{"id":6605,"date":"2013-10-07T13:28:00","date_gmt":"2013-10-07T11:28:00","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=6605"},"modified":"2013-10-07T16:23:31","modified_gmt":"2013-10-07T14:23:31","slug":"der-deutsche-konjunkturmotor-stottert-zeit-die-pro-zyklische-finanzpolitik-zu-beenden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2013\/10\/07\/der-deutsche-konjunkturmotor-stottert-zeit-die-pro-zyklische-finanzpolitik-zu-beenden_6605","title":{"rendered":"Der deutsche Konjunkturmotor stottert \u2013 Zeit, die prozyklische Finanzpolitik zu beenden!"},"content":{"rendered":"<p>Ich bin \u00fcberrascht, dass es in diesen Tagen fast nur optimistische \u00c4u\u00dferungen zur deutschen Konjunktur gibt, denn die Fakten sind keineswegs so gut wie die Stimmung.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6606\" aria-describedby=\"caption-attachment-6606\" style=\"width: 485px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-6606\" alt=\"Grafik: ifo Gesch\u00e4ftsklimaindex (Gesch\u00e4ftserwartungen und Lageeinsch\u00e4tzung)\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2013\/10\/ifo_Index_Sept_2013.gif\" width=\"485\" height=\"301\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6606\" class=\"wp-caption-text\">ifo-Gesch\u00e4ftsklimaindex (Gesch\u00e4ftserwartungen und Lageeinsch\u00e4tzung)<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Ein Warnsignal ist die Arbeitslosigkeit. <!--more-->Im September hatte es gegen\u00fcber August saisonbereinigt eine Zunahme um nicht weniger als 25.000 gegeben, auf 2,975 Millionen. Das war viel st\u00e4rker als allgemein erwartet und best\u00e4tigt den ung\u00fcnstigen Trend, der im Februar 2012 begann. Bislang war der Anstieg nur moderat, aber ein Aufschwung ohne einen R\u00fcckgang der Arbeitslosigkeit ist f\u00fcr mich keiner, der diesen Namen verdient. Von Vollbesch\u00e4ftigung kann keine Rede sein. Es gibt etwa siebenmal mehr Arbeitslose als offene Stellen. Bei Vollbesch\u00e4ftigung w\u00fcrde ich mindestens Gleichstand zwischen dem Angebot an Arbeit und der Nachfrage nach Arbeit erwarten. Die Unternehmen haben im Allgemeinen kaum Probleme, Mitarbeiter zu finden. Den L\u00f6hnen nach zu urteilen, findet kein Bieterwettstreit um die knappe Ressource Arbeit statt. Es gibt vielmehr ein \u00dcberangebot und es scheint gr\u00f6\u00dfer zu werden.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6607\" aria-describedby=\"caption-attachment-6607\" style=\"width: 483px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-6607\" alt=\"Grafik: Deutscher Arbeitsmarkt: Erwerbst\u00e4tige und Arbeitslose\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2013\/10\/DE_Erwerbstaetige_und_Arbeitslose_Sept_2013.gif\" width=\"483\" height=\"298\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6607\" class=\"wp-caption-text\">Deutscher Arbeitsmarkt: Erwerbst\u00e4tige und Arbeitslose<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Bei der Besch\u00e4ftigung sieht es nach wie vor ganz gut aus, aber wer die Daten genauer unter die Lupe nimmt, erkennt rasch, dass ihre Zunahme erkauft wird durch einen R\u00fcckgang der durchschnittlichen Arbeitszeit: Immer mehr Leute arbeiten immer weniger. Wenn das auf freiwilliger Basis gesch\u00e4he, w\u00fcrde ich mich freuen \u2013 es k\u00f6nnte ein Zeichen zunehmenden Wohlstands sein. Ich habe da aber meine Zweifel. Mindestens ebenso plausibel ist, dass sich die Schere zwischen Gutverdienern und Leuten, die knapp am Existenzminimum leben und Teilzeit arbeiten m\u00fcssen, st\u00e4ndig weiter \u00f6ffnet. Wer fr\u00fcher arbeitslos gewesen w\u00e4re, ist heute gezwungen, sich mit schlecht bezahlten Jobs durchzuschlagen.