{"id":7204,"date":"2014-03-28T17:43:32","date_gmt":"2014-03-28T16:43:32","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=7204"},"modified":"2014-03-28T17:43:32","modified_gmt":"2014-03-28T16:43:32","slug":"warum-die-deutsche-wirtschaft-staerker-wachsen-koennte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2014\/03\/28\/warum-die-deutsche-wirtschaft-staerker-wachsen-koennte_7204","title":{"rendered":"Warum die deutsche Wirtschaft st\u00e4rker wachsen k\u00f6nnte"},"content":{"rendered":"<p>Die Wachstumsprognosen f\u00fcr dieses Jahr werden zurzeit immer optimistischer. Nach der <a title=\"Aktualisierte Konjunkturprognose des Sachverst\u00e4ndigenrates f\u00fcr das Jahr 2014\" href=\"http:\/\/www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de\/fileadmin\/dateiablage\/download\/pressemitteilungen\/prognose_2014.pdf\" target=\"_blank\">neuen Sch\u00e4tzung des Sachverst\u00e4ndigenrats<\/a> d\u00fcrfte das reale Sozialprodukt um knapp zwei Prozent zulegen, nach nur 0,4 Prozent im Jahr 2013.<\/p>\n<p>Das klingt gut, aber warum reden wir nicht \u00fcber drei oder vier Prozent Zuwachs pro Jahr?<br \/>\n<!--more--><br \/>\nSchlie\u00dflich ist die Wirtschaft seit dem letzten zyklischen Hochpunkt (Anfang 2008) im Durchschnitt nur um 0,5 Prozent j\u00e4hrlich gewachsen, verglichen mit 1,6 Prozent im vorangegangenen zehnj\u00e4hrigen Konjunkturzyklus. Die Produktionsl\u00fccke ist also nach wie vor gewaltig und bettelt geradezu darum, endlich wieder geschlossen zu werden. Inflationsrisiken bestehen nicht, weil der Wettbewerb in der jetzigen Situation so intensiv ist, dass die Unternehmen kaum Spielraum f\u00fcr h\u00f6here Preise haben.<\/p>\n<p>In der Vergangenheit waren \u00fcberdurchschnittliche Zuwachsraten unmittelbar nach dem Tiefpunkt der Rezession \u00fcblich \u2013 warum nicht auch in den kommenden Jahren? Die Unterauslastung ist erneut sehr niedrig, und die Wirtschaft befindet sich offenbar in der N\u00e4he oder sogar kurz nach ihrem unteren Wendepunkt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2014\/03\/BIP_Trend_Outputluecke_1991Q1-2013Q4.gif\" alt=\"Grafik: Reales BIP im konjunkturellen Auf und Ab 1991Q1-2013Q4\" width=\"486\" height=\"505\" class=\"size-full wp-image-7213\" \/><\/p>\n<p>Woran kann es liegen? Ich sehe vier Hauptgr\u00fcnde: der private Verbrauch lahmt, den Investitionen fehlt es an Dynamik, im Au\u00dfenhandel l\u00e4uft es noch nicht wieder so richtig und der Staat und die Banken bem\u00fchen sich vorrangig darum, Schulden abzubauen und die Bilanzrelationen zu verbessern. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich aber, dass es m\u00f6glich sein sollte, einige dieser Blockaden zu beseitigen; einige d\u00fcrften auch von allein verschwinden.<\/p>\n<p>Das gilt vor allem f\u00fcr den Konsum. Schlie\u00dflich nimmt die Besch\u00e4ftigung weiterhin z\u00fcgig zu, zuletzt, nach vielen guten Jahren, immer noch um 0,7 Prozent im Vorjahresvergleich. Das bedeutet nichts anderes, als dass das Jobrisiko stark abgenommen hat. Nachdem die Haushalte viele Jahre lang sehr sparsam waren, m\u00fcssten sie eigentlich Nachholbedarf haben. An finanziellen Reserven fehlt es nicht, jedenfalls nicht im Durchschnitt. Und die Sparzinsen sind inzwischen so niedrig (real sind sie negativ), dass Sparen nicht besonders attraktiv ist.<\/p>\n<p>Im Wohnungsbau waren die Zahlen zuletzt so gut, dass ich mir vorstellen kann, dass von dieser Seite demn\u00e4chst starke Impulse auf den privaten Verbrauch ausgehen werden. Wohnungen wollen schlie\u00dflich eingerichtet werden. Inflationsbereinigt \u00fcbertrafen die Auftragseing\u00e4nge im Dezember und Januar ihr Vorjahresniveau um 9,2 Prozent.