{"id":11231,"date":"2019-03-11T11:49:35","date_gmt":"2019-03-11T10:49:35","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=11231"},"modified":"2019-03-20T09:04:26","modified_gmt":"2019-03-20T08:04:26","slug":"disruptive-digitalisierung-kein-grund-zur-panik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2019\/03\/11\/disruptive-digitalisierung-kein-grund-zur-panik_11231","title":{"rendered":"Disruptive Digitalisierung? Kein Grund zur Panik"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.wirtschaftsdienst.eu\/\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-8431\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2015\/06\/Wirtschaftsdienst_Logo_290x60.gif\" alt=\"Logo: Wirtschaftsdienst - Zeitschrift f\u00fcr Wirtschaftspolitik\" width=\"280\" height=\"58\" \/><\/a><em><a href=\"http:\/\/www.wirtschaftsdienst.eu\/\" target=\"_blank\">Exklusiv aus dem Wirtschaftsdienst:<\/a><\/em> Fritz Helmedag von der TU Chemnitz <a title=\"Fritz Helmedag: Industrielle Revolution(en): Transformationsprozesse des Kapitalismus, in: Wirtschaftsdienst 3\/2019, S. 210-215\" href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2019\/03\/11\/disruptive-digitalisierung-kein-grund-zur-panik_11231#pdf\">beschreibt<\/a> in der M\u00e4rz-Ausgabe des <em>Wirtschaftsdienst<\/em> die Transformationsprozesse des Kapitalismus. Er zeigt, dass disruptive Prozesse kein ungew\u00f6hnliches Ph\u00e4nomen in der Geschichte des Kapitalismus sind. Aus seiner Sicht sind die Kassandra-Rufe und die Angst vor ausufernder Arbeitslosigkeit unbegr\u00fcndet, sofern die Politik den digitalen Transformationsprozess sinnvoll gestaltet. Digitalisierung f\u00fchrt also nicht zwingend zu Massenarbeitslosigkeit.<!--more--><\/p>\n<p>Die Volkswirtschaftslehre gilt seit ihren Anf\u00e4ngen als &#8222;dismal science&#8220;, weil \u00d6konomen seit jeher h\u00e4ufig trostlose Botschaften verk\u00fcnden. So ging zum Beispiel der \u00d6konom Malthus davon aus, dass eine exponentiell wachsende Bev\u00f6lkerung bei nur linear wachsender Lebensmittelproduktion dazu f\u00fchren w\u00fcrde, dass es Massenelend und Hunger geben w\u00fcrde. Er irrte sich. Die G\u00fcterproduktion ist \u00e4hnlich rasant gestiegen wie die Weltbev\u00f6lkerung, auch wenn Hunger noch immer ein existenzielles Problem f\u00fcr jeden zehnten Menschen auf der Welt ist.<\/p>\n<p>Wie ist es zu dem rasanten Anstieg der G\u00fcterproduktion gekommen? Die Erkl\u00e4rung daf\u00fcr wird oft in der folgende Gleichung zusammengefasst: Dampfmaschine + Bev\u00f6lkerungswachstum = industrielle Revolution. So eing\u00e4ngig diese einfache Formel auch klingen mag, Fritz Helmedag h\u00e4lt sie f\u00fcr oberfl\u00e4chlich und ungenau: &#8222;Weder wurde in den ersten Jahrzehnten des sozialen, \u00f6konomischen und kulturellen Epochenwandels die neue Antriebsmaschine weitr\u00e4umig benutzt, noch geschah die Umw\u00e4lzung quasi \u00fcber Nacht in einem rapide ablaufenden Vorgang. In Ans\u00e4tzen kommt diese Erkenntnis schon darin zum Ausdruck, dass man einerseits sowohl von der Industriellen Revolution schlechthin als einem singul\u00e4ren Ereignis spricht, als auch andererseits eine Abfolge solcher industriellen Revolutionen aneinanderreiht.&#8220;<\/p>\n<p>Disruptive Technologien werden oft mit einer f\u00fcr sie charakteristischen Basisinnovation in Verbindung gebracht werden, stellt Helmedag fest. Bei der erste industrielle Revolution ist es die Dampfmaschine, bei der zweite das Flie\u00dfband und bei der dritte Revolution der Computer. Bei der von der Digitalisierung befeuerten Industrie 4.0 handele es sich um die aktuelle Auspr\u00e4gung. In Wahrheit, so Helmedag, orientiere sich die Terminologie haupts\u00e4chlich auf im Alltagsleben wahrzunehmende, wenngleich tiefgreifende Transformationsprozesse eines in seiner Grundstruktur best\u00e4ndigen kapitalistischen Systems, dessen \u00f6konomische Triebkr\u00e4fte meist im Dunkeln bleiben.<\/p>\n<p>In der historischen Analyse zeigt Helmedag, welcher gesellschaftlichen Vorrausetzungen es letztendlich bedarf, &#8222;um die Entfaltung und Weiterentwicklung der in ihren Grundlinien meist schon bekannten Produktionsmethoden hervorzurufen.