{"id":9033,"date":"2015-11-10T18:48:50","date_gmt":"2015-11-10T17:48:50","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=9033"},"modified":"2015-11-11T15:59:30","modified_gmt":"2015-11-11T14:59:30","slug":"wie-wissenschaftlich-ist-die-neoklassik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2015\/11\/10\/wie-wissenschaftlich-ist-die-neoklassik_9033","title":{"rendered":"Wie wissenschaftlich ist die Neoklassik?"},"content":{"rendered":"<p>Vor einigen Wochen haben Vertreter des Netzwerks Plurale \u00d6konomik im <em>FAZIT<\/em>, dem Wirtschaftsblog der <em>FAZ<\/em>, einen <a href=\"http:\/\/blogs.faz.net\/fazit\/2015\/10\/08\/raus-aus-der-komfort-zone-6633\/\" target=\"_blank\">Beitrag \u00fcber den nicht stattfindenden Dialog<\/a> zwischen &#8222;Mainstream&#8220;-Wirtschaftswissenschaft und anderen \u00f6komischen Denkschulen geschrieben. Den wiederum hat der Nachwuchsbeauftragte des \u00d6konomen-Verbands &#8222;Verein f\u00fcr Socialpolitik&#8220;, R\u00fcdiger Bachmann, heftig kritisiert. <a href=\"https:\/\/www.socialpolitik.de\/De\/die-pluralen-auf-fazit\" target=\"_blank\">Bachmann meint<\/a>, den Pluralen gehe es eigentlich gar nicht um die Sache, sondern um Ideologie; vor allem w\u00fcrden sie gar nicht richtig verstehen, was die Neoklassik eigentlich sagt. Und \u00fcberhaupt wundere es ihn, dass vor allem Vertreter anderer Disziplinen wie der Politikwissenschaft, der Wirtschaftsgeographie oder der Betriebswirtschaftslehre st\u00e4ndig an der \u00d6konomik m\u00e4kelten.<\/p>\n<p>Man kann viel \u00fcber den Beitrag der Pluralen und vielleicht noch mehr \u00fcber Bachmanns Beitrag sagen, vor allem dar\u00fcber, ob es im Streit zwischen Pluralen und &#8222;Mainstream&#8220; um Ideologie oder um Wissenschaft geht. Hier m\u00f6chte ich aber versuchen, die Kritik an der Neoklassik \u2013 einem wichtigen Teil des &#8222;Mainstreams&#8220; \u2013 an der Frage aufzuziehen, wie wissenschaftlich die Neoklassik eigentlich ist. Denn der Kern der Kritik Bachmanns an anderen Disziplinen ist, dass die Neoklassik wissenschaftlich und nicht ideologisch sei.<!--more--> (<em>Vorsicht, der folgende Text ist etwas l\u00e4nger geraten \u2013 nehmen Sie sich Zeit.<\/em>)<\/p>\n<p>Die Frage nach der Wissenschaftlichkeit der Neoklassik hat sich j\u00fcngst der \u00f6sterreichische \u00d6konom und Philosoph Jakob Kapeller gestellt. In seinem Buch &#8222;<a href=\"http:\/\/www.peterlang.com\/download\/datasheet\/62793\/datasheet_262061.pdf\" target=\"_blank\">Modell-Platonismus in der \u00d6konomie<\/a>&#8220; kommt er wie schon <a title=\"Hans Albert (1963\/2012): Model Platonism: Neoclassical economic thought in critical light\" href=\"https:\/\/www.coll.mpg.de\/sites\/www.coll.mpg.de\/files\/biblio\/Albert%201963.pdf\" target=\"_blank\">Hans Albert in den 1960er Jahren<\/a>, der den Begriff &#8222;<a title=\"Jakob Kapeller (2013): 'Model-Plantonism' in economics: on a classical epistomological critique\" href=\"http:\/\/jakob-kapeller.org\/images\/pubs\/2013-Kapeller-JOIE.pdf\" target=\"_blank\">Modell-Platonismus<\/a>&#8220; gepr\u00e4gt hat, zu dem Schluss, dass die neoklassische \u00d6konomik Schwierigkeiten hat, \u00fcberhaupt grundlegenden wissenschaftlichen Anspr\u00fcchen zu gen\u00fcgen. Aufbauend auf Hans Albert verwendet Kapeller dabei als Ma\u00dfstab den Wissenschaftsbegriff des Kritischen Rationalismus, der auf den \u00f6sterreichischen Philosophen Karl Popper zur\u00fcckgeht.