{"id":8271,"date":"2015-04-08T18:06:43","date_gmt":"2015-04-08T16:06:43","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=8271"},"modified":"2019-02-14T17:36:17","modified_gmt":"2019-02-14T16:36:17","slug":"passiert-wenn-der-oelpreis-dauerhaft-niedrig-bleibt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2015\/04\/08\/passiert-wenn-der-oelpreis-dauerhaft-niedrig-bleibt_8271","title":{"rendered":"Was passiert, wenn der \u00d6lpreis dauerhaft niedrig bleibt"},"content":{"rendered":"<p>In den vergangenen Monaten sind die Prognosen f\u00fcr den \u00d6lpreis deutlich nach unten revidiert worden. Davon, dass er nur steigen kann, weil die Welt in der N\u00e4he von <em>peak oil<\/em> sei (also an ihrer physischen Grenze), ist nicht mehr die Rede. Vor allem Revolutionen auf der Produktionsseite \u2013 Fracking, Ausbeutung von \u00d6ls\u00e4nden, horizontale und Tiefseebohrungen \u2013 haben das bewirkt. Aber auch auf der Nachfrageseite hat sich viel getan: Die Energieeffizienz beim Heizen von Geb\u00e4uden und im Verkehr nimmt rasant zu, alternative Energien spielen eine zunehmend wichtige Rolle. Der Druck auf die Politik steigt, das Verbrennen von klimasch\u00e4dlichen fossilen Brennstoffen zu reduzieren. Hinzu kommt, dass die Zuwachsrate des globalen BIP nicht mehr so hoch ist wie vor der gro\u00dfen Rezession, vor allem weil China auf einen niedrigeren Expansionspfad eingeschwenkt ist und weil in den kapitalreichen und alternden L\u00e4ndern der OECD nur noch moderate Wachstumsraten erzielt werden. Die Annahme, dass der \u00d6lpreis niedrig bleiben wird, ist daher ziemlich gut zu begr\u00fcnden. Die Folgen f\u00fcr uns und die Welt sind tiefgreifend, aber das ist im \u00f6ffentlichen Bewusstsein noch nicht angekommen.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Wir reden hier \u00fcber richtig gro\u00dfe Zahlen: Wenn sich die \u00d6lpreise beim heutigen Niveau stabilisieren sollten, vermindern sich die Ausgaben der Konsumenten gegen\u00fcber den zw\u00f6lf Monaten bis Juni 2014 von 3.500 auf j\u00e4hrlich 1.900 Milliarden Dollar, um etwa so viel wie die Einnahmen der \u00d6lproduzenten, wenn man mal annimmt, dass sich am Produktionsvolumen nichts \u00e4ndert. Um das ins rechte Licht zu r\u00fccken: Das BIP der Bundesrepublik d\u00fcrfte 2015 beim jetzigen Wechselkurs 3.270 Mrd. Dollar erreichen, das der gesamten Weltwirtschaft laut Internationalem W\u00e4hrungsfonds rund 81.500 Mrd. Dollar.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-8280\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2015\/04\/Bruttoeinnahmen_Oelproduktion_1980-2015_korr.gif\" alt=\"Grafik: Bruttoeinnahmen aus der \u00d6lproduktion, 1980-2015\" width=\"549\" height=\"325\" \/><\/p>\n<p>Da Erd\u00f6l nur eine Komponente im internationalen Energiemix ist, neben Gas, Kohle, Atomstrom und Erneuerbaren, deren Preise aber entscheidend beeinflusst, d\u00fcrften auch diese Energietr\u00e4ger dauerhaft billiger werden, sodass die gesamten Ausgaben (und Einnahmen) f\u00fcr Energie in Zukunft j\u00e4hrlich um mindestens 3.000 Mrd. Dollar niedriger sein werden als 2014.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-8273\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2015\/04\/Globaler_Energieverbrauch_1965-2013.gif\" alt=\"Grafik: Globaler Prim\u00e4renergieverbrauch, 1965-2013\" width=\"546\" height=\"310\" \/><\/p>\n<p>Die kurzfristigen Folgen dieses Preiseinbruchs liegen auf der Hand \u2013 sie sind erfreulich f\u00fcr die Verbraucher von Energie, deren Kaufkraft wegen des R\u00fcckgangs der Inflationsraten stark steigt, aber negativ f\u00fcr die produzierenden L\u00e4nder, in denen der Wegfall von Einnahmen die Endnachfrage d\u00e4mpft und, je nach der Bedeutung der Energieerzeugung f\u00fcr das Land, eine Rezession ausl\u00f6sen kann, so wie zurzeit in Russland oder Venezuela. In Deutschland und den \u00fcbrigen L\u00e4ndern der W\u00e4hrungsunion, die zu den gr\u00f6\u00dften Nettoimporteuren von Energie geh\u00f6ren, gehen f\u00fcr eine Weile die Inflationsraten zur\u00fcck, w\u00e4hrend die Konjunktur einen Schub bekommt. Zudem ist mit niedrigeren Arbeitslosenzahlen und geringeren staatlichen Haushaltsdefiziten zu rechnen.