&#8220; Er hebt dabei hervor, dass es entsprechend motivierte Individuen geben m\u00fcsse, die eine Industrialisierung vorantreiben. Es sei von daher kein Zufall, dass die industrielle Revolution mit einer &#8222;Diesseitsorientierung&#8220; und Emanzipation des Menschen einherging. Auf diesem N\u00e4hrboden konnten sich Institutionen und Arbeitsweisen entwickeln, die den rasanten Anstieg der Produktion erst m\u00f6glich machten. Fritz Helmedag res\u00fcmiert: &#8222;Tats\u00e4chlich hat sich unterdessen der von Egoismus und Gier getriebene Homo oeconomicus in einer s\u00e4kularisierten Welt kr\u00e4ftig vermehrt. Die Verbreitung der Eigenliebe und Habsucht unter den modernen Menschen sollte deshalb weniger unter der Rubrik &#8218;Industrielle Revolution&#8216; gef\u00fchrt werden, sondern inhaltlich pr\u00e4ziser &#8218;kapitalistische Genese&#8216; hei\u00dfen. Der Prozess ist mit einer extensiven und intensiven Landnahme der modernen Wirtschaftsweise verbunden: Die Globalisierung hat die internationale Konkurrenz mit Macht ergriffen und in den L\u00e4ndern selbst unterliegt die Bereitstellung \u00f6ffentlicher G\u00fcter \u2013 wie Infrastruktur und Bildungswesen \u2013 in erh\u00f6htem Ma\u00df unternehmerischen Effizienzkriterien, bis hin zur Privatisierung.&#8220;<\/p>\n<p>Mit Blick auf die Digitalisierung und die vierte industrielle Revolution warnen Studien vor einem massiven Einbruch der Besch\u00e4ftigung: So seien die H\u00e4lfte aller Jobs bedroht, innerhalb der n\u00e4chsten 20 Jahre zu verschwinden. Gegen solche Bef\u00fcrchtungen wendet Helmedag allerdings ein: &#8222;Freilich ist es keineswegs ausgemacht, dass die Automatisierung und Computerisierung wirklich das an die Wand gemalte Schreckgespenst massenhafter Erwerbslosigkeit heraufbeschw\u00f6rt. Gordon meint etwa, die Digitalisierung bleibe hinter den mit der Elektrifizierung und der Diffusion des Verbrennungsmotors verbundenen Umw\u00e4lzungen der zweiten industriellen Revolution zur\u00fcck, die zwischen 1913 und 1972 zu einem goldenen Zeitalter stark wachsender Produktivit\u00e4t gef\u00fchrt habe. Seitdem verl\u00e4uft die Zunahme recht moderat, ja es ist von einer s\u00e4kularen Stagnation die Rede. Dazu passen Untersuchungen, die ein eher konstantes Besch\u00e4ftigungsniveau vorhersagen, wenngleich sich traditionelle Berufsbilder zum Teil stark ver\u00e4ndern oder gar wegfallen.&#8220;<\/p>\n<p>In Summe h\u00e4lt Helmedag fest, dass die Digitalisierung aus volkswirtschaftlicher Perspektive keine komplett neuen Probleme aufwerfe. Mit einer geeigneten Wachstums-, Verteilungs- und Arbeitszeitpolitik sind die durch die Digitalisierung angesto\u00dfenen Transformationsprozesse des Kapitalismus beherrschbar. Fritz Helmedag \u00fcbt zum Abschluss deutliche Kritik am wirtschaftswissenschaftlichen Diskurs und schreibt: &#8222;Doch nach wie vor macht die orthodoxe \u00d6konomik ihrem d\u00fcsteren Ruf alle Ehre, indem sie dem Publikum ganz im Stile der alten &#8218;dismal science&#8216; weismacht, die Ursache allen \u00dcbels seien zu hohe L\u00f6hne, zu kurze Arbeitszeiten, zu \u00fcppige Sozialleistungen usw. Kritische Wissenschaftler verweisen indes auf den inzwischen erreichten Stand der Produktivkr\u00e4fte, der die Perspektive er\u00f6ffne, mit den geeigneten Ma\u00dfnahmen k\u00fcnftige H\u00e4utungen \u2013 in Umkehrung einer bekannten Formel \u2013 als &#8218;zerst\u00f6rerische Sch\u00f6pfung&#8216; zu gestalten. Es d\u00fcrfte aber eine sehr lange Strecke sein, welche die kapitalistische Genese auf diesem Weg noch zur\u00fcckzulegen hat.&#8220;<br \/>\n<a name=\"pdf\"><\/a><br \/>\nLesen Sie hier exklusiv vorab ausf\u00fchrlich den Beitrag von Fritz Helmedag zu einigen gesamtwirtschaftlichen Aspekten der Digitalisierung aus der M\u00e4rz-Ausgabe des <em>Wirtschaftsdienst<\/em>:<\/p>\n<p><a title=\"Industrielle Revolution(en): Transformationsprozesse des Kapitalismus, in: Wirtschaftsdienst 3\/2019, S. 210-215 (pdf)\" href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2019\/03\/wirtschaftsdienst_3-2019_Helmedag_Transformationsprozesse_des_Kapitalismus_Digitalisierung.pdf\"><em><strong>Industrielle Revolution(en): Transformationsprozesse des Kapitalismus<\/strong><\/em><\/a>, in: Wirtschaftsdienst 3\/2019, S. 210-215<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Exklusiv aus dem Wirtschaftsdienst: Fritz Helmedag von der TU Chemnitz beschreibt in der M\u00e4rz-Ausgabe des Wirtschaftsdienst die Transformationsprozesse des Kapitalismus. 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