{"id":6559,"date":"2013-09-25T22:59:07","date_gmt":"2013-09-25T20:59:07","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=6559"},"modified":"2013-09-26T11:05:34","modified_gmt":"2013-09-26T09:05:34","slug":"euro-zeit-fur-einen-ausgewogeneren-policy-mix","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2013\/09\/25\/euro-zeit-fur-einen-ausgewogeneren-policy-mix_6559","title":{"rendered":"Euro &#8211; Zeit f\u00fcr einen ausgewogeneren Policy Mix"},"content":{"rendered":"<p>Endlich haben wir die Wahlen hinter uns und es ist wieder m\u00f6glich, unvoreingenommen die wichtigsten wirtschaftspolitischen Themen anzugehen: die Zukunft des Euro, die Energiewende und die Einkommensverteilung. Martin Wolf hat am Mittwoch in der <em>Financial Times<\/em> wieder einmal versucht nachzuweisen, dass der Euro nicht \u00fcberleben kann, wenn Deutschland an seiner Sparpolitik festh\u00e4lt und die Krisenl\u00e4nder zwingt, ebenfalls eine solche Politik zu betreiben (&#8222;<a title=\"FT -&lt;em&gt; Germany's strange parallel universe&lt;\/em&gt;\" href=\"http:\/\/www.google.de\/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=1&amp;cad=rja&amp;ved=0CDAQqQIwAA&amp;url=http%3A%2F%2Fwww.ft.com%2Fcms%2Fs%2F0%2Fb3faf9b0-2489-11e3-8905-00144feab7de.html&amp;ei=WKlCUqWCEcrQsgb_4YDwCw&amp;usg=AFQjCNHDD9YAwUzEhiU_9HKF9i9tjHj0jA&amp;bvm=bv.53077864,d.bGE\" target=\"_blank\">Germany\u2019s strange parallel universe<\/a>&#8222;). Er weist darauf hin, dass Wolfgang Sch\u00e4uble vor ein paar Tagen auf der Kommentarseite der <em>FT<\/em> in seinem Beitrag (&#8222;<a title=\"FT - &lt;em&gt;Ignore the doomsayers: Europe is being fixed&lt;\/em&gt;\" href=\"http:\/\/www.google.de\/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=1&amp;cad=rja&amp;ved=0CCoQFjAA&amp;url=http%3A%2F%2Fwww.ft.com%2Fcms%2Fs%2F0%2Fe88c842a-1c67-11e3-a8a3-00144feab7de.html&amp;ei=9a5CUuvXHofAtQaErICoAQ&amp;usg=AFQjCNE66H3_md0N4vdqdXWTR2-3FcS_yw&amp;bvm=bv.53077864,d.bGE\" target=\"_blank\">Ignore the doom-mongers \u2013 Europe is being fixed<\/a>&#8222;) \u00fcber die positiven Tendenzen im Euro-Land mit keinem Wort konzediert hat, dass es nicht nur auf strukturelle Reformen auf der Angebotsseite ankommt, sondern ebenso sehr auf eine dynamischere Nachfrage, wenn der Euro eine Zukunft haben soll.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nVielleicht k\u00f6nnen sich Italien, Spanien, Griechenland, Portugal und Irland durch Massenentlassungen und damit durch Produktivit\u00e4tsgewinne, durch reale Abwertungen, also relativ sinkende L\u00f6hne, und durch die Reform ihrer Institutionen (Finanzverwaltung, Ausbildung, Arbeitsmarkt) gewisserma\u00dfen am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen, aber das ist in jedem Fall ein sehr langwieriger Prozess, und zudem einer mit ungewissem Ausgang.<\/p>\n<p>Der Euro k\u00f6nnte angesichts der Depressionen in den Krisenl\u00e4ndern auf der Strecke bleiben, nicht nur weil deren Staatsschulden nach wie vor steigen und ein gef\u00e4hrliches Niveau erreicht haben, sondern weil dort zwischen 12 und 28 Prozent der Leute arbeitslos sind, ohne dass Besserung in Sicht ist. Vor allem die Jungen sind betroffen. Insgesamt haben wir es mit einer sozialen Katastrophe zu tun.