{"id":5976,"date":"2013-05-02T22:49:01","date_gmt":"2013-05-02T20:49:01","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=5976"},"modified":"2013-05-02T23:03:25","modified_gmt":"2013-05-02T21:03:25","slug":"die-banken-an-die-leine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2013\/05\/02\/die-banken-an-die-leine_5976","title":{"rendered":"Die Banken an die Leine!"},"content":{"rendered":"<p>Vor Kurzem ist ein Buch erschienen, das es in sich hat. Verfasst von zwei angesehenen, eher konservativen \u00d6konomen geht es mit den Banken und deren Lobby scharf ins Gericht. Die Weltwirtschaft soll nicht noch einmal durch toxische Produkte, die Verschleierung von Risiken und leichtfertig vergebene Kredite zugrundegerichtet werden. Das Gesch\u00e4ftsmodell der Banken, bei dem ihnen die Gewinne zustehen, Verluste aber von der Gemeinschaft der Steuerzahler \u00fcbernommen werden, egal was mit den Staatsfinanzen passiert, darf es nicht mehr geben.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDie beiden Autoren, <a href=\"https:\/\/www.gsb.stanford.edu\/users\/admati\" target=\"_blank\">Anat Admati<\/a> von der Stanford Business School und <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2013\/17\/banken-schuldenkrise-martin-hellwig\/komplettansicht\" target=\"_blank\">Martin Hellwig<\/a> vom <a href=\"http:\/\/www.coll.mpg.de\/team\/page\/martin_hellwig\" target=\"_blank\">Max-Planck-Institut<\/a>, sehen in dem extrem hohen Anteil an Fremdmittel, mit dem im Bankensektor bislang \u00fcblicherweise gearbeitet wird, eine grunds\u00e4tzliche Ursache f\u00fcr das gef\u00e4hrliche Gesch\u00e4ftsgebaren der Banken. K\u00fcnftig sollten sie deshalb deutlich mehr Eigenkapital vorhalten als in der Vergangenheit und auch viel mehr, als nach den sogenannten <a href=\"http:\/\/www.bis.org\/bcbs\/basel3_de.htm\" target=\"_blank\">Basel III-Regeln<\/a> erforderlich sein wird. Dadurch w\u00fcrde sich ihre F\u00e4higkeit erh\u00f6hen, Verluste zu absorbieren und zu haften, wenn es mal schief l\u00e4uft. Der Anreiz, risikobewu\u00dfter zu agieren, w\u00fcrde zu nehmen.<\/p>\n<p>Aus Sicht der Banken d\u00fcrften die Vorschl\u00e4ge der Beiden geradezu ungeheuerlich anmuten. Wo k\u00e4men wir hin, wenn Kreditinstitute wie ganz normale andere Unternehmen kapitalisiert sein m\u00fcssten? Die Gewinnmargen w\u00fcrden ja schrumpfen, ganz abgesehen von den Boni f\u00fcr die Manager! Und wo soll in diesem schwierigen Umfeld das Geld herkommen? Den Banken bliebe erst einmal keine andere Wahl, als ihr Kreditvolumen und ihren Bestand an Wertpapieren drastisch zu vermindern. Neue Rezessionen w\u00e4ren vorprogrammiert. Wer kann das wollen?<\/p>\n<p>In Anlehnung an das M\u00e4rchen von Christian Andersen haben die beiden Autoren ihrem Werk den Titel &#8222;<a href=\"http:\/\/press.princeton.edu\/titles\/9929.html\" target=\"_blank\">The banker&#8217;s new clothes<\/a>&#8220; gegeben, mit dem sie darauf anspielen, dass die Banken und deren Lobby mit fadenscheinigen Argumenten ihre Gesch\u00e4fte in ein regulatorisches Gewand geh\u00fcllt sehen wollen, das eben keines ist.