{"id":2549,"date":"2010-11-24T19:03:32","date_gmt":"2010-11-24T18:03:32","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=2549"},"modified":"2010-11-24T19:40:00","modified_gmt":"2010-11-24T18:40:00","slug":"modern-finance-ein-gefahrlicher-hokuspokus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2010\/11\/24\/modern-finance-ein-gefahrlicher-hokuspokus_2549","title":{"rendered":"Modern Finance &#8211; ein gef\u00e4hrlicher Hokuspokus"},"content":{"rendered":"<p>Wie w\u00e4re es als Weihnachtsgeschenk mit einer 400-seitigen Polemik gegen die sogenannte, nichtsdestoweniger mit vielen Nobelpreisen geadelte Wissenschaft namens Modern Financial Theory? Ich h\u00e4tte da ein passendes Buch f\u00fcr Sie, wenn Ihnen das Lesen englischer Texte nicht zu m\u00fchsam ist (wer wagt sich mal an eine \u00dcbersetzung?). Es hei\u00dft &#8222;<a href=\"http:\/\/eu.wiley.com\/WileyCDA\/WileyTitle\/productCd-0470689153.html\" target=\"_blank\">Alchemists of Loss<\/a>&#8222;, ist erschienen bei Wiley, und die Autoren sind die Briten Kevin Dowd und Martin Hutchinson. Sie k\u00f6nnen schreiben, sie wissen wovon sie reden, sie sind aber, was ihre Reformvorschl\u00e4ge angeht, ziemlich harte marktradikale Hunde und nicht jedermanns Geschmack. Das schlie\u00dft mich ein. Sie sind besser in der Diagnose als in der Therapie.<!--more--><\/p>\n<p>Ihre Hauptthese lautet: In ihrer heutigen Form beruht &#8222;<em>Finance<\/em>&#8220; (also die Theorie der Finanzm\u00e4rkte und des Risikomanagements) auf unrealistischen Annahmen und geh\u00f6rt auf den M\u00fcllhaufen der Geschichte. Da sich aber so viel Geld mit den wundersamen &#8222;alchemistischen&#8220; Rezepten dieser akademischen Disziplin verdienen l\u00e4sst, ob bei Investment Banken, Hedge Funds, Rating Agenturen oder im Universit\u00e4tsbetrieb, ist die Lobby, die sich f\u00fcr ihr Weiterleben einsetzt, recht gro\u00df und nicht gerade arm. Wenn man sich die j\u00fcngsten Entwicklungen an der Wall Street ansieht, hat man bislang nicht den Eindruck, dass &#8222;<em>Finance<\/em>&#8220; schon bald nicht mehr relevant sein wird. Totgesagte leben l\u00e4nger.<\/p>\n<p>Die Hauptpfeiler, auf denen das Paradigmengeb\u00e4ude von &#8222;<em>Finance<\/em>&#8220; ruht, sind allesamt eingest\u00fcrzt: dass die M\u00e4rkte effizient seien; dass sie stets zum Gleichgewicht tendieren; die Annahme, dass die Ertr\u00e4ge aus Verm\u00f6gensanlagen einer bestimmten Verteilung folgen; dass die finanziellen Risiken berechenbar sind; der Glaube, dass Finanzinnovationen eine gute Sache sind, weil sie das Geldwesen stabilisieren und den allgemeinen Wohlstand erh\u00f6hen; dass eine hohe Fremdfinanzierungsquote (<em>leverage<\/em>) nicht nur nicht sch\u00e4dlich ist, sondern aus steuerlichen Gr\u00fcnden auch ratsam; und so weiter.<\/p>\n<p>Was &#8222;<em>Finance<\/em>&#8220; mit Alchemie verbindet, aber auch mit vielen anderen Feldern der modernen Wirtschaftswissenschaften, ist, dass es ein elegantes und in sich konsistentes intellektuelles System darstellt, das auf falschen Annahmen beruht. Die tats\u00e4chlichen Risiken wurden einfach nicht erkannt, und wie sich herausstellte, fehlten dann auch die Rezepte f\u00fcr die angemessenen Gegenma\u00dfnahmen.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt das Konzept des <em>Value-at-Risk<\/em> hat es den Autoren angetan. Mit diesem Risikomanagementverfahren &#8222;l\u00e4sst sich das Risiko (eines Portefeuilles) hervorragend kontrollieren, vorausgesetzt, dass die betreffenden M\u00e4rkte mehr oder weniger risikofrei sind&#8220;. (S. 12) Wenn wirkliche Risiken eintreten, wenn etwa Immobilenblasen oder Aktienblasen platzen, wenn es also nicht nur um Kursschwankungen geht, erweist sich <em>Value-at-Risk<\/em> als v\u00f6llig unbrauchbar.<\/p>\n<p>Letztlich waren die Handlungsempfehlungen der <em>Modern Financial Theory<\/em> so falsch, sagen die beiden Autoren, dass sie die Finanzm\u00e4rkte pervertierten und nicht nur zu Verlusten in Billionenh\u00f6he f\u00fchrten, sondern fast das globale Finanzsystem ruinierten.