{"id":7575,"date":"2014-07-14T14:56:37","date_gmt":"2014-07-14T12:56:37","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=7575"},"modified":"2014-07-16T11:18:12","modified_gmt":"2014-07-16T09:18:12","slug":"piketty-das-kapital-und-die-arbeit-ein-gastbeitrag-von-hagen-kraemer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2014\/07\/14\/piketty-das-kapital-und-die-arbeit-ein-gastbeitrag-von-hagen-kraemer_7575","title":{"rendered":"Piketty, das Kapital und die Arbeit \u2013 ein Gastbeitrag von Hagen Kr\u00e4mer"},"content":{"rendered":"<p>Der franz\u00f6sische \u00d6konom Thomas Piketty hat mit seinem Buch <em>Capital in the 21st Century<\/em> eine lebhafte und wichtige Debatte \u00fcber grundlegende Fragen der Einkommens- und Verm\u00f6gensverteilung angesto\u00dfen (auch im Herdentrieb-Blog: <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2014\/01\/17\/einkommen-und-vermogen-sind-ungleich-verteilt-ein-erklarungsversuch_6952\">hier<\/a> und <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2014\/06\/05\/verschaerft-der-kapitalismus-die-ungleichheit-oder-nicht-thomas-piketty-vs-peter-bofinger_7448\">hier<\/a>). Dabei mangelt es nicht an Kritik aus der Fachwelt an den Thesen Pikettys und der theoretischen Fundierung, die er liefert. Eine kommt von dem Karlsruher \u00d6konomen Hagen Kr\u00e4mer, der sie mit einem Gastbeitrag hier im Blog zur Diskussion stellt:<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial; font-size: larger;\"><strong>Arbeit und Kapital in Pikettys &#8222;Kapital im 21. Jahrhundert&#8220;<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Von Hagen Kr\u00e4mer<sup>*)<\/sup><\/span><\/p>\n<p>Was bestimmt langfristig die Einkommensverteilung? F\u00fcr den \u00f6sterreichischen \u00d6konomen Eugen von B\u00f6hm-Bawerk kamen bekanntlich zwei miteinander konkurrierende Erkl\u00e4rungen daf\u00fcr infrage: &#8222;Macht oder \u00f6konomisches Gesetz?&#8220; F\u00fcr B\u00f6hm-Bawerk und die heute dominierende neoklassische Theorie sind es langfristig die \u00f6konomischen Gesetze, gegen die sich die um die Verteilung ringenden sozialen Gruppen nicht durchsetzen k\u00f6nnen. Machtfaktoren spielen in der herk\u00f6mmlichen Analyse praktisch keine Rolle. Ich habe mich gefragt, wie dies in dem Bestseller von Thomas Piketty aussieht. Die Analyse und Prognose, die der franz\u00f6sische \u00d6konom \u00fcber die Entwicklung der Einkommens- und Verm\u00f6gensverteilung in seinem Bestseller <a title=\"Thomas Piketty - Capital in the 21st Century\" href=\"http:\/\/piketty.pse.ens.fr\/en\/capital21c2\" target=\"_blank\"><em>Capital in the 21st Century<\/em><\/a> vornimmt, sind vielfach als radikal und innovativ beurteilt worden. Aber liefert Piketty auch neue Impulse f\u00fcr die Debatte um die Bestimmungsgr\u00fcnde der Einkommensverteilung?<br \/>\n<!--more--><br \/>\nAnalysiert man Pikettys Erkl\u00e4rungsmodell der Bestimmung von L\u00f6hnen und Gewinnen in der Gesamtwirtschaft n\u00e4her, stellt man fest, dass es doch sehr konventionell daherkommt. Sein Wachstums- und Verteilungsmodell basiert auf der g\u00e4ngigen Annahme einer neoklassischen Produktionsfunktion. In einem solchen Modellrahmen wird die Einkommensverteilung, wie Piketty selbst an einigen Stellen schreibt, ausschlie\u00dflich &#8222;technisch&#8220; bestimmt. F\u00fcr eine Ber\u00fccksichtigung des Einflusses von Macht auf die Verteilung bleibt hier kein Raum.<\/p>\n<p>Es l\u00e4sst sich aber wohl schwerlich bestreiten, dass die Lage auf dem Arbeitsmarkt einen entscheidenden Einfluss auf die Verhandlungsst\u00e4rke der Tarifvertragsparteien hat \u2013 und das nicht nur kurzfristig. Insofern h\u00e4ngt die Verhandlungsmacht beim Ringen \u00fcber die Lohnh\u00f6he eben auch von der Lage auf dem Arbeitsmarkt ab. Erstaunlicherweise spielt der Faktor Arbeitslosigkeit aber bei Piketty \u00fcberhaupt keine Rolle! Es existiert noch nicht einmal ein entsprechender Eintrag im Stichwortverzeichnis seines rund 650 Seiten umfassenden Buches.