{"id":833,"date":"2009-05-26T14:33:46","date_gmt":"2009-05-26T12:33:46","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=833"},"modified":"2009-05-26T14:33:46","modified_gmt":"2009-05-26T12:33:46","slug":"einbruch-der-gewinne-konsum-halt-sich-noch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2009\/05\/26\/einbruch-der-gewinne-konsum-halt-sich-noch_833","title":{"rendered":"Einbruch der Gewinne, Konsum h\u00e4lt sich noch"},"content":{"rendered":"<p>Heute morgen gab es die <a href=\"http:\/\/www.destatis.de\/jetspeed\/portal\/cms\/Sites\/destatis\/Internet\/DE\/Presse\/pm\/2009\/05\/PD09__197__811,templateId=renderPrint.psml\" target=\"_blank\">detaillierten saisonbereinigten Zahlen zum deutschen Bruttoinlandsprodukt<\/a> im ersten Quartal. An der urspr\u00fcnglich ver\u00f6ffentlichten Gesamtzahl hat sich nichts ge\u00e4ndert: Gegen\u00fcber Q4 ist das reale BIP um 3,8% gesunken, also auf ein Jahr hochgerechnet mit einer Rate von 14,4%, und lag damit um 6,9% unter dem Vorjahreswert. Spannender, weil neu, ist der Blick auf die Komponenten. Vor allem der Einbruch der Gewinne und der gewaltige Anstieg der Lohnst\u00fcckkosten lassen bef\u00fcrchten, dass die Probleme am deutschen Arbeitsmarkt gerade erst begonnen haben. Ein Gl\u00fcck, dass dieses Jahr gew\u00e4hlt wird und die Politiker alles tun werden, damit es hier zu keiner Katastrophe kommt. Auch wenn manche der Ma\u00dfnahmen nicht sinnvoll sind, oder sogar kontraproduktiv, ist die pragmatische anti-zyklische Politik trotzdem das Gebot der Stunde.<!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2009\/05\/bip_09q1.gif\" alt=\"BIP - Deutschland - 09Q1\" title=\"BIP - Deutschland - 09Q1\" \/><\/p>\n<p>Hier einige Highlights aus dem heutigen BIP-Bericht:<\/p>\n<p>1. Der BIP-Deflator, das breiteste Inflationsma\u00df, ist gegen\u00fcber dem Vorquartal unver\u00e4ndert geblieben, \u00fcbertrifft den Vorjahresstand aber immer noch um 1,7%. Wenn die Einfuhrpreise sinken, so wie das seit August letzten Jahres der Fall ist, erh\u00f6ht das vor\u00fcbergehend den BIP-Deflator, weil die Einfuhren in der Formel Y = C + I +X &#8211; M ein negatives Vorzeichen haben und Minus mal Minus bekanntlich Plus ergibt. Die r\u00fcckl\u00e4ufigen Einfuhrpreise sickern im Verlauf der Zeit in die \u00fcbrige Wirtschaft ein und dr\u00fccken dann die Inflationsraten bei den anderen BIP-Komponenten und damit auch den Deflator. <a href=\"http:\/\/www.destatis.de\/jetspeed\/portal\/cms\/Sites\/destatis\/Internet\/DE\/Presse\/pm\/2009\/05\/PD09__198__614,templateId=renderPrint.psml\" target=\"_blank\">Heute fr\u00fch wurde \u00fcbrigens auch der Preisindex der Einfuhr f\u00fcr April ver\u00f6ffentlicht<\/a>: Er sinkt seit August 2008 mit einer Rate von 15,1% (April gegen Juli, auf ein Jahr hochgerechnet); selbst die Verdopplung der \u00d6lpreise seit letztem Dezember hat daran nichts \u00e4ndern k\u00f6nnen. Wir sind auf dem Weg in die Deflation.<\/p>\n<p>2. Auf der Kostenseite tut sich Dramatisches. Da das Arbeitnehmerentgelt je Stunde auch in den ersten drei Monaten weiter gestiegen ist (4,2% ggVj, 1,4% ggVq) &#8211; L\u00f6hne sind im Konjunkturzyklus ein nachlaufender Indikator -, der Output pro Stunde aber sank (-3,9% ggVj, &#8211; 1,7% ggVq), sind die gesamtwirtschaftlichen Lohnst\u00fcckkosten geradezu explodiert (+8,4% ggVj, +3,2% ggVq). Ganz extrem war es im Produzierenden Gewerbe (ohne Bau), wo sie um 23,4% \u00fcber ihrem Vorjahreswert lagen. Die preisliche Wettbewerbsf\u00e4higkeit der deutschen Wirtschaft hat sich so stark verschlechtert wie nie zuvor. Angesichts des festen Euro k\u00f6nnte es f\u00fcr eine Weile in dieser Richtung noch weitergehen.