{"id":7448,"date":"2014-06-05T22:46:14","date_gmt":"2014-06-05T20:46:14","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=7448"},"modified":"2014-06-06T10:26:36","modified_gmt":"2014-06-06T08:26:36","slug":"verschaerft-der-kapitalismus-die-ungleichheit-oder-nicht-thomas-piketty-vs-peter-bofinger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2014\/06\/05\/verschaerft-der-kapitalismus-die-ungleichheit-oder-nicht-thomas-piketty-vs-peter-bofinger_7448","title":{"rendered":"Versch\u00e4rft der Kapitalismus die Ungleichheit oder nicht? \u2013 Thomas Piketty vs. Peter Bofinger"},"content":{"rendered":"<p>Thomas Pikettys Buch <a title=\"Thomas Piketty - Le capital au 21e si\u00e8cle\" href=\"http:\/\/piketty.pse.ens.fr\/fr\/capital21c\" target=\"_blank\"><em>Le capital au 21e si\u00e8cle<\/em><\/a>, das die Ungleichheit der Verm\u00f6gen und Einkommen seit dem 18. Jahrhundert untersucht, sorgt seit dem Erscheinen der englischen \u00dcbersetzung (<a title=\"Thomas Piketty - Capital in the 21st Century\" href=\"http:\/\/piketty.pse.ens.fr\/en\/capital21c2\" target=\"_blank\"><em>Capital in the 21st Century<\/em><\/a>) f\u00fcr eine Menge Furore und zieht Kritik von allen Seiten, links wie rechts, auf sich.<\/p>\n<p>Den j\u00fcngsten Angriff auf Piketty hat der Wirtschaftsweise Peter Bofinger unternommen. Er wirft Piketty im <em>Spiegel<\/em>-Interview vor, &#8222;<a title=\"Spiegel online - Wirtschaftsweiser Bofinger wirft Piketty schwere Fehler vor\" href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/vorab\/bofinger-wirft-piketty-schwere-fehler-vor-a-972643.html\" target=\"_blank\">sich selbst ins Knie geschossen<\/a>&#8220; zu haben. <!--more-->Angeblich w\u00fcrden Pikettys Daten seine eigene Theorie widerlegen, nach der der Kapitalismus zu immer gr\u00f6\u00dferer Verm\u00f6gensungleichheit f\u00fchrt. Allerdings scheint sich eher Bofinger ins Knie geschossen zu haben als Piketty. Denn er hat den kleinen aber feinen Unterschied zwischen der Kapitalertragsrate vor und nach Steuern unterschlagen. Genau dieser Unterschied bildet aber den Dreh- und Angelpunkt f\u00fcr Pikettys gesamtes Argument \u2013 und dar\u00fcber hinaus f\u00fcr nichts weniger als den Fortbestand der Mittelschichtsgesellschaft, wie wir sie kennen.<\/p>\n<p>Worum geht es? Wie so oft bei \u00d6konomen geht es um Formeln. Piketty zeigt, wie die Verm\u00f6gen relativ zu den Einkommen immer weiter steigen, wenn die Ertragsrate der Verm\u00f6gen, <em>r<\/em>, gr\u00f6\u00dfer als das Wachstum der Einkommen und der Produktion, <em>g<\/em>, ist. Die Logik ist leicht zu verstehen: Ist <em>r<\/em> h\u00f6her als <em>g<\/em> und sparen die Reichen einen Gro\u00dfteil ihre Ertr\u00e4ge, steigen die Verm\u00f6gen automatisch schneller als die Einkommen. Durch die Logik von Zinseszins und Erbschaftsrecht werden die Reichen und ihre Erben immer reicher und der Rest \u2013 relativ gesehen \u2013 immer \u00e4rmer.