{"id":2387,"date":"2010-10-14T18:25:30","date_gmt":"2010-10-14T16:25:30","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=2387"},"modified":"2010-10-14T18:26:03","modified_gmt":"2010-10-14T16:26:03","slug":"danke-wir-konnen-nicht-klagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2010\/10\/14\/danke-wir-konnen-nicht-klagen_2387","title":{"rendered":"Danke, wir k\u00f6nnen nicht klagen!"},"content":{"rendered":"<p>Im Wall Street Journal gab es am 11. Oktober einen erstaunlichen Bericht mit der \u00dcberschrift &#8222;<a href=\"http:\/\/online.wsj.com\/article\/SB10001424052748704518104575546542463746562.html\" target=\"_blank\">Wall Street Pay: A Record $144 Billion<\/a>&#8220; &#8211; dabei handelt es sich um eine Sch\u00e4tzung f\u00fcr die drei Dutzend gr\u00f6\u00dften Finanzunternehmen. W\u00e4hrend die amerikanische Wirtschaft insgesamt immer noch darniederliegt, ist die Wall Street &#8222;back to normal&#8220;. Die Einkommen werden 2010 so hoch ausfallen wie zu besten Zeiten. Ich sch\u00e4tze mal, dass das Durchschnittseinkommen in diesen Unternehmen, also einschlie\u00dflich der Einkommen von Pf\u00f6rtnern und Sekret\u00e4rinnen, irgendwo zwischen 200.000 und 400.000 Dollar liegen wird &#8211; bei Goldmann Sachs d\u00fcrften vermutlich sogar mehr als eine halbe Million herauskommen. Die Gewinne des Finanzsektors haben schon wieder einen Anteil von mehr als 20% an den Unternehmensgewinnen insgesamt, so wie es in den Jahren von 1990 bis 2008 zur Regel geworden ist. Dabei arbeiten gerade einmal viereinhalb Prozent aller Erwerbst\u00e4tigen in der Finanzbranche. Wir haben es mit einer unglaublichen Marktverzerrung zu tun.<!--more--><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2010\/10\/FinProfitShares_ex_Fed_1950-2010Q2.gif\" alt=\"Grafik: Gewinne des US-Finanzsektors in % der Unternehmensgewinne insgesamt\" title=\"Gewinne des US-Finanzsektors in % der Unternehmensgewinne insgesamt\" width=\"400\" height=\"320\" class=\"size-full wp-image-2388\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2010\/10\/FinProfitShares_ex_Fed_1950-2010Q2.gif 400w, https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2010\/10\/FinProfitShares_ex_Fed_1950-2010Q2-300x240.gif 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/p>\n<p>Wie schwierig in den USA die wirtschaftliche Lage au\u00dferhalb des gesegneten Finanzsektors \u00fcbrigens sein muss, zeigen die folgenden Zahlen: die Gesamtzahl der Besch\u00e4ftigten lag im September immer noch um 4,8 Prozent unter dem bisherigen H\u00f6chstwert von November 2007 (in Deutschland ist der Besch\u00e4ftigungseinbruch dagegen bereits wettgemacht!); die Anzahl der Arbeitslosen plus der Gelegenheitsarbeiter plus der aus wirtschaftlichen Gr\u00fcnden notgedrungen nur Teilzeitbesch\u00e4ftigten liegt bei nicht weniger als 17 Prozent des Arbeitskr\u00e4ftepotentials &#8211; verglichen mit 8 Prozent zu Zeiten des konjunkturellen Hochs vor vier Jahren. Es ist keine Besserung in Sicht. Zu den amerikanischen Durchschnittseinkommen: Sie betragen rund 33.000 Dollar pro Kopf und sind preisbereinigt seit Jahren nicht mehr gestiegen. Bei einem Viertel aller Haushalte sind die Hypothekenschulden wegen der stark gesunkenen Hauspreise h\u00f6her als der Marktwert ihrer Immobilien, was dazu f\u00fchrt, dass die Leute ihre H\u00e4user nur schwer verkaufen k\u00f6nnen und auf einmal nicht mehr mobil sind, was wiederum die strukturelle, also die dauerhafte Arbeitslosigkeit erh\u00f6ht. Nach den neuesten Zahlen sinken die Hauspreise, die sich zwischenzeitlich etwas erholt hatten, erneut, so dass immer breitere Bev\u00f6lkerungsschichten \u00fcberschuldet sind.<\/p>\n<p>Gemessen an den Zuwachsraten des realen Sozialprodukts ist die amerikanische Wirtschaft seit mehr als einem Jahr im Aufschwung, es kommt den Normalb\u00fcrgern aber immer noch so vor, als herrsche eine tiefe Rezession.