<\/p>\n<p>3. Bei solchen Zahlen verwundert es nicht, dass die Gewinne einbrechen. W\u00e4hrend das augregierte Arbeitnehmerentgelt trotz des kr\u00e4ftigen Anstiegs der Arbeitslosenzahlen in den letzten Monaten noch um 0,8% h\u00f6her war als vor Jahresfrist, gab es bei den Unternehmens- und Verm\u00f6genseinkommen einen R\u00fcckgang von 22,1%. Dadurch haben letztere nur noch einen Anteil von 30,3% am Volkseinkommen, nach dem Rekordwert von 36,0%, der vor einem Jahr erreicht wurde. Aus konjunkturellen Gr\u00fcnden verschiebt sich die sogenannte funktionelle Einkommensverteilung stark zugunsten der L\u00f6hne und Geh\u00e4lter &#8211; die aber ebenfalls sinken, wenn auch nicht so stark.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2009\/05\/funktionale_einkommensverteilung_09q1.gif\" alt=\"Funktionale Einkommensverteilung - Deutschland\" title=\"Funktionale Einkommensverteilung - Deutschland\" \/><\/p>\n<p>4. Eine stabilisierende Kraft war im ersten Quartal der private Konsum, etwas f\u00fcr Deutschland bislang Ungewohntes. W\u00e4hrend das reale BIP, wie erw\u00e4hnt, im Vergleich zum Vorquartal um 3,8% zur\u00fcckging, legte der Verbrauch um 0,5% zu. Daf\u00fcr gibt es einige offensichtliche Gr\u00fcnde und vermutlich auch einige weniger offensichtliche: Die sogenannten Masseneinkommen waren stabil, nicht zuletzt wegen des starken Anstiegs der Sozialleistungen, das Preisniveau der Verbraucherpreise lag um 0,1% unter dem des vierten Quartals, und es gab die Abwrackpr\u00e4mie f\u00fcr alte Autos, die \u00fcberraschend stark in Anspruch genommen wurde. Da Autos so teuer sind, die Versuchung, ein neues zu kaufen, wegen der Pr\u00e4mie aber fast unwiderstehlich war, haben die Haushalte erstmals seit langer Zeit ihre Ersparnisse vermindert, wenn auch moderat. Die Sparquote ist nach wie vor so hoch (11,7%), dass es noch viel Spielraum beim Konsum gibt &#8211; wenn die Verbraucher mitspielen w\u00fcrden, k\u00f6nnten sie der Konjunktur demn\u00e4chst wieder auf die Beine helfen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2009\/05\/privkons_09q1.gif\" alt=\"Privater Konsum - Deutschland - 09Q1\" title=\"Privater Konsum - Deutschland - 09Q1\"  \/><\/p>\n<p>5. Von den Lohnst\u00fcckkosten und den jetzigen und erwarteten Gewinnen her werden am Arbeitsmarkt aber erst mal schlechte Nachrichten \u00fcberwiegen. Die Besch\u00e4ftigung hat sich, anders als etwa in den USA, trotz des Konjunktureinbruchs erstaunlich gut gehalten &#8211; sie war von September 2008, dem zyklischen H\u00f6hepunkt, bis M\u00e4rz mit einer Verlaufsrate von lediglich 0,8% gesunken, und die Arbeitslosenquote ist in dieser Zeit von 7,6% auf 8,3% gestiegen. Angeblich ist der deutsche Arbeitsmarkt im vergangenen Jahrzehnt super-flexibel geworden &#8211; an diesen Zahlen l\u00e4sst sich das jedenfalls nicht ablesen. Wenn das reale BIP um fast 7% niedriger ist als im Vorjahr und das trendm\u00e4\u00dfige Produktivit\u00e4tswachstum 1% betr\u00e4gt, passt dazu ein R\u00fcckgang der Besch\u00e4ftigung um 8% oder 3,2 Millionen. Dass es dazu bisher nicht gekommen ist, hat wohl mit den deutlich gro\u00dfz\u00fcgigeren Kurzarbeiterregeln, sowie vielleicht mit der Erwartung der Unternehmen zu tun, dass der Spuk bald vorbei sein wird. Es fragt sich, wie lange die D\u00e4mme noch halten.