{"id":11176,"date":"2019-01-30T18:27:05","date_gmt":"2019-01-30T17:27:05","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=11176"},"modified":"2019-01-30T18:31:02","modified_gmt":"2019-01-30T17:31:02","slug":"staatsschulden-sind-kein-problem-meistens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2019\/01\/30\/staatsschulden-sind-kein-problem-meistens_11176","title":{"rendered":"Staatsschulden sind kein Problem \u2013 meistens!"},"content":{"rendered":"<p>An den Kapital- und Devisenm\u00e4rkten ist seit einiger Zeit die These im Umlauf, dass der gro\u00dfe Wachstumsunterschied zwischen den USA und Euroland vor allem damit zu tun hat, dass die Europ\u00e4er eine zu restriktive, wenn nicht sogar prozyklische Finanzpolitik betrieben, w\u00e4hrend den Amerikanern Budgetdefizite ziemlich egal seien, Hauptsache die Nachfrage, einschlie\u00dflich der staatlichen, expandiert insgesamt so stark, dass der Arbeitsmarkt brummt, was vor allem in Zeiten niedriger Inflationsraten eine risikolose Strategie sei.<!--more--><\/p>\n<p>Die Zahlen st\u00fctzen diese Argumentation: Seit dem Tiefpunkt der letzten Rezession im Fr\u00fchjahr 2009 bis zum vierten Quartal 2018 ist das reale Bruttoinlandsprodukt der USA um 23 Prozent gestiegen, das der W\u00e4hrungsunion dagegen nur um 14 Prozent. Bei den neu geschaffenen Jobs war es \u00e4hnlich: dort +11 Prozent, hier +5 Prozent. In Amerika liegt die Arbeitslosenquote bei 3,9 Prozent, im Euroraum immer noch bei 7,9 Prozent. Im selben Zeitraum hat sich der Euro zudem von $1,40 auf $1,15 verbilligt, hat sich also gegen\u00fcber dem Dollar stark abgewertet, trotz der restriktiven europ\u00e4ischen Finanzpolitik und trotz der Tatsache, dass die europ\u00e4ische Leistungsbilanz seit Jahren einen gro\u00dfen und steigenden \u00dcberschuss aufweist, die amerikanische dagegen ein gewaltiges Defizit. In derselben W\u00e4hrung gerechnet, hat sich der Unterschied beim BIP pro Kopf im vergangenen Jahrzehnt dramatisch ausgeweitet \u2013 der europ\u00e4ische Wert liegt zurzeit um 36 Prozent unter dem amerikanischen.<\/p>\n<p>Woran genau das gelegen hat, ist schwer zu sagen, aber die Unterschiede in der Finanzpolitik haben sicher eine Rolle gespielt. Manche w\u00fcrden sagen, das sei kein Wunder, weil sich die Amerikaner gro\u00dfe Staatsdefizite leisten k\u00f6nnen, viele der Euro-Mitgliedsl\u00e4nder dagegen nicht. Schlie\u00dflich wird die US Treasury stets in der Lage sein, ihre Dollarschulden zu bedienen, und seien sie noch so hoch, w\u00e4hrend es f\u00fcr die einzelnen europ\u00e4ischen Regierungen nicht m\u00f6glich ist, die EZB zum Ankauf ihrer Schulden zu zwingen. Griechenland und Italien k\u00f6nnen durch eine expansive Finanzpolitik viel eher als die USA an einen Punkt kommen, wo sie auf Neuschulden so hohe Zinsen zahlen m\u00fcssen, dass das soziale Unruhen ausl\u00f6st \u2013 ohne dass ihnen die EZB helfen kann.<\/p>\n<p>Ein Land, das \u00fcber eine eigene Zentralbank verf\u00fcgt, hat viel gr\u00f6\u00dfere Spielr\u00e4ume in der Finanzpolitik als ein Land, wo das nicht der Fall ist. Der japanische Staat hat Bruttoschulden in H\u00f6he von etwa 230 Prozent des BIP, aber da kein Anleger daran zweifelt, dass die Bank von Japan daf\u00fcr sorgen wird, dass sie stets bedient werden, ist der Yen nach wie vor eine der h\u00e4rtesten W\u00e4hrungen der Welt; die Renditen der Staatsanleihen sind bis zu einer Laufzeit von zehn Jahren negativ.