{"id":7666,"date":"2014-08-21T13:24:36","date_gmt":"2014-08-21T11:24:36","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=7666"},"modified":"2014-08-21T16:55:35","modified_gmt":"2014-08-21T14:55:35","slug":"mehr-geld-drucken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2014\/08\/21\/mehr-geld-drucken_7666","title":{"rendered":"Mehr Geld drucken!"},"content":{"rendered":"<p>Monatlich 500 Euro f\u00fcr jeden in der W\u00e4hrungsunion, bis Konsum, Besch\u00e4ftigung, BIP-Wachstum und Inflation wieder anspringen! Wie w\u00e4re es? Die Bilanz des Euro-Systems schrumpft seit zwei Jahren und die Leitzinsen von nunmehr nur noch 0,15 Prozent haben bislang nichts daran \u00e4ndern k\u00f6nnen, dass die Haushalte keine neuen Schulden machen wollen. Der sogenannte Transmissionsmechanismus von der EZB zur Endnachfrage funktioniert nicht mehr. Vielleicht ist der Umweg \u00fcber die Banken einfach zu lang: Sie geben die Impulse der Geldpolitik wegen ihrer Bilanzprobleme, sprich ihrer vielen faulen Kredite, nicht an ihre Kunden weiter.<br \/>\n<!--more--><br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-7667\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2014\/08\/Zentralbankbilanzen_ESCB_Fed_BoE_BoJ_seit_20071.gif\" alt=\"Grafik: Zentralbankbilanzen seit 2007\" width=\"515\" height=\"308\" \/><\/p>\n<p>Ich wei\u00df, dass das, was ich hier vorschlage, politisch keine Aussicht auf Erfolg hat. Mir ist klar, dass die Europ\u00e4ischen Vertr\u00e4ge eine Staatsfinanzierung durch die Notenbank nicht zulassen. Es lohnt dennoch, ein bisschen <em>out-of-the-box<\/em> zu denken und sich auf das Gedankenexperiment einzulassen. Was w\u00fcrde passieren, wenn die EZB f\u00fcr eine zun\u00e4chst unbefristete Zeit jedem der 330 Millionen B\u00fcrger der W\u00e4hrungsunion \u00fcber die Finanz\u00e4mter der Mitgliedsstaaten monatlich 500 Euro \u00fcberweisen w\u00fcrde? Das w\u00e4ren im Jahr rund zwei Billionen Euro oder rund 20 Prozent des nominalen Bruttoinlandsprodukts. Um so viel w\u00fcrde die Bilanzsumme des Euro-Systems (der EZB) zunehmen. Wenn das nicht reichen sollte, die Konjunktur in Schwung zu bringen und der Deflationsfalle zu entkommen, m\u00fcsste einfach weitergemacht werden. <a title=\"Deflation: Making Sure \" href=\"http:\/\/www.federalreserve.gov\/BOARDDOCS\/Speeches\/2002\/20021121\/default.htm\" target=\"_blank\">Ben Bernanke<\/a> hat so etwas einst <em>helicopter money<\/em> genannt.<\/p>\n<p>Da die Kaufzur\u00fcckhaltung \u2013 und damit die wirtschaftliche Stagnation &#8211; viel damit zu tun hat, dass vor allem im S\u00fcden der W\u00e4hrungsunion viele Verbraucher \u00fcberschuldet sind, w\u00e4re zu \u00fcberlegen, wie sich diese Schulden vermindern lassen. Die meisten dieser Verbraucher haben zudem Angst um ihre Arbeitspl\u00e4tze \u2013 sehr viele, deutlich mehr als hierzulande, sind zudem arbeitslos. Finanzkrisen ziehen sich bekanntlich deswegen lange hin, weil der Prozess der Entschuldung pro-zyklisch wirkt, also die Nachfrage d\u00e4mpft. Es darf nicht dazu kommen, dass der Prozess japanische Dimensionen annimmt und noch weitere 15 Jahre dauert. Irgendwann w\u00fcsste man dann gar nicht mehr was