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2014\/03\/Auftragseingang_Wohnungsbau_1991-201402.gif\" alt=\"Grafik: Auftragseingang im Wohnungsbau,1991-2014M02\" width=\"482\" height=\"303\" class=\"size-full wp-image-7206\" \/><\/p>\n<p>Der Sachverst\u00e4ndigenrat vermutet, dass die privaten Konsumausgaben ihr Vorjahresniveau 2014 real um 1,4 Prozent \u00fcbertreffen werden. Sie nehmen also langsamer zu als das Sozialprodukt und sind damit zurzeit eine Wachstumsbremse. Da sie 56,9 Prozent des BIP ausmachen, h\u00e4ngt die Wachstumsrate f\u00fcr die Gesamtwirtschaft ganz entscheidend davon ab, was die Haushalte mit ihrem Geld anfangen \u2013 sparen sie oder geben sie wieder einen gr\u00f6\u00dferen Teil ihres Einkommens f\u00fcr Konsum aus? Konsumieren ist ja keine S\u00fcnde, sondern vielmehr f\u00fcr einen \u00d6konomen wie mich der wichtigste Grund, warum die Leute \u00fcberhaupt arbeiten. In den USA ist es \u00fcbrigens wieder einmal genau anders herum: Im vierten Quartal hatte das reale BIP mit einer auf\u2019s Jahr hochgerechneten Rate von 2,6 Prozent, der private Konsum dagegen mit einer von 3,3 Prozent zugenommen. So kann es auch gehen. Es ist ein R\u00e4tsel f\u00fcr mich, warum die Haushalte hierzulande nicht ebenfalls mit ihren Ausgaben den Takt f\u00fcr das gesamtwirtschaftliche Wachstum vorgeben. Die Unternehmen warten ja geradezu auf Signale vom Souver\u00e4n der Volkswirtschaft: Je mehr sich die Verbraucher zur\u00fcckhalten, desto weniger risikofreudig werden die Unternehmer bei ihren Investitionen sein.<\/p>\n<p>Zu den Investitionen: Bei den Ausr\u00fcstungen war es in den beiden Vorjahren real zu R\u00fcckg\u00e4ngen um 4,0 und 2,4 Prozent gekommen, jetzt visiert der Sachverst\u00e4ndigenrat eine Zuwachsrate von real 6,3 Prozent an. Nur auf den ersten Blick ist das eine respektable Zahl \u2013 vom Niveau her werden sie dann aber immer noch um 11,2 Prozent  unter dem Durchschnitt der Quartale 4\/2007 bis 3\/2008 liegen, dem letzten zyklischen Hoch.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2014\/03\/Ausruestungs-u-Bauinvestitionen_1991-2013Q4.gif\" alt=\"Grafik: Ausr\u00fcstungsinvestitionen und Bauinvestitionen, 1991-2013Q4\" width=\"476\" height=\"290\" class=\"size-full wp-image-7207\" \/><\/p>\n<p>Wenn ich den alten Trend der Ausr\u00fcstungsinvestitionen extrapoliere, komme ich ohne M\u00fche zu dem Schluss, dass sie zurzeit um mehr als ein Viertel darunter liegen (110\/150: 110 aktuell, 150 als Trendwert). Es gibt also noch sehr viel Luft nach oben, auch dann noch, wenn die Investitionen im Jahr 2014 tats\u00e4chlich um die prognostizierten 6,3 Prozent steigen. Obwohl sie zuletzt nur einen Anteil von 6,3 Prozent am nominalen BIP haben, spielen sie zum Einen die entscheidende Rolle f\u00fcr die Zuwachsrate des Kapitalstocks, die Produktivit\u00e4t und den Wachstumspfad des potenziellen BIP, zum Anderen weisen sie, wie im obigen Schaubild zu sehen, in Expansionsphasen oft mehrere Jahre hintereinander Zuwachsraten von fast 10 Prozent auf \u2013 so zuletzt geschehen in den Jahren 2005, 2006 und 2007. Sie sind gewisserma\u00dfen der Turbo der Konjunktur. Sie sind die Komponente der Nachfrage, die im Abschwung \u00fcberproportional stark einbricht und im Aufschwung \u00fcberproportional stark expandiert.<\/p>\n<p>Ich denke, wir k\u00f6nnten wieder einmal ordentliche Zuwachsraten bekommen: Daf\u00fcr sprechen allerdings bisher noch nicht die inl\u00e4ndischen realen Auftragseing\u00e4nge bei den Investitionsg\u00fcterproduzenten (+4,3% in Nov.