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6560\" aria-describedby=\"caption-attachment-6560\" style=\"width: 490px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2013\/09\/25\/euro-zeit-fur-einen-ausgewogeneren-policy-mix_6559\/arbeitslosenquoten_euroland_laender_2008-201307\" rel=\"attachment wp-att-6560\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-6560\" alt=\"Grafik: Arbeitslosenquoten in ausgew\u00e4hlten L\u00e4ndern der W\u00e4hrungsunion (seit 2008)\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2013\/09\/Arbeitslosenquoten_Euroland_Laender_2008-201307.gif\" width=\"490\" height=\"823\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-6560\" class=\"wp-caption-text\">Arbeitslosenquoten in ausgew\u00e4hlten L\u00e4ndern der W\u00e4hrungsunion (seit 2008)<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Die enorme Unterauslastung des Produktionspotenzials, gemessen an der L\u00fccke zwischen der Trendlinie und dem aktuellen BIP Euro-Lands, oder an der Entwicklung von Besch\u00e4ftigung und Arbeitslosigkeit, bedeutet, dass sich die Regierungen daran machen m\u00fcssen, mindestens einen Teil der Nachfragel\u00fccke zu f\u00fcllen. Jedenfalls ist ein aggregiertes Budgetdefizit von 2,9 Prozent des Euro-Land-BIP, wie es zurzeit f\u00fcr 2013 erwartet wird, &#8222;konjunkturbereinigt&#8220; ein gewaltiger \u00dcberschuss. Die Finanzpolitik ist also extrem pro-zyklisch. Das muss nicht sein, das sollte nicht sein.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6561\" aria-describedby=\"caption-attachment-6561\" style=\"width: 482px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-6561\" alt=\"Grafik: Bruttoinlandsprodukt und Trendwachstum in Euro-Land \u2013 1995Q1-2013Q2\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2013\/09\/EA_BIP_mit_Trend_1995Q1-2013Q2.gif\" width=\"482\" height=\"310\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6561\" class=\"wp-caption-text\">Bruttoinlandsprodukt und Trendwachstum in Euroland &#8211; 1995Q1-2013Q2<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Ich sehe ja ein, dass es in den Mittelmeerl\u00e4ndern nur dann zu den n\u00f6tigen strukturellen Reformen kommt, wenn sie gar nicht anders k\u00f6nnen, aber es gibt eine Grenze. Ich halte sie f\u00fcr erreicht. Vor allem die neue deutsche Regierung wird in der Pflicht sein, die Anstrengungen zu honorieren, die bereits unternommen wurden. Sie schlagen sich darin nieder, dass Euroland in diesem Jahr einen Leistungsbilanz\u00fcberschuss von etwa 300 Mrd. Euro erzielen wird \u2013 weltweit der mit Abstand gr\u00f6\u00dfte \u2013, dass die Defizite in den Staatshaushalten rapide abgenommen haben und dass eine jahrelange Depression akzeptiert wird, nur um die harten Auflagen des Maastricht-Vertrags zu erf\u00fcllen und den Euro zu behalten.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6562\" aria-describedby=\"caption-attachment-6562\" style=\"width: 469px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-6562\" alt=\"Grafik: Defizite der \u00f6ffentlichen Haushalte in ausgew\u00e4hlten L\u00e4ndern der W\u00e4hrungsunion\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2013\/09\/Oeffentl_Defizite_in_Euroland.gif\" width=\"469\" height=\"559\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6562\" class=\"wp-caption-text\">Defizite der \u00f6ffentlichen Haushalte in ausgew\u00e4hlten L\u00e4ndern der W\u00e4hrungsunion<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Es