<\/p>\n<p>Da die \u201edisziplinierteren\u201c L\u00e4nder des Euroraums aus verst\u00e4ndlichen Gr\u00fcnden bef\u00fcrchten, dass sie (und nicht die EZB) zur Kasse gebeten werden, wenn hochverschuldete Mitgliedsl\u00e4nder Probleme mit ihrem Schuldendienst bekommen, haben sie Regeln durchgesetzt, die auch in schwierigen konjunkturellen Situationen eine lockere Finanzpolitik verhindern, also gerade dann, wenn sie dringend ben\u00f6tigt wird. Italien wurde zuletzt von der EU-Kommission ger\u00fcgt und verwarnt, als f\u00fcr 2019 ein Budget vorgelegt wurde, das ein Defizit von 2,4 Prozent des BIP vorsah. Kein Hahn kr\u00e4ht danach, dass die USA auf ein Defizit von f\u00fcnf Prozent zusteuern, Japan auf eins von drei Prozent.<\/p>\n<p>Wie die folgenden Grafiken zeigen, gibt es in den gr\u00f6\u00dften Volkswirtschaften unter den entwickelten L\u00e4ndern keinen erkennbaren Zusammenhang zwischen Staatsschulden einerseits und BIP-Wachstum und Inflation andererseits.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2019\/01\/Staatsverschuldung_Wachstum_und_Inflation.gif\" alt=\"Grafik: Staatsverschuldung, Wachstum und Inflation\" width=\"611\" height=\"617\" class=\"size-full wp-image-11185\" \/><\/p>\n<p>Eins der gewichtigsten Argumente gegen staatliches Schuldenmachen war, dass dies am Ende zu h\u00f6heren Steuern f\u00fchrt. Abgezinst auf den heutigen Tag neutralisieren diese die expansiven Nachfrageeffekte durch schuldenfinanzierte zus\u00e4tzliche Ausgaben. Resultat: Es gibt keine positiven konjunkturellen Effekte und der Staat sollte es daher sein lassen (<a title=\"Robert J. Barro: Are Government Bonds Net Wealth?\" href=\"https:\/\/eml.berkeley.edu\/\/~saez\/course131\/Barro74JPE.pdf\" target=\"_blank\">Robert Barro, 1974<\/a>). Zudem w\u00fcrden die Zentralbanken, die sich ja zum Ziel gesetzt haben, Inflation zu verhindern, in einer Welt freier Kapitalstr\u00f6me stets f\u00fcr ein (reales oder nominales) Zinsniveau sorgen, das h\u00f6her ist als die Zuwachsrate des (realen oder nominalen) BIP \u2013 allein dadurch w\u00fcrde die Schuldenlast im Laufe der Zeit aber relativ zum BIP immer schwerer. Irgendwann w\u00e4re dann Schluss mit Lustig.<\/p>\n<p>Nun hat Olivier Blanchard vom MIT, der fr\u00fchere Chefvolkswirt des IMF, in seiner <a title=\"Olivier Blanchard: Public Debt and Low Interest Rates\" href=\"https:\/\/www.aeaweb.org\/aea\/2019conference\/program\/pdf\/14020_paper_etZgfbDr.pdf\" target=\"_blank\"><em>Presidential Lecture<\/em> bei der <em>American Economic Association<\/em> in diesem Monat<\/a> darauf hingewiesen, dass mit Ausnahme der f\u00fcnfziger Jahre in allen folgenden Jahrzehnten die Zuwachsrate des BIP h\u00f6her war als das Zinsniveau. Wenn das so ist und die Ausgaben die Steuereinnahmen nicht st\u00e4ndig \u00fcbersteigen, werden die Schulden in Relation zum BIP im Zeitverlauf immer geringer. Nachtr\u00e4gliche Steuererh\u00f6hungen zur Verminderung der Schuldenlast w\u00e4ren nicht erforderlich, die Schulden verschw\u00e4nden von alleine.<\/p>\n<p>Auch gegenw\u00e4rtig nimmt das BIP in den OECD-L\u00e4ndern mit Raten zu, die h\u00f6her sind als das Zinsniveau. In den USA expandiert das reale BIP im Verlauf mit etwa drei Prozent, der Leitzins, also die <em>Fed Funds Rate<\/em>, liegt nominal bei 2,4 Prozent, die 10-j\u00e4hrigen Treasuries bei 2,7 Prozent, das sind real nur 0,5 Prozent beziehungsweise 0,8 Prozent. In Japan nimmt das reale BIP mit einer Rate von etwa ein Prozent zu, w\u00e4hrend die Leitzinsen und die Renditen 10-j\u00e4hriger Staatsanleihen real etwa -0,35 Prozent betragen. Und hier bei uns? Das reale