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6613\" aria-describedby=\"caption-attachment-6613\" style=\"width: 499px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2013\/10\/07\/der-deutsche-konjunkturmotor-stottert-zeit-die-pro-zyklische-finanzpolitik-zu-beenden_6605\/de_beschaeftigung_1991q1-2013q2\" rel=\"attachment wp-att-6613\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-6613\" alt=\"Grafik: Entwicklung der Besch\u00e4ftigung in Deutschland seit dem 1. Quartal 1991\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2013\/10\/DE_Beschaeftigung_1991Q1-2013Q2.gif\" width=\"499\" height=\"427\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-6613\" class=\"wp-caption-text\">Entwicklung der Besch\u00e4ftigung in Deutschland seit dem 1. Quartal 1991<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Insgesamt haben wir es immer noch mit einer ausgepr\u00e4gten Schw\u00e4che der Nachfrage zu tun. In diesem Jahr wird das reale BIP nur um 0,4 Prozent zunehmen \u2013 2012 waren es auch nur 0,7 Prozent. Die deutsche Wirtschaft steht nur im Vergleich zu den Nachbarl\u00e4ndern in der W\u00e4hrungsunion gut da, f\u00fcr sich genommen schrappt sie am Rande einer Rezession entlang.<\/p>\n<p>Wir sollten uns nicht allein darauf verlassen, dass die EZB mit ihrer extrem lockeren Politik die Wirtschaft schon in Schwung bringen wird. In Deutschland hat bisher lediglich der Bau positiv auf die Zinssignale reagiert, nachdem er lange Jahre darnieder gelegen hatte: Im Baugewerbe \u00fcbertrafen die realen Auftragseing\u00e4nge im Juni und Juli ihre Vorjahreswerte um 11,3 Prozent. Dagegen stagnieren die Auftragseing\u00e4nge in der Industrie seit fast drei Jahren und sind immer noch niedriger als vor der Rezession 2008\/2009.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6608\" aria-describedby=\"caption-attachment-6608\" style=\"width: 489px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-6608\" alt=\"Grafik: Realer Auftragseingang in Industrie und beim Bau\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2013\/10\/DE_realer_Auftragseingang_Industrie_und_Bau_1991-201307.gif\" width=\"489\" height=\"324\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6608\" class=\"wp-caption-text\">Realer Auftragseingang in der Industrie und beim Bau<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Vermutlich hat die Geldpolitik lediglich Schlimmeres verhindert. Besonders wirksam ist sie selbst im angeblich so gesunden Deutschland nicht: Im Juni und Juli \u00fcbertrafen die Kredite an Unternehmen und Privatpersonen ihren Vorjahresstand lediglich um 0,3 Prozent, was inflationsbereinigt einem R\u00fcckgang entspricht. Das geht nun schon seit zwei Jahren so. Im \u00fcbrigen Euroland war es in den beiden Monaten zu einem nominalen R\u00fcckgang von 2,2 Prozent und damit zu einem realen R\u00fcckgang von fast vier Prozent gekommen. Die EZB tut ihr Bestes, mit negativen Realzinsen und einem unbegrenzten Angebot an Liquidit\u00e4t, aber die Adressaten ihrer Bem\u00fchungen zeigen ihr die kalte Schulter. In einer Krise, in der der Schuldenabbau bei Regierungen und Haushalten in den meisten L\u00e4ndern der W\u00e4hrungsunion Vorrang hat, kann die Geldpolitik nicht viel ausrichten. Wer unbedingt seine Schulden vermindern will, hat keine Lust auf neue.<\/p>\n<p>Insgesamt kommt daher der Finanzpolitik eine viel wichtigere Rolle zu, als es die meisten Kommentatoren und Politiker wahrhaben wollen. Das gilt auch f\u00fcr Deutschland: Dass es nicht so richtig l\u00e4uft mit der Konjunktur, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass trotz der niedrigen Kapazit\u00e4tsauslastung so viel Wert auf die Konsolidierung der \u00f6ffentlichen Haushalte gelegt wird. Da sich die Outputl\u00fccke wegen des unterdurchschnittlichen Wirtschaftswachstums weiter vergr\u00f6\u00dfert, hat die Reduktion des staatlichen Haushaltssaldos von -0,8 Prozent des BIP im Jahr 2011 auf voraussichtlich +0,1 Prozent in diesem Jahr einen betr\u00e4chtlichen restriktiven Effekt auf die Konjunktur. Er wird nur dadurch etwas abgemildert, dass die langfristigen Realzinsen, anders als in den Krisenl\u00e4ndern der EWU, seit einiger Zeit in der N\u00e4he von null liegen.