{"id":5202,"date":"2012-09-10T14:35:51","date_gmt":"2012-09-10T12:35:51","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=5202"},"modified":"2012-09-10T15:38:06","modified_gmt":"2012-09-10T13:38:06","slug":"und-jetzt-die-bankenunion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2012\/09\/10\/und-jetzt-die-bankenunion_5202","title":{"rendered":"Und jetzt die Bankenunion!"},"content":{"rendered":"<p>Die <a href=\"http:\/\/www.ecb.int\/press\/pressconf\/2012\/html\/is120906.en.html\" target=\"_blank\">EZB hat in der vergangenen Woche<\/a> getan, was getan werden musste, um den Euro auf ein solides Fundament zu stellen, jedenfalls soweit es ihr Instrumentarium betraf. Jetzt muss eine Bankenunion folgen, durch die die gef\u00e4hrliche Verbindung von Bankrisiken und Staatsschulden ein f\u00fcr alle Mal gekappt wird. <a href=\"http:\/\/www.consilium.europa.eu\/uedocs\/cms_data\/docs\/pressdata\/en\/ec\/131359.pdf\" target=\"_blank\">Am 29. Juni waren die Weichen daf\u00fcr gestellt worden<\/a>. Erst wenn diese Union unter Dach und Fach ist, k\u00f6nnen wir uns sicher sein, dass auch unsere Kinder und Enkel mit Euro zahlen werden. Eine W\u00e4hrungsunion erfordert auf Dauer eine Fiskalunion, die wiederum eine Vorstufe f\u00fcr eine politische Union ist. Da die Bev\u00f6lkerung und die nationalen Parlamente dazu noch nicht bereit sind und eine offene Diskussion, dar\u00fcber wie weit die Europ\u00e4ische Integration letztendlich gehen soll, bislang scheuen, ist die Kombination von Bankenunion und Gelddrucken plus Auflagen das Einzige, was sich gegenw\u00e4rtig durchsetzen l\u00e4sst. Das hei\u00dft aber nicht, dass dieser neue institutionelle Rahmen nicht belastbar w\u00e4re. Wie zu erwarten war, und wie das in der Geschichte des europ\u00e4ischen Friedensprozesses immer wieder der Fall war, muss eine Krise nur ernst genug sein, damit es weitergeht mit der Zusammenarbeit auf unserem kleinen Kontinent. Wir erleben einen historischen Moment, wenn mich nicht alles t\u00e4uscht.<\/p>\n<p>Was genau ist geschehen, was bedeutet das f\u00fcr die Zukunft des Euro, und was muss noch passieren?<!--more--><\/p>\n<p>Bis zu einer Restlaufzeit von drei Jahren wird die <a href=\"http:\/\/www.bundesbank.de\/Redaktion\/DE\/Downloads\/Presse\/EZB_Pressemitteilungen\/2012\/2012_09_06_merkmale_outright_geschaefte.pdf\" target=\"_blank\">EZB von nun an ohne mengenm\u00e4\u00dfiges Limit Anleihen von Staaten ankaufen<\/a>, die finanzielle Hilfen vom EFSF, sp\u00e4ter vom ESM, beantragt haben und damit bereit sind, die Auflagen dieser Rettungsfonds zu erf\u00fcllen. Sie werden die Steuern erh\u00f6hen, Ausgaben begrenzen und strukturelle Reformen in der Finanzpolitik und am Arbeitsmarkt einleiten m\u00fcssen. Die EZB setzt die Dicke Bertha ein, aber nicht ohne Gegenleistung. Was die Fonds verlangen, ist nichts Weniger als mitten in einer tiefen Rezession eine pro-zyklische Politik zu betreiben, also die Rezession zun\u00e4chst einmal zu vertiefen. Das f\u00fchrt verst\u00e4ndlicherweise zu Widerst\u00e4nden in den betroffenen L\u00e4ndern, die trotz der tiefen Einschnitte bisher aber relativ moderat waren, was entweder damit zusammenh\u00e4ngt, dass die Ma\u00dfnahmen im Allgemeinen als \u00fcberf\u00e4llig und vern\u00fcnftig gelten, oder damit, dass die Bev\u00f6lkerung bereit ist, kurzfristig einen hohen Preis f\u00fcr die weitere Mitgliedschaft in der W\u00e4hrungsunion zu zahlen. Der Euro ist attraktiv, und niemand scheint sich nach neuen Drachmen, Peseten oder Lire zu sehnen. Unter dem Strich bekommen wir eine Vergemeinschaftung der Schulden, die Gl\u00e4ubiger k\u00f6nnen aber \u00fcber die Rettungsfonds in die Finanzpolitik der \u00fcberschuldeten L\u00e4nder eingreifen, \u00e4hnlich wie das in der Bundesrepublik in den Beziehungen zwischen Bund, L\u00e4ndern und Gemeinden der Fall ist.