BIP wird nach <a title=\"Jahreswirtschaftsbericht 2019\" href=\"https:\/\/www.bmwi.de\/Redaktion\/DE\/Publikationen\/Wirtschaft\/jahreswirtschaftsbericht-2019.html\" target=\"_blank\">der j\u00fcngsten Prognose der Regierung<\/a> 2019 um 1,0 Prozent h\u00f6her sein als 2018, der reale Hauptrefinanzierungssatz wird dagegen bei -1,5 Prozent, die realen Renditen vielleicht bei -1,3 Prozent. Das ist eine beachtliche Differenz, die \u2013 neben dem wahrscheinlichen Haushalts\u00fcberschuss \u2013 dazu beitr\u00e4gt, dass die Relation Staatsschulden zu BIP in diesem Jahr weit unter die Maastricht-Marke von 60 Prozent sinken wird.<\/p>\n<p>Bei Italien wird das nicht so gut laufen. Ich vermute, dass der reale Leitzins angesichts einer wahrscheinlichen Inflationsrate von 0,5 Prozent etwa -0,5 Prozent betragen d\u00fcrfte, also unterhalb der Zuwachsrate des realen BIP von 0% . Die langen Realzinsen werden aber bei rund zwei Prozent liegen. Von allein kommt das Land daher nicht aus dem Schneider. Bei der Restriktionspolitik noch mal draufzusatteln kommt aber angesichts der labilen politischen Lage nicht infrage \u2013 nur eine Politik, die entschlossen auf Wachstum setzt, kann mittelfristig einen Ausweg bieten. Da m\u00fcsste die EU-Kommission aber mitspielen.<\/p>\n<p>Insgesamt ist das sogenannte marginale Grenzprodukt des privaten Kapitals in den Industriel\u00e4ndern sehr niedrig, Stichwort &#8222;s\u00e4kulare Stagnation&#8220;, was zum Einen die Opportunit\u00e4tskosten zus\u00e4tzlicher staatlicher Schulden niedrig h\u00e4lt und zum Anderen tendenziell den Schuldendienst erleichtert. Bei &#8222;normalen&#8220; L\u00e4ndern sind neue Schulden nicht gef\u00e4hrlich, sie k\u00f6nnen vielmehr dazu beitragen, durch gezielte Verbesserungen des \u00f6ffentlichen Kapitalstocks die privaten Kapitalrenditen und damit die Investitionen und das Wachstumspotenzial zu steigern.<\/p>\n<p>Und zum Schluss pl\u00e4diere ich im \u00dcbrigen noch einmal daf\u00fcr, die Wirtschafts- und W\u00e4hrungsunion rasch weiter zu entwickeln, einschlie\u00dflich einer europ\u00e4ischen Treasury und eines Einstiegs in die Transferunion. Nur dann kann das Risiko ausgeschlossen werden, dass der Euro eines Tages wegen der extremen Unterschiede in der wirtschaftlichen Entwicklung von Zentrum und Peripherie auseinanderfliegt. Eine immer engere Union ist ja nach wie vor das Ziel des europ\u00e4ischen Projekts. Nach dem Ausscheiden der Briten d\u00fcrfte Manches leichter durchzusetzen sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An den Kapital- und Devisenm\u00e4rkten ist seit einiger Zeit die These im Umlauf, dass der gro\u00dfe Wachstumsunterschied zwischen den USA und Euroland vor allem damit zu tun hat, dass die Europ\u00e4er eine zu restriktive, wenn nicht sogar prozyklische Finanzpolitik betrieben, w\u00e4hrend den Amerikanern Budgetdefizite ziemlich egal seien, Hauptsache die Nachfrage, einschlie\u00dflich der staatlichen, expandiert insgesamt [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":61,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-11176","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-konjunktur-und-wirtschaftspolitik"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v21.0 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Staatsschulden sind kein Problem \u2013 meistens! - Herdentrieb<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2019\/01\/30\/staatsschulden-sind-kein-problem-meistens_11176\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Staatsschulden