der Begriff &#8222;Wirtschaftswachstum&#8220; bedeutet. Es tr\u00e4te ein, was \u00d6konomen als Hysteresis bezeichnen \u2013 wichtige F\u00e4higkeiten gehen im Laufe der Zeit verloren, wenn Ressourcen ungenutzt bleiben. Der rasche Abbau von Schulden im privaten Sektor ist das Wichtigste, wenn es darum geht, eine t\u00fcckische Finanzkrise wie die jetzige zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu meinem Vorschlag: Wenn beispielsweise eine vierk\u00f6pfige spanische Familie in den kommenden zw\u00f6lf Monaten auf einmal 24.000 Euro &#8222;geschenkt&#8220; bek\u00e4me \u2013 und Oma und Opa noch einmal ihre 12.000 Euro dazu t\u00e4ten \u2013 k\u00f6nnte sie damit einen gro\u00dfen Schritt in Richtung Schuldenabbau und Schuldentragf\u00e4higkeit tun. Die Welt s\u00e4he f\u00fcr sie schon viel freundlicher aus; man k\u00f6nnte vielleicht sogar wieder einmal einen Einkaufstrip unternehmen oder einen Kredit beantragen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Menschen mit niedrigem Einkommen \u2013 Arbeitslose, Rentner, Sozialhilfeempf\u00e4nger \u2013, auch solche ohne Schulden, w\u00e4re das Geld von der EZB so etwas wie das Manna aus der Bibel. Sie w\u00fcrden sich endlich das kaufen oder leisten, was sie sich ertr\u00e4umt hatten. Sie w\u00fcrden das Geld umgehend und vermutlich komplett ausgeben. Auch alle anderen, selbst die Wohlsituierten, w\u00fcrden sich nicht zieren, das Geld anzunehmen und irgendwie unter die Leute zu bringen. Vielleicht bef\u00fcrchten sie, dass die Sache kein gutes Ende nehmen w\u00fcrde, also in eine galoppierende Inflation ausarten k\u00f6nnte. Wenn morgen alles teurer ist, sollten Anschaffungen eher vorgezogen als aufgeschoben werden. Die Angst vor Inflation war noch stets ein probates Mittel gegen Kaufzur\u00fcckhaltung. Zudem d\u00fcrften die Bessergestellten, wenn sie wirklich Angst vor Inflation haben, einen Teil ihres Verm\u00f6gens ins Ausland bringen und so tendenziell den Euro schw\u00e4chen \u2013 das erh\u00f6ht die Einfuhrpreise und w\u00e4re daher zumindest kurzfristig ein w\u00fcnschenswerter Effekt.<\/p>\n<p>Das alles l\u00e4sst erwarten, dass sich ein Konsumboom entwickeln wird, vor allem, wenn die EZB von Vornherein klarstellt, dass es mit den monatlichen \u00dcberweisungen so lange weitergehen wird, bis die Inflation zwei Prozent erreicht hat, vielleicht sogar drei oder vier Prozent. Eine Anhebung des Inflationsziels hatte <a title=\" Rethinking Macroeconomic Policy; February 2010\" href=\"https:\/\/www.imf.org\/external\/pubs\/ft\/spn\/2010\/spn1003.pdf\" target=\"_blank\">Olivier Blanchard<\/a>, der Chef-Volkswirt des Internationalen W\u00e4hrungsfonds, schon vor einigen Jahren angeregt (damit die gef\u00e4hrliche Deflationsmentalit\u00e4t ein f\u00fcr alle Mal ausgerottet wird). Gleichzeitig m\u00fcssten angesichts des Nachfrageanstiegs neue Leute eingestellt werden, die dann ihrerseits mehr Geld ausgeben w\u00fcrden. F\u00fcr die Unternehmen wiederum vergr\u00f6\u00dferte sich der Spielraum f\u00fcr Preiserh\u00f6hungen, auch die L\u00f6hne k\u00f6nnten st\u00e4rker steigen \u2013 sie sind auf der Kostenseite die wichtigste Determinante der Inflation. Ob es zudem durch einen schw\u00e4cheren Wechselkurs des Euro zus\u00e4tzliche Inflationsimpulse geben wird, l\u00e4sst sich dagegen nicht mit einiger Zuversicht vorhersagen: Durch den R\u00fcckgang des Handelsbilanz\u00fcberschusses geht an den Devisenm\u00e4rkten die Nachfrage nach Euro zur\u00fcck, durch die Aussicht auf rascheres Wirtschaftswachstum und h\u00f6here Zinsen steigt sie, Ergebnis ungewiss.