<\/p>\n<p><strong>Formuliere deine Theorien so, dass man sie kritisieren kann<\/strong><\/p>\n<p>Laut Kritischem Rationalismus sind Theorien mit hoher Wahrscheinlichkeit niemals richtig. Sie k\u00f6nnen aber so lange gelten, wie sie nicht durch die Konfrontation mit der Realit\u00e4t widerlegt, also &#8222;falsifiziert&#8220; werden. Laut dem Kritischen Rationalismus haben Wissenschaftler die Pflicht, ihre Theorien so zu formulieren, dass diese sich kritisch testen lassen, das hei\u00dft, dass sie prinzipiell (empirisch) widerlegt werden k\u00f6nnen. Je nachdem wie sich eine Theorie im Test bew\u00e4hrt, kann sie dann verbessert oder ganz verworfen werden.<\/p>\n<p>Werden Theorien aber empirisch gar nicht getestet \u2013 sei es, weil sich niemand findet, der sie testen m\u00f6chte, oder weil sie so formuliert sind, dass eine konzise \u00dcberpr\u00fcfung technisch nicht m\u00f6glich erscheint \u2013, ist auch nicht festzustellen, ob eine Theorie \u00fcberhaupt sinnvolle Aussagen \u00fcber die Realit\u00e4t macht. Der Kern von Alberts und Kapellers Kritik ist nun gerade, dass sich die neoklassische Theorie in vielen F\u00e4llen auf unterschiedliche Weise gegen Tests immun macht und sich so einer &#8222;kritische Pr\u00fcfung&#8220; entzieht.<\/p>\n<p>Nun wird jeder moderne \u00d6konom vollkommen zu Recht einwerfen, dass gerade in der \u00d6konomie Daten, Experimente und komplexe statistische Verfahren eine gro\u00dfe Rolle spielen und Theorien daher dauernd mit der Realit\u00e4t konfrontiert werden. Das trifft zwar zu, aber Kapeller zeigt, dass die neoklassischen Theoriebausteine logisch oft so unklar aufgestellt sind, dass sich sogar im Fall relativ eindeutiger empirischer Widerlegungen spezifischer Aussagen Mittel und Wege finden lassen, die neoklassische Theorie insgesamt unangreifbar zu machen. Der zentrale Trick ist dabei, die Theorien so zu formulieren, dass sich immer behaupten l\u00e4sst, dass ein spezifischer Test der Theorie \u2013 aufgrund bestimmter Umst\u00e4nde (auf die ich weiter unten zu sprechen komme) \u2013 gar nicht als Falsifizierung der Theorie gelten kann.<\/p>\n<p>F\u00fcr seine Kritik greift Kapeller auf die Prinzipien der Logik zur\u00fcck. Jede Theorie ist so aufgebaut, dass sie verschiedene Axiome, Pr\u00e4missen oder Annahmen enth\u00e4lt, aus denen sich dann Schlussfolgerungen (so genannte &#8222;Theoreme&#8220;) ableiten lassen. Im Fall der \u00d6konomie k\u00f6nnen dabei sowohl die abgeleiteten Folgerungen als auch ein Gutteil der Axiome an der Realit\u00e4t getestet werden \u2013 dies geschieht allerdings oft nur inkonsequent. Warum das so ist, kann anhand eines sehr einfachen Beispiels mit zwei Annahmen und einer Folgerung gezeigt werden:<\/p>\n<p>Annahme 1 sei: &#8222;Wenn es Sommer wird, steigt die durchschnittliche Temperatur.&#8220; <\/p>\n<p>Annahme 2 sei: &#8222;Wenn die durchschnittliche Temperatur steigt, bekommen Kinder von ihren Eltern mehr Speiseeis.&#8220; <\/p>\n<p>Aus diesen beiden Axiomen kann man jetzt das folgende Theorem ableiten: &#8222;Wenn es Sommer wird, bekommen Kinder von ihren Eltern mehr Speiseeis.&#8220; <\/p>\n<p>Der Theoretiker kann dann \u00fcberpr\u00fcfen, ob Kinder im Sommer tats\u00e4chlich mehr Speiseeis bekommen oder nicht. Wenn nicht, ist die Theorie (vorerst) falsifiziert. Dann muss der Theoretiker wieder zu seinen Annahmen zur\u00fcckgehen, einige ersetzen oder neue hinzuf\u00fcgen, daraus neue Theoreme ableiten und diese dann wieder testen. Das sollte der Weg der Wissenschaft sein.<\/p>\n<p><strong>Annahmen d\u00fcrfen nicht falsch sein!<\/strong><\/p>\n<p>Mit diesem einfachen Beispiel k\u00f6nnen wir schon eine erste Schwierigkeit einer Theorie betrachten: Ein Theorem ist immer dann wahr, wenn seine Axiome wahr sind (und die Ableitung des Theorems aus den Axiomen korrekt durchgef\u00fchrt wurde). Wenn unsere beiden Axiome \u00fcber die Temperatur im Sommer und die Verbindung von Temperatur und Speiseeis wahr sind, so muss auch das Theorem wahr sein.