{"id":11138,"date":"2019-01-07T18:34:32","date_gmt":"2019-01-07T17:34:32","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=11138"},"modified":"2019-01-07T18:34:32","modified_gmt":"2019-01-07T17:34:32","slug":"nach-35-jaehrigem-boom-stagnieren-die-bondmaerkte-erst-einmal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2019\/01\/07\/nach-35-jaehrigem-boom-stagnieren-die-bondmaerkte-erst-einmal_11138","title":{"rendered":"Nach 35-j\u00e4hrigem Boom stagnieren die Bondm\u00e4rkte erst einmal"},"content":{"rendered":"<p>Weil die Renditen langlaufender Staatsanleihen nicht mehr viel weiter fallen k\u00f6nnen, wenn sie erst einmal in der N\u00e4he von Null angelangt sind, k\u00f6nnten Anleger erwarten, dass es nun f\u00fcr viele Jahre in die andere Richtung geht. Danach sieht es aber nicht aus. Wie in Japan oder in der Schweiz werden die inflationsbereinigten Renditen in Deutschland auf absehbare Zeit negativ bleiben. Bei Renten wird sich mit einer <em>buy-and-hold<\/em>-Strategie kein Geld verdienen lassen, aber gro\u00dfe Verluste sind ebenfalls unwahrscheinlich.<!--more--><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2019\/01\/Renditen_10j_DE_US_JP_1980-Dez2018.gif\" alt=\"Grafik: Nominale und reale Renditen 10-j\u00e4hriger Staatsanleihen (DE, US, JP, 1980 bis Dez. 2018)\" width=\"589\" height=\"623\" class=\"size-full wp-image-11139\" \/><\/p>\n<p>Gemessen an dem, was bisher als normal galt, sind zehnj\u00e4hrige deutsche Bondrenditen von gerade einmal 0,20 Prozent viel zu niedrig. Sollten die Marktteilnehmer ein solches Niveau nicht mehr f\u00fcr akzeptabel halten, w\u00fcrden sie sich demn\u00e4chst in gro\u00dfem Stil von ihren Anleihen trennen. Im Verlauf dieses Ausverkaufs k\u00f6nnten die Renditen von 0,20 Prozent auf vielleicht vier Prozent klettern. Dieser Wert stellt so etwas wie eine Gleichgewichtsrendite dar und ergibt sich durch die Multiplikation der mittelfristigen Wachstumsrate des realen BIP von rund 1,5 Prozent, der von der EZB angestrebten Inflationsrate von knapp zwei Prozent und der Risiko- oder Terminpr\u00e4mie von etwa einem halben Punkt. Dem Anstieg der Rendite um 3,8 Prozentpunkte (oder 380 Basispunkte) entspricht bei den zehnj\u00e4hrigen Bonds ein Kursverlust von mehr als 30 Prozent.<\/p>\n<p>Dazu wird es so schnell nicht kommen: Die Inflation und damit die alles entscheidenden Inflationserwartungen werden deutlich niedriger ausfallen als von den Geldpolitikern erwartet. Die EZB d\u00fcrfte daher kaum in der Lage sein, die Leitzinsen zu erh\u00f6hen, und Bundesanleihen gelten angesichts der konservativen Finanzpolitik des Landes als so sicher, dass negative Realzinsen in Kauf genommen werden d\u00fcrften, jedenfalls solange der Euro nicht stark abwertet. Was die aktuellen Aussichten angeht, schw\u00e4chelt die Konjunktur, hierzulande und im gesamten Euroraum, und die Inflation bewegt sich eher in Richtung ein Prozent als in Richtung zwei Prozent, den Zielwert. Eine Zinserh\u00f6hung passt nicht ins Bild. Das allein verhindert, dass die l\u00e4ngeren Zinsen nachhaltig steigen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dass die Inflation auch nach f\u00fcnf Jahren Aufschwung und sehr niedriger Arbeitslosigkeit nicht anspringen will, hat vor allem mit den L\u00f6hnen zu tun. <a title=\"Ohne h\u00f6here L\u00f6hne keine Inflation, Herdentrieb, 16. Oktober 2017\" href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2017\/10\/16\/ohne-hoehere-loehne-keine-inflation_10580\" target=\"_blank\">Ohne Lohninflation keine allgemeine Inflation!<\/a><\/p>\n<p>Die L\u00f6hne sind aus mehreren Gr\u00fcnden unter Druck:<\/p>\n<ul>\n<li>Durch sinkende Frachtkosten, offene Grenzen, mobiles Kapital und, dank des Internets, durch eine immer bessere Information \u00fcber die Verh\u00e4ltnisse im Ausland haben wir es zunehmend mit einem globalen Arbeitsmarkt zu tun; insbesondere bei einfachen Arbeiten gibt es eine starke internationale Konkurrenz \u2013 wenn die L\u00f6hne hierzulande zu sehr steigen, kommt es zu Jobverlusten.<\/li>\n<li>In dieselbe Richtung wirkt der technische Fortschritt; wo sich Jobs durch Maschinen ersetzen lassen passiert das \u00fcber kurz oder lang auch; ein Paradebeispiel hierf\u00fcr ist die Landwirtschaft.