{"id":9337,"date":"2016-02-12T16:38:17","date_gmt":"2016-02-12T15:38:17","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=9337"},"modified":"2016-02-12T17:30:25","modified_gmt":"2016-02-12T16:30:25","slug":"anleger-schworen-auf-nahezu-zinslose-bundesanleihen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2016\/02\/12\/anleger-schworen-auf-nahezu-zinslose-bundesanleihen_9337","title":{"rendered":"Anleger schw\u00f6ren auf nahezu zinslose Bundesanleihen"},"content":{"rendered":"<p>Gestern war die Rendite zehnj\u00e4hriger Bundesanleihen auf ein neues Rekordtief von 0,18 Prozent gesunken, heute liegt sie bei 0,22 Prozent. Bis zu Laufzeiten von acht Jahren bezahlen die Anleger den Schuldner &#8222;Bund&#8220; inzwischen daf\u00fcr, dass sie seine Verbindlichkeiten kaufen, ihm also Geld schenken d\u00fcrfen. Sie w\u00fcrden zwar gerne Zinsen bekommen, aber wenn es nicht geht, ist es auch gut. Sicherheit hat ihren Preis. Nicht mehr lange, so scheint es, bis Deutschland nach der Schweiz und Japan das dritte Land sein wird, in dem lang laufende Staatsanleihen eine negative Rendite haben und damit aus Anlegersicht ein Zuschussgesch\u00e4ft sind.<!--more--><\/p>\n<p>Verbl\u00fcffend ist, dass es zur selben Zeit im Geb\u00e4lk des Euros h\u00f6rbar kracht, ablesbar an den steigenden Renditen (also fallenden Kursen) italienischer, spanischer, portugiesischer und vor allem griechischer Bonds. Nimmt damit nicht das Risiko f\u00fcr den deutschen Staat zu, der jetzt schon f\u00fcr diverse Rettungsprogramme finanzielle Garantien \u00fcbernommen hat? Sollten Anleger nicht daher besser die Finger von deutschen Anleihen lassen? Offenbar gibt es aber kaum ein anderes Land, das sich so robuster Gesundheit erfreut wie unseres, wegen der schwarzen Null und so, mit einem \u00dcberschuss in der Leistungsbilanz von acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts und Ersparnissen, wie sonst in keinem anderen gro\u00dfen Land. Heinrich Heines Eindruck, dass Deutschland ein kerngesundes Land sei, mit seinen Eichen, seinen Linden, ist auch fast 200 Jahre sp\u00e4ter noch der Eindruck, den die Anleger haben.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2016\/02\/Renditespreads_IT_ES_POR_2005-201602.gif\" alt=\"Grafik: Europ\u00e4ische Renditespreads \" width=\"561\" height=\"339\" class=\"size-full wp-image-9338\" \/><\/p>\n<p>Ebenso ist nicht unmittelbar einleuchtend, warum der Wechselkurs des Euro in den vergangenen Wochen so stark gestiegen ist: Ende November lag er bei 1,0560 Dollar, heute dagegen bei 1,1240. Dabei verfolgt die EZB nach wie vor einen expansiveren Kurs als die US-Notenbank und versucht den Euro zu schw\u00e4chen. Warum gelingt ihr das nicht?<\/p>\n<p>Entscheidend ist wohl, dass die Fed dabei ist zur\u00fcckzurudern. Nachdem sie die Leitzinsen im Dezember von nahe Null um 25 Basispunkte auf 0,38 Prozent angehoben hatte und dabei durchblicken lie\u00df, dass 2016 vier weitere Erh\u00f6hungen folgen w\u00fcrden, ist das auf einmal kein Thema mehr, obwohl es am Arbeitsmarkt sehr gut l\u00e4uft \u2013 die Besch\u00e4ftigung nimmt weiterhin mit Raten von rund zwei Prozent zu und damit doppelt so rasch wie im Euroland. Von daher k\u00f6nnte die Fed die Z\u00fcgel weiter anziehen.