\/Jan. gg. Mai\/Juli annualisiert), daf\u00fcr aber der Modernisierungsbedarf, der sich in den vergangenen sechs Jahren aufgestaut hat. Die Kapitalkosten sind zudem so niedrig wie selten, vor allem was das Fremdkapital angeht. Aber auch Eigenkapital ist zurzeit billig, gemessen am durchschnittlichen Kurs-Gewinnverh\u00e4ltnis oder dem Kurs-Buchwertverh\u00e4ltnis der b\u00f6rsennotierten Unternehmen.<\/p>\n<p>In Deutschland spielt im \u00dcbrigen das Auf und Ab der Auslandsnachfrage eine wichtige Rolle f\u00fcr die Investitionen. Die Unternehmen wissen, dass sie im Wettbewerb nur bestehen k\u00f6nnen, wenn sie modernste Produktionsverfahren einsetzen. Da der Welthandel laut neuem Zwischengutachten des Sachverst\u00e4ndigenrats 2014 real um 5,6 Prozent zunehmen wird, nach 2,8 Prozent im Jahr 2013, m\u00fcssen sie allm\u00e4hlich aktiv werden.<\/p>\n<p>Wie sieht es im Au\u00dfenhandel aus? Vor allem weil die deutsche Konjunktur besser l\u00e4uft als in den \u00fcbrigen L\u00e4ndern der W\u00e4hrungsunion \u2013 auf die etwa 36 Prozent der Warenexporte und 39 Prozent der Importe entfallen \u2013 nehmen die Einfuhren 2014 rascher zu als die Ausfuhren, so dass es anders als in \u00e4hnlichen Phasen der Vergangenheit nur einen geringen positiven Beitrag des Au\u00dfenhandels zum gesamtwirtschaftlichen Wachstum geben d\u00fcrfte (0,1 Prozentpunkte sch\u00e4tzt der Sachverst\u00e4ndigenrat). Bei den handelsgewogenen Wechselkursen des &#8222;deutschen Euro&#8220; ist es seit Mitte 2012 zudem zu kr\u00e4ftigen Aufwertungen gekommen, die die preisliche Wettbewerbsf\u00e4higkeit der deutschen Unternehmen beeintr\u00e4chtigt haben. Das ist im \u00dcbrigen ein weiterer Grund, weshalb mehr investiert werden sollte.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2014\/03\/Effektive_Wechselkurse_DE_1999-2014M02.gif\" alt=\"Grafik: Effektive Wechselkurse f\u00fcr Deutschland, 1999-2014M02\" width=\"519\" height=\"307\" class=\"size-full wp-image-7208\" \/><\/p>\n<p>Die Situation der Weltwirtschaft und der Wechselkurs sind exogene Faktoren, auf die weder die deutsche Wirtschaftspolitik noch die Unternehmen einen Einfluss haben und die daher hinzunehmen sind. Allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich die deutsche Wirtschaft im internationalen Wettbewerb meist besser schl\u00e4gt, als das aufgrund der Datenlage zu erwarten ist. Mit anderen Worten, vielleicht kommt beim Au\u00dfenbeitrag am Ende doch ein h\u00f6herer Wert heraus als zurzeit erwartet wird.<\/p>\n<p>Grund Nummer vier, warum die deutsche Konjunktur nicht so richtig in die G\u00e4nge kommt, hat mit dem sogenannten <em>Deleveraging <\/em>zu tun, mit dem Abbau des Schuldenanteils, der objektiv oder subjektiv als zu hoch empfunden wird. Es ist die Reaktion auf vorangegangene Exzesse, als Schuldenmachen als risikolos und opportun angesehen wurde. Das war, wie dem folgenden Schaubild zu entnehmen ist, vor allem seit der Jahrtausendwende der Fall.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2014\/03\/Priv_Verschuldung_ausgew_Laender_1992-2013.gif\" alt=\"Grafik: Private Verschuldung in ausgew\u00e4hlten L\u00e4nder, 1992-2013\" width=\"430\" height=\"327\" class=\"size-full wp-image-7209\" \/><\/p>\n<p>W\u00e4hrend das <em>Deleveraging <\/em>in den USA seit 2009 gut vorangekommen ist und an den Kreditm\u00e4rkten wieder so etwas wie Normalit\u00e4t herrscht, stagniert das Schuldenniveau der Banken, anderer Unternehmen und der Haushalte Eurolands mehr oder weniger auf hohem Niveau und behindert eine neue Expansion der Kreditvergabe und damit der Nachfrage nach G\u00fctern und Dienstleistungen, also die Konjunktur. Die <a title=\"EZB Pressemitteilung, 27. M\u00e4rz 2014\" href=\"http:\/\/www.bundesbank.de\/Redaktion\/DE\/Downloads\/Presse\/EZB_Pressemitteilungen\/2014\/2014_03_27_geldmenge.pdf?