{"id":6115,"date":"2013-05-24T14:52:41","date_gmt":"2013-05-24T12:52:41","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=6115"},"modified":"2013-05-24T19:09:32","modified_gmt":"2013-05-24T17:09:32","slug":"aktien-sind-nicht-mehr-billig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2013\/05\/24\/aktien-sind-nicht-mehr-billig_6115","title":{"rendered":"Aktien sind nicht mehr billig"},"content":{"rendered":"<p>Seit seinem Tiefpunkt am 6. M\u00e4rz 2009 ist der DAX von 3.666,41 auf aktuell rund 8.300 Punkte geklettert. Das ist ein Anstieg um 127 Prozent oder 21,4 Prozent pro Jahr. Das ist mehr, als Sie in der Zeit mit Ihrem Sparbuch verdient haben. Zugegeben, eine etwas effekthascherische Einleitung! Dennoch enth\u00e4lt sie eine klare Botschaft: Die Aktienkurse sind ziemlich hoch. Wer jetzt einsteigt, lebt gef\u00e4hrlich. Ich erwarte eine gr\u00f6\u00dfere Korrektur, wenn nicht jetzt, dann doch in der n\u00e4heren Zukunft. Was sind die Gr\u00fcnde?<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6116\" aria-describedby=\"caption-attachment-6116\" style=\"width: 479px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-6116\" alt=\"Grafik: Dax, t\u00e4gl. Kurse seit 1996\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2013\/05\/Dax_taegl_seit_1996.gif\" width=\"479\" height=\"290\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6116\" class=\"wp-caption-text\">DAX, t\u00e4gl. Kurse seit 1996<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Um mit den konjunkturellen Aspekten anzufangen: Zum Einen gibt es Signale von der Fed, dass bald Schluss sein wird mit der extrem starken Ausweitung der (Zentralbank-) Geldmenge. Dadurch verl\u00f6re das Argument an Kraft, dass die Aktienm\u00e4rkte weltweit vor allem durch die Dollarschwemme getrieben w\u00fcrden. F\u00fcr eine weniger expansive Geldpolitik spricht, dass die amerikanische Wirtschaft neuerdings ganz gut l\u00e4uft: Der Wohnungsmarkt, dessen Zusammenbruch im Jahr 2007 die Weltwirtschaftskrise ausgel\u00f6st hatte, hat sich offenbar gefangen \u2013 es wird kr\u00e4ftig gebaut, die Hauspreise sind bereits wieder 10 Prozent h\u00f6her als vor einem Jahr \u2013 die Anzahl der abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten (gemessen an den <em>nonfarm payrolls<\/em>) hat sich in den vergangenen drei Monaten im Mittel um 212.000 erh\u00f6ht und damit um mehr als das Potenzial an Arbeitskr\u00e4ften, und die Verbraucher sind erstaunlich optimistisch \u2013 sodass das reale BIP trotz der restriktiven Finanzpolitik zurzeit mit Raten von etwa zwei Prozent zunimmt. Das ist weniger als sonst nach tiefen Rezessionen \u2013 und auch etwas unterhalb der mittelfristigen Trendrate von 2,3 Prozent \u2013, aber insgesamt ist der Aufschwung beneidenswert robust. Daher r\u00fcckt wohl tats\u00e4chlich der Zeitpunkt n\u00e4her, an dem die Fed die Punschbowle vom Tisch nehmen wird. H\u00f6here Leitzinsen stehen auf absehbare Zeit zwar nicht auf der Agenda, insgesamt aber sieht es danach aus, dass die US-Geldpolitik vor einem Kurswechsel steht. F\u00fcr die Aktienm\u00e4rkte ist das ein Warnsignal.<\/p>\n<p>Zum Anderen kommen leicht beunruhigende Nachrichten aus China. Das Land ist seit einigen Jahren der Wachstumsmotor der Weltwirtschaft, mit einem nominalen Sozialprodukt von 7.200 Milliarden Euro. Nur die USA (12.300 Milliarden Euro) und Euro-Land (9.480 Milliarden Euro) sind noch gr\u00f6\u00dfer. In Euro gerechnet nimmt das chinesische Sozialprodukt st\u00e4rker zu als das amerikanische \u2013 und erst recht als das der europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsunion. Wenn China hustet, bekommt der Rest der Welt Lungenentz\u00fcndung. Ein solcher Spruch bezog sich bis vor Kurzem noch auf die USA. Nach den j\u00fcngsten Prognosen wird das reale BIP Chinas in diesem Jahr gegen\u00fcber 2012 &#8222;nur&#8220; noch um sieben Prozent zunehmen. Der Einkaufsmanagerindex, ein Fr\u00fchindikator f\u00fcr die Konjunktur, war diese Woche erstmals unter die kritische Marke von 50 gefallen (vorl\u00e4ufiges Ergebnis f\u00fcr Mai): In den 17 Jahren bis 2011 war das BIP im Durchschnitt um 9,9 Prozent gestiegen und im vergangenen Jahr noch um 7,8 Prozent.