kann nicht darum gehen, jetzt wieder den Wohnungsbau zu stimulieren. Der \u00dcberhang an unverkauften Immobilien verbietet das (wenn auch nicht in Deutschland). Das beste Konjunkturprogramm ist eines, das nicht nur kurzfristig Nachfrage schafft, sondern gleichzeitig dazu dient, den Kapitalstock zu modernisieren und zu vergr\u00f6\u00dfern, Jugendliche und Arbeitslose auszubilden und umzuschulen und die Qualit\u00e4t der Umwelt zu verbessern. Das sind Ziele, auf die sich alle leicht verst\u00e4ndigen k\u00f6nnen. Sie sind die Themen von Sonntagsreden. Warum aber passiert so wenig in dieser Richtung? Die Entschuldigung, dass erst der Ausgang der deutschen Wahlen abgewartet werden m\u00fcsse, zieht jetzt nicht mehr. Offenbar ist es die Vorstellung, dass steigende staatliche Defizite des Teufels sind. Lieber schaut man zu, wie der Kapitalstock verrottet und \u00fcberl\u00e4sst die Jugendlichen ihrem Schicksal. Aus Angst vor dem Tod begehen die europ\u00e4ischen Politiker Selbstmord.<\/p>\n<p>Dabei kann sich der Bund heute auf 30 Jahre zu Festzinsen von 2,7 Prozent verschulden, Frankreich zu 3,5 Prozent und die Europ\u00e4ische Investitionsbank zu 3,0 Prozent. Das sind im Vergleich zur Inflationsrate von knapp unter zwei Prozent, die die EZB mittelfristig anstrebt, und auch im Vergleich zu den l\u00e4ngerfristigen Wachstumsaussichten eines zunehmend integrierten europ\u00e4ischen Wirtschaftsraums niedrige S\u00e4tze. Die Gelegenheit sollte unbedingt f\u00fcr die Emission von Anleihen genutzt werden, mit denen sich zukunftsweisende \u2013 und Arbeitspl\u00e4tze schaffende \u2013 nationale und supranationale Investitionen finanzieren lassen. Euro-Bonds, so wie sie der Sachverst\u00e4ndigenrat in seinen Gutachten vorschl\u00e4gt, sollten ebenfalls m\u00f6glichst bald auf die Agenda kommen.<\/p>\n<p>Daneben hindert die k\u00fcnftige Bundesregierung nur wenig daran, die europ\u00e4ische Bankenunion energisch voranzubringen. Da ihre Verhandlungsposition als wichtigster potenzieller Gl\u00e4ubiger zurzeit sehr stark ist, kann das weitgehend zu ihren Bedingungen geschehen. Eine neue Bankenkrise w\u00e4re das gr\u00f6\u00dfte Risiko f\u00fcr den Euro. Daher muss der Bankensektor dringend krisenfest gemacht werden.<\/p>\n<p>Im \u00dcbrigen sind die Marktteilnehmer ganz optimistisch, was die Zukunft der gemeinsamen W\u00e4hrung angeht \u2013 sonst w\u00e4re der Euro-Wechselkurs nicht so fest. Auch die zehnj\u00e4hrigen Renditen von Staatsanleihen sprechen daf\u00fcr: Sie liegen in Italien bei 4,2 Prozent, in Spanien bei 4,3, in Irland bei 3,8, in Portugal bei 6,9 und in Griechenland bei 9,5 Prozent. Das sind immer noch hohe S\u00e4tze, aber sie sind inzwischen deutlich niedriger als noch vor wenigen Monaten; und sie befinden sich in einem Abw\u00e4rtstrend.<\/p>\n<p>Nach wie vor ist der Euro auch in der Bev\u00f6lkerung im Allgemeinen sehr popul\u00e4r. Die R\u00fcckkehr zu nationalen W\u00e4hrungen steht auf den Wunschlisten durchg\u00e4ngig ganz unten. Das g\u00fcnstige Umfeld sollte genutzt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Endlich haben wir die Wahlen hinter uns und es ist wieder m\u00f6glich, unvoreingenommen die wichtigsten wirtschaftspolitischen Themen anzugehen: die Zukunft des Euro, die Energiewende und die Einkommensverteilung. 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