__blob=publicationFile\" target=\"_blank\">EZB hat am Donnerstag berichtet<\/a>, dass die Kredite an den privaten Sektor in den drei Monaten bis Februar gegen\u00fcber dem Vorjahr um 2,3 Prozent zur\u00fcckgegangen sind, real also um etwas mehr als drei Prozent. Der Schuldenabbau l\u00e4uft also noch \u2013 und er kann viele Jahre anhalten, wie das nach einer gro\u00dfen Finanzkrise oft so ist. In den L\u00e4ndern der sogenannten Peripherie Eurolands bleibt es das dominierende Thema.<\/p>\n<p>Deutschland ist weniger betroffen. Es hatte hierzulande gl\u00fccklicherweise keine schuldengetriebenen Blasen an den M\u00e4rkten f\u00fcr Aktien und Immobilien gegeben. Es konnten daher auch keine Blasen platzen. Das ist ein wichtiger Grund, warum unser Land konjunkturell relativ gut dasteht. Das <em>Deleveraging <\/em>betrifft im privaten Sektor allein die Banken \u2013 Haushalte und sonstige Unternehmen haben keine nennenswerten Schuldenprobleme. Die Banken hatten ihre Bilanzen in den Jahren seit etwa 2000 auf der Suche nach attraktiven Renditen mit sogenannten <em>Asset Backed Securities<\/em> vorwiegend amerikanischer Provenienz vollgeladen. Seit dem Sommer 2007 hatten diese rapide an Wert verloren. Zahlreiche deutsche Banken standen kurz vor dem Ruin und konnten nur mit staatlicher Hilfe gerettet werden. Alle waren in der Folgezeit gezwungen, den Anteil des Eigenkapitals an ihrer Bilanzsumme zu erh\u00f6hen. Eine Methode bestand darin, die Aktivseite zu verkleinern, vor allem also weniger Kredite zu vergeben. Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen und behindert damit den Konjunkturaufschwung.  <\/p>\n<p>Ein anderer wichtiger Akteur, der <em>Deleveraging <\/em>betrieb, war der deutsche Staat. Seine Haushaltsdefizite waren 2009 und 2010 geradezu explodiert und hatten bei der Regierung, weniger bei den W\u00e4hlern, Panik ausgel\u00f6st. Sie f\u00fcrchtete um ihre Bonit\u00e4t an den Kapitalm\u00e4rkten und hatte daher mitten in der Krise damit begonnen, diese Defizite abzubauen. In den Jahren 2012 und 2013 waren die gesamtstaatlichen Haushalte ausgeglichen; voraussichtlich wird das auch 2014 so sein. Im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt sinken die staatlichen Schulden \u2013 liegen allerdings immer noch weit \u00fcber der (im Grunde irrelevanten) 60-Prozent-Grenze des Vertrags von Maastricht. So oder so, das <em>Deleveraging <\/em>des deutschen Staates ist de facto abgeschlossen. Allein die Tatsache, dass die Defizite nicht weiter reduziert werden m\u00fcssen, ist aus konjunktureller Sicht eine gute Nachricht.<\/p>\n<p>Insgesamt spricht Einiges daf\u00fcr, dass die Wachstumsprognosen in den kommenden Monaten weiter angehoben werden und dass am Ende bei der Zuwachsrate f\u00fcr das reale BIP in diesem Jahr eine Drei vor dem Komma stehen k\u00f6nnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wachstumsprognosen f\u00fcr dieses Jahr werden zurzeit immer optimistischer. Nach der neuen Sch\u00e4tzung des Sachverst\u00e4ndigenrats d\u00fcrfte das reale Sozialprodukt um knapp zwei Prozent zulegen, nach nur 0,4 Prozent im Jahr 2013. 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