{"id":73,"date":"2006-09-06T10:14:27","date_gmt":"2006-09-06T09:14:27","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=73"},"modified":"2006-09-06T10:14:27","modified_gmt":"2006-09-06T09:14:27","slug":"grune-sose-mit-axel-weber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2006\/09\/06\/grune-sose-mit-axel-weber_73","title":{"rendered":"Gr\u00fcne So\u00dfe mit Axel Weber"},"content":{"rendered":"<p>Gestern war ein gro\u00dfartiger Abend. Ehrlich. Knapp sechs Stunden haben wir Journalisten des Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten unseren Bundesbankpr\u00e4sidenten Axel Weber mit listigen Fragen gel\u00f6chert, gegrillt und versucht zu verstehen. Wir haben Salat mit frischen Pfifferlingen und hinterher Tafelspitz mit gr\u00fcner So\u00dfe (ein Frankfurter Nationalgericht) serviert bekommen. Das Essen war k\u00f6stlich, Webers Einssch\u00e4tzungen leicht schockierend.<\/p>\n<p>Zwar ist Weber seit rund einem Jahr zu einem der Oberfalken im Rat der Europ\u00e4ischen Zentralbank (EZB) mutiert, dennoch ist er klug genug, nicht v\u00f6llig losgel\u00f6st von seinen Kollegen im Rat zu denken und zu reden.<\/p>\n<p>Meine Interpretation des gestrigen Abends: <!--more-->Die EZB erh\u00f6ht dieses Jahr bis Dezember den Leitzins auf 3,50 Prozent <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=72\">(das hat Dieter Wermuth letzte Woche auch schon aus Trichet herausdestilliert). <\/a>Aber n\u00e4chstes Jahr geht es weiter \u2013 und zwar bis auf 4 oder sogar 4,25 Prozent. Erst dann hat Webers liebe Seele Ruhe, erst dann ist der Leitzins da, wo er nicht mehr die Wirtschaft stimuliert, sollten Webers Einsch\u00e4tzungen sich bewahrheiten. Im Innersten ist Weber derzeit ein Wachstumsoptimist, nicht nur f\u00fcr Deutschland und Euroland, sonder auch f\u00fcr die Weltwirtschaft.<\/p>\n<p>Aus Sicht des Anleihemarktes sind das grauenvolle Perspektiven. Die Zehnjahresrendite liegt inzwischen wieder unter vier Prozent. Da wird sie bei Webers Szenario unm\u00f6glich in sechs Monaten verharren. Deshalb wiederhole ich meine Einsch\u00e4tzung: Es ist noch zu fr\u00fch f\u00fcr Bonds. Das Geld lieber auf dem Tagesgeldkonto parken, bis die M\u00e4rkte das Denken des EZB-Raten verinnerlicht haben und die Zehnjahresrendite deutlich \u00fcber vier Prozent liegt.<\/p>\n<p>Wie denkt Weber? Am interessantesten sind immer die Dinge, die Notenbanker weglassen, oder nicht sagen. So hat Weber gestern kein einziges Mal ein Szenario entworfen, kommentiert oder besprochen, das ein Ende des Zinserh\u00f6hungszyklus nahe legen k\u00f6nnte. Amerikas Wirtschaft gleitet nicht in die Rezession, w\u00e4chst lediglich moderater. Die Mehrwertsteuererh\u00f6hung bremst nur ein Quartal lang und ist keine Gefahr f\u00fcr ein Wachstum Eurolands und Deutschlands entlang des Potenzialwachstums. Seine ganze Argumentation war gespickt von &#8222;\u00f6pside-risks&#8220;, wie Herr Trichet sie nennen w\u00fcrde. Kein einziges downside-risk f\u00fcr die Inflation.<\/p>\n<p>F\u00fcrs Wachstum gibt es nat\u00fcrlich Abw\u00e4rtsrisiken, doch das Fatale: die Abw\u00e4rtsrisiken gehen mit h\u00f6heren Preisrisiken einher. Zwei Beispiele: Erstens Der \u00d6lpreis. Wenn er st\u00e4rker steigt als die Terminm\u00e4rkte und deshalb auch die EZB annehmen, dann hemmt das das Wachstum, befeuert aber gleichzeitig die Inflation. Zweitens die stockende Globalisierung: Wenn es zu Protektionismus kommen sollte, Stichwort Doha-Runde, dann schw\u00e4cht sich das globale Wachstum ab, gleichzeitig h\u00f6ren die segensreichen disinflation\u00e4ren Effekte Chinas und Indien auf \u2013 und die Preise steigen.<\/p>\n<p>Weber betonte, die EZB sei noch l\u00e4ngst nicht restriktiv. Auf meine Frage, was er denn als restriktiv bezeichnen w\u00fcrde, kam Weber mit seinem Konzept des nat\u00fcrlichen Zinses (betonend, das das nicht der EZB-Strategie entspreche). Danach sollte der Realzins in etwa dem langfristigen Produktionspotenzial entsprechen. Und das liege in Euroland bei etwas \u00fcber zwei Prozent. Also: Inflation n\u00e4chstes Jahr gesch\u00e4tzt 2,4 Prozent zuz\u00fcglich 2,1 Prozent Produktionspotenzial macht 4,5 Prozent neutralen Zins!<\/p>\n<p>Auf eine Nachfrage sagte Weber, dass der nat\u00fcrliche Zins in nominalen Gr\u00f6\u00dfen h\u00e4ufig in der Spanne zwischen drei und f\u00fcnf Prozent angegeben werde. Das sei f\u00fcr ihn \u201eeher die Untergrenze\u201c.<\/p>\n<p>Und auf die listige Frage meines Kollegen Patrik Welter von der FAZ, ob die EZB sich dieses Jahr mit den Zinserh\u00f6hungen beeile, um n\u00e4chstes Jahr die F\u00fc\u00dfe still halten zu k\u00f6nnen, sagte Weber: \u201eWir haben keinen Beschluss, am Jahresende mit dem Zur\u00fccknehmen der akkomodierenden Geldpolitik aufzuh\u00f6ren.\u201c<\/p>\n<p>Starker Tobak, was?<\/p>\n<p>PS: F\u00fcr alle Geldmengenfans und solche die es werden wollen. Zwischen 23 und 24 Uhr hat uns Weber in kleiner Runde noch mal das Forschungsprogramm der Bundesbank nahegebracht. Wir haben \u00fcber so sch\u00f6ne Dinge wie Bayesian-Sch\u00e4tzungen, bivariate Prognosemodelle, Faktorenmodelle und Prognosekombinationsverfahren<br \/>\nsowie trivariate \u201cZwei-S\u00e4ulen\u201c Phillips-Kurven Prognosemodelle geplaudert. <a href=\"http:\/\/www.bundesbank.de\/download\/volkswirtschaft\/dkp\/2006\/200618dkp.pdf\">Mindestens zehn Mal erw\u00e4hnte er das Paper von Boris Hoffmann. Hier der Link<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern war ein gro\u00dfartiger Abend. Ehrlich. Knapp sechs Stunden haben wir Journalisten des Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten unseren Bundesbankpr\u00e4sidenten Axel Weber mit listigen Fragen gel\u00f6chert, gegrillt und versucht zu verstehen. Wir haben Salat mit frischen Pfifferlingen und hinterher Tafelspitz mit gr\u00fcner So\u00dfe (ein Frankfurter Nationalgericht) serviert bekommen. Das Essen war k\u00f6stlich, Webers Einssch\u00e4tzungen leicht schockierend. 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