<\/p>\n<p>Umgekehrt geht es aber nicht: Wenn das Theorem getestet, aber nicht verworfen wird \u2013 Eltern ihren Kindern also tats\u00e4chlich vermehrt Eis im Sommer kaufen \u2013, k\u00f6nnen wir noch lange nichts \u00fcber den Wahrheitsgehalt der Axiome sagen. Denn es ist auch durchaus m\u00f6glich, aus falschen Pr\u00e4missen wahre Folgerungen abzuleiten. Um etwa das gleiche Theorem wie in obigem Beispiel zu erhalten, k\u00f6nnte man auch die folgenden beiden Axiome verwenden:<\/p>\n<p>A<sub>1<\/sub>: &#8222;Wenn es Sommer wird, unterziehen sich Kinder einer Mandeloperation.&#8220; <\/p>\n<p>A<sub>2<\/sub>: &#8222;Wenn sich Kinder einer Mandeloperation unterziehen, bekommen sie von ihren Eltern mehr Speiseeis.&#8220; <\/p>\n<p>Das aus diesen Axiomen abgeleitete Theorem bleibt das gleiche: &#8222;Wenn es Sommer wird, bekommen Kinder von ihren Eltern mehr Speiseeis.&#8220; Wenn es dann getestet wird und sich in der Realit\u00e4t bew\u00e4hrt, hei\u00dft das also noch lange nicht, dass die Axiome \u2013 und damit die Theorie, die aus den Axiomen besteht \u2013 stimmen. Nicht ohne Grund gilt daher in der Wissenschaftsphilosophie der Grundsatz, dass der Test eines einzelnen Axioms einer Theorie mindestens genauso wertvoll (oder sogar wertvoller) ist wie der Test einzelner Theoreme.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich k\u00f6nnen also alle Axiome einer Theorie falsch sein \u2013 und trotzdem kann man aus falschen Axiomen richtige Theoreme ableiten. Das ergibt sich entweder aus einem gl\u00fccklichen Zufall oder dadurch, dass man Axiome gerade so ausw\u00e4hlt, dass Sie zu bestimmten f\u00fcr besonders plausibel und stabil gehaltenen Theoremen f\u00fchren \u2013 ganz unabh\u00e4ngig davon, wie es um die Plausibilit\u00e4t der Axiome bestellt ist.<\/p>\n<p>So ein Vorgehen f\u00fchrt aber direkt in die theoretische Willk\u00fcr. Denn im Prinzip kann man unendlich viele Axiome und Kombinationen von Axiomen aufstellen und daraus gerade solche Theoreme ableiten, von denen man wei\u00df, dass sie nicht verworfen werden. Wei\u00df ein Wissenschaftler also schon von Anfang an, dass Kinder im Sommer viel Speiseeis bekommen, kann er immer eine Theorie mit absurden Axiomen bauen, die dieses Ereignis &#8222;erkl\u00e4ren&#8220;. Dann kann man sich aber nicht mehr den Sachverhalt zunutze machen, dass eine theoretische Ableitung richtig ist, wenn die Axiome richtig sind \u2013 denn \u00fcber die Richtigkeit der Axiome macht man sich ja gar keine Gedanken mehr. <\/p>\n<p>Die \u00d6konomik hat sich nun ganz explizit daf\u00fcr entschieden, dass sie es mit dem Realit\u00e4tsgehalt ihrer Axiome nicht so genau nimmt. So schreibt Milton Friedman in einem einflussreichen <a title=\"Milton Friedman (1953\/1994): The Methodology of Positive Economics\" href=\"http:\/\/digamo.free.fr\/hausman82.pdf#page=76\" target=\"_blank\">Essay \u00fcber die Methode der Wirtschaftswissenschaften<\/a> ziemlich klar: &#8222;Truly important and significant hypotheses will be found to have &#8218;assumptions&#8216; that are wildly inaccurate descriptive representations of reality, and, in general, the more significant the theory, the more unrealistic the assumptions [\u2026].&#8220;<\/p>\n<p>Dass ein Theorem also richtig sein <em>kann<\/em>, obwohl seine Axiome falsch sind, ist bei Friedman kein Problem mehr, sondern gilt vielmehr als Tugend \u00f6konomischer Theorie. Echte Wissenschaftler werden allerdings alles daran setzen, dass ihre Axiome m\u00f6glichst wahr sind \u2013 weil sie aus der Logik wissen, dass die empirische Wahrheit ihrer Theoreme ansonsten auch im besten Fall nur Zufallsergebnisse sind.