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6128\" aria-describedby=\"caption-attachment-6128\" style=\"width: 485px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2013\/05\/Wachstum_Weltwirtschaft_1980-2014.gif\" alt=\"Grafik: \u00c4nderung der realen BIP der Welt gg. dem Vorjahr in Prozent, 1980-2014\" width=\"485\" height=\"296\" class=\"size-full wp-image-6128\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6128\" class=\"wp-caption-text\">\u00c4nderung der realen BIP der Welt gg. dem Vorjahr in Prozent, 1980-2014<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Vor allem im Au\u00dfenhandel l\u00e4uft es aus zwei Gr\u00fcnden nicht mehr so recht: Das Expansionstempo der Weltwirtschaft hat sich im vergangenen Halbjahr auf 2,0 Prozent (gemessen zu aktuellen Wechselkursen) und 2,75 Prozent (gemessen in Kaufkraftparit\u00e4ten) abgeschw\u00e4cht \u2013 das ist jeweils rund ein Prozentpunkt weniger als im Trend. Das Ausland steigert wegen der schlechten Konjunktur seine K\u00e4ufe chinesischer Waren nicht mehr so rasch wie in der Vergangenheit. Gleichzeitig ziehen die chinesischen Importe stark an, weil die Einkommen in China kr\u00e4ftiger zunehmen als im Rest der Welt.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6117\" aria-describedby=\"caption-attachment-6117\" style=\"width: 479px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-6117\" alt=\"Grafik: Renminbi-Wechselkurs gg\u00fc. Dollar und 100Yen, t\u00e4gl. Werte seit 2000\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2013\/05\/Renminbi_WK_Dollar_Yen_taegl_seit_2000.gif\" width=\"479\" height=\"290\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6117\" class=\"wp-caption-text\">Renminbi-Wechselkurs gg\u00fc. Dollar und 100Yen, t\u00e4gl. Werte seit 2000<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Daneben gibt es noch einen stark negativen Preiseffekt: Wegen der gewaltigen Aufwertung des Renminbi hat sich die preisliche Wettbewerbsf\u00e4higkeit chinesischer Produkte drastisch verschlechtert \u2013 Japan f\u00fchrt seit Ende vergangenen Jahres de facto einen W\u00e4hrungskrieg, nicht nur, aber vor allem gegen China. Da China schon lange nicht mehr nur billiges Plastikzeug und Jeans exportiert, sondern zunehmend auf anspruchsvollere Produkte setzt, ist Japan auf immer mehr M\u00e4rkten der wichtigste Konkurrent. Es ist noch nicht so lange her, da betrug der chinesische Leistungsbilanz\u00fcberschuss noch 10 Prozent des BIP \u2013 f\u00fcr dieses Jahr werden nur noch 1,9 Prozent erwartet. Das langsamere Wirtschaftswachstum Chinas r\u00fchrt nicht zuletzt daher, dass das Umschalten von exportgetriebener auf inlandsgetriebene Nachfrage nicht ohne Reibungsverluste vonstattengeht.<\/p>\n<p>Kurz gesagt, China ist nicht mehr die Wachstumslokomotive von einst. Da vor allem die deutschen Aktienm\u00e4rkte selten gut laufen, wenn es mit der internationalen Konjunktur hapert, gibt es auch von dieser Seite her ein R\u00fcckschlagrisiko.<\/p>\n<p>Bei <em>Bloomberg<\/em> sehe ich, dass die Aktienanalysten f\u00fcr die DAX-Unternehmen im Jahr 2013 eine Zuwachsrate der Gewinne je Aktie von 27 Prozent erwarten, f\u00fcr 2014 eine von 13 Prozent. Vor allem die 27 Prozent f\u00fcr dieses Jahr sind meiner Ansicht nach Wunschdenken. Analysten sind bekanntlich gro\u00df im Wunschdenken: Nur wenn man optimistische Prognosen macht, k\u00f6nnen die Kurse steigen, und nur dann l\u00e4sst sich im Allgemeinen Umsatz machen.<\/p>\n<p>Ich gebe zu bedenken, dass das Jahr 2013 in Deutschland angesichts des BIP-R\u00fcckgangs im vergangenen halben Jahr (-1,1 Prozent annualisiert gegen\u00fcber dem zweiten und dritten Quartal 2012) konjunkturell voraussichtlich entt\u00e4uschen wird. Beim Vorjahresvergleich f\u00fcr das Gesamtjahr bewegen sich die Wachstumsprognosen inzwischen in Richtung null Prozent. Wieso sollen die Gewinne bei diesen Aussichten um 27 Prozent zulegen? F\u00fcr 2014 liegen die Prognosen f\u00fcr das reale BIP zwischen 1,5 und 2 Prozent. Das wiederum spricht daf\u00fcr, dass die Gewinne im n\u00e4chsten Jahr um mehr als nur 13 Prozent steigen werden. Niemand hat allerdings die leiseste Ahnung, wie genau Konjunkturerwartungen, Gewinne und die k\u00fcnftigen Aktienkurse zusammenh\u00e4ngen. Es gibt diese Zusammenh\u00e4nge, aber sie sind nicht so stabil, dass man daraus Kauf- oder Verkaufsempfehlungen ableiten kann. Nur so viel: Gute Konjunkturzahlen sind ceteris paribus besser f\u00fcr die Kurse als schlechte.