konomik: Lehre und Forschung auf dem Pr\u00fcfstand"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.wirtschaftsdienst.eu\/\" target=\"_blank\"><img class=\"alignleft size-full wp-image-8431\"src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2015\/06\/Wirtschaftsdienst_Logo_290x60.gif\" alt=\"Logo: Wirtschaftsdienst - Zeitschrift f\u00fcr Wirtschaftspolitik\" width=\"280\" height=\"58\" \/><\/a><em><a href=\"http:\/\/www.wirtschaftsdienst.eu\/\" target=\"_blank\">Exklusiv aus dem Wirtschaftsdienst:<\/a><\/em> Sind Lehre und Forschung in den Wirtschaftswissenschaften breit genug angelegt? Oder gibt es eine Dominanz des sogenannten Mainstreams, die den Blickwinkel der \u00f6konomischen Disziplin derart verengt, dass sie ihrem Forschungsgegenstand weder methodisch noch in seiner ganzen Vielfalt hinreichend gerecht wird, was sich dann auch in der Praxis und der Art der wirtschaftspolitischen Beratung widerspiegelt? Tats\u00e4chlich geh\u00f6rt die Debatte \u00fcber Pluralit\u00e4t seit Jahren zum Grundrauschen des \u00f6konomischen Diskurses und im Gefolge der Finanzkrise wurde sie auch f\u00fcr eine breitere \u00d6ffentlichkeit h\u00f6rbar gef\u00fchrt. Nach wie vor wird der Zustand dieser Wissenschaft h\u00f6chst unterschiedlich beurteilt. In der Dezember-Ausgabe des <em>Wirtschaftsdienst<\/em> geben die Autorinnen und Autoren des <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2017\/12\/13\/pluralismus-in-der-oekonomik-lehre-und-forschung-auf-dem-pruefstand_10662#pdf\">aktuellen Zeitgespr\u00e4chs<\/a> ihre jeweilige Sicht der Dinge wieder.<!--more--><\/p>\n<p>Johannes Becker, Finanzwissenschaftler der Universit\u00e4t M\u00fcnster, nennt als Grundsatz: &#8222;Eine plurale, multiperspektivische \u00d6konomik ist nicht nur bessere Wissenschaft, sie ist auch interessanter und attraktiver f\u00fcr die Besten eines Jahrgangs.\u201c Er weist darauf hin, dass in den englischsprachigen Top-Journals und auf internationalen Fachkonferenzen schon jetzt methodische Pluralit\u00e4t stattfindet. Vor allem j\u00fcngere \u00d6konomen seien besonderes begierig auf neue Methoden und neue Datenquellen. Zwar \u00e4hnele sich die in Deutschland praktizierte Lehre in Bezug auf die vermittelten Grundlagen stark, aber das sei auch n\u00f6tig, weil Masterabsolventen dazu f\u00e4hig sein m\u00fcssten, Fachliteratur zu verstehen und die g\u00e4ngigen Methoden anzuwenden. Daher h\u00e4lt Becker die Maxime &#8222;je pluraler, desto besser&#8220; f\u00fcr ungeeignet und stellt stattdessen fest, dass Pluralit\u00e4t nur eine von vielen Anforderungen ist, unter denen es abzuw\u00e4gen gilt, um &#8222;ein optimales, &#8218;gutes&#8216; Ma\u00df an Pluralit\u00e4t&#8220; zu finden. Den Kritikern vom &#8222;Netzwerk Plurale \u00d6konomik&#8220; h\u00e4lt Becker entgegen, dass sie die Rolle, die sie in diesem Prozess als Anwalt der Pluralit\u00e4t spielen k\u00f6nnten, &#8222;denkbar schlecht&#8220; erf\u00fcllen. Er bem\u00e4ngelt, dass sie sich zunehmend nicht mehr nur als wissenschaftsver\u00e4ndernde, sondern auch als gesellschaftsver\u00e4ndernde