<\/li>\n<li>Vermutlich sind die ungenutzten Kapazit\u00e4ten unserer Wirtschaft viel gr\u00f6\u00dfer als von offizieller Seite berechnet. Wenn, wie behauptet, die Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit zurzeit voll besch\u00e4ftigt w\u00e4ren, m\u00fcsste sich das in h\u00f6heren Lohnabschl\u00fcssen niederschlagen. Tut es aber nicht.<\/li>\n<li>Seit Jahrzehnten gehen sowohl der <a title=\"Warum die Lohnquote st\u00e4ndig sinkt, Herdentrieb, 25. April 2017 um 13:35 Uhr\t\" href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2017\/04\/25\/warum-die-lohnquote-staendig-sinkt_10323\" target=\"_blank\">Organisationsgrad der Besch\u00e4ftigten<\/a> als auch die Tarifbindung der Unternehmen zur\u00fcck \u2013 was die <a title=\"Gewerkschaften fordern Bonus f\u00fcr Mitglieder; ZEIT online, 6. Januar 2019\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/2019-01\/tarifvertrag-gewerkschaftsbund-dgb-gewerkschaftsmitglieder-bonus-tarifbindung\" target=\"_blank\">Verhandlungsposition der Arbeitnehmer<\/a> st\u00e4ndig weiter schw\u00e4cht; nur starke Gewerkschaften k\u00f6nnten diesen Prozess aufhalten. Davon ist bisher nichts zu sehen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Insgesamt nehmen die Masseneinkommen so langsam zu, dass kein Inflationsdruck entsteht. Da hilft auch nicht, dass die EZB Geld zum Nulltarif ins Bankensystem pumpt. Wenn mein Einkommen real stagniert oder sogar f\u00e4llt, stimulieren auch sehr niedrige Zinsen nicht. Das gilt insbesondere, wenn die Jobs unsicher und schlecht bezahlt sind, wie das fast \u00fcberall in der W\u00e4hrungsunion der Fall ist. Die Maastricht-Kriterien bez\u00fcglich staatlicher Defizite und Schulden sind au\u00dferdem geradezu ein Rezept f\u00fcr die dauerhafte Drosselung der Endnachfrage. Wenn die Akteure, einschlie\u00dflich des Staats, nicht mehr Geld ausgeben, k\u00f6nnen die Preise nicht steigen.<\/p>\n<p>Hohe oder sogar steigende staatliche Schulden sind f\u00fcr sich genommen im \u00dcbrigen kein Inflationsrisiko, jedenfalls nicht immer. In Japan belaufen sich die Schulden auf etwa 240 Prozent des BIP, die Verbraucherpreise fluktuierten in der vergangenen Dekade im Vorjahresvergleich aber nur um den Wert von 0,3 Prozent. In Italien, dem angeblichen Problemland der europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsunion, lag die durchschnittliche Inflation in den vergangenen vier Jahren bei 0,6 Prozent \u2013 trotz staatlicher Schulden in H\u00f6he von rund 130 Prozent des BIP; beim Sparweltmeister Deutschland betrug die Inflation in dieser Zeit 1,0 Prozent! Hohe Schulden der \u00f6ffentlichen Hand haben auch wenig mit der St\u00e4rke des Wechselkurses zu tun: Japans Yen geh\u00f6rt zu den h\u00e4rtesten W\u00e4hrungen der Welt, und auch die US-Schuldenquote von fast 110 Prozent (des BIP) hat den Dollar bisher nicht geschw\u00e4cht. Die Trump-Regierung schert sich zudem den Teufel um die immer h\u00f6heren j\u00e4hrlichen Budgetdefizite, und den Marktteilnehmern sind sie ebenfalls egal.<\/p>\n<p>Da sich die europ\u00e4ische Inflation neuerdings wieder vom Ziel \u201eknapp unter 2%\u201c in Richtung ein Prozent und darunter entfernt, vermindern sich die Inflationserwartungen. F\u00fcr mich sieht es so aus, als ob die EZB nicht in der Lage sein wird, sp\u00e4ter im Jahr die Leitzinsen wie angek\u00fcndigt zu erh\u00f6hen. Es ist sogar nicht auszuschlie\u00dfen, dass sie das auch in den Folgejahren nicht kann, dass wir es mit japanischen Verh\u00e4ltnissen zu tun bekommen. Die privaten Sparer jammern, dass ihnen die Banken keine Zinsen mehr zahlen, aber warum schichten sie ihre 2,4 Billionen Euro, die sie in Form von Bargeld und Bankeinlagen halten, nicht um? Nicht nur das, diese Art der Anlage ist in den vergangenen Jahren st\u00e4rker gestiegen als das Volkseinkommen. Am deutschen Aktienmarkt liegt die durchschnittliche Dividendenrendite bei 3,3 Prozent; eine ganze Reihe von soliden Unternehmen zahlt noch deutlich mehr. F\u00fcr das zus\u00e4tzliche Risiko von Aktien gibt es zurzeit also eine gro\u00dfz\u00fcgige finanzielle Kompensation.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weil die Renditen langlaufender Staatsanleihen nicht mehr viel weiter fallen k\u00f6nnen, wenn sie erst einmal in der N\u00e4he von Null angelangt sind, k\u00f6nnten Anleger erwarten, dass es nun f\u00fcr viele Jahre in die andere Richtung geht. Danach sieht es aber nicht aus. 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