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2009\/05\/erwerbstaetige_und_arbeitslose_0904.gif\" alt=\"Arbeitsmarkt - April 2009\" title=\"Arbeitsmarkt - April 2009\" \/><\/p>\n<p>6. Sorge macht vor allem die au\u00dfenwirtschaftliche Situation: Der Welthandel geht laut IWF in diesem Jahr real so stark zu zur\u00fcck wie seit Menschengedenken nicht mehr. Die Einfuhren der reichen L\u00e4nder d\u00fcrften 2009 real um 12,7% unter ihrem Vorjahresdurchschnitt liegen, die der Schwellenl\u00e4nder und Entwicklungsl\u00e4nder um 8,7% (<a href=\"http:\/\/www.imf.org\/external\/pubs\/ft\/weo\/2009\/01\/pdf\/tables.pdf\" target=\"_blank\">WEO, S. 205<\/a>). Und Deutschland verliert nicht nur durch die j\u00fcngste Aufwertung des Euro an Boden, sondern auch durch die Explosion der Lohnst\u00fcckkosten. Es w\u00e4re naiv, auf eine Wende im Au\u00dfenhandel zu setzen. Im ersten Quartal sind die Exporte im Vergleich zum vierten Quartal um 9,7% gesunken, die Importe um 5,4%, woraus sich f\u00fcr den Au\u00dfenbeitrag ein negativer Wachstumsbeitrag von 2,2 Prozentpunkten zum BIP-R\u00fcckgang von 3,8% errechnet. Weil unsere Importe langsamer zur\u00fcckgehen als im Rest der Welt, ist Deutschland f\u00fcr seine Handelspartner zu einer Art Konjunkturlokomotive geworden. Eine ganz neue Rolle!<\/p>\n<p>7. Ein weiterer negativer Wachstumsbeitrag, 0,5 Prozentpunkte, kam vom Abbau der Lagerbest\u00e4nde, und nicht weniger als 1,3 Prozentpunkte vom Einbruch der Ausr\u00fcstungsinvestitionen. Diese hatten gegen\u00fcber dem vierten Quartal 16,2% verloren, real wohlgemerkt. Der k\u00fcnftige Wohlstand h\u00e4ngt entscheidend von der Zunahme und der Verbesserung des Humankapitals und des Sachkapitals ab &#8211; da aber sieht es zur Zeit schwarz aus. Konjunkturprogramme sollten vor allem hier ansetzen, nicht bei den Milchbauern.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2009\/05\/investitionen_09q1.gif\" alt=\"Ausr\u00fcstungsinvestitionen - Deutschland - 09Q1\" title=\"Ausr\u00fcstungsinvestitionen - Deutschland - 09Q1\" \/><\/p>\n<p>Insgesamt haben wir es mit einem Horrorszenarium zu tun. Viel schlechter kann es aber kaum werden, so dass wir in der N\u00e4he des unteren Wendepunkts sein k\u00f6nnten. Darauf deuten auch die meisten Umfragen, die fast euphorischen Aktienm\u00e4rkte und die schwachen Rentenm\u00e4rkte hin. Es wird allerdings ein Kampf werden, denn noch sinken die Auftragseing\u00e4nge rascher als die Produktion, noch bleiben die Gewinne bei diesen Lohnst\u00fcckkosten unter Druck, und noch steht uns ein scharfer Anstieg der Arbeitslosigkeit bevor. Was, wenn der Euro zudem wieder auf 1,60 Dollar steigen sollte?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute morgen gab es die detaillierten saisonbereinigten Zahlen zum deutschen Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal. An der urspr\u00fcnglich ver\u00f6ffentlichten Gesamtzahl hat sich nichts ge\u00e4ndert: Gegen\u00fcber Q4 ist das reale BIP um 3,8% gesunken, also auf ein Jahr hochgerechnet mit einer Rate von 14,4%, und lag damit um 6,9% unter dem Vorjahreswert. 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