{"id":2151,"date":"2010-08-03T23:17:47","date_gmt":"2010-08-03T21:17:47","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=2151"},"modified":"2010-08-04T13:17:18","modified_gmt":"2010-08-04T11:17:18","slug":"hoch-die-steuern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2010\/08\/03\/hoch-die-steuern_2151","title":{"rendered":"Hoch die Steuern"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe mich in der aktuellen Ausgabe der <em>ZEIT<\/em> passend zum Thema des letzten Eintrags mit dem Thema Spitzensteuersatz besch\u00e4ftigt. Hier ist der Artikel f\u00fcr alle die, die es interessiert:<!--more--><\/p>\n<p>Karl Marx hatte manchmal recht praktische Vorschl\u00e4ge parat. Neben der Enteignung der Grundbesitzer und der \u00bbCentralisation des Kredits in den H\u00e4nden des Staates\u00ab empfahl er 1848 im <em>Kommunistischen Manifest<\/em> eine \u00bbstarke Progressiv-Steuer\u00ab, um die \u00bbUmw\u00e4lzung der ganzen Produktionsweise\u00ab zu erreichen. Neu war das Ziel, das er anstrebte \u2013 nicht aber das Instrument. Die Frage nach der gerechten Verteilung der Steuerlast, die derzeit auch die Politiker in Berlin wieder einmal umtreibt, hat eine lange und wechselhafte Geschichte.<\/p>\n<p>Bereits in den deutschen St\u00e4dten und den italienischen Stadtstaaten des ausgehenden Mittelalters wurden die Steuern progressiv erhoben \u2013 also mit Einkommen oder Verm\u00f6gen steigend. In Florenz lag der H\u00f6chstsatz im 15. Jahrhundert bei 50 Prozent, und in Frankfurt am Main bezog man 1405 stolze 21 Prozent aller st\u00e4dtischen Einnahmen aus Verm\u00f6genssteuern. Die Staaten der Neuzeit finanzierten sich dann fast ausschlie\u00dflich durch Z\u00f6lle und Verbrauchsteuern, auch wenn sich die franz\u00f6sischen Revolution\u00e4re von 1789 und einige deutsche Intellektuelle der Vorm\u00e4rzzeit redlich um mehr Steuerprogression bem\u00fchten. Doch es fehlten vielfach die administrativen Voraussetzungen f\u00fcr die Einf\u00fchrung fl\u00e4chendeckender Steuern.<\/p>\n<p>Zudem gab es ideologische Vorbehalte. Der britische National\u00f6konom John Stuart Mill bezeichnete die Steuerprogression als eine \u00bbmilde Form von Raub\u00ab. Der franz\u00f6sische Staatsmann Turgot, der vergeblich versuchte, das nahezu bankrotte Frankreich Ludwigs XVI. zu reformieren, wetterte, man solle den Urheber der Idee exekutieren und nicht diese selbst. Adam Smith, der Gr\u00fcndervater der freien Marktwirtschaft, vertrat als einer von wenigen die gegenteilige Meinung. Seiner Ansicht nach sollte der Beitrag zum Unterhalt der Regierung \u00bbgenau im Verh\u00e4ltnis zu den Eink\u00fcnften\u00ab stehen.<\/p>\n<p>Die rasante Industrialisierung lie\u00df im Verlauf des 19. Jahrhunderts das Interesse an der Progressivsteuer auch in staatstragenden Kreisen wachsen. Es ging ihnen vor allem um die Finanzierung der Staatsausgaben. Den Anfang machte Preu\u00dfen. 1891 f\u00fchrte dort Finanzminister Johannes von Miquel, der in seinen jungen Jahren Kommunist gewesen war, die progressive Einkommensteuer ein. Der Spitzensatz ab einem Einkommen von 100.000 Mark (das entspricht heute etwa einer Million Euro) lag bei bescheidenen vier Prozent, trotzdem war die Ma\u00dfnahme h\u00f6chst umstritten. Die \u00bballerheiligsten politischen Grunds\u00e4tze\u00ab w\u00fcrden \u00fcber Bord geworfen, nur um \u00bbden Reichen sch\u00e4rfer zu treffen\u00ab, beklagte sich der Rechtsgelehrte Rudolf von Gneist.