<\/p>\n<p>Nun stellt Piketty fest, dass in der Geschichte der Menschheit die <a title=\"Figure 10.9. Rate of return vs. growth rate at the world level, from Antiquity until 2100\" href=\"http:\/\/piketty.pse.ens.fr\/files\/capital21c\/en\/pdf\/F10.9.pdf\" target=\"_blank\">Kapitalertragsrate regelm\u00e4\u00dfig h\u00f6her als das Wachstum der Produktion<\/a> gewesen ist, die Verm\u00f6gen also immer gr\u00f6\u00dfer geworden w\u00e4ren \u2013 wenn nicht Kriege sie zwischendurch immer wieder dezimiert h\u00e4tten. Die Trendwende kam erst im 20. Jahrhundert. In dem haben nicht nur das Wirtschaftswachstum drastisch zugenommen, sondern auch die Steuern, besonders die Steuern auf Kapitalertr\u00e4ge und Erbschaften. Diese <a title=\"Figure 10.10. After tax rate of return vs. growth rate at the world level, from Antiquity until 2100\" href=\"http:\/\/piketty.pse.ens.fr\/files\/capital21c\/en\/pdf\/F10.10.pdf\" target=\"_blank\">Steuern reduzieren die Ertragsrate der Verm\u00f6gen<\/a>, so dass dessen Wachstum auf ganz friedliche Weise Grenzen gesetzt werden.<\/p>\n<p>Ist das Wirtschaftswachstum h\u00f6her als die Nachsteuerrendite, lohnt sich Erben immer weniger, Arbeiten daf\u00fcr umso mehr. Piketty zeigt in seinem Buch, wie dieser im historischen Vergleich starke Sonderfall einer Kapitalrendite, die unter dem Wachstum liegt, die Voraussetzung f\u00fcr unsere Mittelstandsgesellschaft war. Nach den zwei Weltkriegen und den Wirtschaftskrisen waren die Verm\u00f6gen stark reduziert, und die L\u00e4nder mussten wiederaufgebaut werden, was das Wachstum trieb. Mitsamt der historisch einmalig hohen Besteuerung von Verm\u00f6gen, seinen Ertr\u00e4gen und Erbschaften entstand die Mittelschicht, die von ihren Eltern kaum etwas erbte und sich ihr Verm\u00f6gen selbst aufbauen musste.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-7449\" alt=\"Grafik: Piketty - Kapitalertragsraten und Wachstum 0-2100\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2014\/06\/Piketty_Kapitalertragsraten_und_Wachstum_0-2100.gif\" width=\"527\" height=\"337\" \/><\/p>\n<p>Die Verteilung von Verm\u00f6gen und Erbschaften im 20. Jahrhundert kontrastiert Piketty dabei immer wieder mit dem 19. Jahrhundert, in dem es so gut wie gar keine Steuern gab und das Kapital sich von selbst akkumulieren konnte. Piketty zitiert dabei besonders gerne die Werke von Balzac oder Jane Austen. In denen ist das Hauptproblem der Protagonisten nicht, besonders viel zu lernen, um sp\u00e4ter von der eigenen Arbeit leben zu k\u00f6nnen, sondern besonders gut zu heiraten, um sp\u00e4ter m\u00f6glichst viel zu erben.<\/p>\n<p>Zum Ende des 20. und zu Anfang des 21. Jahrhunderts scheint der Sonderfall von <em>g<\/em> gr\u00f6\u00dfer <em>r<\/em> aber selbst wieder Geschichte zu werden. Was die hohen Erbschaften angeht, stellt Piketty anhand seiner Datensammlung fest, dass sich unsere Gesellschaften wieder stark dem 19. Jahrhundert angen\u00e4hert haben. Das Wachstum hat nachgelassen und durch die neoliberale Wende ab den 1970er Jahren sind die Steuern stark gesunken. Wenn es so weitergeht, werden die gro\u00dfen Erbschaften und die Konkurrenz darum also bald wieder den Stoff f\u00fcr Weltliteratur (oder HBO-Serien) bilden.<\/p>\n<p>Jetzt kommt Peter Bofingers Kritik ins Spiel: Bofinger behauptet, Piketty w\u00fcrde behaupten, <em>r<\/em> sei immer gr\u00f6\u00dfer als <em>g<\/em> und die Marktwirtschaft w\u00fcrde somit immer die Ungleichheit erh\u00f6hen. Das aber, so Bofinger, w\u00fcrde durch Pikettys eigene Daten widerlegt \u2013 denn wie die rot-gestrichelte Linie in der oben dargestellten Abbildung zeigt, lag die Kapitalertragsrate doch im ganzen 20. Jahrhundert unterhalb der Wachstumsrate! Piketty m\u00fcsse also laut Bofinger &#8222;schlaflose N\u00e4chte&#8220; haben, weil seine Theorie nicht zu seinen eigenen Daten passen w\u00fcrde. So rettet Bofinger den Kapitalismus, weil sich die Marktwirtschaft trotz geringer Renditen im 20. Jahrhundert pr\u00e4chtig entwickelt habe.