<\/p>\n<p>Die Energieproduzenten schenken den Energieverbrauchern gewisserma\u00dfen ein massives Konjunkturprogramm, das wegen der riesigen Outputl\u00fccken, der hohen Arbeitslosigkeit und der moderaten Lohnsteigerungen erfreulicherweise keine wirtschaftspolitischen Gegenma\u00dfnahmen erfordert. Weil die Inflation niedrig bleibt, sind weder h\u00f6here Zinsen noch eine restriktivere Finanzpolitik angebracht. Vermutlich m\u00fcssen die Wachstumsprognosen f\u00fcr die Nettoimporteure von Energie in den kommenden Monaten daher nach oben revidiert werden.<\/p>\n<p>L\u00e4ngerfristig sieht die Sache aber selbst in diesen L\u00e4ndern nicht nur positiv aus. Der Energieverbrauch d\u00fcrfte wieder kr\u00e4ftiger zunehmen, weil die Leute wieder mehr fahren und fliegen werden, von Bus und Bahn auf ihre Autos umsteigen, nicht mehr so auf die Heizkosten achten, fotovoltaische Anlagen auf ihren D\u00e4chern finanziell nicht mehr so attraktiv finden, und so weiter. F\u00fcr die Umwelt sind das schlechte Aussichten, ebenso wie f\u00fcr die &#8222;gr\u00fcne&#8220; Industrie, die sich bisher darauf verlassen hatte, dass fossile Energie teuer bleiben w\u00fcrde. Der Strukturwandel geht in die andere Richtung.<\/p>\n<p>Um zu verhindern, dass es hier zu Investitionsruinen kommt, sollte der Staat die Steuern auf den Energieverbrauch so erh\u00f6hen, dass die Preise f\u00fcr die Konsumenten nicht niedriger sind als vor dem Einbruch der \u00d6lpreise. Im Gegenzug k\u00f6nnte die Mehrwertsteuer kr\u00e4ftig gesenkt werden, sodass die staatlichen Einnahmen per Saldo gleich blieben. Von einer solchen aufkommensneutralen Strategie ist leider noch nichts zu erkennen: Die Politiker erwarten bisher noch nicht, dass das \u00dcberangebot an Energie \u2013 und damit die niedrigen Preise \u2013 von Dauer sein werden. Selbst die Marktteilnehmer gehen davon aus, dass sich Erd\u00f6l eher verteuern als verbilligen wird: Sie erwarten, dass der Preis innerhalb der n\u00e4chsten zw\u00f6lf Monate um etwa zehn Prozent steigen wird (gemessen an den aktuellen Terminkontrakten).<\/p>\n<p>Bei vielen Produzenten fossiler Brennstoffe sind Investitionsruinen allerdings so sicher wie das Amen in der Kirche. Wer gedacht hatte, dass der \u00d6lpreis nicht nur nie mehr unter 90 oder 100 Dollar fallen, sondern tendenziell immer weiter steigen w\u00fcrde und daraufhin F\u00f6rderkapazit\u00e4ten aufgebaut hatte, bei denen die (Grenz-)Kosten der Produktion in dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung liegen, wird nicht umhin kommen, diese Anlagen abzuschreiben. Im vergangenen Jahrzehnt betrugen nach Angaben von Merrill Lynch die Ausgaben der \u00d6lindustrie f\u00fcr Kapazit\u00e4ten zur F\u00f6rderung und Verarbeitung und zum Transport von Erd\u00f6l nicht weniger als rund 700 Mrd. Dollar j\u00e4hrlich. Ein gewaltiger Kapitalstock wurde geschaffen, der beim neuen Preisniveau des \u00d6ls wirtschaftlich nichts mehr bringt.<\/p>\n<p>Abschreibungsbedarf besteht auch f\u00fcr alle bilanzierten Erd\u00f6lreserven in Lagerst\u00e4tten, die sich nur mit gro\u00dfem Kostenaufwand ausbeuten lassen. Die <em>Carbon Bubble<\/em>, die sich in den vergangenen Jahrzehnten gebildet hatte, platzt gerade. Dass es noch nicht zu gr\u00f6\u00dferen Konkursen und einer globalen Rezession gekommen ist, ist vermutlich der Tatsache zu verdanken, dass die \u00d6lfirmen wegen ihres lange Zeit sehr \u00fcppigen <em>Cash Flows<\/em> nur relativ gering verschuldet sind. Ein Platzen von Blasen ist nur dann gef\u00e4hrlich, wenn die Kurse zuvor durch einen Verschuldungsboom in die H\u00f6he