<\/p>\n<p>Doch angesichts der fortschreitenden Verelendung der Arbeiterschaft auf der einen und einer Konzentration der Einkommen auf der anderen Seite wurden Steuern nun auch immer h\u00e4ufiger mit Gerechtigkeitserw\u00e4gungen begr\u00fcndet. Die SPD bekannte sich im Gothaer Programm 1875 zu einer progressiven Einkommensteuer. Und die in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts entstehende Grenznutzenschule der \u00d6konomie lieferte auch konservativen Zirkeln das ideologische Fundament f\u00fcr ein progressives Abgabensystem. Dieser Theorie zufolge sinkt der Nutzen eines Gutes mit jeder zus\u00e4tzlich konsumierten Einheit \u2013 woraus folgt, dass der Gesamtnutzen in einer Gesellschaft steigt, wenn den Reichen genommen wird, um den Armen zu geben. F\u00fcr den franz\u00f6sischen \u00d6konomen Jean-Baptiste Say, auf den sich heute viele konservative Wirtschaftswissenschaftler beziehen, war die progressive Besteuerung \u00bbdie allein gerechte\u00ab.<\/p>\n<p><strong>US-Pr\u00e4sident Reagan senkte den Spitzensatz von 70 auf 28 Prozent<\/strong><\/p>\n<p>Im M\u00e4rz 1920 verabschiedete der Reichstag die gro\u00dfe Steuerreform des Finanzministers Matthias Erzberger. In nur neun Monaten baute der Zentrumspolitiker die Finanzverwaltung um und erh\u00f6hte den Spitzensteuersatz auf 60 Prozent. Erzberger hatte schon als Unterzeichner des Waffenstillstandes von Compi\u00e8gne 1918 den Hass der Rechten auf sich gezogen, seine Reformpolitik brachte sie nun noch mehr gegen ihn auf. Am 26.August 1921 wurde er von Mitgliedern der rechtsradikalen Organisation Consul ermordet.<\/p>\n<p>Erzbergers Reform wirkte lange fort. Bis in die achtziger Jahre hinein lag der Spitzensteuersatz in Deutschland bei 56 Prozent. \u00c4hnlich sah es in anderen europ\u00e4ischen Staaten und in den USA aus. Die Amerikaner f\u00fchrten 1913 eine abgestufte Einkommensteuer ein, zun\u00e4chst mit einem Spitzensatz von sieben Prozent. Doch Kriege und Krisen trieben die S\u00e4tze schnell nach oben.<\/p>\n<p>Als w\u00e4hrend der Gro\u00dfen Depression nach dem B\u00f6rsencrash von 1929 die Staatseinnahmen wegbrachen, hob der republikanische Pr\u00e4sident Herbert Hoover im Jahr 1932 die Steuern insgesamt an und setzte die Spitzenabgabe auf 63 Prozent. Im Zweiten Weltkrieg, unter Hoovers demokratischem Nachfolger Franklin D. Roosevelt, kletterte der Satz sogar auf 94 Prozent. Als der Krieg vorbei war, lie\u00df sich Washington mit der Senkung der Steuern Zeit: Bis Ende der siebziger Jahre fiel der Spitzensatz nicht unter 70 Prozent. Der Vietnamkrieg brachte noch einmal eine Erh\u00f6hung um zehn Prozent.<\/p>\n<p>In den fr\u00fchen Jahren lagen die Einkommensgrenzen allerdings so hoch, dass kaum jemanden der H\u00f6chstsatz traf. Die Abgabe von 79 Prozent (1936) galt f\u00fcr Jahreseink\u00fcnfte von mehr als f\u00fcnf Millionen Dollar \u2013 nach heutiger Kaufkraft etwa 50 Millionen Dollar. Es ging das Ger\u00fccht um, in ganz Amerika zahle \u00fcberhaupt nur einer diesen Satz: John D. Rockefeller. In den sechziger und siebziger Jahren wurde der Schwellenwert dann auf 200.000 Dollar gesenkt. Nach Berechnungen von Emmanuel Saez, \u00d6konom an der Universit\u00e4t in Berkeley, f\u00fchrten Topverdiener damals insgesamt rund 70 Prozent des Einkommens an den Fiskus ab. F\u00fcr den keynesianisch inspirierten Mainstream der damaligen Zeit war das aber kein Problem: Keynes glaubte, der Wohlstand einer Nation h\u00e4nge vor allem von der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage ab \u2013 und Superreiche geben ohnehin nur einen geringen Anteil ihres Einkommens f\u00fcr den Konsum aus.