sind kein Problem \u2013 meistens! - Herdentrieb\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"An den Kapital- und Devisenm\u00e4rkten ist seit einiger Zeit die These im Umlauf, dass der gro\u00dfe Wachstumsunterschied zwischen den USA und Euroland vor allem damit zu tun hat, dass die Europ\u00e4er eine zu restriktive, wenn nicht sogar prozyklische Finanzpolitik betrieben, w\u00e4hrend den Amerikanern Budgetdefizite ziemlich egal seien, Hauptsache die Nachfrage, einschlie\u00dflich der staatlichen, expandiert insgesamt [&hellip;]\" \/>\n<meta property=\"og:url\" content=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2019\/01\/30\/staatsschulden-sind-kein-problem-meistens_11176\" \/>\n<meta property=\"og:site_name\" content=\"Herdentrieb\" \/>\n<meta property=\"article:published_time\" content=\"2019-01-30T17:27:05+00:00\" \/>\n<meta property=\"article:modified_time\" content=\"2019-01-30T17:31:02+00:00\" \/>\n<meta property=\"og:image\" content=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2019\/01\/Staatsverschuldung_Wachstum_und_Inflation.gif\" \/>\n<meta name=\"author\" content=\"Dieter Wermuth\" \/>\n<meta name=\"twitter:card\" content=\"summary_large_image\" \/>\n<meta name=\"twitter:creator\" content=\"@zeitonline\" \/>\n<meta name=\"twitter:site\" content=\"@zeitonline\" \/>\n<meta name=\"twitter:label1\" content=\"Geschrieben von\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data1\" content=\"Dieter Wermuth\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:label2\" content=\"Gesch\u00e4tzte Lesezeit\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data2\" content=\"6\u00a0Minuten\" \/>\n<script type=\"application\/ld+json\" class=\"yoast-schema-graph\">{\"@context\":\"https:\/\/schema.org\",\"@graph\":[{\"@type\":\"WebPage\",\"@id\":\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2019\/01\/30\/staatsschulden-sind-kein-problem-meistens_11176\",\"url\":\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2019\/01\/30\/staatsschulden-sind-kein-problem-meistens_11176\",\"name\":\"Staatsschulden sind kein Problem \u2013 meistens! - Herdentrieb\",\"isPartOf\":{\"@id\":\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/#website\"},\"datePublished\":\"2019-01-30T17:27:05+00:00\",\"dateModified\":\"2019-01-30T17:31:02+00:00\",\"author\":{\"@id\":\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/#\/schema\/person\/cded255e8a7893fa16565de10e59b891\"},\"breadcrumb\":{\"@id\":\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2019\/01\/30\/staatsschulden-sind-kein-problem-meistens_11176#breadcrumb\"},\"inLanguage\":\"de\",\"potentialAction\":[{\"@type\":\"ReadAction\",\"target\":[\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2019\/01\/30\/staatsschulden-sind-kein-problem-meistens_11176\"]}]},{\"@type\":\"BreadcrumbList\",\"@id\":\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2019\/01\/30\/staatsschulden-sind-kein-problem-meistens_11176#breadcrumb\",\"itemListElement\":[{\"@type\":\"ListItem\",\"position\":1,\"name\":\"Startseite\",\"item\":\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\"},{\"@type\":\"ListItem\",\"position\":2,\"name\":\"Staatsschulden sind kein Problem \u2013 meistens!\"}]},{\"@type\":\"WebSite\",\"@id\":\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/#website\",\"url\":\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/\",\"name\":\"Herdentrieb\",\"description\":\"So funktioniert Kapitalismus. 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