getrieben wurden. Wir stehen aber, wie die <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/2015-04\/shell-bg-group-gas-uebernahme\" target=\"_blank\">\u00dcbernahme der Gasfirma BG Group durch Shell<\/a> f\u00fcr nicht weniger als 70 Mrd. Dollar zeigt, vor einer gigantischen Fusionswelle in der Energieindustrie. Die Aktienkurse der F\u00f6rderer und Verarbeiter von Energie sind seit fast einem Jahr stark unter Druck, ebenso wie Tesla, der kalifornische Hersteller von Elektroautos. Andererseits z\u00e4hlen traditionelle Autohersteller (VW, Renault) zu den Gewinnern, ebenso wie die Chemieindustrie, die billiger an ihren wichtigsten Rohstoff kommt. Die neuen \u00d6lpreise ver\u00e4ndern auf Dauer die Bewertung von Unternehmen, also ihre relative Marktkapitalisierung.<\/p>\n<p>So wie eine h\u00f6here Mehrwertsteuer einen regressiven Effekt auf die Kaufkraft der \u00e4rmeren Leute hat, sie also benachteiligt gegen\u00fcber den Reichen, die nur einen geringen Teil ihres Einkommens f\u00fcr den Konsum ben\u00f6tigen, so hat ein Preisr\u00fcckgang bei einem wichtigen Gut des t\u00e4glichen Bedarfs wie dem Erd\u00f6l und seinen Substituten einen progressiven Effekt. Die Unterschiede in der Kaufkraft der Haushalte ebnen sich tendenziell ein.<\/p>\n<p>Tendenziell wird es bei den Energieimporteuren zudem zu geringeren Defiziten beziehungsweise gr\u00f6\u00dferen \u00dcbersch\u00fcssen in ihren Handelsbilanzen kommen, wodurch sich die Gleichgewichtswechselkurse auf einem h\u00f6heren Niveau einpendeln werden \u2013 wenn es so etwas wie Gleichgewichtswechselkurse \u00fcberhaupt gibt. Es geht nat\u00fcrlich nur um die Wechselkurse gegen\u00fcber den W\u00e4hrungen der \u00d6lexportl\u00e4nder.<\/p>\n<p>F\u00fcr Deutschland und \u00e4hnlich strukturierte L\u00e4nder verringert sich der Anteil Energieimporte an den Gesamtimporten. Hierzulande lag er 2014 nach Angaben der Bundesbank bei 12,9 Prozent \u2013 ich sch\u00e4tze, dass er in diesem Jahr auf acht oder neun Prozent sinken wird, was allerdings nicht hei\u00dft, dass sich die realwirtschaftliche Abh\u00e4ngigkeit von diesen Einfuhren vermindert h\u00e4tte. Energie bleibt ein zentrales Element der gesamtwirtschaftlichen Produktionsfunktion.<\/p>\n<p>Die \u00d6lexporteure sind die Hauptleidtragenden der niedrigeren \u00d6lpreise. Das, was die \u00d6limporteure gewinnen, n\u00e4mlich j\u00e4hrlich Tausende Milliarden Dollar, verlieren die Exporteure an Einnahmen und Lebensstandard. Vielfach trifft es keine Armen so wie die arabischen L\u00e4nder am Persischen Golf, aber f\u00fcr \u00e4rmere L\u00e4nder wie Indonesien, Algerien, Nigeria, Iran, Irak, Russland, Mexiko oder Brasilien sind harte Zeiten angebrochen: Die Inflation steigt, die W\u00e4hrungen werten ab, die Auslandsschulden lassen sich nur mit M\u00fche bedienen.<\/p>\n<p>Es wird diesen L\u00e4ndern gerade drastisch vor Augen gef\u00fchrt, dass sie sich unbedingt aus ihrer Abh\u00e4ngigkeit vom Auf und Ab der \u00d6lpreise emanzipieren m\u00fcssen. Ihre Wirtschaft muss auf eine breitere Basis gestellt werden, ebenso wie die staatlichen Einnahmen, die Infrastruktur und die Qualifikation ihrer heutigen und k\u00fcnftigen Erwerbst\u00e4tigen deutlich verbessert werden m\u00fcssen, und sie m\u00fcssen alles tun, damit es zu gr\u00f6\u00dferen Kapitalimporten kommt \u2013 diese gehen meist einher mit Technologieimporten. Wenn die Politiker dieser L\u00e4nder das auch so sehen und entsprechend reagieren, dann hat der Einbruch der \u00d6lpreise am Ende auch f\u00fcr sie Gutes bewirkt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den vergangenen Monaten sind die Prognosen f\u00fcr den \u00d6lpreis deutlich nach unten revidiert worden. Davon, dass er nur steigen kann, weil die Welt in der N\u00e4he von peak oil sei (also an ihrer physischen Grenze), ist nicht mehr die Rede. 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