{"id":75,"date":"2006-09-15T15:49:18","date_gmt":"2006-09-15T14:49:18","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=75"},"modified":"2006-09-15T15:49:18","modified_gmt":"2006-09-15T14:49:18","slug":"der-iwf-hat-sich-uberlebt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2006\/09\/15\/der-iwf-hat-sich-uberlebt_75","title":{"rendered":"Der IWF hat sich \u00fcberlebt"},"content":{"rendered":"<p>Aus aktuellem Anlass, der <a href=\"http:\/\/www.imf.org\/external\/am\/2006\/index.htm\">Jahrestagung von Internationalem W\u00e4hrungsfonds und Weltbank<\/a>, m\u00f6chte ich ein altes Anliegen von mir begr\u00fcnden, n\u00e4mlich dass der IWF nicht mehr ben\u00f6tigt wird, jedenfalls nicht f\u00fcr das, was seine urspr\u00fcngliche Aufgabe war. Ich dachte immer, das sei so einleuchtend, dass der Fonds ohnehin bald geschlossen w\u00fcrde. Irgendwie ist das in der \u00d6ffentlichkeit aber nie zu einem Thema geworden.<\/p>\n<p>Nach wie vor wird \u00fcber die Besetzung von Washingtoner Posten und die Verteilung von Stimmrechten gerangelt, Jahr f\u00fcr Jahr \u00fcberpr\u00fcfen Teams von hochqualifizierten aber h\u00e4ufig nicht sonderlich von Detailkenntnissen belastete \u00d6konomen die Stabilit\u00e4tskultur und den Reformeifer eines jeden Landes dieser Erde, einschlie\u00dflich Deutschlands, und erteilen wirtschaftspolitischen Unterricht. Institutionen sterben offenbar nicht so schnell, auch wenn sie sich \u00fcberlebt haben.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nEs war einmal ein Problem, das hie\u00df: Es gibt einen Mangel an W\u00e4hrungsreserven, und weil das so ist, k\u00f6nnte das System der festen Wechselkurse (gegen\u00fcber dem Dollar) irgendwann einmal zusammenbrechen. Nach den W\u00e4hrungsturbulenzen der zwanziger und drei\u00dfiger Jahre wurde der Stabilit\u00e4t der Wechselkurse gegen Ende des Zweiten Weltkriegs ein hoher Rang beigemessen. Im Nachhinein war die Zeit bis Anfang der siebziger Jahre aus \u00f6konomischer Sicht in der Tat eine der gl\u00fccklichsten, vergleichbar den Gr\u00fcnderjahren mit ihrem Goldstandard, der ja ebenfalls ein Festkurssystem war.<\/p>\n<p>Die raison d&#8217;etre des IWF bestand darin, in Krisensituationen vor\u00fcbergehend Finanzhilfen zu gew\u00e4hren und damit eine Abwertung gegen\u00fcber dem Dollar aufzuschieben oder zu verhindern. Dadurch wurde Zeit gewonnen, die f\u00fcr Anpassungen genutzt werden konnte, mit denen die Nachfrage nach der eigenen W\u00e4hrung gest\u00e4rkt wurde, etwa durch h\u00f6here Zinsen. War eine Abwertung fundamental nicht gerechtfertigt, half das. Meist kam es aber letztlich doch zu einer Abwertung.<\/p>\n<p>Am Ende ist das System von Bretton Woods nicht wegen eines Mangels an W\u00e4hrungsreserven zusammengebrochen, sondern weil es zuviel davon gab. Die USA hatten im Gefolge des Vietnamkrieges die Devisenm\u00e4rkte mit Dollars \u00fcberschwemmt, so dass Anfang der siebziger Jahre die Bereitschaft Deutschlands, Japans und der Schweiz stark nachlie\u00df, all diese Dollars zu festen Kursen zu \u00fcbernehmen. Die Kehrseite der Medaille war n\u00e4mlich, dass durch die Interventionen in diesen L\u00e4ndern die Liquidit\u00e4t &#8211; und mit ihr die Inflationsgefahr &#8211; unerw\u00fcnscht stark zunahm.