<\/p>\n<p>Der andere Pr\u00fcgelknabe und Mitverantwortliche f\u00fcr die Krise ist f\u00fcr sie die viel zu laxe Geldpolitik, vor allem die amerikanische. Immer wenn die Konjunktur stockte oder Deflation drohte, wurde seitens der Fed Gas gegeben. Es kam mangels Alternativen zu einer Renaissance keynesianischer Politikempfehlungen, also zu rekordniedrigen Zinsen und rekordhohen Staatsdefiziten. Die Autoren zitieren in diesem Zusammenhang unseren fr\u00fcheren Finanzminister Peer Steinbr\u00fcck mit den Worten &#8222;Dieselben Leute, die Deficit Spending bisher f\u00fcr Teufelszeug hielten, werfen auf einmal mit den Milliarden nur so um sich. Nachdem jahrzehntelang Angebotspolitik gepredigt wurde, kam es innerhalb kurzer Zeit zu einem krassen Keynesianismus.&#8220; (S. 10, eigene \u00dcbersetzung aus dem Englischen). Das alles ist ziemlich \u00fcberzeugend dargestellt.<\/p>\n<p>Nicht \u00fcberzeugt haben mich allerdings einige der Reformvorschl\u00e4ge, wie etwa R\u00fcckkehr zum Goldstandard oder die Einf\u00fchrung einer anderen Rohstoffw\u00e4hrung, die Abschaffung oder deutlich Einschr\u00e4nkung der Einlagensicherung, die Abschaffung von Aufsichtsbeh\u00f6rden wie der SEC oder der britischen FSA (letzteres geschieht \u00fcbrigens gerade), und sogar der Notenbank. Mit einer Fed, an deren Spitze jemand wie Paul Volcker steht, oder mit einer Art Bundesbank (bevor der Euro kam) k\u00f6nnten die Autoren leben, sie hielten das aber nur f\u00fcr eine zweitbeste L\u00f6sung (S. 390-392).<\/p>\n<p>Die Vorschl\u00e4ge, wie sich der Bankensektor b\u00e4ndigen lie\u00dfe, finde ich ganz hilfreich. Sie w\u00fcrden mit steuerlichen Mitteln daf\u00fcr sorgen, dass es niemals wieder eine &#8222;<em>too big to fail<\/em>&#8222;-Problematik gibt, also eine Situation, in der Megabanken den Staat und die Steuerzahler in Geiselhaft nehmen k\u00f6nnen. Alle Banken, deren Bilanzsumme 2,5 Prozent des Sozialprodukts des Landes \u00fcbersteigt, in dem sie beheimatet sind, w\u00fcrden mit einer Steuer von beispielsweise 0,2 Prozent auf ihre Bilanzsumme belegt, wodurch gro\u00dfe Banken gegen\u00fcber den kleinen an Wettbewerbsf\u00e4higkeit verlieren w\u00fcrden und ein Interesse daran h\u00e4tten, zu schrumpfen. <\/p>\n<p>Eine andere Gefahrenquelle sind ihrer Ansicht nach die exzessiven Handelsaktivit\u00e4ten &#8211; da schlagen sie eine sogenannte Tobin-Steuer auf Transaktionen vor. Dadurch w\u00fcrde der Hochgeschwindigkeitshandel mit mathematischen Modellen und geliehenem Geld unattraktiv. Gegen <em>Credit Default Swaps<\/em> haben sie nichts, wenn es nur darum geht, dass die Kreditgeber sich gegen einen Ausfall ihrer Forderungen absichern m\u00f6chten &#8211; den Sekund\u00e4rhandel unter Parteien, die mit dem urspr\u00fcngliche Gesch\u00e4ft nichts zu tun haben, halten sie aber f\u00fcr gef\u00e4hrlich und w\u00fcrden ihn einschr\u00e4nken. Finde ich auch. Im \u00dcbrigen sollten die Gesch\u00e4fte mit derivaten Produkten, einschlie\u00dflich der &#8222;<em>Asset Backed Securities<\/em>&#8222;, in vollem Umfang offengelegt werden. Die Risiken seien einfach zu gro\u00df, auch weil oft gar nicht klar ist, wie gro\u00df sie eigentlich sind.<\/p>\n<p>Bei der Bewertung der Bilanzpositionen fordern die Autoren ein R\u00fcckkehr zum strengen Niederstwertprinzip: Aktiva k\u00f6nnen abgeschrieben, niemals aber hochgeschrieben werden (&#8222;<em>lowest of cost or market<\/em>&#8222;). Bankmanager sollten nicht durch unrealisierte Buchgewinn Boni verdienen k\u00f6nnen. Ich will hier nicht auf weitere Details eingehen. Die Lekt\u00fcre lohnt sich aber auf jeden Fall f\u00fcr alle, die sich Gedanken \u00fcber die Stabilisierung und Entsch\u00e4rfung des Finanzwesens machen.<\/p>\n<p>Wie gesagt, ein interessante Buch, teilweise kontrovers und nicht immer nach meinem Geschmack, aber ein guter \u00dcberblick und die Grundlage f\u00fcr fruchtbare Diskussionen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie w\u00e4re es als Weihnachtsgeschenk mit einer 400-seitigen Polemik gegen die sogenannte, nichtsdestoweniger mit vielen Nobelpreisen geadelte Wissenschaft namens Modern Financial Theory? Ich h\u00e4tte da ein passendes Buch f\u00fcr Sie, wenn Ihnen das Lesen englischer Texte nicht zu m\u00fchsam ist (wer wagt sich mal an eine \u00dcbersetzung?). 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