<\/p>\n<p>Sehen wir uns das Gesch\u00e4ftsmodell von Privatbanken am Beispiel der Deutschen Bank einmal genauer an. Diese ist in den USA stark unter Druck, ihre dortige Eigenkapitalbasis zu st\u00e4rken. Nicht zuletzt deswegen ist sie gerade dabei, 2,8 Mrd. Dollar am Aktienmarkt aufzunehmen. Das ist dringend n\u00f6tig: Ende 2012 belief sich ihr Eigenkapital auf nur 2,7 Prozent der Aktiva \u2013 was nichts anderes hei\u00dft, als dass der Wert dieser Aktiva nur um 2,7 Prozent zu sinken braucht, um die Bank auszul\u00f6schen, immerhin Deutschlands gr\u00f6\u00dfte, mit einer Bilanzsumme, die nicht viel niedriger ist als das deutsche Sozialprodukt. Dabei sind diese 2,7 Prozent schon ein Fortschritt gegen\u00fcber den Jahren 2006 bis 2008, als die &#8222;D-Bank&#8220; mit Hebeln (&#8222;leverage ratios&#8220;) von 1,4 bis 1,5 Prozent versucht hatte, ihre Gewinne zu maximieren. Bei manchen Banken ist es offenbar m\u00f6glich, das Gesch\u00e4ft fast ausschlie\u00dflich mit geliehenem Geld zu betreiben. Dabei geht es nicht um irgendwelche Banken, sondern um die gr\u00f6\u00dften und einflussreichsten der Welt.<\/p>\n<p>Nur zum Vergleich: Aktienanalysten werden bei &#8222;normalen&#8220; (DAX-) Unternehmen bereits nerv\u00f6s, wenn das Verh\u00e4ltnis von Nettoschulden zu Eigenkapital 100 Prozent erreicht. Wie wir gelernt haben, betreiben Banken ein f\u00fcr die Gesellschaft au\u00dferordentlich gef\u00e4hrliches Gesch\u00e4ftsmodell, bei dem in guten Jahren Gewinne erzielt werden, von denen die Unternehmen in anderen Bereichen nur tr\u00e4umen k\u00f6nnen. Das ist nicht zuletzt ihrer schmalen Eigenkapitalbasis zu verdanken. Das Modell kann aber binnen kurzer Zeit zusammenbrechen, wenn einige ung\u00fcnstige Umst\u00e4nde zusammenkommen. Dazu geh\u00f6ren das Platzen von Immobilien-, Rohstoff- oder Aktienblasen, also der rapide Wertverlust der betreffenden Bilanzpositionen oder ein Verlust des Vertrauens gegen\u00fcber Banken, verbunden mit dem Abzug von Bankeinlagen, nicht nur durch die Haushalte und nicht-finanzielle Unternehmen, sondern, wie in der j\u00fcngsten Krise geschehen, ebenso durch andere Banken. Auch durch einen unerwarteten Anstieg der Notenbankzinsen, der die Refinanzierung verteuert und die Kurse festverzinslicher Wertpapiere in den Keller treibt, kann Banken schnell ins Schleudern bringen.<\/p>\n<p>Die Banken argumentieren, dass wegen ihrer zentralen Rolle im Wirtschaftsprozess hohe Gewinne n\u00f6tig sind, um finanzielle R\u00fcckschl\u00e4ge verkraften zu k\u00f6nnen. Ohne profitable Banken liefe nichts! Es hat sich aber gezeigt, dass gerade das nicht so war. Trotz der gewaltigen Gewinne, die sie bis zum Ausbruch der Finanzkrise erzielt hatten, hatten sie \u00fcberhaupt keine Polster, als es ernst wurde. In den USA machten die Gewinne des Finanzsektors im Jahr 2003 unglaubliche 40 Prozent aller Unternehmensgewinne aus, f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter waren die gr\u00f6\u00dften Banken \u2013 und die gr\u00f6\u00dfte Versicherung! \u2013 insolvent und mussten vom Staat aufgefangen werden. Wie sich herausstellte, hatte Anlegerguru Warren Buffet unrecht mit seiner Beobachtung, dass Hedge Funds die neuen Massenvernichtungswaffen seien \u2013 es waren die Banken.