<\/p>\n<p><strong>Maximieren alle ihren Nutzen?<\/strong><\/p>\n<p>Was hat all das jetzt mit der Neoklassik zu tun? Ein erster Vorwurf an einen zentralen Teil der Neoklassik \u2013 der Nutzentheorie \u2013 ist, dass sie ihre Axiome einfach setzt und nicht testet (wir kommen gleich zu den neueren Entwicklungen in der Verhaltens\u00f6konomie). Die Nutzentheorie ist der Kernpunkt des &#8222;Homo Oeconomicus&#8220;. In ihr wird angenommen, dass Menschen im Kopf eine &#8222;Nutzenfunktion haben&#8220;, nach der sie allem, was ihnen im Leben begegnet, einen Nutzen zuordnen. <\/p>\n<p>In jedem Moment setzen sie dann ein rationales Optimierungskalk\u00fcl ein, mit dem sie verschiedene Alternativen gegeneinander abw\u00e4gen, um dann diejenige zu w\u00e4hlen, die ihnen insgesamt am meisten Nutzen bringt. Das wird dann auf den Konsum, politische Wahlen, die Liebe und alles M\u00f6gliche andere angewandt.<\/p>\n<p>Nun haben die Psychologie seit langem und die \u00d6konomie seit neuestem eigentlich alle Axiome, aus denen der rationale Nutzenmaximierer abgeleitet wird, empirisch verworfen. Menschen haben keine konstanten Pr\u00e4ferenzen \u2013 wie von der Neoklassik unterstellt \u2013, sondern diese \u00e4ndern sich von Situation zu Situation; Pr\u00e4ferenzen sind nicht eindeutig ordenbar (wenn man <em>x<\/em> besser als <em>y<\/em> findet und <em>y<\/em> besser als <em>z<\/em>, m\u00fcsste der Homo Oeconomicus <em>x<\/em> besser als <em>z<\/em> finden. Der normale Mensch h\u00e4lt sich im Durchschnitt aber nicht daran); Menschen optimieren kaum, sondern halten sich meistens an Daumenregeln; Menschen entscheiden nicht jeder f\u00fcr sich, sondern in Bezug auf andere etc.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, dass \u00fcber die Richtigkeit der aus der Nutzenmaximierung abgeleiteten Theoreme keine definitive Aussage getroffen werden kann. Sie k\u00f6nnen freilich richtig sein. Aber das w\u00e4re reiner Zufall, da sich der Gro\u00dfteil ihrer zentralen Annahmen als falsch erweist. Das hie\u00dfe, dass die Axiome der Theorie der Nutzenmaximierung eigentlich verworfen werden m\u00fcssten, um bessere \u2013 vielleicht mehr in der Psychologie oder der Soziologie verankerte \u2013Theorien zu benutzen.<\/p>\n<p>Jetzt werden viele \u00d6konomen \u2013 wieder zu Recht \u2013 einwerfen, dass ja mit dem Einzug der Verhaltens\u00f6konomie in den wirtschaftswissenschaftlichen Mainstream genau das stattfindet. Der Mensch wird realistischer, damit auch die Axiome und schlie\u00dflich die Theoreme. Aber die Art des Einzugs der Psychologie in die \u00d6konomie bereitet wiederum viele Schwierigkeiten. Denn an einem Axiom wird weiterhin festgehalten, am Axiom der Nutzenmaximierung.<\/p>\n<p>Jetzt schreiben die Forscher einfach passende Wahlm\u00f6glichkeiten in die Nutzenfunktion. Der Effekt ist folgender: Wenn ich Drogen in die Nutzenfunktion schreibe, ist der Drogenabh\u00e4ngige vollkommen rational in seiner Abh\u00e4ngigkeit; wenn ich Selbstmord in die Nutzenfunktion schreibe, ist der Suizid rational; wenn ich Hass in die Nutzenfunktion schreibe, ist Mord rational etc. Dieses Verfahren hat eine lange Tradition in der \u00d6konomie, es nennt sich das Verfahren der <em>revealed preferences<\/em>: Weil der \u00d6konom nicht in den Kopf der Menschen schauen kann (oder will), beobachtet er ihr Verhalten und nimmt einfach an, dieses sei auf eine Nutzenmaximierung \u00e0 la Neoklassik zur\u00fcckzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Auch \u00d6konomen, die Abweichungen von der urspr\u00fcnglichen Rationalit\u00e4t feststellen \u2013 <a title=\"Ernst Fehr u. Klaus Schmidt (2000): Theories of Fairness and Reciprocity \u2013 Evidence and Economic Applications\" href=\"http:\/\/www.econstor.eu\/bitstream\/10419\/75882\/1\/cesifo_wp403.pdf\" target=\"_blank\">wie etwa Ernst Fehr<\/a> \u2013 &#8222;erkl\u00e4ren&#8220; Abweichungen vom Homo Oeconomicus einfach damit, dass sie die neuen f\u00fcr die Neoklassik absonderlichen Verhaltensweisen in die Nutzenfunktion schreiben. Dabei wird allerdings kein Axiom der Theorie ver\u00e4ndert, sondern nur die bewusst gesetzte Leerstelle der Nutzentheorie \u2013 die Frage der Pr\u00e4ferenzstruktur \u2013 voll ausgenutzt, um die Flexibilit\u00e4t der Theorie zu maximieren.<\/p>\n<p>Das f\u00fchrt aber direkt in die Tautologie: Wenn jedes Verhalten durch eine Manipulation der Nutzenfunktion &#8222;erkl\u00e4rt&#8220; werden kann, ist der Informationsgehalt der Theorie gleich null. Die Theorie ist dann eine reine Tautologie, die sich einem Test ihrer Axiome entzieht und damit \u2013 vermeintlich \u2013 alles erkl\u00e4ren kann. Dass man pl\u00f6tzlich alles erkl\u00e4ren kann, hat dann laut Kapeller auch die T\u00fcren des &#8222;\u00f6konomischen Imperialismus&#8220; ge\u00f6ffnet, also der Anwendung der Nutzenmaximierung auf alle Lebensbereiche (<a title=\"Gary S. Becker (1992): The Economic Way of Looking at Life\"href=\"http:\/\/www.nobelprize.org\/nobel_prizes\/economic-sciences\/laureates\/1992\/becker-lecture.pdf\" target=\"_blank\">etwa durch Gary Becker<\/a>).<\/p>\n<p>Aber mit einer Tautologie kann man gar nichts erkl\u00e4ren. Das sieht man gleich, wenn man die logische Struktur der Nutzenmaximierungstheorie menschlichen Verhaltens mit einem Satz zusammengefasst: Man tut, was den Nutzen maximiert; was man also tut, maximiert den Nutzen. Dieser Satz ist mit strikt <em>allen<\/em> Beobachtungen zum Verhalten von Menschen vereinbar. Eine Theorie, die alles &#8222;erkl\u00e4rt&#8220;, erkl\u00e4rt gar nichts. Denn eine Theorie ist ja dazu da, dass man sie daf\u00fcr benutzt, bestimmte Ereignisse auszuschlie\u00dfen (etwa, ein Hammer, den ich auf der Erde fallen lasse, schwebt nicht zur Decke). <\/p>\n<p>Ein weiteres Problem diese Art der Theoriebildung ist, dass alternative Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze aus Psychologie, Soziologie oder Neurowissenschaft, die m\u00f6glicherweise die von \u00d6konomen beobachteten Ph\u00e4nomene besser erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, oft gar nicht erst herangezogen werden (obwohl sich das langsam aber zusehends \u00e4ndert). Wenn die neoklassische \u00d6konomie tautologisiert, immunisiert sie sich also nach zwei Seiten: Sie immunisiert sich gegen empirische Falsifikation und sie immunisiert sich gegen alternative Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze.<\/p>\n<p><strong>Wann gilt eine Theorie \u00fcberhaupt?<\/strong><\/p>\n<p>Aber es gibt auch noch eine dritte M\u00f6glichkeit der Immunisierung. Theoretiker k\u00f6nnen n\u00e4mlich das Publikum im Unklaren dar\u00fcber halten, wann eine Theorie \u00fcberhaupt anwendbar ist, also unter welchen Bedingungen eine empirische \u00dcberpr\u00fcfung \u00fcberhaupt als Falsifikation akzeptiert wird.