{"id":4860,"date":"2012-06-10T19:10:32","date_gmt":"2012-06-10T17:10:32","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=4860"},"modified":"2012-06-11T10:42:12","modified_gmt":"2012-06-11T08:42:12","slug":"auch-deutschland-braucht-wachstum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2012\/06\/10\/auch-deutschland-braucht-wachstum_4860","title":{"rendered":"Auch Deutschland braucht Wachstum"},"content":{"rendered":"<p>Noch sind die deutschen Verbraucher und Unternehmer guter Dinge. Das ist ziemlich erstaunlich, denn die j\u00fcngsten Zahlen waren gar nicht so gut. Eine erneute Rezession ist nicht mehr auszuschlie\u00dfen. Die Arbeitslosigkeit stagniert in den f\u00fcnf Monaten seit Januar saisonbereinigt bei 2,87 Millionen, auch wenn die Besch\u00e4ftigung zumindest bis April Monat f\u00fcr Monat zugenommen hat \u2013 sie lag bei 41,55 Millionen und war damit um 1,4 Prozent h\u00f6her als im April 2011. Der Arbeitsmarkt ist wegen der K\u00fcndigungsfristen und den zeitaufwendigen Einstellungsprozessen bekanntlich ein nachlaufender Konjunkturindikator und sagt daher kaum etwas dar\u00fcber aus, wie es weitergehen wird. Insgesamt ist aber eine leicht negative Tendenz zu verzeichnen.<!--more--><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-4861\" title=\"Erwerbstaetige und Arbeitslose in Deutschland 1205\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/06\/Erwerbstaetige_und_Arbeitslose_1205.gif\" alt=\"Grafik: Erwerbstaetige und Arbeitslose in Deutschland 1205\" width=\"462\" height=\"298\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/06\/Erwerbstaetige_und_Arbeitslose_1205.gif 462w, https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/06\/Erwerbstaetige_und_Arbeitslose_1205-300x193.gif 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 462px) 100vw, 462px\" \/><\/p>\n<p>Ein wichtiger Fr\u00fchindikator ist dagegen der <a href=\"http:\/\/www.bmwi.de\/BMWi\/Navigation\/Presse\/pressemitteilungen,did=491342.html\" target=\"_blank\">reale Auftragseingang in der Industrie<\/a>: Da gibt es nach dem kr\u00e4ftigen R\u00fcckgang im Sommer 2011 eine Stagnation. Im M\u00e4rz und April waren die Auftr\u00e4ge um 2,4 Prozent niedriger als ein Jahr zuvor. Das ist kein Einbruch, immerhin aber per Saldo ein Warnsignal. Es fehlt seit einiger Zeit an Wachstumsimpulsen. Die Auftr\u00e4ge aus dem Inland sind im Vorjahresvergleich in etwa genauso stark zur\u00fcckgegangen wie die aus dem Ausland. Insgesamt sind die Auftr\u00e4ge in der Industrie immer noch um etwa ein Zehntel niedriger als im vierten Quartal 2007, dem letzten zyklischen H\u00f6hepunkt, kurz nach dem Beginn der globalen Finanzkrise.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-4862\" title=\"Realer Auftragseingang und Produktion 1204\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/06\/Auftragseingang_Produktion_1204.gif\" alt=\"Grafik: Realer Auftragseingang und Produktion 1204\" width=\"489\" height=\"324\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/06\/Auftragseingang_Produktion_1204.gif 489w, https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/06\/Auftragseingang_Produktion_1204-300x198.gif 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 489px) 100vw, 489px\" \/><\/p>\n<p>Den Unternehmen geht es nicht schlecht. Ihre Gewinne haben sich seit der Rezession von 2009 z\u00fcgig erholt und haben das hohe Vorkrisenniveau fast schon wieder erreicht. Es gibt allerdings nur Daten bis zum ersten Quartal dieses Jahres. Immerhin zeigt der Gesch\u00e4ftsklimaindex des Ifo-Instituts, dass sich die Lage zwar seit vergangenem Sommer verschlechtert hat, aber auch zuletzt weit besser war als im langj\u00e4hrigen Durchschnitt. Nur dass sich die Erwartungen, vielleicht der wichtigste Fr\u00fchindikator \u00fcberhaupt, inzwischen in einem deutlichen Abw\u00e4rtstrend befinden! Die Unternehmen sehen offenbar mit immer gr\u00f6\u00dferer Sorge, dass die Welt au\u00dferhalb der Grenzen aus dem Gleichgewicht zu geraten droht und es nicht ausgemacht ist, dass sie sich wie in der Vergangenheit darauf verlassen k\u00f6nnen, dass die Rettung aus dem Ausland kommen wird. Ihre Ausr\u00fcstungsinvestitionen waren jedenfalls schon in den beiden vergangenen Quartalen leicht r\u00fcckl\u00e4ufig und lagen um knapp 10 Prozent unter den Spitzenwerten von 2007 und 2008.