{"id":4259,"date":"2012-02-09T11:52:42","date_gmt":"2012-02-09T10:52:42","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=4259"},"modified":"2014-01-27T20:23:26","modified_gmt":"2014-01-27T19:23:26","slug":"hatte-hans-werner-sinn-doch-recht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2012\/02\/09\/hatte-hans-werner-sinn-doch-recht_4259","title":{"rendered":"Hatte Hans-Werner Sinn doch recht?"},"content":{"rendered":"<p>Die Target-2-Debatte hat in den vergangenen Wochen die <a href=\"http:\/\/faz-community.faz.net\/blogs\/fazit\/archive\/2012\/02\/02\/die-zeitbombe-der-bundesbank.aspx\" target=\"_blank\">deutschen Medien<\/a> im Sturm erobert, mittlerweile wird das Argument fast t\u00e4glich in einem Artikel zur Geldpolitik verwendet. Und Hans-Werner Sinn hat seine Analyse im Vergleich mit seinen ersten Einlassungen zu dem Thema so sehr \u00fcberarbeitet (unter anderem wurde die Behauptung fallen gelassen, die Inanspruchnahme der EZB durch die S\u00fcdstaaten verringere das Kreditvolumen in Deutschland), dass man dagegen zumindest was die innere Logik des Arguments angeht nicht viel sagen kann. Insofern ist ein Teil meiner urspr\u00fcnglichen Einw\u00e4nde gegenstandslos.<!--more--><\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte zeigen, weshalb ich den Weg \u00fcber Target trotzdem immer noch problematisch finde. Man n\u00e4hert sich dem Sachverhalt gewisserma\u00dfen \u00fcber einen komplizierten Hintereingang, wo es doch einen einfacheren Weg g\u00e4be. Nehmen wir uns Sinns Argumente Schritt f\u00fcr Schritt vor.<\/p>\n<p><strong>1. Sinn argumentiert, die gestiegenen Target-Forderungen der Bundesbank deuteten auf \u00a0versteckte und zus\u00e4tzliche Risiken f\u00fcr den Steuerzahler.<\/strong><\/p>\n<p>Nun: Geldpolitik ist riskant, weil die Zentralbank den Banken gegen Sicherheiten Kredite gew\u00e4hrt und am Ende der Steuerzahler f\u00fcr die Zentralbank geradesteht. Nur ist die Frage, ob Target der beste Indikator f\u00fcr die Risiken ist. Denn die Ausleihungen der EZB lassen sich ganz einfach in der <a href=\"http:\/\/www.ecb.europa.eu\/press\/pr\/wfs\/2012\/html\/fs120131.de.html\" target=\"_blank\">Bilanz<\/a> der Notenbank ablesen. Dort erf\u00e4hrt man, dass sie sich Ende Januar auf 809 Milliarden Euro beliefen. Das ist die relevante Summe. Man kann nun weiter in die Bilanzen der nationalen Notenbanken gehen, um festzustellen, wie sich dieses Geld auf die verschiedenen L\u00e4nder verteilt, um die Gefahr einer Bankenpleite taxieren zu k\u00f6nnen. So entfallen auf griechische Banken etwa 78 Milliarden Euro. Klar, das hier das Ausfallrisiko hoch ist. Und schlie\u00dflich sollte man sich in einem dritten Schritt den Sicherheitsrahmen der EZB vornehmen, um absch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen, wie gut die Qualit\u00e4t der Pf\u00e4nder ist.<\/p>\n<p>Fazit: Die Risiken f\u00fcr den Steuerzahler h\u00e4ngen von drei Faktoren ab: Volumen der Refinanzierungsgesch\u00e4fte, Verteilung auf die verschiedenen L\u00e4nder, Qualit\u00e4t der Sicherheiten. Man braucht sich nicht in die Details des Zahlungsverkehrs begeben.<\/p>\n<p><strong>2. Sinn argumentiert, \u00fcber das Zahlungsverkehrssystem w\u00fcrden Leistungsbilanzdefizite in den S\u00fcdstaaten, die der Markt nicht mehr finanziert, k\u00fcnstlich aufrechterhalten und damit eine n\u00f6tige Anpassung damit verhindert.<\/strong><\/p>\n<p>Klar ist: Die Geldpolitik der EZB sichert den Banken in den Krisenstaaten Zugang zu Euro-Geld, den sie sonst nicht h\u00e4tten. G\u00e4be es die W\u00e4hrungsunion nicht, so w\u00fcrde eine Austrocknung der privaten Kapitalstr\u00f6me in diese L\u00e4nder dazu f\u00fchren, dass deren W\u00e4hrung abwertet, weniger Produkte aus dem Ausland bezogen werden k\u00f6nnen und sich damit die Leistungsbilanz verbessert. Das ist in der Euro-Zone anders, denn die Wechselkurse sind erstens fixiert und es gibt zweitens f\u00fcr die Banken die M\u00f6glichkeit der Refinanzierung bei der EZB (Anmerkung am Rande: Wenn nur die erste Bedingung gegeben w\u00e4re, w\u00e4ren wir in der Situation eines Currency Boards wie im Fall Argentinien).