{"id":2993,"date":"2011-04-28T12:06:57","date_gmt":"2011-04-28T10:06:57","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=2993"},"modified":"2011-04-28T12:19:32","modified_gmt":"2011-04-28T10:19:32","slug":"fed-will-weiter-gas-geben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2011\/04\/28\/fed-will-weiter-gas-geben_2993","title":{"rendered":"Fed will weiter Gas geben"},"content":{"rendered":"<p>Gestern Abend hatte der Chairman der Fed, Ben Bernanke, erstmals in der Geschichte der amerikanischen Notenbank eine <a href=\"http:\/\/www.federalreserve.gov\/default.htm\" target=\"_blank\">Pressekonferenz<\/a> veranstaltet, um die k\u00fcnftige Strategie der amerikanischen Geldpolitik zu erl\u00e4utern.<\/p>\n<p>Wie die <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2010\/11\/07\/die-fed-geht-noch-einmal-in-die-vollen_2456\">Fed am 3. November 2010 angek\u00fcndigt hatte<\/a>, l\u00e4uft die zweite Runde des &#8222;<em>quantitative easing<\/em>&#8220; Ende Juni 2011 aus. Beim QE2, wie es auch genannt wird, geht es um den Ankauf von US-Staatsanleihen mit dem Ziel, die Zentralbankgeldmenge aggressiv zu vergr\u00f6\u00dfern und gleichzeitig darum, wenn auch nur in zweiter Linie, die Zinsen am Rentenmarkt zu senken und auf diese Weise die Investitionst\u00e4tigkeit und das Wirtschaftswachstum zu stimulieren.<!--more--><\/p>\n<p>Am Markt hatte man sich Sorgen gemacht, dass das Ende von QE2 der Beginn einer restriktiveren Geldpolitik sein k\u00f6nnte. Sie haben sich als unbegr\u00fcndet erwiesen. Bernanke stellte vielmehr klar, dass zun\u00e4chst nicht beabsichtigt ist, den Bestand an Staatsanleihen zur\u00fcck zu fahren und so die Zentralbankgeldmenge zu vermindern. Die Einnahmen aus f\u00e4lligen Papieren sollen f\u00fcr&#8217;s Erste umgehend wieder in ebensolchen Papieren angelegt werden, so dass der Gesamtbestand in den B\u00fcchern des Federal Reserve Systems in etwa gleich bliebe. Mit anderen Worten, die Z\u00fcgel sollen also auch nach dem Ende von QE2 nicht angezogen werden. Es wird offenbar sogar nicht ausgeschlossen, dass weitere Runden von QE folgen k\u00f6nnen, je nachdem wie sich die Wirtschaft entwickelt.<\/p>\n<p>Insgesamt ist der Chef der Notenbank mit der konjunkturellen Lage nicht zufrieden und wohl auch nicht \u00fcberzeugt, dass sich der Aufschwung, der immerhin schon sieben Quartale alt ist, von allein tr\u00e4gt. Es k\u00f6nnte sein, dass das reale BIP im ersten Quartal nur mit einer annualisierten Rate von nur ein Prozent gestiegen ist, womit es dann um 2,1 Prozent \u00fcber seinem Vorjahreswert l\u00e4ge. Zum Vergleich: Wir rechnen f\u00fcr Deutschland mit 3,6 Prozent annualisiert und plus 4,3 Prozent gegen\u00fcber dem Vorjahr. Die amerikanischen Zahlen werden heute ver\u00f6ffentlicht, die deutschen erst am 13. Mai.<\/p>\n<p>Es steht also fest, dass es keinen Politikschwenk in Richtung Restriktion geben wird. Die Notenbankzinsen bleiben bis auf Weiteres sehr niedrig. Weil Wechselkurse nicht zuletzt von Zinserwartungen bestimmt werden, ist der Dollar in der Nacht noch einmal in die Knie gegangen, w\u00e4hrend Aktienkurse und Rohstoffpreise in den USA und heute fr\u00fch in Asien etwas fester tendierten. Von Euphorie war allerdings nichts zu sp\u00fcren.<\/p>\n<p>Durch den Ankauf von Staatsanleihen im Wert von netto rund 90 Mrd. USD pro Monat seit dem letzten November ist die Bilanz der Notenbank noch einmal stark ausgeweitet worden. Bis Ende Juni 2011 d\u00fcrfte der Bestand an Anleihen in der Bilanz der Fed um rund 720 Mrd. Dollar gestiegen sein. Das entspricht etwa f\u00fcnf Prozent des nominalen Bruttoinlandsprodukts. Vor Beginn der Finanzkrise lag die Bilanzsumme in Relation zum BIP jahrzehntelang bei nicht mehr als acht Prozent des BIP &#8211; jetzt sind es nahezu 20 Prozent. Es fehlt also nicht an Zentralbangeld, und die Notenbankzinsen betragen nur Null bis 0,25 Prozent. Die Geldpolitik ist auf den ersten Blick extrem expansiv, angesichts der hohen Arbeitslosigkeit und der niedrigen Auslastung der Kapazit\u00e4ten auf den zweiten Blick jedoch eher situationsgerecht. Das gilt auch f\u00fcr die Finanzpolitik, wo es in diesem Jahr laut Internationalem W\u00e4hrungsfonds erneut ein gesamtstaatliches Haushaltsdefizit in der Gr\u00f6\u00dfenordnung von 10 Prozent des nominalen BIP geben wird. Die Wirtschaftspolitiker feuern aus allen Rohren, aber sie haben kaum eine andere Wahl.