<\/p>\n<p>Die spanischen oder italienischen Zinsen sind unmittelbar nach der Pressekonferenz der EZB nicht nur bei den k\u00fcrzeren Laufzeiten, sondern \u00fcber das gesamte Spektrum hinweg kr\u00e4ftig gesunken, w\u00e4hrend die deutschen gestiegen sind. Das allein wird in den Krisenl\u00e4ndern einen erheblichen expansiven Effekt haben, also das Wirtschaftswachstum stimulieren. Da sich die \u00dcberlebenschancen des Euro schlagartig verbessert haben, sind auch die Risikopr\u00e4mien f\u00fcr europ\u00e4ische Aktien und vermutlich auch Immobilien gesunken \u2013 die Preise dieser Sachwerte sind gestiegen, was nichts Anderes hei\u00dft, dass es billiger geworden ist, sich Kapital zu besorgen. Auch das ein Stimulans f\u00fcr die Konjunktur.<\/p>\n<p>Aus Sicht vieler Landsleute steuert uns die EZB allerdings geradewegs ins Desaster. Staatsfinanzierung durch die Notenpresse! Es ist richtig, dass sich die Qualit\u00e4t der Notenbankaktiva tendenziell verschlechtern kann, wenn Forderungen gegen europ\u00e4ische Banken durch griechische, irische, portugiesische, spanische und irgendwann vielleicht einmal italienische Staatspapiere ersetzt werden. Aber solange die EZB die wackligen Staaten solvent h\u00e4lt, wird es nicht zu Kreditausf\u00e4llen kommen. Nicht nur das, die EZB wird ihre Gewinne steigern k\u00f6nnen, weil sich die staatlichen Papiere viel h\u00f6her verzinsen als die Forderungen gegen Banken; die k\u00f6nnen sich zur Zeit bekanntlich f\u00fcr magere 0,75 Prozent bei der Notenbank verschulden. Die EZB kann auf diese Weise ihr Kapitalpolster verst\u00e4rken. Das ist nat\u00fcrlich nur ein Nebenaspekt, wenn auch ein erfreulicher. Erinnern wir uns, die Bundesbank hat in alten Zeiten durch anti-zyklische K\u00e4ufe von Dollars letztlich auch gut Geld verdient, zur Freude des Finanzministers und der Steuerzahler. So wie heute manche Staatspapiere hatten US Treasury Bills lange Zeit den Status von Ramsch und waren keine Qualit\u00e4tsbereicherung f\u00fcr die Bilanz der Bundesbank. Im \u00dcbrigen hat sich ja gezeigt, dass l\u00e4ngst nicht alle Banken, die bei der EZB Geld aufgenommen hatten, gute Schuldner waren. Mit anderen Worten, es ist nicht ausgemacht, dass sich die Qualit\u00e4t der EZB-Bilanz zwangsl\u00e4ufig verschlechtern muss.<\/p>\n<p>Es wird in der deutschen Diskussion gerne vergessen, dass die Krisen in Irland und Spanien nicht in erster Linie auf leichtfertige staatliche Schuldenpolitik zur\u00fcckzuf\u00fchren sind, sondern darauf, dass die Banken ihre Bilanzen w\u00e4hrend der Boomjahre mit gro\u00dfenteils wertlosen Aktiva vollgeladen hatten. Die nationalen Aufsichtsbeh\u00f6rden hatten das vollkommen verschlafen. Auch in Deutschland hat uns die Rettung von HypoRealEstate, IKB und einigen Landesbanken <a href=\"http:\/\/www.bundesbank.de\/Redaktion\/DE\/Pressemitteilungen\/BBK\/2012\/2012_04_17_maastricht_schuldenstand.html\" target=\"_blank\">291 Milliarden Euro an zus\u00e4tzlichen Staatsschulden eingebracht (11,5 Prozent des BIP)<\/a>. Unsere Bankenaufsicht war sicher nicht unt\u00e4tig, ihrer Aufsichtspflicht ist sie aber nicht nachgekommen. Immerhin kann sie darauf verweisen, dass ihnen die vielen Banken- und Financelehrst\u00fchle keine Hinweise auf die gef\u00e4hrliche Situation gegeben hatten. Niemand hatte ein Gesp\u00fcr f\u00fcr die sogenannten systemischen, also gesamtwirtschaftlichen Risiken. Aufsicht wurde aus der Froschperspektive betrieben.