Kraft verstehen und sich so St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck aus dem Dialog mit etablierten \u00d6konomen zur\u00fcckz\u00f6gen. <\/p>\n<p>F\u00fcr Sebastian Dullien von der Hochschule f\u00fcr Technik und Wirtschaft Berlin steht die Frage nach dem Warum von Pluralit\u00e4t in der Lehre unmittelbar im Zusammenhang mit der Frage danach, &#8222;\u2026 welche Lernziele bzw. welcher Kompetenzerwerb eigentlich mit dem Studium der Volkswirtschaftslehre erreicht werden soll.&#8220; Falls es darum geht, Volkswirte so auszubilden, dass diese m\u00f6glichst einfach einen Lehrstuhl an einer deutschen Universit\u00e4t bekommen k\u00f6nnen, dann sei das jetzige Ma\u00df an Pluralismus vermutlich tats\u00e4chlich ausreichend. Falls es jedoch darum gehen sollte, Studenten zur Analyse komplexer Probleme in real existierenden Institutionen zu bef\u00e4higen, ihnen also &#8222;kritisches Denken in volkswirtschaftlichen Zusammenh\u00e4ngen&#8220; beizubringen, dann m\u00fcssen vermehrt alternative Paradigmen in die Lehre einflie\u00dfen. Dullien fordert folglich: &#8222;Um also wirklich die Begrenzungen und Schw\u00e4chen der Modelle zu verstehen, sollten die Studierenden m\u00f6glichst alternative Theorien auch von deren Vertretern unterrichtet bekommen.&#8220; Trotz dieser Kritik an der Lehre erkennt Dullien gewisse Fortschritte an: &#8222;Die VWL ist wesentlich offener und vielf\u00e4ltiger als sie es noch vor zehn Jahren war.&#8220; Anders als die Verteidiger des Status quo behaupten, reichen diese Ver\u00e4nderungen aber bei weitem noch nicht aus, argumentiert Dullien und schlie\u00dft, &#8222;\u2026 die deutschen wirtschaftswissenschaftlichen Fakult\u00e4ten [haben] noch einiges zu tun haben, bis ein ausreichendes Ma\u00df an Pluralit\u00e4t erreicht ist.&#8220; <\/p>\n<p>Als wohlwollenden Pluralismusskeptiker bezeichnet sich R\u00fcdiger Bachmann, der an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Notre Dame in den USA lehrt. F\u00fcr ihn ist das, was als akademischer Mainstream gilt, jedenfalls extrem vielschichtig, sodass er die pauschale Kritik, die \u00d6konomik sei ein &#8222;monolithisches und starr-statisches Gebilde&#8220; ins Leere laufen sieht. Bachmann verteidigt den Mainstream au\u00dferdem gegen den h\u00e4ufig vorgebrachten Vorwurf, die Finanzkrise ab 2007 nicht prognostiziert zu haben: &#8222;Die wohlfeile Kritik [\u2026] ist Unsinn, denn der Mainstream begr\u00fcndet ja auch theoretisch, warum Finanzkrisen grunds\u00e4tzlich nicht vorhersehbar sind.&#8220; Der Beobachtung von Mainstream-Kritikern, dass \u00d6konomen als Gruppe wenig Methoden- und Paradigmenreflexion betreiben, stimmt Bachmann zu. Allerdings zieht er daraus einen anderen Schluss als die Kritiker: &#8222;F\u00fcr mich ist das eine St\u00e4rke der \u00d6konomik, weil sie so eben auch zu Sachfragen kommt und damit an gesellschaftlicher Relevanz gewinnt.&#8220; In Bezug auf den Zustand der Lehre l\u00e4sst Bachmann Sympathie f\u00fcr deren Kritiker erkennen: &#8222;Ich pers\u00f6nlich denke mit Schrecken an meine Studienzeit zur\u00fcck, als ich ISLM-Gleichgewichte mit Zahlen ausrechnen musste, statt die \u00d6konomik hinter dem Modell beigebracht zu bekommen.