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-4863\" title=\"ifo Index Mai 2012\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/06\/ifo_Index_Mai_12.gif\" alt=\"Grafik: ifo Index Mai 2012\" width=\"485\" height=\"301\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/06\/ifo_Index_Mai_12.gif 485w, https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/06\/ifo_Index_Mai_12-300x186.gif 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 485px) 100vw, 485px\" \/><\/p>\n<p>Ein kleiner Boom findet derweil am Bau statt. W\u00e4hrend es in Spanien, Irland und Griechenland zu Immobilienblasen kam, gab es in Deutschland lange Jahre einen R\u00fcckgang der Baut\u00e4tigkeit, der um die Mitte der nuller Jahre durch eine Stagnation abgel\u00f6st wurde. Das hatte den \u00fcberraschend angenehmen Nebeneffekt, dass es keine Blase gab, die platzen konnte, und dass die Haushalte nicht \u00fcberschuldet waren. Dass es in Deutschland dennoch bei den Banken Probleme mit Immobilien gab, war zum einen den Folgeproblemen des Booms nach der Wiedervereinigung geschuldet, als zu viel Geld in unrentable Projekte geflossen war, zum anderen aber ihrem leichtfertigen, um nicht zu sagen dummen Engagement im amerikanischen Markt, ihrer weitgehend unbeaufsichtigten und f\u00fcr den Steuerzahler letztlich enorm teuren Jagd nach Rendite.<\/p>\n<p>Immerhin macht sich jetzt am Bau der aufgestaute Nachholbedarf bemerkbar. Auch der Staat hat begonnen, mit vollen H\u00e4nden Geld auszugeben. Im ersten Quartal \u00fcbertraf das reale Auftragsvolumen im Bauhauptgewerbe seinen Vorjahresstand um 9,6 Prozent. Das stabilisiert die Konjunktur, vor allem die Inlandsnachfrage. Leider ist der Anteil der Bauten an der gesamtwirtschaftlichen Wertsch\u00f6pfung nur 9,9 Prozent.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-4864\" title=\"Auftragseingang im Bau 1203\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/06\/Auftragseingang_Bau_1203.gif\" alt=\"Grafik: Auftragseingang im Bau 1203\" width=\"465\" height=\"290\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/06\/Auftragseingang_Bau_1203.gif 465w, https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/06\/Auftragseingang_Bau_1203-300x187.gif 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 465px) 100vw, 465px\" \/><\/p>\n<p>In der Industrie findet seit vergangenem Sommer bei der <a href=\"http:\/\/www.bmwi.de\/BMWi\/Navigation\/Presse\/pressemitteilungen,did=491494.html\" target=\"_blank\">Produktion<\/a> ein Abschwung statt; sie sinkt seitdem mit einer annualisierten Rate von etwa 6 Prozent. Ein Ende ist noch nicht in Sicht, da sowohl die Auftragseing\u00e4nge als auch die Ifo-Indikatoren nach unten weisen. Es muss wegen der engen Korrelation mit der Industrieproduktion daher damit gerechnet werden, dass das reale BIP in den kommenden Quartalen bestenfalls stagniert. Ein R\u00fcckgang ist allerdings wahrscheinlicher. Sowohl bei der Industrie als auch beim Sozialprodukt wird sich die Output-L\u00fccke wieder vergr\u00f6\u00dfern. Das ist gut f\u00fcr die Stabilit\u00e4t des Geldwerts, aber ausgesprochen schlecht f\u00fcr die Besch\u00e4ftigung.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-4865\" title=\"Industrieproduktion und BIP 1991Q1-2012Q1\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/06\/IndustrieProduktion_BIP_idx_12Q1.gif\" alt=\"Grafik: Industrieproduktion und BIP 1991Q1-2012Q1\" width=\"476\" height=\"334\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/06\/IndustrieProduktion_BIP_idx_12Q1.gif 476w, https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/06\/IndustrieProduktion_BIP_idx_12Q1-300x210.gif 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 476px) 100vw, 476px\" \/><\/p>\n<p>Gut dass es den Euro gibt! Seine Abwertung ist wie ein Konjunkturprogramm. Wenn Deutschland auf sich gestellt w\u00e4re, so etwa wie die Schweiz heute, w\u00e4re der Wechselkurs wegen der relativ robusten Konjunktur und der gewaltigen \u00dcbersch\u00fcsse im Au\u00dfenhandel bombenfest: Es k\u00f6nnte viel weniger exportiert werden als heute, und das Land w\u00e4re immer noch der kranke Mann Europas. Ohne Eurokrise w\u00e4re der Euro nicht so schwach wie er ist, und es k\u00e4me vor allem auf die Inlandsnachfrage an. Die lahmt meistens.