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6609\" aria-describedby=\"caption-attachment-6609\" style=\"width: 486px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-6609\" alt=\"Grafik: Finanzierungssalden der \u00f6fffentlichen Haushalte in Deutschland\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2013\/10\/DE_Finanzierungssaldo_des_Staat_1991-2013.gif\" width=\"486\" height=\"290\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6609\" class=\"wp-caption-text\">Finanzierungssalden der \u00f6fffentlichen Haushalte in Deutschland<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Die neue deutsche Regierung wird angesichts der Haushaltslage ausreichend finanziellen Spielraum f\u00fcr Wachstum und Arbeitspl\u00e4tze haben. Eine Umstrukturierung des Steuersystems ist \u00fcberf\u00e4llig, weil sich die Priorit\u00e4ten ge\u00e4ndert haben, aber es w\u00e4re f\u00fcr die Konjunktur Gift, wenn versucht w\u00fcrde, die Steuern insgesamt anzuheben, ohne gleichzeitig die Ausgaben zu erh\u00f6hen. Es geht aber nicht nur um die Konjunktur, noch wichtiger ist, dass die Produktivit\u00e4t endlich wieder zunimmt \u2013 weil sie die Basis f\u00fcr den k\u00fcnftigen Wohlstand ist. Zudem muss die Energiewende z\u00fcgig vorangetrieben werden. Die Solar- und Windbranche hat sich inzwischen zu einem Jobmotor entwickelt: Es entstehen dort mehr neue Arbeitspl\u00e4tze als in der traditionellen Energiewirtschaft wegfallen. Die erneuerbaren Energien sind Deutschlands Silicon Valley.<\/p>\n<p>Sehr beunruhigend ist, dass die gesamtwirtschaftliche Produktion je Stunde, also die Produktivit\u00e4t, zuletzt nicht h\u00f6her war als im ersten Quartal 2008, vor der Rezession. In den zehn Jahren zuvor hatte sie im Durchschnitt um j\u00e4hrlich 1,6 Prozent zugenommen. Mit anderen Worten: Sie liegt gegenw\u00e4rtig um etwa 7,7 Prozent unterhalb ihrer alten Trendlinie. Die Outputl\u00fccke, die Differenz zwischen aktuellem und potenziellem BIP, bewegt sich im \u00dcbrigen in einer \u00e4hnlichen Gr\u00f6\u00dfenordnung (-5,5 Prozent). Noch anders ausgedr\u00fcckt: So lange so viele Kapazit\u00e4ten ungenutzt bleiben, verzichtet Deutschland j\u00e4hrlich auf ein Einkommen von rund 150 Milliarden Euro. Dagegen verblasst alles, was in Berlin \u00fcber neue Steuern und Haushaltskonsolidierung diskutiert wird.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6610\" aria-describedby=\"caption-attachment-6610\" style=\"width: 482px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-6610\" alt=\"Grafik: Entwicklung der Produktivit\u00e4t der deutschen Wirtschaftt seit 1970\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2013\/10\/DE_Produktivitaet_seit_1970.gif\" width=\"482\" height=\"310\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6610\" class=\"wp-caption-text\">Entwicklung der Produktivit\u00e4t der deutschen Wirtschaft seit 1970<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Vor allem die Rentenversicherung ist darauf angewiesen, dass der mittelfristige Wachstumspfad wieder steiler wird. Auf einen Besch\u00e4ftigten entfallen immer mehr Rentner. Damit die aktive Bev\u00f6lkerung nicht unzumutbar belastet wird, muss das reale Einkommen dauerhaft wieder kr\u00e4ftiger zunehmen. Der drohende Verteilungskonflikt zwischen Jung und Alt