&#8220; Er h\u00e4lt dennoch fest, &#8222;dass die jungen \u00d6konomen zuerst einen einheitlichen disziplin\u00e4ren Kern vermittelt bekommen&#8220; m\u00fcssen, wenn das Lehrangebot durch mehr Diversit\u00e4t und Fungibilit\u00e4t erweitert werden soll. Den Ruf nach einer besseren und vielf\u00e4ltigeren Lehre h\u00e4lt er aber f\u00fcr sehr berechtigt.<\/p>\n<p>Es handelte sich &#8222;grunds\u00e4tzlich&#8220; um &#8222;ein Versagen der kollektiven Vorstellungskraft [\u2026] vieler kluger Menschen [\u2026], die Risiken f\u00fcr das System im Ganzen zu verstehen\u201c,  war die Antwort der British Academy auf die legend\u00e4re Frage der englischen K\u00f6nigin, wie es passieren konnte, dass niemand die Krise vorhergesehen hat. Silja Graupe, Professorin f\u00fcr \u00d6konomie und Philosophie an der Cusanus Hochschule, greift in ihrem Beitrag die nicht minder legend\u00e4re Antwort der Akademie auf und stellt ihrerseits die Frage, was diese Vorstellungskraft bestimmt und worin das Versagen der kollektiven Vorstellungskraft der \u00d6konomen begr\u00fcndet liegen mag. Zur Beantwortung dieser Frage bedient sie sich der Methoden und Erkenntnisse der Kognitionswissenschaft. Demnach wird ein Gro\u00dfteil des menschlichen Denkens und Handelns von weitestgehend unreflektierten Vorstellungen bestimmt, die durch gedankliche Deutungsrahmen, sogenannte Frames, strukturiert werden. Anhand einer Untersuchung \u00f6konomischer Standardlehrb\u00fccher zeigt die Autorin unter anderem, wie es durch mathematische Abstraktion und sprachlich vermittelte abstrakte Konzeptionen zu bestimmten selektiven Framings kommt. &#8222;Je weniger Hintergrundsituationen durch die sprachliche Vermittlung abstrakter Konzepte aktiviert werden, desto eingeschr\u00e4nkter wird der Spielraum m\u00f6glicher Interpretationen. [\u2026] Der interpretative Rahmen f\u00fcr die Deutung realer Ph\u00e4nomene droht drastisch reduziert zu werden, sodass es zu einem Verlust kognitiver Pluralit\u00e4t kommen kann,&#8220; stellt Silja Graupe fest. Die Ausgangsfrage nach der kollektiven Vorstellungskraft der \u00d6konomen beantwortet sie folgenderma\u00dfen: &#8222;Sie [die Ver\u00e4nderungen des Denkens \u00fcber Wirtschaft] k\u00f6nnen zu einer ma\u00dfgeblichen Verarmung jenes kognitiven Bodens f\u00fchren, auf dem \u00d6konomen und jene Menschen, die durch sie geschult werden, ihre &#8218;kollektive Vorstellungskraft&#8216; begr\u00fcnden, sodass auf ihm nur noch eine unreflektierte Monokultur des Denkens zu wachsen vermag. Ein zentraler Ort dies zu \u00e4ndern ist die \u00f6konomische Bildung.&#8220;<\/p>\n<p>Arne Heise von der Universit\u00e4t Hamburg betrachtet die Frage nach der Pluralit\u00e4t in der \u00f6konomischen Disziplin vor dem Hintergrund der wirtschaftspolitischen Beratung in Deutschland. Dabei zeigt schon &#8222;die Praxis der Beratungsarbeit des Sachverst\u00e4ndigenrats f\u00fcr Wirtschaft, dass die Wirtschaftswissenschaft dazu neigt, mit einander im Wettstreit stehende wirtschaftspolitische Empfehlungen zu produzieren \u2026 .