<\/p>\n<p>Doch schon Pr\u00e4sident John F. Kennedy hatte \u2013 anders als seine Wirtschaftsberater \u2013 Zweifel an der Theorie: Die Wirtschaft werde \u00bbbehindert durch restriktive Steuers\u00e4tze\u00ab. So urteilten bald auch andere. In den siebziger Jahren wuchs an den \u00f6konomischen Fakult\u00e4ten der Einfluss wirtschaftsliberaler Denkschulen. In den von \u00d6lkrise, Wechselkursschwankungen und Streikwellen ersch\u00fctterten westlichen Volkswirtschaften fanden die Liberalen zunehmend Geh\u00f6r und in US-Pr\u00e4sident Ronald Reagan und der englischen Premierministerin Margaret Thatcher Verb\u00fcndete auf h\u00f6chster Ebene.<\/p>\n<p>Die neue Bewegung hielt hohe Spitzensteuers\u00e4tze f\u00fcr wachstumssch\u00e4dlich, leistungsfeindlich und f\u00fcr das Steueraufkommen insgesamt vergleichsweise unbedeutend. Der \u00d6konom Arthur Laffer, ein Berater Reagans, stellte die auch heute noch popul\u00e4re Theorie auf, dass die Steuereinnahmen steigen, wenn die Steuers\u00e4tze gesenkt werden. Wenn die Menschen weniger Steuern zahlen m\u00fcssten, lohne es sich, mehr zu arbeiten. Die Folge seien h\u00f6here Einkommen, was wiederum mehr Geld in die Staatskassen bringe.<\/p>\n<p>Reagan dr\u00fcckte den H\u00f6chstsatz in zwei Schritten von 70 auf 28 Prozent. Viele L\u00e4nder folgten dem Beispiel. In Deutschland kam die konservative Revolution erst mit Versp\u00e4tung an: Ausgerechnet die rot-gr\u00fcne Regierung war es, die den Spitzensatz im Jahr 2004 auf 42 Prozent senkte.<\/p>\n<p>Heute gilt in den USA ein Spitzensteuersatz von 35 Prozent ab einem Einkommen von 373651 Dollar. Damit geben die Topverdiener unterm Strich nur noch halb so viel ab wie in den sechziger und siebziger Jahren. Die Hoffnung auf steigende Steuereinnahmen und eine h\u00f6here wirtschaftliche Dynamik erf\u00fcllte sich unterdessen nicht. Reagan hinterlie\u00df riesige Etatdefizite, die Wachstumsraten sind heute alles in allem nicht h\u00f6her als fr\u00fcher.<\/p>\n<p><strong>Seit zwei Jahrzehnten kann wieder ungest\u00f6rt Geld verdient werden<\/strong><\/p>\n<p>Das wirft die Frage auf, welche gesellschaftlichen Folgen das Auf und Ab des Spitzensteuersatzes hat. Von den drei\u00dfiger Jahren an begann sich in den Industriestaaten die Schere zwischen Reich und Arm zun\u00e4chst zu schlie\u00dfen. Seit Mitte der achtziger Jahre geht sie wieder auseinander. Der Schluss liegt nahe, je h\u00f6her die Spitzensteuer, desto gleicher die Gesellschaften. Das oberste Prozent der absoluten Topverdiener streicht heute in den USA wie in den zwanziger Jahren fast 25 Prozent der Gesamteinkommen ein \u2013 in den siebziger Jahren waren es weniger als zehn Prozent.<\/p>\n<p>Aus der Gleichzeitigkeit von Entwicklungen, das sagen die Gesetze der Statistik, l\u00e4sst sich noch nicht auf eine kausale Verbindung schlie\u00dfen. Auch Globalisierung und technologischer Wandel gelten unter Experten als Ursache f\u00fcr die Zunahme der Ungleichheit, ebenso die Erosion der Gewerkschaftsmacht und die Deregulierung der Finanzm\u00e4rkte. Die Steuerpolitik aber hat den Trend in jedem Fall bef\u00f6rdert. So waren die gro\u00dfen Verm\u00f6gen, die es zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab, in der weitgehend abgabenfreien Zeit des 19. Jahrhunderts angeh\u00e4uft worden. In der Weltwirtschaftskrise und den beiden Weltkriegen wurden sie heftig dezimiert, und der Fiskus verhinderte durch seine rigiden Steuergesetze einen Ausgleich der entstandenen Verluste. Seit zwei Jahrzehnten kann nun auf Erden wieder relativ ungest\u00f6rt Geld verdient werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe mich in der aktuellen Ausgabe der ZEIT passend zum Thema des letzten Eintrags mit dem Thema Spitzensteuersatz besch\u00e4ftigt. 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