<\/p>\n<p>Warum hantieren Banken so gern mit m\u00f6glichst geringen Eigenkapitalquoten? F\u00fcr die Gewinnerzielung ist es bekanntlich (oder nicht bekanntlich) mehr oder weniger irrelevant, wie hoch der Anteil der Fremdmittel ist, nicht aber f\u00fcr die Verzinsung des Eigenkapitals. Auf die kommt es f\u00fcr Aktion\u00e4re und Manager aber vor allem an. Wenn 1 Euro Gewinn auf 3 Euro Eigenkapital bezogen wird, ergibt das eine Verzinsung von 33,3 Prozent, wenn das Eigenkapital dagegen 25 Euro betr\u00e4gt, bleiben nur mickrige 4 Prozent. So einfach ist das. Banker haben ein Interesse daran, so viel Fremdmitteln aufzunehmen, wie ihnen Aufseher und Markt erlauben. Dass das legitim sei, wurde vor der Krise kaum angezweifelt, und auch jetzt sind die gro\u00dfen Banken, die \u00fcberlebt haben, schon wieder bei ihrer alten \u2013 f\u00fcr sie profitablen, f\u00fcr das Gemeinwesen aber h\u00f6chst gef\u00e4hrlichen Strategie.<\/p>\n<p>Admati und Hellwig argumentieren, dass es keinen Grund g\u00e4be, Banken bez\u00fcglich ihrer Eigenkapitalausstattung anders zu betrachten als &#8222;normale&#8220; Unternehmen. Der Sonderstatus, der den Banken von der Politik und den Regulierungsbeh\u00f6rden einger\u00e4umt wird, entspringt irgendwie einer Mystifizierung des Geldgesch\u00e4fts und dessen zentrale Rolle bei allen Transaktionen \u2013 und einer erfolgreichen Lobbyarbeit. Die Banker handeln aber letztlich mit einfachen Produkten, dem Zahlungsverkehr, der Vermittlung zwischen Sparern und Kreditnehmern, und der Aufbewahrung von Geldkapital. Warum sollen die Gewinne, die sich damit erzielen lassen, so viel h\u00f6her sein als beim Bau von Gro\u00dfraumflugzeugen oder der Entwicklung von Medikamenten gegen HIV? Wenn deutlich h\u00f6here Eigenkapitalquoten zu geringeren Gewinnen f\u00fchren, w\u00fcrden die anderen entsprechend mehr haben. Vor allem aber w\u00e4re das Finanzsystem viel stabiler. Die Autoren klagen dar\u00fcber, dass trotz des enormen Schadens, den die Banken angerichtet haben, wirklich fundamentale Reformen aus politischen Gr\u00fcnden bisher nicht auf den Weg gebracht wurden: &#8222;Diejenigen, die den Status quo erhalten m\u00f6chten, dominieren die \u00f6ffentliche Diskussion [\u2026] Die Politiker [\u2026] glauben, dass gro\u00dfe Risiken ein wesentliches Element des Bankgesch\u00e4fts seien [\u2026] Oder sie lassen sich von Wahlkampfspenden beeinflussen.&#8220; (S. 227)<\/p>\n<p>Den Banken d\u00fcrfe es nicht l\u00e4nger gelingen, Konfusion \u00fcber ihre Rolle zu verbreiten und denjenigen fadenscheinige Argumente zu liefern, die gegen Reformen und eine schlagkr\u00e4ftige Aufsicht sind. Wie beim Kaiser im M\u00e4rchen muss irgendjemand nur mal die Wahrheit sagen, dass die Banken regulatorisch in Wirklichkeit nackt sind. Admati und Hellwig tun das, nun m\u00fcssen sie mit ihrem Buch nur noch Geh\u00f6r finden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor Kurzem ist ein Buch erschienen, das es in sich hat. Verfasst von zwei angesehenen, eher konservativen \u00d6konomen geht es mit den Banken und deren Lobby scharf ins Gericht. Die Weltwirtschaft soll nicht noch einmal durch toxische Produkte, die Verschleierung von Risiken und leichtfertig vergebene Kredite zugrundegerichtet werden. 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