<\/p>\n<p>Der Chairman l\u00e4sst es jetzt aber erst mal gut sein und will abwarten, ob die Pferde nun endlich zu saufen beginnen. Immerhin hat sich die Lage am Arbeitsmarkt seit dem Herbst sichtlich verbessert (obwohl sie weiterhin als katastrophal empfunden wird), die Industrie expandiert kr\u00e4ftig und sowohl die aktuelle Inflation als auch die Inflationserwartungen haben angezogen. Der schwache Dollar hat die internationale Wettbewerbsf\u00e4higkeit der amerikanischen Wirtschaft stark verbessert, so dass vom Au\u00dfenhandel expansive Impulse zu erwarten sind.<\/p>\n<p>Der Aufschwung k\u00f6nnte also gelingen. Wenn nicht, dann wird eben nachgelegt.<\/p>\n<p>Das Problem ist, dass die Geldpolitik nicht mehr so richtig anschl\u00e4gt. Die Fed druckt Geld ohne Ende und verschenkt es fast an die Banken, es fehlt aber an der Gegenseite. Die Leute wollen sich nicht noch mehr verschulden, wenn ich es mal auf den Punkt bringen soll. Ein Viertel aller amerikanischen Haushalte leidet darunter, dass ihre Hypothekenschulden h\u00f6her sind als der Wert ihrer H\u00e4user. Nach den j\u00fcngsten Daten \u00fcber Immobilienpreise gibt es nach wie vor ein \u00dcberangebot an H\u00e4usern &#8211; so dass deren Preise sinken und immer breitere Bev\u00f6lkerungsschichten in die finanzielle Schieflage geraten. Seit Mitte 2006 sind die Hauspreise, messen am Case-Siller-Index f\u00fcr 20 Metropol-Regionen, um 32,6 Prozent gesunken.<\/p>\n<p>Wenn ich nichts so sehr will als meine Schulden zu vermindern und kreditw\u00fcrdig zu bleiben, vor allem meine Verbindlichkeiten aus Kreditkarten p\u00fcnktlich zu bedienen, habe ich auf nichts weniger Lust als neue Schulden aufzunehmen. Auch viele Banken haben Finanzprobleme. Sie sitzen nach wie vor auf einem Berg fauler Kredite, was dazu f\u00fchrt, dass sie die Vergabestandards versch\u00e4rft haben und damit nur denen Kredite geben, an deren Bonit\u00e4t es keine Zweifel gibt. Das f\u00fchrt dazu, dass die Kredite an den privaten Sektor kaum expandieren; ihr Volumen ist immer noch viel niedriger als vor dem Beginn der Finanzkrise.<\/p>\n<p>Der sogenannte Transmissionsmechanismus zwischen Zentralbankgeld, also dem Geld, das die Fed selbst steuern kann, und dem Kreditvolumen funktioniert nicht mehr. Die Geldpolitik ist hilflos, wenn die Adressaten vor allem bestrebt sind, ihre Schulden zu vermindern &#8211; weil sie zuvor f\u00fcr ihre H\u00e4user und Aktien zu viel bezahlt hatten, und das vor allem mit Krediten. Wir kennen das aus Japan. \u00dcberhaupt folgt die Geschichte bislang verbl\u00fcffend dem japanischen Skript.<\/p>\n<p>Und die langfristigen Zinsen? Ist es der Fed gelungen, sie durch das <em>quantitative easing<\/em> zu senken? Die Antwort f\u00e4llt nicht eindeutig aus. Nach dem Beginn von QE1 im Januar 2009 sind die Renditen der zehnj\u00e4hrigen Treasuries um fast 200 Basispunkte (zwei Prozentpunkte) gestiegen und nicht etwa gefallen. Sie waren allerdings in den Monaten zuvor, nach Ank\u00fcndigung des Programms, um ebensoviel gesunken. Im Verlauf von QE1 sind die langen Zinsen einfach wieder auf ihr fr\u00fcheres Niveau gestiegen. Als QE1 im April 2010 eingestellt wurde, sanken die Renditen zur Verbl\u00fcffung der meisten Marktteilnehmer und wohl auch der Fed. Eine Hypothese k\u00f6nnte sein, dass sich die Inflationserwartungen verbessert hatten &#8211; es wurde nicht mehr so viel Geld gedruckt wie vorher. Keine Ahnung. Es ist auch ziemlich eigenartig, dass die Renditen der US-Treasuries mehr oder weniger in dem Moment wieder zu steigen begannen, als die Fed im November 2010 die zweite Runde ihrer <em>quantitative easing<\/em>-Strategie startete.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2011\/04\/US_Treasuries_5y_10_d_ab_2007.gif\" alt=\"Grafik: QE und die Zinsentwicklung in den USA\" title=\"US_Treasuries_5y_10_d_ab_2007\" width=\"400\" height=\"310\" class=\"size-full wp-image-2994\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2011\/04\/US_Treasuries_5y_10_d_ab_2007.gif 400w, https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2011\/04\/US_Treasuries_5y_10_d_ab_2007-300x232.gif 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/p>\n<p>Die Auswirkungen von QE auf die langen Zinsen sind also vollkommen unklar, ebenso wie es unklar ist, ob irgendwann auch einmal das Kreditvolumen wieder steigt. Die Fed wei\u00df nicht, wo es langgeht. Das Ganze ist ziemlich besorgniserregend!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern Abend hatte der Chairman der Fed, Ben Bernanke, erstmals in der Geschichte der amerikanischen Notenbank eine Pressekonferenz veranstaltet, um die k\u00fcnftige Strategie der amerikanischen Geldpolitik zu erl\u00e4utern. Wie die Fed am 3. November 2010 angek\u00fcndigt hatte, l\u00e4uft die zweite Runde des &#8222;quantitative easing&#8220; Ende Juni 2011 aus. 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