<\/p>\n<p>Als Pr\u00e4sident Nixon schlie\u00dflich das Ende der Goldkonvertierbarkeit des Dollars verf\u00fcgte und damit zugab, dass dieser nicht mehr durch ein Edelmetall, sondern nur noch durch ein vages Zahlungsversprechen gedeckt war, war das Ende der Festkurse und damit eigentlich auch des IWF gekommen. Die wichtigsten W\u00e4hrungen schwankten seitdem frei gegeneinander, getrieben von privaten Marktkr\u00e4ften. Da Notenbanken nicht mehr intervenierten, brauchten sie auch keine Finanzhilfen mehr.<\/p>\n<p>Der IWF erlebte allerdings einen zweiten Fr\u00fchling, als die meisten L\u00e4nder au\u00dferhalb des OECD-Bereichs nach dem Ende von Bretton Woods dazu \u00fcbergingen, einseitig ihre Wechselkurse an den Dollar zu binden. Im Osten Europas und Teilen Afrikas bevorzugte man die Mark und den franz\u00f6sischen Franken, sp\u00e4ter dann den Euro. F\u00fcr kleine L\u00e4nder ohne viel Devisenreserven ist das eine rationale Politik, da gro\u00dfe Schwankungen im Au\u00dfenwert ihrer W\u00e4hrungen hinsichtlich der Allokation von Ressourcen teuer sind.<\/p>\n<p>Wechselkurse spiegeln die relativen Preise zwischen Volkswirtschaften wider, an die sich deren Strukturen in einem Optimierungsprozess anpassen. Sie sind f\u00fcr kleine L\u00e4nder viel wichtiger als f\u00fcr gro\u00dfe, weil sie ceteris paribus einen viel gr\u00f6\u00dferen Au\u00dfensektor haben als diese. Wenn die Preissignale daher mal in die eine, mal in die andere Richtung weisen, kommt es zu Fehlinvestitionen. Was bei dem einen Wechselkurs f\u00fcr Unternehmen eine sinnvolle Strategie war, ist es bei einem v\u00f6llig anderen nicht mehr. Stabile bilaterale Wechselkurse gegen\u00fcber der jeweiligen economie dominante sind daher meist w\u00fcnschenswert.<\/p>\n<p>Da diese L\u00e4nder nicht damit rechnen konnten, dass ihnen die amerikanischen oder europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsbeh\u00f6rden zu Hilfe eilen w\u00fcrden, wenn ihre Wechselkurse unter Abwertungsdruck gerieten, war dem IMF doch noch eine sinnvolle Rolle verblieben. Er verspielte jedoch in den sp\u00e4ten achtziger Jahren seinen Ruf, als er erstens die asiatischen und russischen W\u00e4hrungskrisen zu sp\u00e4t erkannte und zweitens dann Rezepte verschrieb, die vor allem darauf hinausliefen, die G\u00fcrtel enger zu schnallen. Die Kreditnehmer waren nicht sonderlich davon angetan.<\/p>\n<p><strong>Das Ganze nahm mit dem 11. September 2001 eine \u00fcberraschende Wende. Dieses Datum markiert den Beginn einer neuen Dollarschwemme und damit das endg\u00fcltige Abgleiten des IWF in die Irrelevanz.<\/strong> Die amerikanische Wirtschaft war zum Zeitpunkt der Attacken bereits auf dem Weg, wenn nicht in eine Rezession, so doch zu deutlich niedrigeren Wachstumsraten und steigender Arbeitslosigkeit. Zwischen realem Sozialprodukt und Produktionspotential hatte sich eine gro\u00dfe L\u00fccke aufgetan. Die Inflation lag bei 2% und befand sich auf dem R\u00fcckzug, w\u00e4hrend der Staatshaushalt als Folge des Clinton-Booms der neunziger Jahre einen \u00dcberschuss aufwies. Eine stimulierende Wirtschaftspolitik lag daher nahe und w\u00e4re auch ohne 9\/11 verfolgt worden. So aber wurden alle Schleusen ge\u00f6ffnet: Die Notenbankzinsen sanken in kurzer Zeit auf 1%, das Budgetdefizit erreichte binnen zweieinhalb Jahren 4 \u00bd% des Sozialprodukts und der Dollar wertete handelsgewogen von Anfang 2002 bis Ende 2004 um fast 30% ab.<\/p>\n<p>Die Kur war in nahezu jeder Hinsicht erfolgreich. Die amerikanischeWirtschaft expandiert seit dem vierten Quartal 2001 wieder mit Raten von durchschnittlich 3,2% und Vollbesch\u00e4ftigung ist de facto erreicht. Sorge macht nur, dass die Inflation etwas h\u00f6her ist als gew\u00fcnscht. Zu schlaflosen N\u00e4chten hat das aber bisher nicht gef\u00fchrt.