<\/p>\n<p>Dabei hat Bofinger aber leider Unvermischbares miteinander vermischt: Den Zusammenhang eines stets h\u00f6heren <em>r<\/em> als <em>g<\/em> hat Piketty nur f\u00fcr die Rendite vor Steuern gezeigt, aber nie f\u00fcr die Rendite nach Steuern (und Kriegszerst\u00f6rung). Dieser Unterschied ist aber der ganze Witz an Pikettys Argument: Vor Steuern hat sich die Kapitalrendite im 20. Jahrhundert kaum von derjenigen vorheriger Jahrhunderte unterschieden (siehe die blaue Linie in der obigen Abbildung), nach Steuern aber gewaltig!<\/p>\n<p>In der Abbildung, die im <em>Spiegel<\/em> zum Bofinger-Interview zu sehen ist, ist die Vorsteuerrendite gar nicht abgebildet. Der <em>Spiegel<\/em> zeigt nur die Rendite nach Steuern, erw\u00e4hnt das aber gar nicht, sondern beschriftet die Nachsteuerrendite nur unqualifiziert als &#8222;Kapitalrendite&#8220;. Hier suggerieren <em>Spiegel<\/em> und Bofinger, die geringe Rendite im 20. Jahrhundert sei ein Marktergebnis gewesen. Piketty verwendet aber mehrere hundert Seiten darauf, genau zu erkl\u00e4ren, dass die geringe Rendite im 20. Jahrhundert eben kein Marktergebnis, sondern das Ergebnis bewussten politischen Handelns war, n\u00e4mlich der hohen Besteuerung.<\/p>\n<p>Zumindest von dieser Seite kann man Piketty nicht angreifen. Ganz im Gegenteil, man sollte Pikettys Daten sehr ernst nehmen: Wenn die Steuern auf Verm\u00f6gen nicht wieder steigen, sind dem Wachstum der Verm\u00f6gen und der Verm\u00f6gensungleichheit fast keine Grenzen mehr gesetzt. Um gut zu leben, m\u00fcssen immer mehr Erben keinen Finger mehr krumm machen. Piketty beschreibt in seinem Buch, wie das immer wieder der Stoff war, aus dem Revolutionen und Kriege gemacht wurden. Nicht umsonst war einer der ersten Akte der Revolution\u00e4re in der Franz\u00f6sischen Revolution die Einf\u00fchrung einer (allerdings nur sehr geringen) Verm\u00f6genssteuer.<\/p>\n<p>Dabei k\u00f6nnen die Verm\u00f6gen in Deutschland besonders ungehindert wachsen: Hierzulande gibt es mittlerweile gar keine Verm\u00f6genssteuer mehr, und die Kapitalertr\u00e4ge werden per <em>Flat Tax<\/em> mit 25 Prozent besteuert \u2013 egal, wie hoch die Kapitalertr\u00e4ge sind (der Sozialdemokrat Peer Steinbr\u00fcck hat sich das ausgedacht). Arbeiten lohnt sich immer weniger, erben, Handaufhalten und Zinsen kassieren aber immer mehr. Das untergr\u00e4bt die Legitimit\u00e4t der sozialen Marktwirtschaft.<\/p>\n<hr align=\"left\" width=\"25%\" \/>\n<p><em>(Dieter Wermuth hatte \u00fcbrigens schon im Januar <a title=\"Einkommen und Verm\u00f6gen sind ungleich verteilt \u2013 ein Erkl\u00e4rungsversuch\" href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2014\/01\/17\/einkommen-und-vermogen-sind-ungleich-verteilt-ein-erklarungsversuch_6952\">hier im Blog<\/a> auf Pikettys Buch aufmerksam gemacht und eine aktuelle Rezension von mir ist <a title=\"Fabian Lindner - Das Ende der Mittelstandsgesellschaft\" href=\"http:\/\/www.gegenblende.de\/27-2014\/++co++c1c062de-eb20-11e3-b588-52540066f352\" target=\"_blank\">hier<\/a> zu lesen.)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thomas Pikettys Buch Le capital au 21e si\u00e8cle, das die Ungleichheit der Verm\u00f6gen und Einkommen seit dem 18. 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