{"id":279,"date":"2008-02-20T21:08:36","date_gmt":"2008-02-20T20:08:36","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2008\/02\/20\/schlaf-der-selbstgerechten_279"},"modified":"2008-02-20T21:08:36","modified_gmt":"2008-02-20T20:08:36","slug":"schlaf-der-selbstgerechten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2008\/02\/20\/schlaf-der-selbstgerechten_279","title":{"rendered":"Schlaf der Selbstgerechten"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.ft.com\/cms\/s\/0\/4d19518c-df0d-11dc-91d4-0000779fd2ac.html\" target=\"_blank\"> Martin Wolf hat am Dienstag das Untergangsszenario von Nouriel Roubini in seiner Kolumne in voller L\u00e4nge zitiert und es sich damit kommentarlos zu eigen gemacht<\/a>. Das sind wahrlich keine h\u00fcbschen Aussichten. Aber ehrlich gesagt, ich finde es plausibel. Wer es noch nicht gelesen hat, sollte es nachholen.<\/p>\n<p>Wolf schickt seiner Kolumne ein Zitat Alan Greenspans aus dessen Buch &#8222;The Age of Turbulance&#8220; voran. Darin stellt der Autor (selbstkritisch?) fest, dass er in Vortr\u00e4gen regelm\u00e4\u00dfig verneint habe, dass es sich um eine Blase am US-Immobilienmarkt handele sondern nur um ein wenig Schaum, kleine lokale Bl\u00e4schen, die nie zu einer Gefahr f\u00fcr die Gesamtwirtschaft werden w\u00fcrden.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDas verbl\u00fcffte mich gestern und verbl\u00fcfft mich noch heute. Dass der Welt kl\u00fcgsten Zentralbanker vor der immer st\u00e4rker werdenden \u00dcberhitzung auf den Finanzm\u00e4rkten die Augen fest verschlossen hatten. Sie wollten das herankommende Desaster nicht sehen. <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2008\/01\/22\/schlechte-notenbanktaktik_270\"> An den panischen Zinssenkungsaktionen der Fed ist zu erkennen<\/a>, dass Ben Bernanke und die Seinen die Augen mittlerweile ge\u00f6ffnet haben. Aber die europ\u00e4ischen Zentralbanker schlafen weiter den Schlaf der Gerechten, besser der Selbstgerechten. Bundesbankpr\u00e4sident Axel Weber h\u00e4lt (<a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub050436A85B3A4C64819D7E1B05B60928\/Doc~E6DBCAB6CAF80476E8F1FE092F9227838~ATpl~Ecommon~Scontent.html\" target=\"_blank\"> in der FAZ vom 11. Februar<\/a>) eine &#8222;negative R\u00fcckkopplung von der Finanzkrise auf die Realwirtschaft und zur\u00fcck&#8220; in Deutschland und in der Euro-Zone f\u00fcr nicht wahrscheinlich. Er begr\u00fc\u00dft es, dass die Banken bei der Kreditvergabe restriktiver sein wollen. Das sei eben Normalisierung.<\/p>\n<p>Webers EZB-Kollegen reden alle so. Sie verneinen, dass es da \u00fcberhaupt ein Problem gibt. Die Finanzkrise wird ungeachtet der zahlreichen Beteiligung europ\u00e4ischer Banken daran zu einem US-Problem heruntergeredet. Die mittlerweile auch am Aktienmarkt als nicht unwahrscheinlich geltende Rezession in den USA werde das Wachstum hierzulande nicht nennenswert sch\u00e4digen. Vielleicht glauben Weber, Trichet etc. die Wirtschaftssubjekte durch sorgenvolle \u00c4u\u00dferungen nicht beunruhigen zu d\u00fcrfen, um die Lage nicht zu verschlimmern. Nicht einmal so viel politische Raffinesse ist ihnen  zuzutrauen. Denn wenn es um die Inflation geht, scheuen sie sich nicht, mit Feurio-Rufen die Panik erst richtig in Gang zu bringen.<\/p>\n<p>Am meisten st\u00f6rt es mich, dass die Zentralbanker sich f\u00fcr die Finanzkrise als nicht zust\u00e4ndig erkl\u00e4ren. Sie reden von Normalisierung, begr\u00fc\u00dfen es, dass die Risiken nun in der Krise wieder angemessener &#8222;bepreist&#8220; werden und tun geradezu so, als seien \u00fcberhitzte Finanzm\u00e4rkte allein das Werk \u00fcbereifriger und etwas ungeschickter Banker. Dass sie und ihre Aktion\u00e4re jetzt in der Klemme seien, werde ihnen eine Lehre sein. Kurz: die Zentralbanker vom Schlage eines Weber leugnen nicht nur die makro\u00f6konomischen Folgen der Finanzkrise, sie verschlie\u00dfen auch die Augen vor den makro\u00f6konomischen Ursachen. Die dummen Banker vom Merrill Lynch, Citicorp, UBS, IKB und Northern Rock  taumeln eben, die schlauen von Goldman Sachs und Santander bleiben erfolgreich. So ist das im Kapitalismus. Der Wettbewerb selektiert.<\/p>\n<p>Auf Dauer werden die Notenbanken sich einer Diskussion \u00fcber die Ursachen nicht entziehen k\u00f6nnen. Auch nach dem Zusammenbruch der Aktienmarktblase wurde die Diskussion \u00fcber die makro\u00f6konomischen Bedingungen, die zur Entstehung dieser Blase f\u00fchrten, schlie\u00dflich in Ans\u00e4tzen gef\u00fchrt. Die asymmetrische Notenbankpolitik, die explodierende Asset-Preise toleriert, aber bei kleinsten Inflationszeichen restriktiv wird, konnte als eine wesentliche Ursache f\u00fcr das Entstehen der Spekulationsblase identifiziert werden. Alan Greenspan machte der Diskussion im Sommer 2002 bei der <a href=\"http:\/\/www.kc.frb.org\/publicat\/sympos\/2002\/sym02prg.htm\" target=\"_blank\"> Tagung in Jackson Hole<\/a> ein Ende. H\u00e4tten wir die Zinsen drastisch heraufsetzen sollen, um den irrationalen \u00dcberschwang zu stoppen? So fragte er rhetorisch. Alle, bis auf die Hardliner von der \u00f6sterreichischen Schule, antworteten damals: Um Gottes Willen nein.<\/p>\n<p>Diese Antwort war richtig. Aber die Frage h\u00e4tte anders gestellt werden m\u00fcssen. <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2008\/02\/06\/richtungsanderung-gefragt_278\"> Es gibt  schlie\u00dflich noch andere M\u00f6glichkeiten<\/a>, um im Kapitalismus Spekulationsexzesse zu verhindern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Martin Wolf hat am Dienstag das Untergangsszenario von Nouriel Roubini in seiner Kolumne in voller L\u00e4nge zitiert und es sich damit kommentarlos zu eigen gemacht. Das sind wahrlich keine h\u00fcbschen Aussichten. Aber ehrlich gesagt, ich finde es plausibel. Wer es noch nicht gelesen hat, sollte es nachholen. 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