&#8220; Dies ist nicht zuletzt dem Wesensmerkmal des Untersuchungsobjekts der Wirtschaftswissenschaft geschuldet, &#8222;ein offenes, niemals vollst\u00e4ndig analysierbares System zu sein \u2026 .&#8220; Umso mehr bem\u00e4ngelt der Autor den \u00f6ffentlichen Umgang mit Minderheitsvoten in den Jahresgutachten: &#8222;Diese Praxis wird kritisiert, weil die Minderheitsvoten fast ausschlie\u00dflich von jenen Ratsmitgliedern verfasst werden, die von den Gewerkschaften vorgeschlagen wurden. Damit wird insinuiert, dass die Minderheitsvoten nicht das Ergebnis von Theorievariation oder Paradigmenpluralismus sind, sondern eine die Neutralit\u00e4t verletzende Wert- oder Ideologiebehaftetheit widerspiegeln, die &#8218;Kokolores&#8216; oder &#8218;wirres Zeug&#8216; hervorbringt, welches mit viel Aufwand wieder zurechtger\u00fcckt werden m\u00fcsse.\u201c F\u00fcr Arne Heise steht fest, dass die Wirtschaftswissenschaft keine monistische Disziplin ist, die gesichertes Erkl\u00e4rungs- und Handlungswissen schafft, sondern als plurale Disziplin konstruiert und betrieben werden muss. Aus diesem Grund pl\u00e4diert Heise f\u00fcr mehr Pluralismus: &#8222;Plurale Gesellschaften ben\u00f6tigen alternative politische, vor allem auch wirtschaftspolitische Angebote, die den unterschiedlichen materiellen Anforderungen und Pr\u00e4ferenzen an gesellschaftliche Zielsetzungen entsprechen.&#8220;<br \/>\n<a name=\"pdf\"><\/a><br \/>\nLesen Sie hier exklusiv vorab ausf\u00fchrlich das aktuelle Zeitgespr\u00e4ch zur Pluralismusdebatte in den Wirtschaftswissenschaften aus der Dezember-Ausgabe des <em>Wirtschaftsdienst<\/em>:<\/p>\n<p><em><strong><a title=\"Wirtschaftswissenschaften: zu wenig Pluralit\u00e4t der Methoden und Forschungsrichtungen?, in: Wirtschaftsdienst 12\/2017, S. 835-853 (pdf)\" \nhref=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2017\/12\/wirtschaftsdienst_12-2017_Pluralismus-in-der-\u00d6konomik.pdf\">Wirtschaftswissenschaften: zu wenig Pluralit\u00e4t der Methoden und Forschungsrichtungen?<\/a><\/strong><\/em>, in: Wirtschaftsdienst 12\/2017 (mit folgenden f\u00fcnf Beitragen: &#8222;<em>Das&#8217;richtige&#8216; Ma\u00df an Pluralit\u00e4t und das Problem des fehlenden Adressaten<\/em>&#8220; von Johannes Becker; &#8222;<em>Lippenbekenntnisse sind nicht genug<\/em>&#8220; von Sebastian Dullien; &#8222;<em>Zur aktuellen Pluralismusdebatte in der \u00d6konomik: Ansichten eines wohlwollenden Pluralismusskeptikers<\/em>&#8220; von R\u00fcdiger Bachmann; &#8222;<em> &#8218;Wie konnte es passieren?&#8216; \u2013 \u00f6konomische Bildung als Boden einer geistigen Monokultur<\/em>&#8220; von Silja Graupe; &#8222;<em>F\u00fcnf Weise und nur eine Weisheit?<\/em>&#8220; von Arne Heise)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Exklusiv aus dem Wirtschaftsdienst: Sind Lehre und Forschung in den Wirtschaftswissenschaften breit genug angelegt? 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