<\/p>\n<p><em>There is no free lunch<\/em> \u2013 Geschenke gibt es nicht, oder nur sehr selten. An dieser Stelle muss ein bisschen Buchhaltung betrieben werden. Wer w\u00e4ren die Gewinner und Verlierer eines solchen Programms?<\/p>\n<p>Die staatlichen Schulden Euro-Lands belaufen sich brutto in diesem Jahr auf voraussichtlich 96 Prozent des BIP; durch das Sonderprogramm &#8222;500 Euro monatlich f\u00fcr Alle&#8220; k\u00e4men in einem Jahr 20 Prozentpunkte hinzu. Allerdings w\u00fcrden die bessere Konsumkonjunktur und die anziehende Inflation (\u00fcber die &#8222;kalte&#8220; Progression) mehr Steuern in die Kassen sp\u00fclen, w\u00e4hrend die Sozialausgaben langsamer zunehmen w\u00fcrden als erwartet, sodass im Jahresdurchschnitt 2015 vielleicht Schulden von 110 Prozent des BIP zu Buche stehen.<\/p>\n<p>Die zus\u00e4tzlichen Schulden sind nicht marktwirksam. Es handelt sich um direkte Transaktionen zwischen der Zentralbank und den Mitgliedstaaten \u2013 die ihre Verschuldung gegen\u00fcber der EZB um zwei Billionen Euro erh\u00f6hen. Mario Draghi w\u00fcrde nicht auf eine rasche R\u00fcckzahlung dr\u00e4ngen und auch keine nennenswerten Zinsen verlangen (angenommen, er d\u00fcrfte sich \u00fcberhaupt auf eine Staatsfinanzierung einlassen \u2013 er darf es nicht!).<\/p>\n<p>In gesamtstaatlicher Sicht k\u00f6nnte man die Transaktion als &#8222;linke Tasche, rechte Tasche&#8220; bezeichnen. In Japan, wo die Renditen f\u00fcr 10-j\u00e4hrige Staatsanleihen heute bei nur 0,53 Prozent liegen, ist das g\u00e4ngige Praxis. Auch das quantitative easing der Fed war letztlich ein Ankauf staatlicher Papiere. Mit anderen Worten, es ist nicht unbedingt damit zu rechnen, dass die langen Zinsen steigen werden, nur weil die Bruttoschulden des Staates zunehmen.<\/p>\n<p><a title=\"Borio: The financial cycle, the debt trap and secular stagnation, 2014\" href=\"http:\/\/www.bis.org\/events\/agm2014\/borio_pres.pdf\" target=\"_blank\">Claudio Borio<\/a>, einer der Vordenker bei der Basler Bank f\u00fcr Internationalen Zahlungsausgleich, hat k\u00fcrzlich eine Grafik gezeigt, in der eine klare negative Korrelation zwischen stark zunehmenden globalen Schulden und realen Leitzinsen sowie realen Bondrenditen zu erkennen ist. In bestimmten, wenn nicht den meisten Situationen gehen steigende Schulden mit sinkenden Zinsen einher \u2013 weil Schulden in der Regel dann zunehmen, wenn die Kapazit\u00e4ten schlecht ausgelastet sind und die Arbeitslosigkeit hoch ist, wenn das Umfeld also sinkende Inflationsraten und sinkende reale Zinsen beg\u00fcnstigt.