<\/p>\n<p>Es gibt aber bisher keine Anzeichen, dass die amerikanische Inflation auf die g\u00fcnstige Lage am Arbeitsmarkt reagiert und endlich anspringt. Im vergangenen halben Jahr betrug die sogenannte Kerninflationsrate des Konsums stabil 1,2 Prozent (annualisiert) und lag damit weit unterhalb des Notenbankziels. Am Markt glaubt kaum noch jemand, dass sich daran demn\u00e4chst etwas \u00e4ndern wird. Aus den inflationsgesch\u00fctzten US-Anleihen l\u00e4sst sich ablesen, dass die f\u00fcr die kommenden f\u00fcnf Jahre erwartete durchschnittliche Inflationsrate bei nur 0,95 Prozent liegt.<\/p>\n<p>Normalerweise w\u00fcrden die Zinsen bei langen Laufzeiten steigen, wenn die Fed, wie Mitte Dezember geschehen, einen <a title=\"FED - Policy Normalization\" href=\"http:\/\/www.federalreserve.gov\/monetarypolicy\/policy-normalization.htm\" target=\"_blank\">Kurswechsel einl\u00e4utet<\/a>. Es w\u00e4re ja ein Zeichen daf\u00fcr, dass sie mit steigenden Inflationsraten rechnet. Stattdessen sind die Renditen der zehnj\u00e4hrigen Treasuries von damals 2,3 auf heute 1,69 Prozent gesunken, was als ein Zeichen daf\u00fcr interpretiert werden kann, dass die Anleger mit erneut sinkenden statt mit steigenden Inflationsraten rechnen, vielleicht sogar mit einer Rezession.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2016\/02\/Renditen_10y_DE_US_tgl_1998-20160212.gif\" alt=\"Grafik: t\u00e4gl. Renditen 10-j\u00e4hriger Bundesanleihen und US Treasuries, 1998-20160212\" width=\"561\" height=\"326\" class=\"size-full wp-image-9339\" \/><\/p>\n<p>Gleichzeitig signalisieren die Futures-Kontrakte der Fed Funds Rate, also des Leitzinses, dass sich die amerikanische Notenbank in diesem Jahr nicht mehr bewegen wird. Zudem haben die Marktteilnehmer ihre Wachstumsprognosen f\u00fcr dieses Jahr in den vergangenen Wochen von urspr\u00fcnglich drei Prozent auf durchschnittlich 2,2 Prozent gesenkt.<\/p>\n<p>Die Fed hat praktisch keinen Spielraum mehr f\u00fcr eine restriktivere Politik. Damit entf\u00e4llt das wichtigste Argument f\u00fcr einen festen Dollar.<\/p>\n<p>Nicht nur der amerikanischen Notenbank, auch der EZB, der Bank von Japan und der People\u2019s Bank of China macht es zudem Sorge, dass die Weltwirtschaft ins Schlingern geraten ist. Sie sollte daher m\u00f6glichst nicht durch h\u00f6here Zinsen oder andere restriktive Ma\u00dfnahmen zus\u00e4tzlich destabilisiert werden. Aktienkurse steigen, Aktienkurse fallen. Das Gleiche gilt f\u00fcr die Preise von Erd\u00f6l und anderen Rohstoffen. Der Einbruch der M\u00e4rkte muss nicht, kann aber ein Indiz daf\u00fcr sein, dass sich eine neue globale Finanzkrise anbahnt. Oft haben sich die Signale des Marktes als verfr\u00fcht oder falsch erwiesen, aber seine Prognosequalit\u00e4t ist allesamt besser als die &#8222;offizieller&#8220; Prognostiker wie IWF, OECD, EU-Kommission oder Forschungsinstitute. Die haben bisher noch nie eine Rezession rechtzeitig vorhergesagt.<\/p>\n<p>Ausgangspunkt sind diesmal die verschiedenen schuldenfinanzierten Verm\u00f6gensblasen in China, die dabei sind zu platzen, mit der Folge, dass sich das Ausgabenwachstum dort stark abgek\u00fchlt hat. Jahrelang wurde zu viel, und zu wenig gewinnorientiert, investiert, was sich jetzt r\u00e4cht. Hinzu kommt der politisch gewollte Strukturwandel in Richtung privatem Konsum und Dienstleistungen, der offenbar mit erheblichen Reibungsverlusten einhergeht, also einer Abschw\u00e4chung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. China ist gemessen in Kaufkraftparit\u00e4ten die gr\u00f6\u00dfte Volkswirtschaft, es war bislang der wichtigste Wachstumsmotor der Weltwirtschaft und der bei weitem gr\u00f6\u00dfte Importeur von Rohstoffen.