<\/p>\n<p>Das l\u00e4sst sich mit einem Beispiel aus der Physik veranschaulichen, etwa dem Galileischen Fallgesetz. Mit diesem Gesetz kann man die Fallgeschwindigkeit eines Objektes prognostizieren, das auf die Erde fallen gelassen wird. Die tats\u00e4chlich gemessene Geschwindigkeit des Objektes und die Prognose der Geschwindigkeit werden dann im Gro\u00dfen und Ganzen \u00fcbereinstimmen. L\u00e4sst man das Objekt aber im Weltraum fallen, wird die Prognose falsch sein, denn dort schweben die Objekte herum und fallen nicht. Hei\u00dft das dann, dass das Fallgesetz durch das zweite Experiment falsifiziert ist \u2013 und damit auch gleich die Newtonsche Mechanik, auf der das Fallgesetz beruht?<\/p>\n<p>Nicht unbedingt. Es kommt darauf an, wie sich die Axiome der Theorie zueinander verhalten. Man kann n\u00e4mlich alle Annahmen (Axiome) in Gesetzeshypothesen und Hilfsannahmen unterscheiden. Die Gesetzeshypothesen machen die eigentliche Theorie aus, die Hilfsannahmen spezifizieren, unter welchen Bedingungen die Theorie anwendbar ist. Von dieser Unterscheidung h\u00e4ngt sehr viel ab: Das Galileische Fallgesetz l\u00e4sst sich etwa aus der Newtonschen Theorie nur dann ableiten, wenn eine Reihe spezieller Hilfsannahmen hinzugestellt werden.<\/p>\n<p>Beim Fallgesetz Galileos sind folgende Hilfsannahmen enthalten: das Objekt muss auf der Erde abgeworfen werden (nicht etwa auf dem Mars), darf keine zu gro\u00dfe Entfernung von der Erde aufweisen und ist nicht von anderen Kr\u00e4ften beeinflusst (der Luftwiderstand darf keine entscheidende Rolle spielen). Die eigentlichen Gesetzeshypothesen, die aus der Newtonschen Theorie abgeleitet werden, sind das zweite Bewegungsgesetz und das Gravitationsgesetz.<\/p>\n<p>Die Hilfshypothesen spezifizieren also, dass das Fallgesetz nur auf der Erde funktioniert, aber nicht im Weltraum, auf dem Mars oder anderswo. W\u00fcrde man das Gesetz woanders testen, kann ein Scheitern des Testes noch nicht als Scheitern der Theorie \u2013 sowohl des Galileischen Fallgesetzes oder der Newtonschon Mechanik \u2013 akzeptiert werden. Dort m\u00fcssten die Hilfshypothesen situationsspezifisch modifiziert werden, um etwas \u00fcber die Validit\u00e4t der Theorie aussagen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die <a title=\"Jakob Kapeller (2011): Was sind \u00f6konomische Modelle?\" href=\"http:\/\/jakob-kapeller.org\/images\/pubs\/2011-Kapeller-%C3%96konomische-Modelle.pdf#page=2\" target=\"_blank\">Unterscheidung zwischen Gesetzes- und Hilfshypothesen<\/a> ist also notwendig, um dar\u00fcber entscheiden zu k\u00f6nnen, auf welche Situation theoretische Aussagen \u00fcberhaupt anwendbar sind und wie dann Tests der Theorie zu interpretieren sind. F\u00fcr die rein formale Ableitung von Schlussfolgerungen aus Axiomen braucht man die Unterscheidung in Gesetzes- und Hilfshypothesen aber nicht. Ist man also gar nicht daran interessiert, ob und wann eine Theorie testbar ist, muss man zwischen diesen beiden Arten von Axiomen auch nicht unterscheiden.<\/p>\n<p>Kapeller kritisiert nun, dass sich die Neoklassik konsequent einer solchen Unterscheidung der Axiome in Gesetzes- und Hilfshypothesen verweigert, sich also verweigert, genau zu spezifizieren, unter welchen Bedingungen ihre Theorien eigentlich gelten und damit auch falsifiziert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ein Beispiel dazu ist das neoklassische Marktgleichgewicht bei vollst\u00e4ndiger Konkurrenz. Hier werden Firmen angenommen, die ihren Profit maximieren und Haushalte die \u2013 wie schon beschrieben \u2013 ihren Nutzen. Wenn sich nun unendlich viele dieser Firmen mit gleicher Technologie und unendlich viele Haushalte mit gleichen Pr\u00e4ferenzen auf dem Markt treffen, entsteht daraus \u2013 das ist das Theorem \u2013 ein Gleichgewicht. In diesem Gleichgewicht sind der Nutzen aller Haushalte und die Profite aller Firmen maximiert, k\u00f6nnen nicht mehr gesteigert werden und das Gleichgewicht ist damit ein gesellschaftliches Optimum. Nat\u00fcrlich gibt es auch noch andere Marktformen \u2013 Monopol, Oligopol etc., die in der Neoklassik entworfen werden. Bei diesen Marktformen gibt es aber wegen des Macht\u00fcbergewichts eines Akteurs kein soziales Optimum \u2013 das gibt es nur bei vollkommener Konkurrenz. Dass ein &#8222;soziales Optimum&#8220; nat\u00fcrlich etwas Anstrebenswertes ist, ergibt sich schon aus dem Wort.