l\u00e4sst sich nur vermeiden, wenn die zunehmenden Lasten f\u00fcr die Alten aus steigenden Einkommen bestritten werden. Mit anderen Worten, die neue Regierung muss in dieser Hinsicht dringend etwas tun. Das bedeutet, endlich ernst zu machen mit der Umsetzung des immer wieder laut verk\u00fcndeten Ziels, mehr Ressourcen in die Bildung und die Forschung und Entwicklung zu leiten. Der Kuchen muss gr\u00f6\u00dfer werden \u2013 das ist auf mittlere Sicht wichtiger, als ihn etwas anders aufzuteilen (obwohl das f\u00fcr sich genommen ebenfalls wichtig ist und nicht nur der Gerechtigkeit, sondern vermutlich auch dem Wachstum dient).<\/p>\n<p>Sechs Quartale lang waren die deutschen Bruttoausr\u00fcstungsinvestitionen gefallen, ehe sie im zweiten Quartal erstmals wieder leicht gestiegen sind. Damit lagen die realen Ausr\u00fcstungsinvestitionen, auf die es insbesondere ankommt, immer noch um 16,6 Prozent niedriger als um die Jahreswende 2007\/2008. Die Investitionsquote liegt inzwischen weit unter den Werten, die fr\u00fcher \u00fcblich waren. Vor allem die Nettoanlageinvestitionen sind auf ein erschreckend niedriges Niveau gesunken (2,6 Prozent des BIP). Im internationalen Vergleich ist das einer der niedrigsten Werte \u00fcberhaupt. Hier liegt die wichtigste Erkl\u00e4rung, warum die Produktivit\u00e4t so langsam zunimmt und so viel Wohlstand verschenkt wird.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6611\" aria-describedby=\"caption-attachment-6611\" style=\"width: 482px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-6611\" alt=\"Grafik: Nettoanlageinvestitionen in Deutschland seit 1970 (in Prozent des BIP)\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2013\/10\/DE_Nettoanlageinvestitionen_set_1970.gif\" width=\"482\" height=\"290\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6611\" class=\"wp-caption-text\">Nettoanlageinvestitionen in Deutschland seit 1970 (in Prozent des BIP)<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Der Grund f\u00fcr diese miesen Werte sind nicht die L\u00f6hne, um das einmal klarzustellen: Auf Stundenbasis waren sie seit dem letzten zyklischen Hoch vor knapp f\u00fcnfeinhalb Jahren im Durchschnitt j\u00e4hrlich nur um 2,3 Prozent gestiegen, verglichen mit einem durchschnittlichen Anstieg der Verbraucherpreise um 1,5 Prozent. Real war das zwar mehr als in den Jahren zuvor, aber trotzdem deutlich unter dem mittelfristigen Anstieg der Produktivit\u00e4t (siehe oben), an dem sich die Lohnabschl\u00fcsse ausrichten sollten. Die Politik der Gewerkschaften ist ganz auf die Sicherung der Besch\u00e4ftigung ausgerichtet und k\u00f6nnte moderater nicht sein. Seit dem Tiefpunkt der Rezession im Fr\u00fchjahr 2009 nehmen andererseits die Einkommen aus Unternehmert\u00e4tigkeit und Verm\u00f6gen rasant zu (+30,2 Prozent). An den Gewinnen kann es also auch nicht liegen, dass es bei den Investitionen nicht l\u00e4uft. Im Ausland wird allerdings weiterhin kr\u00e4ftig investiert: Dort sind die Grenzertr\u00e4ge wegen der Kapitalknappheit h\u00f6her als im Inland. M\u00f6glicherweise handelt es sich hierbei um einen strukturellen Faktor. Der deutsche Leistungsbilanz\u00fcberschuss von fast sieben Prozent des BIP, der die Netto-Kapitalexporte des Landes widerspiegelt, legt eine solche Sicht der Dinge ebenfalls nahe. In der noch kapitalreicheren Schweiz liegt die Quote sogar bei knapp zw\u00f6lf Prozent und in Schweden und den Niederlanden sind die Kapitalexporte \u00e4hnlich hoch wie in Deutschland.