{"id":5474,"date":"2012-11-28T23:37:52","date_gmt":"2012-11-28T22:37:52","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=5474"},"modified":"2012-11-29T13:50:02","modified_gmt":"2012-11-29T12:50:02","slug":"ohne-exporte-lauft-nichts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2012\/11\/28\/ohne-exporte-lauft-nichts_5474","title":{"rendered":"Ohne Exporte l\u00e4uft nichts"},"content":{"rendered":"<p>Die <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/PresseService\/Presse\/Pressemitteilungen\/2012\/11\/PD12_407_811.html\" target=\"_blank\">neuen detaillierten Zahlen zur volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR)<\/a> des vergangenen Quartals zeigen einmal mehr, wie sehr unser Land vom Au\u00dfenhandel abh\u00e4ngt. Obwohl die inl\u00e4ndische Nachfrage um 0,8 Prozent niedriger als im dritten Quartal 2011 war, gab es im gleichen Zeitraum dennoch einen Anstieg des realen BIP um 0,9 Prozent. Der Grund ist die immer noch sehr robuste Auslandsnachfrage: Die Exporte von Waren und Dienstleistungen \u00fcbertrafen ihren Vorjahreswert um 5,0 Prozent! Woran genau das liegt, l\u00e4sst sich nicht mit Sicherheit sagen. Der relativ schwache Euro, die betr\u00e4chtliche Unterauslastung der Kapazit\u00e4ten, das vergleichsweise rasche Wachstum der Weltwirtschaft, vor allem der Schwellenl\u00e4nder, spielen ebenso eine Rolle wie der offenbar konjunkturresistente Produktmix der deutschen Unternehmen.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_5475\" aria-describedby=\"caption-attachment-5475\" style=\"width: 484px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/11\/Anteil_Handel_am_BIP_1991-2012.gif\" alt=\"Grafik: Anteil des Au\u00dfensektors am BIP 1991-2012\" title=\"Anteil des Au\u00dfensektors am BIP 1991-2012\" width=\"484\" height=\"298\" class=\"size-full wp-image-5475\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/11\/Anteil_Handel_am_BIP_1991-2012.gif 484w, https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/11\/Anteil_Handel_am_BIP_1991-2012-300x184.gif 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 484px) 100vw, 484px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5475\" class=\"wp-caption-text\">Entwicklung des Anteils des Au\u00dfensektors am BIP seit 1991 (in Prozent)<\/figcaption><\/figure><br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Nicht nur in letzter Zeit, sondern auch im Trend wird der Au\u00dfensektor st\u00e4ndig wichtiger. Im vergangenen Jahrzehnt hat die reale Inlandsnachfrage im Durchschnitt nur um 0,7 Prozent j\u00e4hrlich zugenommen, die Ausfuhren dagegen um 5,5 Prozent. Die Einfuhren stiegen im Trend &#8222;nur&#8220; um 4,8 Prozent. Das bedeutet, dass die Integration in die Weltwirtschaft rapide zunimmt und der Tag nicht mehr fern ist, an dem die Summe aus Exporten und Importen gr\u00f6\u00dfer ist als das Sozialprodukt, so wie das heute bereits in Singapur oder Hongkong und generell in kleinen offenen Volkswirtschaften der Fall ist.<\/p>\n<p>Das ist aus mindestens zwei Gr\u00fcnden kein Nachteil: Zum Einen expandiert die Weltwirtschaft wegen der Aufholprozesse in den armen und bev\u00f6lkerungsreichen L\u00e4ndern im Trend deutlich rascher als die deutsche Wirtschaft, zum Anderen sind die Konjunkturausschl\u00e4ge im Ausland geringer als im Inland \u2013 was das unternehmerische Planen erleichtert und Risiken mindert. Au\u00dferdem zwingen offene Grenzen die Unternehmen, st\u00e4ndig ihre Produktpalette auf den neuesten Stand zu bringen und ihre Kosten im Griff zu behalten. Wer da nicht mithalten kann, scheidet aus. Monopolrenten gibt es nicht, oder nur sehr selten.