<\/p>\n<p>Jetzt ist die Frage, wie man die Theoreme des Marktgleichgewichtes testen kann. Dabei kommt es zentral auf die Unterscheidung zwischen Gesetzes- und Hilfshypothesen an. Nehmen wir als Beispiel das Axiom unendlich vieler Unternehmen und Haushalte auf einem Markt. W\u00fcrde man diese Axiome als Gesetzeshypothesen formulieren, w\u00e4ren sie sofort leicht zu falsifizieren, also falsch, denn sie treffen offensichtlich in keinem realen Markt zu. W\u00fcrde die Neoklassik nicht die Friedmansche Immunisierung \u00e0 la &#8222;Axiome m\u00fcssen unrealistisch sein&#8220; akzeptieren, w\u00e4ren die Theoreme des Marktgleichgewichts bei vollkommener Konkurrenz schon rein logisch auf t\u00f6nernen F\u00fc\u00dfen, weil man eben aus falschen Axiomen keine richtigen Schlussfolgerungen ziehen kann.<\/p>\n<p>Jetzt kann man aber die Hypothese (ann\u00e4hernd) unendlich vieler Akteure auch als Hilfshypothese verwenden. Das hei\u00dft, gegeben die Gesetzeshypothesen (etwa Profit- und Nutzenmaximierung), herrscht soziales Optimum, wenn unendlich viele Akteure im Markt sind. Werden die Theoreme der Theorie dann empirisch verworfen, kann der Theoretiker immer darauf verweisen, dass die Theorie valide eben nur auf M\u00e4rkten getestet werden kann, auf denen &#8222;ausreichend viele&#8220; Akteure vorhanden sind.<\/p>\n<p>Unrealistische Axiome werden in der \u00d6konomie nicht nur kaum hinterfragt, sondern bieten im Fall des Versagens einer Theorie oft auch einfache Auswege zu ihrer Immunisierung: Die Zahl der Marktteilnehmer war zu klein, ihre Natur zu heterogen, die Information nicht gleichm\u00e4\u00dfig genug verteilt etc.<\/p>\n<p>Das gleiche gilt f\u00fcr die identischen Pr\u00e4ferenzen der Akteure oder die gleiche Technologie. Als Gesetzeshypothese formuliert w\u00e4ren sie schnell falsifizierbar; als Hilfshypothesen schr\u00e4nkt man einfach die Reichweite der Theoreme ein: Ist ein Test der Theorie erfolgreich, so gilt das als Erfolg (trotz der obigen Kritik an den logischen Problemen eines solchen Vorgehens); ist ein Test nicht erfolgreich, so l\u00e4sst sich darauf verweisen, dass die durch die Hilfshypothesen ausgedr\u00fcckten Bedingungen nicht erf\u00fcllt waren. Weil sich \u00d6konomen aber in der Regel kaum Gedanken um die Unterscheidung von Gesetzes \u2013und Hilfshypothesen machen, bleibt der Anwendungsbereich ihrer Theorie systematisch schwammig und kann damit kaum konzise getestet werden.<\/p>\n<p>Mit all diesen Immunisierungsstrategien der neoklassischen Theorie (Kapeller beschreibt noch viele andere) gegen Falsifizierungsversuche kann man nun empirisch forschen wie man will. Die Theoretiker werden immer Mittel und Wege finden, ihre Theorie unangreifbar zu machen. Genau das ist der Platonismus in der Neoklassik. Wenn die Theoretiker ihre Theorien (etwa die Nutzenmaximierung bei totaler Beliebigkeit des konkreten Nutzeninhalts) der Falsifizierung entziehen, ist das Theoriegeb\u00e4ude nicht mehr wissenschaftlich, sondern metaphysisch. Das kann legitim sein: Die Existenz Gottes ist, wie jene des Marktgleichgewichts, nicht falsifizierbar und jedem steht es frei an Gott oder das Marktgleichgewicht zu glauben. Aber es ist eben Glaube und keine kritische Auseinandersetzung mit Aussagen und Erkl\u00e4rungen \u00fcber die reale Welt.