<\/p>\n<p>Ich bin hin- und hergerissen, ob die niedrige Investitionsquote tats\u00e4chlich ein Problem ist und ob der Staat etwas dagegen unternehmen sollte. F\u00fcr die Investitionsneigung w\u00e4re es jedenfalls gut, wenn die Nachfrage der Haushalte und des Staates kr\u00e4ftiger zunehmen w\u00fcrde als bisher. Eine Erh\u00f6hung der Mehrwertsteuer w\u00e4re in dieser Hinsicht auf alle F\u00e4lle kontraproduktiv, ebenso wie eine weitere forcierte Konsolidierung der \u00f6ffentlichen Haushalte. Die Mehrwertsteuer m\u00fcsste eigentlich gesenkt werden. Wenn die Steuereinnahmen nicht zur\u00fcckgehen sollen, w\u00e4re eher an eine h\u00f6here Mineral\u00f6lsteuer oder eine Steuer auf die Emission von CO2 zu denken. Die Energiewende bleibt ein lohnendes Projekt, nicht nur aus Umweltgr\u00fcnden, sondern auch wegen der betr\u00e4chtlichen positiven Terms-of-Trade-Effekte (importierte Energie wird relativ billiger \u2013 was dem allgemeinen Wohlstand zugutekommt), sowie der vielen neuen Jobs, die im Handwerk und in der Industrie entstehen.<\/p>\n<p>Die Binnennachfrage muss auch deswegen ganz oben auf die politische Priorit\u00e4tenliste gesetzt werden, weil sich die preisliche Wettbewerbsf\u00e4higkeit der deutschen Wirtschaft seit etwa einem Jahr deutlich verschlechtert. Vor allem die europ\u00e4ischen Krisenl\u00e4nder versuchen mit aller Macht, durch niedrigere L\u00f6hne und produktivit\u00e4tssteigernde Entlassungen gegen\u00fcber Deutschland aufzuholen. Das Exportieren ist daher nicht mehr so leicht. Neuerdings wertet sich der Euro zudem gegen\u00fcber dem Dollar auf und damit gegen\u00fcber dem gr\u00f6\u00dften W\u00e4hrungsraum der Welt. Auch das d\u00fcrfte die Exporte zunehmend erschweren. An den Devisenm\u00e4rkten ist offenbar nicht unbemerkt geblieben, dass Euroland in diesem Jahr in der Leistungsbilanz, die mittelfristig als wichtigste Determinante des Wechselkurses gilt, einen gewaltigen \u00dcberschuss erzielen wird. Er reflektiert vor allem die Rezession und die gro\u00dfen Kapazit\u00e4tsreserven der W\u00e4hrungsunion sowie die Tatsache, dass das BIP im Rest der Welt real mit der immer noch beachtlichen Rate von etwa drei Prozent zunimmt.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6612\" aria-describedby=\"caption-attachment-6612\" style=\"width: 477px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-6612\" alt=\"Grafik: Realer Wechselkurs des Euro f\u00fcr Deutschland\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2013\/10\/DE_REER_BIS_1999-201308.gif\" width=\"477\" height=\"305\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6612\" class=\"wp-caption-text\">Realer Wechselkurs des Euro f\u00fcr Deutschland<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Au\u00dferdem wird den Politikern Eurolands zunehmend abgenommen, dass sie den Euro nicht scheitern lassen werden. Statt mit Kapitalflucht haben wir es offenbar seit einiger Zeit wieder mit einer R\u00fcckkehr der Anleger in die Wertpapierm\u00e4rkte der Krisenl\u00e4nder zu tun. Das hat unter anderem dazu gef\u00fchrt, dass die Renditen spanischer und italienischer Staatsanleihen auf 4,2 und 4,3 Prozent gesunken sind; vor einem Jahr waren es noch 5,8 und 6,1 Prozent. Die Renditen sind immer noch gef\u00e4hrlich hoch, aber sie bewegen sich in die &#8222;richtige&#8220; Richtung. Der Nachteil ist allerdings, dass der feste Euro die internationale Konkurrenzsituation verschlechtert. Das ist ein weiteres Argument mehr f\u00fcr eine expansivere Finanzpolitik in den \u00dcberschussl\u00e4ndern der W\u00e4hrungsunion. Eine Aufwertung d\u00fcrfte im \u00dcbrigen die Inflation, die schon jetzt weit unterhalb ihres Zielwerts liegt, weiter d\u00e4mpfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin \u00fcberrascht, dass es in diesen Tagen fast nur optimistische \u00c4u\u00dferungen zur deutschen Konjunktur gibt, denn die Fakten sind keineswegs so gut wie die Stimmung. 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