<\/p>\n<p>Daraus ergibt sich ein zentraler Widerspruch, der zur sonst so \u00fcberzeugenden Argumentationslinie von Piketty meines Erachtens nicht passt. F\u00fcr mich besteht Pikettys gro\u00dfer Verdienst unter anderem darin, dass er auf Basis bewundernswerter eigener empirischer Arbeiten zeigt, dass einige der sogenannten stilisierten Fakten nicht (mehr) zutreffen, die \u00fcber Jahrzehnte die Standardmodelle von Wachstum und gesamtwirtschaftlicher Einkommensverteilung gepr\u00e4gt haben. Weder ist der Kapitalkoeffizient langfristig konstant, noch die Gewinnquote, wie dies Nicholas Kaldor Anfang der 1960er Jahre in einem einflussreichen Artikel unterstellt hatte. Piketty untermauert dies mit soliden Daten, die realit\u00e4tsbezogene Modelle zuk\u00fcnftig nicht mehr ignorieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Analyse von Kapital und Kapitaleinkommen bei Piketty im Mittelpunkt stehen, trifft dies umgekehrt f\u00fcr die Arbeit nicht zu. Zwar behandelt er in seinem Buch, wie in zahlreichen fr\u00fcheren Beitr\u00e4gen, intensiv die Arbeitseinkommen der Topmanager und zeigt, dass bei der Bestimmung der Managerverg\u00fctungen die Grenzproduktivit\u00e4tstheorie nicht angewandt werden kann. F\u00fcr die Bestimmung der L\u00f6hne im Allgemeinen hat er offenbar aber keine Probleme damit, von der G\u00fcltigkeit einer neoklassischen Produktionsfunktion auszugehen. Diese Vorgehensweise ist aber nur dann akzeptabel, wenn man Vollbesch\u00e4ftigungssituationen analysiert, da die Produktionsfunktion auf der Idee der effizienten Ressourcenausnutzung basiert.<\/p>\n<p>Vollbesch\u00e4ftigung ist in der Realit\u00e4t von Marktwirtschaften aber bislang immer die Ausnahme und nicht die Regel gewesen. Und dass die Verhandlungsmacht zwischen Kapital und Arbeit von dauerhafter Arbeitslosigkeit nicht beeinflusst w\u00fcrde, ist kaum vorstellbar. Der Blick auf die Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland verdeutlicht diesen Zusammenhang anschaulich. Die H\u00f6chstst\u00e4nde der Arbeitseinkommensquote finden sich (mit einem gewissen Timelag) in den Zeiten der Vollbesch\u00e4ftigung der 1960er und 1970er Jahre (vgl. Abbildung). Mit der R\u00fcckkehr der Arbeitslosigkeit Mitte der 1970er und Beginn der 1980er fiel die Arbeitseinkommensquote tendenziell immer weiter. In anderen OECD-L\u00e4ndern sehen die Entwicklungen ganz \u00e4hnlich aus. Es stellt sich die Frage, warum der gl\u00e4nzende Empiriker Piketty diesen Faktor aus der Analyse der Einkommensverteilung komplett ausblendet.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-7580\" alt=\"Grafik: Arbeitslosenquote und Arbeitseinkommensquote in Deutschland\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2014\/07\/Kraemer_Abb_ALQ_und_AEQ.gif\" width=\"544\" height=\"456\" \/><\/p>\n<p>Der Bezug von Piketty auf die neoklassische makro\u00f6konomische Verteilungstheorie ist aber auch aus theoretischen Gr\u00fcnden fragw\u00fcrdig. Im Rahmen der kapitaltheoretischen Kontroverse der 1960er Jahre wurde gezeigt, dass man au\u00dferhalb eines Ein-Sektor-Modells aus logischen Gr\u00fcnden die verschiedenen Kapitalg\u00fcter nicht zu einer einzigen Gr\u00f6\u00dfe &#8222;Kapital&#8220; aggregieren kann. Der gro\u00dfe US-\u00d6konom Paul A. Samuelson hat dies am Ende den Kritikern der neoklassischen Produktions- und Kapitaltheorie aus Cambridge (England) auch zugestanden. Pikettys Darstellung der Cambridge-Cambridge-Kontroverse geht aber am Kern der Auseinandersetzung v\u00f6llig vorbei. Er liegt sogar ziemlich daneben, wenn er in seinem Buch die Ansicht vertritt, dass es damals angeblich um die Frage nach der Konstanz des Kapitalkoeffizienten gegangen sei. Offenkundig ist er mit dieser Problematik nicht n\u00e4her vertraut.<\/p>\n<p>Piketty hat mit seinem Buch und seinen Forschungsarbeiten dazu beigetragen, dass Verteilungsfragen wieder in den Blickpunkt der \u00d6ffentlichkeit und der \u00f6konomischen Forschung ger\u00fcckt werden. Dies halte ich f\u00fcr absolut notwendig. Andererseits fehlt eine \u00fcberzeugende modelltheoretische Fundierung f\u00fcr eine Analyse der Einkommensverteilung, die einen wichtigen Baustein f\u00fcr seine eigentlich im Mittelpunkt stehende Analyse der Verm\u00f6gensverteilung darstellt. Dass der Prozess der Konzentration von Einkommen und Verm\u00f6gen in der Vergangenheit immer weiter fortgeschritten ist, ist offensichtlich, und dass diese Entwicklung auch noch weiter anhalten wird, kann man aus verschiedenen Gr\u00fcnden vermuten. Die Erkl\u00e4rungen, die uns Piketty dazu anbietet, sind aber nicht ausreichend.<\/p>\n<p><em><sup>*)<\/sup><a href=\"http:\/\/www.w.hs-karlsruhe.de\/Kraemer\/\" target=\"_blank\">Hagen Kr\u00e4mer<\/a> ist Professor f\u00fcr Economics an der Hochschule Karlsruhe \u2013 Technik und Wirtschaft<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der franz\u00f6sische \u00d6konom Thomas Piketty hat mit seinem Buch Capital in the 21st Century eine lebhafte und wichtige Debatte \u00fcber grundlegende Fragen der Einkommens- und Verm\u00f6gensverteilung angesto\u00dfen (auch im Herdentrieb-Blog: hier und hier). Dabei mangelt es nicht an Kritik aus der Fachwelt an den Thesen Pikettys und der theoretischen Fundierung, die er liefert. 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