{"id":1569,"date":"2010-03-21T22:28:15","date_gmt":"2010-03-21T21:28:15","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=1569"},"modified":"2010-03-21T23:49:51","modified_gmt":"2010-03-21T22:49:51","slug":"fur-fortgeschrittene","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2010\/03\/21\/fur-fortgeschrittene_1569","title":{"rendered":"F\u00fcr Fortgeschrittene"},"content":{"rendered":"<p>Ganz allm\u00e4hlich scheint sich der Blick auf das Wesen Kapitalismus zu \u00e4ndern. Selbst in Deutschland. Das ist sensationell. Jetzt hat sogar die <em>Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung<\/em>, die gerne so tut, als handele es sich dabei um eine Tauschwirtschaft und nicht um eine Geldwirtschaft, <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub3ADB8A210E754E748F42960CC7349BDF\/Doc~EA951494C4A834E3381E0E7A9D47875B4~ATpl~Ecommon~Scontent.html\" target=\"_blank\">ihren Lesern erkl\u00e4rt, dass ein Land nicht permanent \u00dcbersch\u00fcsse aufh\u00e4ufen kann<\/a>. Und sie haben <a href=\"http:\/\/books.google.de\/books?id=lpWh2cK05TgC&#038;printsec=frontcover&#038;dq=Wolfgang+St%C3%BCtzel+Saldenmechanik&#038;source=bl&#038;ots=fQKVs44Lcy&#038;sig=YNuRIt12z1bGAbhRuCRJkNKYguc&#038;hl=de&#038;ei=b5mmS4W1CdSmsAbIl93qDA&#038;sa=X&#038;oi=book_result&#038;ct=result&#038;resnum=1&#038;ved=0CAkQ6AEwAA#v=onepage&#038;q=&#038;f=false\" target=\"_blank\">Wolfgang St\u00fctzel und seiner Saldenmechanik<\/a> eine kleine Referenz erwiesen (leider online nicht verf\u00fcgbar). Wahnsinn. Und weil ich deshalb gerade so gut gelaunt bin, sollten wir uns jetzt an den Kapitalismus f\u00fcr Fortgeschrittene wagen. An das Geheimnis dieses auf Schulden basierenden Geldsystems. Es lautet: Der Gl\u00e4ubiger muss es seinem Schuldner erm\u00f6glichen, die Schulden zur\u00fcck zu zahlen. Er muss ihn zahlungsf\u00e4hig halten.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nSo eine Frage tritt in einer Tauschwirtschaft, wo Person A seine \u00c4pfelchen gegen die Birnchen der Person B tauscht, nat\u00fcrlich nicht auf. Und leider befindet sich das herrschende Paradigma der Volkswirtschaft noch immer auf diesem debilen Niveau. Aber gut, das ist eine andere Debatte. In der Geldwirtschaft dagegen kann es \u00dcbersch\u00fcsse und Defizite geben. Und dann stellt sich rasch die Frage, wer finanziert eigentlich die Defizite? Die Antwort: Nat\u00fcrlich der, der die \u00dcbersch\u00fcsse anh\u00e4uft. Und schon wird klar, wo das Dilemma dauerhafter \u00dcbersch\u00fcsse liegt: Der Schuldner wird irgendwann seine Schulden nicht zur\u00fcck zahlen k\u00f6nnen. Also muss die Schuld in irgendeiner Weise reduziert werden. <\/p>\n<p>Bleiben wir, weil es so sch\u00f6n ist, beim Beispiel Au\u00dfenhandel, Deutschland\/Griechenland oder China\/USA. In beiden F\u00e4llen sollte klar sein, dass der Exporteur in realen Terms nie das zur\u00fcck erhalten wird, wof\u00fcr er die G\u00fcter einst verkaufte. Einfach gelagert ist der Fall China\/USA. Der Yuan wertet auf und die Amis entschulden sich gegen\u00fcber China \u00fcber wertlosere Dollar. (By the way: In den 60er Jahren war ein Dollar vier Mark wert, heute sind es etwas mehr als 1,50. Auch die Deutschen haben