<\/p>\n<p>Umso mehr muss verbittern, dass es an der Wall Street schon wieder hoch hergeht. Ich frage mich, warum der Markt diese wahnwitzigen Einkommenspr\u00e4mien f\u00fcr die Finanzleute hervorbringt. Wo liegt die besondere Leistung, oder wo sind die Innovationen oder der gesellschaftliche Nutzen, der das rechtfertigen k\u00f6nnte? Ich bin nicht der Einzige, der sich da wundert. Sie kennen vermutlich das folgende Zitat von Paul Volcker, dem fr\u00fcheren Chef der Fed &#8211; ich wiederhole es, weil er nicht verd\u00e4chtigt werden d\u00fcrfte, klassenk\u00e4mpferische Thesen zu vertreten:<\/p>\n<p>&#8222;Ich w\u00fcnschte, jemand w\u00fcrde mir auch nur den geringsten neutralen Beweis f\u00fcr den Zusammenhang zwischen innovativen Finanzprodukten und dem Wachstum der Volkswirtschaft liefern. [&#8230;] Die wichtigste Finanzinnovation, die ich in den vergangenen zwanzig Jahren erlebt habe, ist der Geldautomat, der hilft den Menschen wirklich.&#8220; Das findet sich auf Seite 541 in dem sehr lesenswerten Buch <a href=\"http:\/\/www.randomhouse.de\/book\/edition.jsp?edi=351596\" target=\"_blank\">&#8222;Die Unfehlbaren&#8220; von Andrew R. Sorkin<\/a>, einem 33-j\u00e4hrigen Finanzmarktjournalisten, der f\u00fcr die New York Times arbeitet. Wenn ich ein junger Mann w\u00e4re, w\u00fcrde ich versuchen, f\u00fcr ihn eine Weile als Assistent oder Praktikant zu arbeiten &#8211; er ist ein echter Profi (so wie Thomas Tuchel von Mainz 05 im Fu\u00dfball).<\/p>\n<p>Das ist doch mal eine Aussage: All dieser Hokuspokus von Financial Engineering, Dienst am Kunden, oder von der angemessenen Belohnung f\u00fcr die \u00dcbernahme von Risiken ist eine Verschwendung von Zeit, Kapital und Talent. Am Ende kommt nichts dabei raus, was der Allgemeinheit n\u00fctzen w\u00fcrde &#8211; den Nutzen haben nur diejenigen, die in dem Bereich arbeiten. Dabei rede ich nicht von den Angestellten bei meiner Sparkasse um die Ecke. Die hohen Geh\u00e4lter locken eine unangemessen gro\u00dfe Zahl intelligenter Leute in den Sektor, die an anderer Stelle echte Wertsch\u00f6pfung betreiben k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Zudem: Wenn es nur um die hohen Einkommen ginge! Noch \u00e4rgerlicher ist, dass der Finanzsektor, nachdem er die Karre mit einem \u00dcberma\u00df an geliehenem Geld in den Sand gesetzt hat, also unter seinen Schulden zusammenzubrechen droht, vom gemeinen Steuerzahler gerettet werden m\u00f6chte. Und der macht das auch, weil andernfalls etwas ganz Furchtbares passieren w\u00fcrde. Da die Sache so kompliziert ist, wei\u00df er zwar nicht, ob das stimmt, aber da die Banker so smart sind und sich in der Welt auskennen, werden sie wohl recht haben. Lieber den G\u00fcrtel f\u00fcr eine Weile enger schnallen als sich auf existenzbedrohende Risiken einzulassen!<\/p>\n<p>Bei der j\u00fcngsten Finanzkrise sind die Gl\u00e4ubiger der konkursreifen Institute mehr oder weniger ungeschoren davongekommen, anders als die Aktion\u00e4re und die 10 bis 20 Prozent der Angestellten, die entlassen wurden. Wer sind die Gl\u00e4ubiger? Vor allem die Sparer mit ihren Einlagen bei den Banken und Best\u00e4nden an Bankanleihen sowie die sogenannten institutionellen Anleger wie beispielsweise Versicherungen und Investment Fonds. Weil sie unter Artenschutz zu stehen scheinen, lief die Rettung diskret \u00fcber die Staatshaushalte. Die Defizite erh\u00f6hten sich einfach, die Staatsschulden auch, aber niemand war direkt und f\u00fchlbar betroffen. Nicht einmal die Zinsen stiegen, das hei\u00dft es kam nicht einmal zu Kursverlusten bei den festverzinslichen Papieren, weil die Inflation im Verlauf der Rezession, die auf die Finanzkrise folgte, eher zur\u00fcckging als stieg.<\/p>\n<p>Die Gewissheit, dass nach dem Motto &#8222;<em>heads I win, tails you lose<\/em>&#8220; (ich gewinne immer!) verfahren wird, die Gewinne an mich, die Verluste an die Allgemeinheit, ist im Grunde nicht ersch\u00fcttert worden. Die amerikanischen Banken betreiben schon wieder so viel Eigenhandel wie vor der Krise, wobei &#8222;Eigenhandel&#8220; ein Euphemismus ist: Sie handeln ja \u00fcberwiegend mit dem Geld fremder Leute.