<\/p>\n<p>Die kommende Bankenunion wird diesen Strukturfehler des bisherigen Ansatzes hoffentlich beseitigen. Nationale L\u00f6sungen sind Anachronismen, und zwar nicht nur f\u00fcr die kleineren L\u00e4nder. Die wichtigsten Banken sind l\u00e4ngst in ganz Europa aktiv, da macht es keinen Sinn, dass sie allein von ihren Heimatbeh\u00f6rden \u00fcberwacht werden. Die Geldpolitik ist gesamteurop\u00e4isch, und die Risiken sind es auch. Im Augenblick erleben wir sogar eine Tendenz der nationalen Beh\u00f6rden, ihren Banken den Erwerb von Aktiva bestimmter L\u00e4nder zu untersagen, also m\u00f6glichst keine griechischen oder spanischen Forderungen zu erwerben. Sie f\u00fchren auf diese Weise unter der Hand Kapitalverkehrskontrollen ein und beseitigen damit ein Kernelement der W\u00e4hrungsunion! Das muss aufh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Zur euroweiten Bankenaufsicht, die zun\u00e4chst bei der EZB angesiedelt sein soll, geh\u00f6rt zwangsl\u00e4ufig eine Institution, die Banken schlie\u00dfen, umstrukturieren, rekapitalisieren und reprivatisieren kann. Es geht nicht an, dass die EZB verf\u00fcgt, dass eine Bank ihren Betrieb einstellen muss, dass die Rechnung f\u00fcr diese Aktion dann aber beim nationalen Steuerzahler landet. Am besten zentralisiert man diese Aufgabe beim k\u00fcnftigen ESM oder einer \u00e4hnlichen Institution: sie muss Durchgriffsm\u00f6glichkeiten haben und \u00fcber ausreichend Firepower verf\u00fcgen, mit Zugang zu den Mitteln der EZB. Sie h\u00e4tte daf\u00fcr zu sorgen, dass die Aktion\u00e4re und gro\u00dfen institutionellen Besitzer von Bankschuldverschreibungen im Konkursfall zur Kasse gebeten werden und nicht alles, wie in Irland, auf die Steuerzahler abgew\u00e4lzt wird. F\u00fcr Kleinsparer muss es allerdings konsequenterweise einen Einlagenschutz geben, denn es kann von ihnen nicht erwartet werden, dass sie in der Lage sind, sich ein realistisches Bild von der finanziellen Situation ihrer Bank zu machen und die Risiken ihres Sparkontos korrekt einzusch\u00e4tzen. Auch das wird euroweit zu regeln sein, vielleicht ebenfalls unter der \u00c4gide des ESM.<\/p>\n<p>Der Teufel steckt nat\u00fcrlich im Detail. Sollen 20 oder alle 6000 europ\u00e4ischen Banken der europaweiten Aufsicht unterstellt werden? Wird es gelingen, die Beh\u00f6rde, die f\u00fcr die europaweite Bankenaufsicht, die Bankenresolution (d.h. die Umstrukturierung und gegebenenfalls die Abwicklung von in Schieflage geratenen Banken) und die Einlagensicherung zust\u00e4ndig sein wird, mit Weisungsrechten gegen\u00fcber den nationalen Beh\u00f6rden auszustatten? Es w\u00e4re sehr zu w\u00fcnschen. Dabei sollte die EZB nur eine unterst\u00fctzende Rolle haben, keineswegs jedoch die Hauptverantwortung tragen. Die EZB darf nicht mit zu vielen Aufgaben belastet werden, schon wegen der vielen Interessenkonflikte, die das mit sich br\u00e4chte. Und wer kontrolliert diese m\u00e4chtige neue Institution? Am besten wohl das Europaparlament, das dadurch erheblich an Bedeutung gewinnen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Insgesamt habe ich den Eindruck, dass es in den Verhandlungen nicht an Kompromissbereitschaft fehlt. Am Ende d\u00fcrfte Euroland die modernste Aufsichtsstruktur der Welt haben, die einige Jahrzehnte lang Bestand haben wird, gepr\u00e4gt von den Lehren der jetzigen Finanzkrise.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die EZB hat in der vergangenen Woche getan, was getan werden musste, um den Euro auf ein solides Fundament zu stellen, jedenfalls soweit es ihr Instrumentarium betraf. Jetzt muss eine Bankenunion folgen, durch die die gef\u00e4hrliche Verbindung von Bankrisiken und Staatsschulden ein f\u00fcr alle Mal gekappt wird. Am 29. 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