<\/p>\n<p><strong>Der f\u00fcr die Weltwirtschaft und die Zukunft des IWF entscheidende Aspekt war, dass die USA im Verlauf des Erholungsprozesses eine ungeheuer starke Nachfrage nach ausl\u00e4ndischen G\u00fctern und Dienstleistungen entfalteten. Das Defizit in der Handelsbilanz erh\u00f6hte sich von monatlich rund 30 Mrd$ im Jahr 2001 auf zuletzt 65 Mrd$, Tendenz steigend.<\/strong> Das l\u00f6ste vor allem in Asien, aber auch in S\u00fcdamerika einen Exportboom aus und stimulierte das Wachstum dort. Die Globalisierungsspirale dreht sich immer schneller, und das Sozialprodukt der Welt nimmt seitdem real mit Raten von nahezu 5% zu. Ein aus europ\u00e4ischer Sicht nicht so erfreulicher Effekt war nat\u00fcrlich, dass es zu einer Preisexplosion bei Energie und Rohstoffen kam und sich dadurch die Einfuhrpreise viel st\u00e4rker erh\u00f6hten als die Ausfuhrpreise, was wiederum zu einem Verlust an Wohlstand gef\u00fchrt hat. Andererseits laufen aber die Exporte sehr gut, was der Besch\u00e4ftigung f\u00f6rderlich ist.<\/p>\n<p>F\u00fcr die wichtigsten Entwicklungsl\u00e4nder und Rohstoffexporteure ergab sich durch den Importsog der USA das Problem, dass sie immer h\u00f6here \u00dcbersch\u00fcsse in ihren Handelsbilanzen erzielten. Wenn sie nicht alle Dollars gekauft h\u00e4tten, die ihnen angeboten wurden, w\u00e4ren ihre W\u00e4hrungen zu stark geworden und sie h\u00e4tten an Wettbewerbsf\u00e4higkeit eingeb\u00fc\u00dft. Die Folge war ein sehr starker Anstieg ihrer W\u00e4hrungsreserven. Diese sind inzwischen so gro\u00df, dass viele von ihnen, auch sehr arme, \u00fcber mehr ausl\u00e4ndisches Verm\u00f6gen verf\u00fcgen als sie Verbindlichkeiten gegen\u00fcber Ausl\u00e4ndern haben.<\/p>\n<p>Die L\u00e4nder der Dritten Welt sind in den vergangenen f\u00fcnf Jahren zu Nettokapitalexporteuren geworden. Sie k\u00e4mpfen, wie Deutschland, Japan und die Schweiz vor mehr als drei\u00dfig Jahren damit, dass die Wechselkurse tendenziell zu fest sind und f\u00fcrchten, dass das Anh\u00e4ufen von W\u00e4hrungsreserven auf Dauer inflation\u00e4re Effekte haben wird. Sie st\u00fctzen nach wie vor den Dollar und w\u00fcrden sich freuen, wenn sich ihre W\u00e4hrung abwerten w\u00fcrde. Nichts brauchen sie weniger als Finanzhilfen vom IWF.<\/p>\n<p>Das muss nicht unbedingt so bleiben. Aber es sieht nicht danach aus, als ob so gro\u00dfe L\u00e4nder wie China, Russland, Indien, Korea, Thailand, Indonesien, S\u00fcdafrika, Nigeria, Brasilien oder Argentinien nicht aus eigener Kraft und auf absehbare Zeit ihre W\u00e4hrungspolitik selbst bestimmen k\u00f6nnten. Dem IWF bleibt nur noch die Aufgabe, jenen meist kleinen L\u00e4ndern gelegentlich unter die Arme zu greifen, die weder vom Rohstoffboom noch von der industriellen Globalisierung profitieren. Er k\u00f6nnte dann zu einer Abteilung der Weltbank mutieren. Tagungen in Singapur w\u00e4ren dann weiterhin m\u00f6glich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus aktuellem Anlass, der Jahrestagung von Internationalem W\u00e4hrungsfonds und Weltbank, m\u00f6chte ich ein altes Anliegen von mir begr\u00fcnden, n\u00e4mlich dass der IWF nicht mehr ben\u00f6tigt wird, jedenfalls nicht f\u00fcr das, was seine urspr\u00fcngliche Aufgabe war. 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