<\/p>\n<p>Insgesamt ist es durch die Probleme Chinas inzwischen in der ganzen Welt zu einer Reihe von Dominoeffekten gekommen: In den rohstoffproduzierenden L\u00e4ndern sind die Realeinkommen eingebrochen, ebenso wie die Wechselkurse ihrer W\u00e4hrungen, die Investitionen der Rohstoffmultis haben sich halbiert, die Kredite der internationalen Banken an die Rohstoffproduzenten haben ebenso wie deren Bonds stark an Wert verloren, die <a title=\"Herdentrieb - Bankenkrise, dritte Runde\" href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2016\/01\/21\/wenn-china-gegen-die-wand-fahrt_9237\" target=\"_blank\">Banken selbst sind unter Druck geraten<\/a> (was sich daran zeigt, dass der Marktwert ihrer Aktien oft nur noch bei der H\u00e4lfte ihres Buchwerts liegt), die Kapitalflucht hat deutlich zugenommen, die Risikopr\u00e4mien und der Goldpreis sind gestiegen und weltweit sind die Aktienm\u00e4rkte im freien Fall.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2016\/02\/Goldpreis_USD_Euro_tgl_2001-20160212.gif\" alt=\"Grafik: t\u00e4gl. Goldpreis in US Dollar und Euro, 2001-20160212\" width=\"571\" height=\"322\" class=\"size-full wp-image-9340\" \/><\/p>\n<p>Die positiven Effekte der billigeren Rohstoffe und niedrigeren Zinsen beschr\u00e4nken sich im Wesentlichen auf Deutschland und einige wenige andere L\u00e4nder, die nicht mit Schuldenproblemen zu k\u00e4mpfen haben, der gr\u00f6\u00dfere Teil der Welt sieht sich dagegen einem Nachfrageschock ausgesetzt. Selbst die USA m\u00fcssen angesichts der niedrigen \u00d6lpreise damit zurechtkommen, dass die Milliarden an Dollar, die in die Anlagen f\u00fcr Schiefer\u00f6l gesteckt worden waren, abgeschrieben werden m\u00fcssen. Es riecht nach neuer globaler Rezession und Deflation.<\/p>\n<p>Vielleicht sehe ich zu schwarz. Vielleicht erleben wir nur den \u00dcbergang von einem Wirtschaftsmodell zu einem neuen, zu einer neuen Struktur von Angebot und Nachfrage, zu einer Vernichtung von Teilen des Kapitalstocks, wie es immer wieder einmal vorkommt. Jedenfalls halte ich es aber f\u00fcr verfr\u00fcht, schon jetzt auf eine R\u00fcckkehr der Inflation zu setzen, oder auf steigende Kurse von Bank-, Rohstoff- oder Exportwerten, oder auf eine Trendwende in der Geldpolitik. Vermutlich wird die Finanzpolitik der Tendenz nach weltweit expansiver ausgerichtet werden als wir uns das bisher vorgestellt hatten \u2013 wie sonst lassen sich die Outputl\u00fccken, die jetzt entstehen, einigerma\u00dfen f\u00fcllen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern war die Rendite zehnj\u00e4hriger Bundesanleihen auf ein neues Rekordtief von 0,18 Prozent gesunken, heute liegt sie bei 0,22 Prozent. Bis zu Laufzeiten von acht Jahren bezahlen die Anleger den Schuldner &#8222;Bund&#8220; inzwischen daf\u00fcr, dass sie seine Verbindlichkeiten kaufen, ihm also Geld schenken d\u00fcrfen. 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