<\/p>\n<p>Begeben wir uns daher auf etwas sichereres Territorium, fragen wir, ob Aktien auf der Basis bereits vorhandener Daten gerade teuer oder billig sind, ob man daher eher kaufen oder verkaufen sollte, wo ihr &#8222;fairer&#8220; Wert denn liegen k\u00f6nnte? Auch dabei gibt es eine Menge an Stellschrauben, an denen sich drehen l\u00e4sst und Modellannahmen, die man f\u00fcr plausibel halten kann oder nicht. Aktienstrategen setzen vor allem auf zwei Verfahren: Eins basiert auf den Kurs-Gewinnverh\u00e4ltnissen (KGVs), das andere auf dem Vergleich der Gewinnrendite von Aktien (dem Kehrwert des KGV) mit dem realen &#8222;risikolosen&#8220; langfristigen Anleihezins.<\/p>\n<p>Das durchschnittliche KGV des DAX liegt heute bei 15,7, wenn man die bereits ver\u00f6ffentlichten Gewinne der vergangenen vier Quartale f\u00fcr den Nenner des Bruchs nimmt, und bei 12,3, wenn die erwarteten Gewinne f\u00fcr die kommenden vier Quartale eingesetzt werden. Mir ist vor einigen Tagen eine Analyse von Ruland Research in die H\u00e4nde gefallen, der ich entnehme, dass das durchschnittliche DAX-KGV in den vergangenen zehn Jahren bei 14,3 lag. Danach l\u00e4gen die Aktienkurse heute um etwa 10 Prozent \u00fcber ihrem &#8222;Gleichgewichtsniveau&#8220;. Wenn die Gewinne in diesem Jahr aber wirklich so stark zulegen, wie es die Analysten erwarten, also um nicht weniger als 27 Prozent \u2013 nachdem sie in den vergangenen Jahren schon stark gestiegen waren \u2013, w\u00e4ren die Aktien vern\u00fcnftig bewertet. Wie gesagt, ich halte diese Gewinnprognose f\u00fcr Wunschdenken.<\/p>\n<p>Beim Vergleich von Aktien- und Rentenm\u00e4rkten kommt ein Konzept namens Risikopr\u00e4mie zum Einsatz. Das ist bezogen auf den DAX die Differenz zwischen der Gewinnrendite der Aktien (100\/15,7 =&gt; 6,37 Prozent) und der inflationsbereinigten Rendite von zehnj\u00e4hrigen Bundesanleihen (1,45 Prozent \u2013 1,1 Prozent =&gt; +0,35 Prozent). Nach dieser Rechnung betr\u00e4gt die Risikopr\u00e4mie von Aktien zurzeit fast genau sechs Prozentpunkte. Im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre lag sie &#8222;nur&#8220; bei 5,34 Punkten (100\/14,2 =&gt; 7,04 Prozent minus 1,70 Prozent f\u00fcr die reale Rendite von Bundesanleihen). Danach haben deutsche Aktien noch gut Luft nach oben.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich noch ein Blick auf die Dividendenrendite. Laut <em>Bloomberg<\/em> betr\u00e4gt sie zurzeit 3,31 Prozent. Das ist zwar deutlich weniger als vor Beginn der j\u00fcngsten Hausse \u2013 vor einem Jahr lag sie noch bei 4,3 Prozent -, im Vergleich zur Rendite zehnj\u00e4hriger Bundesanleihen (1,45 Prozent) ist sie nach wie vor attraktiv, nicht zuletzt auch deswegen, weil die DAX-Unternehmen im Allgemeinen im Zeitverlauf ihre Aussch\u00fcttungen erh\u00f6hen, w\u00e4hrend der Bund das nat\u00fcrlich nicht tut.<\/p>\n<p>Unterm Strich bleibt, dass Aktien wegen der starken Kurssteigerungen der Vergangenheit, der tr\u00fcben Konjunktur und des hohen KGV eher teuer, andererseits wegen der hohen Risikopr\u00e4mie und der attraktiven Dividendenrendite eher billig sind. F\u00fcr mich \u00fcberwiegen die negativen Aspekte. Gewinne also mitnehmen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit seinem Tiefpunkt am 6. M\u00e4rz 2009 ist der DAX von 3.666,41 auf aktuell rund 8.300 Punkte geklettert. Das ist ein Anstieg um 127 Prozent oder 21,4 Prozent pro Jahr. Das ist mehr, als Sie in der Zeit mit Ihrem Sparbuch verdient haben. Zugegeben, eine etwas effekthascherische Einleitung! 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