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7668\" aria-describedby=\"caption-attachment-7668\" style=\"width: 554px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2014\/08\/Borio_Global_debt_and_interest_rates_2014.gif\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-7668\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2014\/08\/Borio_Global_debt_and_interest_rates_2014_small.gif\" alt=\"Grafik: Borio - Global debt and interest rates\" width=\"554\" height=\"419\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-7668\" class=\"wp-caption-text\">Quelle: <a title=\"Borio: The financial cycle, the debt trap and secular stagnation, 2014\" href=\"http:\/\/www.bis.org\/events\/agm2014\/borio_pres.pdf\" target=\"_blank\">Borio (2014)<\/a><br \/>\u00a0<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Durch das anhaltende Verteilen von Geld an die Bev\u00f6lkerung Euro-Lands springt die Konjunktur an, die Outputl\u00fccke wird kleiner, die Inflation wird wiederbelebt. Die reale Schuldenlast vermindert sich rascher als bei der aktuellen Inflationsrate von lediglich 0,4 Prozent (Vorjahresvergleich). Das geht zulasten der Gl\u00e4ubiger, also vor allem der Sparer \u2013 ihre Forderungen entwerten sich schneller. Das w\u00e4re gewollt.<\/p>\n<p>Die Strategie bewirkt eine tempor\u00e4re Umverteilung der Einkommen zugunsten der \u00e4rmeren Bev\u00f6lkerungsschichten. F\u00fcr den Sozialhilfeempf\u00e4nger, der mit weniger als 1.000 Euro im Monat auskommen muss, sind 500 Euro zus\u00e4tzlich etwas ganz Anderes als f\u00fcr jemanden, der 5.000 Euro verdient. Anders ausgedr\u00fcckt, die Ma\u00dfnahme beg\u00fcnstigt die Armen relativ mehr als die Reichen &#8211; das ist ein zus\u00e4tzlicher Stimulans f\u00fcr die Konsumnachfrage und die Konjunktur.<\/p>\n<p>Die Qualit\u00e4t der EZB-Bilanz bleibt im gro\u00dfen Ganzen erhalten \u2013 auf der Aktivseite sind ja Forderungen gegen die 18 Mitgliedsl\u00e4nder hinzugekommen, proportional zur Gr\u00f6\u00dfe ihrer Bev\u00f6lkerung. Damit geht der Anteil der Forderungen gegen\u00fcber Banken zur\u00fcck. Selbst schlechte staatliche Schuldner wie Griechenland oder Portugal haben immerhin das Privileg, ihre Verbindlichkeiten durch h\u00f6here Steuern zu begleichen; Banken haben das nicht.<\/p>\n<p>Wenn die Inflation eines Tages aus dem Ruder zu laufen droht, muss sich die EZB daran machen, Liquidit\u00e4t durch geringere Zuteilungen bei den Refinanzierungsgesch\u00e4ften, Verk\u00e4ufe von Bonds und h\u00f6here Mindestreserven abzusch\u00f6pfen. Zentralbanken wissen genau, was im Kampf gegen die Inflation zu tun ist.<\/p>\n<p>Sie wissen dagegen nicht so recht, was die angemessene Strategie ist, wenn Deflation droht \u2013 Gelddrucken ist vermutlich neben niedrigen Leitzinsen die wichtigste Option. Zuletzt ist es bei der EZB leider in die entgegengesetzte Richtung gegangen. Ihre Bilanz ist stark geschrumpft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Monatlich 500 Euro f\u00fcr jeden in der W\u00e4hrungsunion, bis Konsum, Besch\u00e4ftigung, BIP-Wachstum und Inflation wieder anspringen! Wie w\u00e4re es? Die Bilanz des Euro-Systems schrumpft seit zwei Jahren und die Leitzinsen von nunmehr nur noch 0,15 Prozent haben bislang nichts daran \u00e4ndern k\u00f6nnen, dass die Haushalte keine neuen Schulden machen wollen. 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