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-4866\" title=\"Nom. effekt. Wk Deutschlands\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/06\/BIS_NEER_Germany_broad_201204.gif\" alt=\"Grafik: Nom. effekt. Wk Deutschlands\" width=\"477\" height=\"305\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/06\/BIS_NEER_Germany_broad_201204.gif 477w, https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/06\/BIS_NEER_Germany_broad_201204-300x191.gif 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 477px) 100vw, 477px\" \/><\/p>\n<p>Der andere gro\u00dfe Vorteil des Euro besteht darin, dass er der Bundesrepublik nicht nur ein au\u00dferordentlich niedriges Zinsniveau beschert hat \u2013 da der &#8222;deutsche&#8220; Euro als Fluchtw\u00e4hrung gilt \u2013, sondern auch eine sehr flache Renditekurve. Die Differenz zwischen langen und kurzen Zinsen ist immer noch positiv, aber der Abstand zwischen den Fristen hat sich zuletzt dramatisch vermindert. 30-j\u00e4hrige Bundesanleihen bringen heute nur noch 1,90 Prozent Zinsen, 10-j\u00e4hrige 1,33 Prozent, w\u00e4hrend 3-Monatsgeld unter Banken bei 0,58 Prozent liegt; der Bund ist mit seinen dreimonatigen &#8222;BuBills&#8220; bei -0,01 Prozent angelangt. Je flacher die Renditekurve, desto gr\u00f6\u00dfer ist der geldpolitische Impuls f\u00fcr die Konjunktur, und umgekehrt gilt das auch. Im Allgemeinen stimuliert eine flache Zinskurve die Kreditvergabe an den privaten Sektor, und damit die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Real sind jetzt au\u00dferdem selbst die sehr langfristigen Renditen leicht im Minusbereich, sodass von daher ebenfalls ein Anreiz besteht, weniger zu sparen. Oder? In Japan habe ich mal das Argument geh\u00f6rt, dass die niedrigen Zinsen der &#8222;sicheren&#8220; Staatsanleihen die Leute zwingen, erst recht m\u00f6glichst viel zu sparen, damit sie im Alter von den Zinseink\u00fcnften einigerma\u00dfen gut leben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Was die Konjunktur angeht, sind niedrige Zinsen besser als hohe, aber f\u00fcr sich genommen stimulieren sie die Nachfrage keineswegs. Es muss einerseits die Bereitschaft da sein, sich zu verschulden, also eine gewisse Risikobereitschaft und Bonit\u00e4t, zum anderen m\u00fcssen die Banken bereit sein, ihre Bilanzen zu verl\u00e4ngern \u2013 wenn ihr oberstes Ziel aber darin besteht, die Eigenkapitalquoten zu erh\u00f6hen, wird es trotz niedriger Zinsen nichts mit der Kreditexpansion. So aber sieht es heute aus.<\/p>\n<p>Es gibt noch einen weiteren expansiven Effekt: den r\u00fcckl\u00e4ufigen \u00d6lpreis und die r\u00fcckl\u00e4ufigen Preise der \u00fcbrigen Rohstoffe. Seit zweieinhalb Monaten sinken daher die Einfuhrpreise, w\u00e4hrend die Ausfuhrpreise stagnieren. Anders ausgedr\u00fcckt, die Preise f\u00fcr das, was in Deutschland verbraucht wird, steigen langsamer als die Preise f\u00fcr das, was produziert wird. Noch anders ausgedr\u00fcckt hei\u00dft das, dass die Kaufkraft der Haushalte zunimmt. Da gleichzeitig, wie erw\u00e4hnt, die Anzahl der Jobs erstaunlicherweise weiter zunimmt und die Lohnsteigerungen neuerdings so hoch ausfallen, dass auch real etwas \u00fcbrig bleibt, sind die Voraussetzungen daf\u00fcr gegeben, dass der private Verbrauch ganz gut laufen wird. Das w\u00e4re mal was!<\/p>\n<p>Insgesamt spricht nichts dagegen, dass die deutsche Regierung positiv auf die Forderungen der \u00fcbrigen Eurol\u00e4nder nach mehr Wachstumspolitik reagieren sollte. Der Zinsvorteil durch den Status des Landes als &#8222;safe haven&#8220; ist etwa zwei Prozentpunkte des Sozialprodukts wert, der sich f\u00fcr expansivere Ma\u00dfnahmen nutzen lie\u00dfe. Auch die gro\u00dfe, und jetzt wieder gr\u00f6\u00dfer werdende Output-L\u00fccke legt nahe, dass der Staat ohne Risiken f\u00fcr Inflation und Kreditw\u00fcrdigkeit erheblich mehr f\u00fcr die inl\u00e4ndische Nachfrage \u2013 und damit auch f\u00fcr die Importe \u2013 tun kann. Eine robustere deutsche Konjunktur ist neben den \u00fcberf\u00e4lligen \u00c4nderungen der institutionellen Rahmenbedingungen im Euro-Raum das Beste, was sich f\u00fcr den Fortbestand des Euro tun l\u00e4sst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch sind die deutschen Verbraucher und Unternehmer guter Dinge. Das ist ziemlich erstaunlich, denn die j\u00fcngsten Zahlen waren gar nicht so gut. Eine erneute Rezession ist nicht mehr auszuschlie\u00dfen. 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