<\/p>\n<p>Eine immer intensivere internationale Arbeitsteilung hat nat\u00fcrlich auch Nachteile: Beispielsweise kann der Wandel der Produktionsstruktur so dynamisch verlaufen, dass kurzfristig mehr Branchen verschwinden als neue entstehen. Au\u00dferdem wird der deutsche Arbeitsmarkt immer st\u00e4rker durch das Ausland bestimmt. Vor allem die weniger qualifizierten Arbeitnehmer wissen ein Lied davon zu singen. Tendenziell geht es in Richtung eines Weltmarkts f\u00fcr einfache Jobs, also niedrigere L\u00f6hne in einem Land wie dem unsrigen, wenn die Gewerkschaften und der Staat (in Form von Mindestl\u00f6hnen) nicht gegenhalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_5476\" aria-describedby=\"caption-attachment-5476\" style=\"width: 482px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/11\/Reales_BIP_mit_Trendlinie_12Q4p.gif\" alt=\"Grafik: Entwicklung des realen BIP seit 1991\" title=\"Entwicklung des realen BIP seit 1991\" width=\"482\" height=\"324\" class=\"size-full wp-image-5476\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/11\/Reales_BIP_mit_Trendlinie_12Q4p.gif 482w, https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/11\/Reales_BIP_mit_Trendlinie_12Q4p-300x201.gif 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 482px) 100vw, 482px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5476\" class=\"wp-caption-text\">Entwicklung des realen BIP seit 1991<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>F\u00fcr das Gesamtjahr 2012 l\u00e4sst sich jetzt mit einiger Sicherheit vorhersagen, dass das reale Sozialprodukt um etwa 0,9 Prozent h\u00f6her sein wird als 2011. Auf der sogenannten Entstehungsseite ist der Sektor &#8222;Information und Kommunikation&#8220; wieder einmal der bei Weitem dynamischste. Leider hat er nur einen Anteil von 3 Prozent an der gesamtwirtschaftlichen Wertsch\u00f6pfung. Immerhin, sein Output hat gegen\u00fcber dem zweiten Quartal um 1,8 Prozent zugelegt und ist damit seit 2005 (dem aktuellen Basisjahr, das die Bundesbank f\u00fcr die VGR verwendet) um stolze 43 Prozent gestiegen. Im Vergleich dazu nehmen sich die 11 Prozent des produzierenden Gewerbes (ohne Bau) fast mickrig aus, und erst recht die 3 Prozent der Bauwirtschaft. Auch die neuen Zahlen liefern keinen Beleg daf\u00fcr, dass es am Bau wegen der Fluchtgelder aus dem Mittelmeerraum inzwischen brummt; de facto herrscht seit 2005 Stagnation.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_5477\" aria-describedby=\"caption-attachment-5477\" style=\"width: 468px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/11\/Ausruestungen_12Q3.gif\" alt=\"Grafik: Ausr\u00fcstungsinvestitionen seit 1999\" title=\"Ausr\u00fcstungsinvestitionen seit 1999\" width=\"468\" height=\"289\" class=\"size-full wp-image-5477\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/11\/Ausruestungen_12Q3.gif 468w, https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/11\/Ausruestungen_12Q3-300x185.gif 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 468px) 100vw, 468px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5477\" class=\"wp-caption-text\">Ausr\u00fcstungsinvestitionen (Ver\u00e4nderungen seit 1999)<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Bei den Ausr\u00fcstungsinvestitionen sah es im dritten Quartal besonders schlecht aus. Real sind sie gegen\u00fcber dem zweiten Quartal um 2,0 Prozent, und gegen\u00fcber dem Vorjahresquartal um 7,0 Prozent gefallen. Zusammen mit der beruflichen Qualifikation der Bev\u00f6lkerung und dem Standard der Infrastruktur sind die Ausgaben f\u00fcr Maschinen und Anlagen die entscheidenden Determinanten f\u00fcr die Produktivit\u00e4t und damit f\u00fcr den k\u00fcnftigen Wohlstand. Seit 2005 sind sie im Schnitt nur um 1,2 Prozent j\u00e4hrlich gestiegen.<\/p>\n<p>So sehr ich im Allgemeinen dagegen bin, dass der Staat den Leuten vorschreibt, wie sie ihr Geld ausgeben sollten, so sehr bin ich in manchen F\u00e4llen daf\u00fcr, dass er eingreift, etwa wenn es negative externe Effekte durch L\u00e4rm oder Luftverschmutzung gibt, oder wenn, wie zurzeit, die Investitionen einbrechen. Von der Lage der \u00f6ffentlichen Haushalte her besteht durchaus Spielraum f\u00fcr eine befristete finanzielle F\u00f6rderung des Wachstums. Weil das indirekt auch die Exporte der Probleml\u00e4nder des Mittelmeers st\u00fctzt, w\u00e4re das nicht zuletzt ein Beitrag zur Stabilisierung des Euro. Au\u00dferdem: Noch nie zuvor konnte sich der Bund zu langfristigen Realzinsen von nahezu null Prozent verschulden. Da die Ertr\u00e4ge von Investitionen bei einem klug konzipierten Anreizsystem h\u00f6her sein d\u00fcrften als null, sollte er die g\u00fcnstige Situation nutzen.