<\/p>\n<p>Sch\u00f6n ist aus ihrer Sicht auch, dass einige Wettbewerber aus dem Markt verschwunden sind, beispielsweise Bear Sterns und Lehman, und dass andere ihre globalen Ambitionen stark zur\u00fccknehmen mussten: Stichworte sind Commerzbank, die Landesbanken, einige britische, holl\u00e4ndische und franz\u00f6sische Banken. Wer \u00fcberlebt hat, der hat automatisch einen gr\u00f6\u00dferen Marktanteil als zuvor. Oder anders: Wenn es schon vorher ein Problem mit dem &#8222;Too big to fail&#8220; gab, so haben wir heute erst recht ein Problem damit.<\/p>\n<p>Es ist nicht gelungen, die Banken zu zerschlagen, wie es etwa Mervin King von der Bank of England oder Paul Volcker vorgeschlagen hatte, oder wie es auch Barack Obama einst im Sinn hatte. Der Armee von Lobbyisten sind die Politiker, die die Gesetze machen, einfach nicht gewachsen. Ein immer wieder \u00fcberzeugendes Argument derjenigen, die alles beim Alten lassen wollen, besteht zumindest in den USA und in Britannien darin, dass die gro\u00dfen &#8222;national champions&#8220; &#8211; jedenfalls die gesunden unter ihnen &#8211; wichtige Devisenbringer, Steuerzahler und Arbeitgeber sind. Auch was die Parteispenden angeht, sind sie zusammen mit den Rechtsanw\u00e4lten immer ganz vorne mit dabei. Es wird also keine Aufspaltung in ein langweiliges Brot- und Buttergesch\u00e4ft einerseits und, salopp gesagt, Zockerbuden andererseits geben. Es wurde diskutiert, die Einen streng zu beaufsichtigen und mit einer staatlichen \u00dcberlebensgarantie zu versehen &#8211; Eigenhandel in Devisen, Aktien, Derivaten w\u00e4re ihnen untersagt -, die anderen d\u00fcrften dagegen keine Kundeneinlagen annehmen, d\u00fcrften aber mehr oder weniger frei spekulieren &#8211; mit ihrem eigenen Geld. Daraus ist nichts geworden. Die neuen Basler Eigenkapital- und Liquidit\u00e4tsanforderungen werden f\u00fcr die wiedergeborenen Giganten keine echten Bremsen darstellen.<\/p>\n<p>Auch die Pl\u00e4ne, die Boni der Banker zu begrenzen, sind bisher ins Leere gelaufen. H\u00f6chstens bei staatlich kontrollierten Banken wie der Commerzbank, der Hypo Real Estate oder den gro\u00dfen franz\u00f6sischen Banken l\u00e4sst sich das machen, in den USA gelingt aber selbst das nicht, wie am Beispiel der Citigroup zu sehen ist. Warum nicht? Weil ihnen sonst angeblich die besten Leute abgeworben werden, was wiederum f\u00fcr die Betroffenen existenzgef\u00e4hrdend sei. Dabei gibt es hier ein gutes Gegenargument: Wer sich unterbezahlt f\u00fchlt, weil er h\u00f6chstens armselige 500.000 Euro im Jahr verdienen darf, kann sich ja selbst\u00e4ndig machen &#8211; die guten Leute mauserten sich zu echten Unternehmern, was den Wettbewerb im Finanzsektor befeuern und uns Marktwirtschaftlern sehr gefallen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Andere Vorschl\u00e4ge, die dazu beitragen w\u00fcrden, das Gr\u00f6\u00dfenproblem bei den Banken ein f\u00fcr alle Mal zu l\u00f6sen, haben es allesamt nicht \u00fcber die Diskussionsphase hinaus geschafft, etwa die Mindestreserve, die bei der Zentralbank zu halten ist, progressiv mit der Bilanzsumme anzuheben, oder die Eigenkapitalpuffer stark zu erh\u00f6hen, wenn sich kreditgetriebene Blasen an den M\u00e4rkten f\u00fcr Immobilien und Aktien bilden.<\/p>\n<p>Ich muss zum Schluss noch mal Paul Volcker zitieren. Ich habe die Stelle in einem anderen tollen Buch gefunden, den <a href=\"http:\/\/www.randomhouse.com\/catalog\/display.pperl?isbn=9780307379054\" target=\"_blank\">&#8222;13 Bankers&#8220; von Simon Johnson und James Kwak<\/a> (S. 189): &#8222;Auf was das Ganze (die Reformen und Rettungsaktionen) hinausl\u00e4uft, ist eine unbeabsichtigte und \u00fcberraschende Vergr\u00f6\u00dferung des Auffangnetzes. [\u2026] Es besteht eindeutig die Gefahr, dass das Eingehen von Risiken im Laufe der Zeit wieder zum guten Ton geh\u00f6ren wird und Vorsichtsma\u00dfnahmen (<em>prudential restraint<\/em>) in den Wind geschlagen werden. Letztlich nimmt die Wahrscheinlichkeit neuer und immer gr\u00f6\u00dferer Krisen zu.&#8220; Klingt nach Karl Marx, oder?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Wall Street Journal gab es am 11. 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