den Gegenwert f\u00fcr ihre Exporte in die USA nicht zur\u00fcck bekommen.) Bei dem P\u00e4rchen Deutschland\/Griechenland gibt es, weil es die Option Abwertung nicht gibt, mehrere spannende M\u00f6glichkeiten. <\/p>\n<p>Die eine, die harmloseste, lautet: Umverteilung. Die EU erh\u00f6ht die F\u00f6rdert\u00f6pfe, Deutschland zahlt ein paar Milliarden Euro mehr rein, und die Griechen k\u00f6nnen ihre Schulden weiter bezahlen (<a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/in_und_ausland\/politik\/doku_und_debatte\/2443372_Stockt-die-EU-Toepfe-auf.html\" target=\"_blank\">das schl\u00e4gt Ulrich Kater, Deka-Chefvolkswirt, in der <em>FR<\/em> vor<\/a>).<\/p>\n<p>Etwas weniger harmlos und technisch gar nicht so einfach zu realisieren: Euroland setzt auf hohe Inflation und zaubert die Staatsschulden einfach weg.  Die krassere Alternative lautet Staatsbankrott. Die Griechen erlassen ein Moratorium und zahlen nur noch sagen wir 20 Prozent zur\u00fcck. Dann bekommen die deutschen Banken und Lebensversicherer ein paar Probleme und vielleicht muss dann der deutsche Steuerzahler die Banken wieder retten. Interessant ist noch eine Variante, mit der sich alle gro\u00dfen Staaten entschulden k\u00f6nnten: Der W\u00e4hrungsschnitt. Jedes Land streicht eine Null, dann sind die Staaten saniert und die Halter von Staatsanleihen angeschmiert.<\/p>\n<p>Auf eine dieser f\u00fcnf Varianten oder eine Mixform wird es hinauslaufen. Das ist sicher. Immer werden die Defizitl\u00e4nder, die Schuldner, profitieren und die \u00dcberschussl\u00e4nder, die Sparer, verlieren. Warum das so sein muss: Wie oben schon geschrieben, weil die Schuldner zahlungsf\u00e4hig bleiben m\u00fcssen. <\/p>\n<p>Gibt es nicht auch eine \u201emarktm\u00e4\u00dfige\u201c Variante, m\u00f6gen jetzt die Anf\u00e4nger in Sachen Kapitalismus fragen? Die gibt es gewiss. Sie lautet: Es darf keine \u00dcbersch\u00fcsse geben, die man auch Akkumulation nennen kann. Nachdem Deutschland drei Jahre mehr exportiert hat, als es importiert hat, muss es mehr importieren als exportieren. So einfach ist das \u2013 in der Theorie. <\/p>\n<p>Und schon ist das Geheimnis gel\u00fcftet. Was man sch\u00f6n an den \u00dcbersch\u00fcssen\/Defiziten  der Staaten erkl\u00e4ren kann, gilt nat\u00fcrlich auch innerhalb einer Volkswirtschaft. Je geringer die Akkumulation, je gleichverteilter das Verm\u00f6gen, desto dynamischer ist die Volkswirtschaft. Und auch hier gilt, dass Umverteilung die sanfteste Form ist gegen die marktm\u00e4\u00dfig voranschreitende Akkumulation vorzugehen. Eine Geldwirtschaft schafft gro\u00dfe Haufen. Haufen, die je gr\u00f6\u00dfer desto erdr\u00fcckender f\u00fcr die Volkswirtschaft werden.<\/p>\n<p> Das wussten zwar schon die alten Griechen, die sich auf die Institution Jubeljahre besannen, und nach 49 Jahren einfach wieder den Urzustand der Verteilung herstellten. Die modernen \u00d6konomen scheinen es zumindest in den vergangenen 40 Jahren vergessen zu haben. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ganz allm\u00e4hlich scheint sich der Blick auf das Wesen Kapitalismus zu \u00e4ndern. Selbst in Deutschland. Das ist sensationell. 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