<\/p>\n<p>Nur im <a href=\"http:\/\/epp.eurostat.ec.europa.eu\/cache\/ITY_PUBLIC\/2-15112012-AP\/DE\/2-15112012-AP-DE.PDF\" target=\"_blank\">Vergleich zu anderen L\u00e4ndern der W\u00e4hrungsunion<\/a> sieht es konjunkturell in Deutschland einigerma\u00dfen gut aus, f\u00fcr sich genommen schrammt die deutsche Volkswirtschaft am Rand einer Rezession entlang. Nach der mickrigen Zuwachsrate des realen BIP von 0,2 Prozent im dritten Quartal (gegen\u00fcber dem Zweiten) d\u00fcrfte es im vierten zu einem leichten R\u00fcckgang der Produktion kommen. Daf\u00fcr spricht der Einbruch der Industrieproduktion und der Anstieg der (saisonbereinigten) Arbeitslosenzahlen. Die Outputl\u00fccke weitet sich demnach beschleunigt aus. Es gibt daher kaum Inflationsrisiken, sodass die EZB weiterhin einen extrem expansiven Kurs fahren kann. Die langfristigen Zinsen d\u00fcrften nicht zuletzt wegen der Geldpolitik niedrig bleiben (ein anderer Grund ist das sehr gute Rating deutscher Schuldner).<\/p>\n<p>Wie wird es weitergehen? Ich glaube nicht, dass es noch einmal zu einer Rezession nach dem Muster von 2008\/2009 kommen wird. Aktien- und Immobilienblasen, die platzen k\u00f6nnten, sind bereits geplatzt, und die Weltwirtschaft au\u00dferhalb der W\u00e4hrungsunion expandiert zwar langsamer als 2010 und 2011, unmittelbar nach der globalen Rezession, aber immer noch mit einer Verlaufsrate von gut 2 Prozent. In ihrem neuen <a href=\"http:\/\/www.oecd.org\/eco\/economicoutlook.htm\" target=\"_blank\">Economic Outlook<\/a> prognostiziert die OECD f\u00fcr den realen Welthandel in diesem Jahr eine Zuwachsrate von 2,8 Prozent, gefolgt von plus 4,7 Prozent im n\u00e4chsten. Aus deutscher Sicht sind das gute Zahlen. Der R\u00fcckgang der <a href=\"http:\/\/www.cesifo-group.de\/de\/ifoHome\/facts\/Survey-Results\/Business-Climate\/Geschaeftsklima-Archiv\/2012\/Geschaeftsklima-20121123.html\" target=\"_blank\">Ifo-Indikatoren<\/a> und der Auftragseing\u00e4nge in der Industrie ist zudem bei Weitem nicht so stark wie damals, bisher jedenfalls.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_5478\" aria-describedby=\"caption-attachment-5478\" style=\"width: 485px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/11\/ifo_Index_Nov_12.gif\" alt=\"Grafik: Ifo Gesch\u00e4ftsklima\" title=\"Ifo Gesch\u00e4ftsklima\" width=\"485\" height=\"301\" class=\"size-full wp-image-5478\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/11\/ifo_Index_Nov_12.gif 485w, https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2012\/11\/ifo_Index_Nov_12-300x186.gif 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 485px) 100vw, 485px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5478\" class=\"wp-caption-text\">Ifo Gesch\u00e4ftsklima (Lage und Erwartungen)<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Gefahr geht vor allem von den Rezessionen in Italien und Spanien aus, wo der forcierte Strukturwandel zusammen mit pro-zyklischer Finanzpolitik sich zur Zeit \u2013 und vielleicht auch noch f\u00fcr l\u00e4nger \u2013 in einem scharfen R\u00fcckgang der Nachfrage und Besch\u00e4ftigung niederschl\u00e4gt. Die Lage soll sich sp\u00e4testens 2014 bessern, aber wie genau das gehen kann, ist mehr als unsicher. Ein schwacher Euro und ein kr\u00e4ftiges Wachstum in Deutschland, den \u00fcbrigen europ\u00e4ischen Gl\u00e4ubigerl\u00e4ndern und in den Schwellenl\u00e4ndern w\u00fcrden helfen, ebenso wie konkrete Schritte in Richtung Bankenunion, weil dadurch die langfristigen Zinsen in der Peripherie der W\u00e4hrungsunion endlich auf vertretbare Niveaus sinken w\u00fcrden. Im Gro\u00dfen und Ganzen ist das Licht am Ende des Tunnels noch sehr schwach.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die neuen detaillierten Zahlen zur volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) des vergangenen Quartals zeigen einmal mehr, wie sehr unser Land vom Au\u00dfenhandel abh\u00e4ngt. Obwohl die inl\u00e4ndische Nachfrage um 0,8 Prozent niedriger als im dritten Quartal 2011 war, gab es im gleichen Zeitraum dennoch einen Anstieg des realen BIP um 0,9 Prozent. 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