<\/p>\n<p><strong>Woher ich\u2019s wei\u00df, ich sag\u2019s euch nicht \u2013 aber folgen m\u00fcsst ihr schon<\/strong><\/p>\n<p>Das hat nat\u00fcrlich politisch wichtige Folgen: Wenn ich alle empirische Kritik an der These eines vollkommenen Marktgleichgewichts mit einer geschickten Formulierung der Axiome abwehren kann, kann ich an den Segen des Marktgleichgewichts glauben, ohne ihn empirisch jemals festnageln zu k\u00f6nnen. Ich kann dann bei jedem Scheitern von Tests sagen: Kein Wunder, dass die Tests fehlschlagen, denn in den getesteten M\u00e4rkten gibt es ja gar nicht genug Konkurrenz. Wir m\u00fcssen also die Konkurrenz erh\u00f6hen \u2013 etwa mit mehr Marktteilnehmern, mehr Anstrengung, intensiverem Wettbewerb und flexibleren Preisen \u2013, dann wird sich das soziale Optimum schon einstellen. Und wenn es sich dann wieder nicht einstellt, ist man eben noch zu weit entfernt von der perfekten Konkurrenz etc.<\/p>\n<p>Dieser Gedankengang lie\u00dfe sich noch auf andere Felder der Neoklassik anwenden: Wenn etwa Finanzm\u00e4rkte nicht effizient sind, weil es asymmetrische Informationen gibt, muss man einfach die Informationen verbessern, dann werden auch die M\u00e4rkte effizient; wenn sie dann immer noch nicht effizient sind, gibt es wohl noch zu viele asymmetrische Informationen etc. Wenn die Arbeitslosigkeit hoch ist, m\u00fcssen die L\u00f6hne zu hoch sein und wenn die L\u00f6hne sinken, die Arbeitslosigkeit aber immer noch hoch ist, m\u00fcssen halt die L\u00f6hne noch mehr sinken etc.<\/p>\n<p>Der neoklassische \u00d6konom kann also immer behaupten, dass er die ideale Welt des Marktes kennt, egal, wie die Realit\u00e4t aussieht. Mit den unwissenschaftlichen Immunisierungsstrategien, wie sie hier geschildert wurden, kann er \u2013 im Prinzip \u2013 alle Erfahrung der Realit\u00e4t als nicht zutreffend auf seine Theorie abschmettern und letztere zugleich als utopische Schablone f\u00fcr Fragen politischer Gestaltung zum Einsatz bringen.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft alles nicht, dass es keine guten und wichtigen Erkenntnisse in der Neoklassik gibt und dass die neoklassisch inspirierte empirische Forschung nichts geleistet h\u00e4tte. Ganz im Gegenteil. Es hei\u00dft auch nicht unbedingt, dass etwa asymmetrische Informationen oder rigide Preise die M\u00e4rkte ineffizient machen k\u00f6nnten. Es hei\u00dft auch nicht, dass alternative Theorien immer die besseren sind. <\/p>\n<p>Aber weil viele der neoklassischen Aussagen aus ganz unklaren Axiomen abgleitet sind, k\u00f6nnen wir \u00fcber ihren Wahrheitsgehalt nichts wissen sondern k\u00f6nnen ihnen nur glauben. In vielen \u2013 wenn nicht sogar den meisten \u2013 Bereichen steht sie auf wissenschaftlich t\u00f6nernen F\u00fc\u00dfen, so dass es im Prinzip ein Leichtes w\u00e4re, viele ihrer Theorien auseinanderzunehmen und damit auch die Theoreme in Zweifel zu ziehen, die aus diesen Theorien abgeleitet werden.<\/p>\n<p>Dass das in der Realit\u00e4t nicht oder zu selten passiert, hat vor allem etwas mit der sozialen Struktur der Wissenschaft zu tun: diejenigen, die in den Tempel der Wirtschaftswissenschaft aufgenommen werden wollen, haben sich an den etablierten platonischen Ideen der Nutzenmaximierung und des Marktgleichgewichts zu orientieren; ansonsten h\u00e4tten sie wohl gro\u00dfe Schwierigkeiten im Wissenschaftsbetrieb Lohn und Brot zu finden. Diese Haltung bedroht den wissenschaftlichen Fortschritt, weil alternative Theorien gar nicht erst erwogen werden. 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