<\/p>\n<p>Aber auch hier gilt: Das Ausma\u00df der \u00f6ffentlich subventionierten Kapitalstr\u00f6me in diese L\u00e4nder kann anhand des Bietverhaltens der jeweiligen Bankensysteme bei den geldpolitischen Operationen der EZB analysiert werden. Man muss sich also nur anschauen, wie stark die Banken die EZB beanspruchen.<\/p>\n<p>Dabei ist wichtig, dass eine solche Inanspruchnahme nicht zwingend der Finanzierung eines durch private Kapitalstr\u00f6me nicht mehr aufrechtzuerhaltenden Leistungsbilanzdefizits dienen muss. Das w\u00e4re der Fall, wenn die Banken mit diesem Geld neue Kredite refinanzieren, die dann f\u00fcr den Kauf von Waren aus dem Ausland verwendet werden und die sie anders nicht h\u00e4tten refinanzieren k\u00f6nnen. Es ist aber auch m\u00f6glich, dass die Kredite der EZB nur den Transfer von Einlagen ins Ausland kompensieren (ein Punkt, den Sinn einr\u00e4umt). Und es ist m\u00f6glich, dass schlicht Verspannungen im Interbankenmarkt INNERHALB der betreffenden L\u00e4nder ausgeglichen werden und per Saldo \u00fcberhaupt kein zus\u00e4tzliches Geld flie\u00dft.<\/p>\n<p><strong>3. Und jetzt wird es normativ: Sinn argumentiert, die Finanzierung der Leistungsbilanzdefizite sei problematisch, weil die n\u00f6tige Anpassung verhindert werde.<\/strong><\/p>\n<p>So kann man es sehen. Man kann aber auch argumentieren, dass die zeitliche Streckung der Anpassung f\u00fcr alle Beteiligten positiv ist. Denn\u00a0es ist die Frage, ob es f\u00fcr die deutsche Wirtschaft so lustig w\u00e4re, wenn pl\u00f6tzlich alle s\u00fcdeurop\u00e4ischen W\u00e4hrungen abwerten und der Au\u00dfenhandel mit diesen L\u00e4ndern von einen Tag auf den anderen kollabiert. Denn genau das w\u00fcrde ja passieren. Ein allm\u00e4hlicher \u00dcbergang, \u00a0ist da sicherlich angenehmer.<\/p>\n<p>Auch wenn man sich die Verm\u00f6gensseite der Angelegenheit ansieht spricht viel f\u00fcr die sanfte Variante. Sinn argumentiert, dass unser Auslandsverm\u00f6gen mehr und mehr aus Forderungen gegen\u00fcber anderen Zentralbanken beziehungsweise der EZB besteht und wir damit eine qualitative Verschlechterung unserer Verm\u00f6gensposition hinnehmen m\u00fcssen. Nur: Im Fall einer schlagartigen Anpassung \u2013 Abwertung, Austritt aus der W\u00e4hrungsunion \u2013 w\u00e4re dieses Auslandsverm\u00f6gen ja auch stark dezimiert.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich zeigt diese Grafik, dass die Peripheriestaaten ihre Leistungsbilanzdefizite durchaus reduzieren.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/02\/LBS_DE_AT_GR_ES_POR_IR_1999-2010.gif\" alt=\"Grafik: Leistungsbilanzsalden 1999-2010\" title=\"Leistungsbilanzsalden 1999-2010\" width=\"465\" height=\"378\" class=\"size-full wp-image-4268\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/02\/LBS_DE_AT_GR_ES_POR_IR_1999-2010.gif 465w, https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/02\/LBS_DE_AT_GR_ES_POR_IR_1999-2010-300x243.gif 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 465px) 100vw, 465px\" \/><\/p>\n<p>Fazit: \u00a0Ich lasse mich gerne vom Gegenteil \u00fcberzeugen, komme aber weiterhin ganz gut ohne Target aus.<\/p>\n<p><em>Hinweis (10.02.2012 22:56 Uhr): Hans-Werner Sinn war so freundlich <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2012\/02\/10\/klarheit-uber-target-salden-ein-offener-brief-von-hans-werner-sinn_4274\">hier im HERDENTRIEB<\/a> auf Mark Schieritz zu antworten. (UR)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Target-2-Debatte hat in den vergangenen Wochen die deutschen Medien im Sturm erobert, mittlerweile wird das Argument fast t\u00e4glich in einem Artikel zur Geldpolitik verwendet. 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