{"id":9454,"date":"2016-04-05T21:40:42","date_gmt":"2016-04-05T19:40:42","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=9454"},"modified":"2016-04-05T21:40:42","modified_gmt":"2016-04-05T19:40:42","slug":"mario-so-haben-wir-uns-das-mit-der-ezb-nicht-vorgestellt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2016\/04\/05\/mario-so-haben-wir-uns-das-mit-der-ezb-nicht-vorgestellt_9454","title":{"rendered":"Mario, so haben wir uns das mit der EZB nicht vorgestellt!"},"content":{"rendered":"<p>In der j\u00fcngsten Sonntagsausgabe der <em>Frankfurter Allgemeinen<\/em> stellt Rainer Hank die Frage, wer Mario Draghi stoppen kann. Wenn es nach Hank geht, m\u00f6chten das hierzulande offenbar alle, jedenfalls alle, die wir aus den Talkshows kennen, angefangen mit Hans-Werner Sinn, \u00fcber Carsten Linnemann von der CDU-Mittelstandsvereinigung, Peter Bofinger, Bert R\u00fcrup, Marcel Fratzscher und die Juristen Dietrich Murswieck und Udo Di Fabio. Jens Weidmann w\u00fcrde gerne, k\u00f6nne aber nicht, weil seine Stimme im EZB-Rat kein Gewicht habe, w\u00e4hrend Sabine Lautenschl\u00e4ger, seine deutsche Kollegin, unter &#8222;Konformit\u00e4tserwartung&#8220; stehe. Auch Zitate des britischen \u00d6konomen Charles Goodhard und sogar des liberalen S\u00e4ulenheiligen Walter Eucken legen f\u00fcr Hank nahe, dass es so nicht weitergehen k\u00f6nne, dass die Unabh\u00e4ngigkeit der EZB und ihre Machtf\u00fclle, die er anscheinend bei Draghi konzentriert sieht, vielleicht doch keine so gute Idee war. Nikolaus von Bomhard, der Chef der M\u00fcnchner R\u00fcck spricht sogar von einer Erosion des Rechts, ist verst\u00e4ndnislos und sogar entsetzt \u00fcber das, was die EZB zurzeit anrichtet. Nur der Franzose Beno\u00eet C\u0153ur\u00e9 vom Frankfurter EZB-Direktorium stehe dem Italiener Draghi zur Seite, und zwar auf schnippische Art. Otmar Issing, immerhin, ruft um Gottes Willen, nein, &#8222;wer die Unabh\u00e4ngigkeit der EZB aufgibt, besiegelt damit das Ende des stabilen Euros&#8220;!<\/p>\n<p>Ein langer Artikel, aber die entscheidenden Fragen werden gar nicht gestellt: Warum soll Draghi \u00fcberhaupt gestoppt werden, wo ist das Problem, was macht die EZB falsch, und wie k\u00f6nnte eine L\u00f6sung aussehen?<!--more--><\/p>\n<p>In einer Hinsicht ist Hank immerhin konkret: Zustimmend zitiert er Bomhard, dass die jetzige Geldpolitik eine massive Umverteilung zu Lasten der \u00c4rmeren betreibe. Da ist was dran, wenn auch nur f\u00fcr bestimmte Gruppen und unter bestimmten Annahmen. Wenn es der EZB trotz der vielen Liquidit\u00e4t, die sie ins Bankensystem pumpt, nicht gelingt, die europ\u00e4ische Wirtschaft anzukurbeln \u2013 weil Schuldenabbau f\u00fcr Haushalte, Banken und Staat weiterhin Priorit\u00e4t hat und sie keine neuen Schulden machen wollen \u2013, bahnt sich das Geld seinen Weg in die M\u00e4rkte f\u00fcr inl\u00e4ndische und ausl\u00e4ndische Wertpapiere und Immobilien und treibt dort Kurse und Preise. Auf diese Weise steigt der Nominalwert der Verm\u00f6gen. Die, die was haben, werden reicher (zumindest auf dem Papier), die die nichts haben, haben so wenig wie vorher. Die Verm\u00f6gensverteilung verschiebt sich zugunsten der Reichen. So weit so gut, oder so schlecht.<\/p>\n<p>Und sonst? Sehen wir uns die Effekte der jetzigen Geldpolitik etwas n\u00e4her an! Wer beispielsweise ein kleines Sparguthaben besitzt, bekommt als Folge der Nullzinspolitik auf seinem Konto keine Gutschriften mehr, aber verliert auch nichts, weil die Verbraucherpreise nicht steigen, es also keine Geldentwertung gibt. Sollte das Preisniveau sinken, w\u00fcrde der Wert der Ersparnisse real sogar zunehmen (vgl. <a title=\"Bundesbank: Negative reale Verzinsung von Einlagen kein neues Ph\u00e4nomen, 27.06.2014\"href=\"http:\/\/www.bundesbank.de\/Redaktion\/DE\/Themen\/2014\/2014_06_27_einlageverzinsung_in_deutschland.html\" target=\"_blank\">Bundesbank: Negative reale Verzinsung von Einlagen kein neues Ph\u00e4nomen, 27. 6. 2014<\/a>). \u00c4hnliches gilt f\u00fcr Lebensversicherungen: Die Garantiezinsen tendieren gegen Null, aber die Kaufkraft des sp\u00e4ter einmal ausgezahlten Kapitals ist tendenziell stabil, wenn es hierzulande von nun an so weitergehen sollte wie einst in Japan, wo die Preisindices schon seit fast 20 Jahren unver\u00e4ndert sind. Ein interessanter Nebeneffekt: Bei positiven nominalen Sparzinsen muss ab einer bestimmten Grenze Einkommensteuer bezahlt werden \u2013 bei Nullzinsen ist das kein Thema. Wenn die Realzinsen durch fallende Verbraucherpreise steigen, bleibt der Ertrag voll beim Sparer, der Staat bekommt nichts.<\/p>\n<p>Rentner d\u00fcrften zu den Gewinnern z\u00e4hlen, da die Renten in Deutschland an die Einkommenssteigerungen der Besch\u00e4ftigten gekoppelt sind. Im Sommer werden sie um mehr als vier Prozent zunehmen, was angesichts nahezu stabiler Preise real einer kr\u00e4ftigen Zunahme entspricht. Empf\u00e4nger von Arbeitslosengeld und Sozialhilfe k\u00f6nnen sich ebenfalls nicht beklagen, ebenso wenig wie solche Arbeiter und Angestellten, die keine K\u00fcrzung ihrer Einkommen bef\u00fcrchten m\u00fcssen. Das d\u00fcrfte f\u00fcr die meisten von ihnen gelten; im Augenblick nimmt die Zahl der Besch\u00e4ftigten im Vorjahresvergleich um beachtliche 1,3 Prozent zu, so dass das Jobrisiko relativ gering ist. Laut Bundesbank \u00fcbertrafen die L\u00f6hne und Geh\u00e4lter je Arbeitnehmer zuletzt ihren Vorjahreswert um 3,0 Prozent; das war nominal \u2013 real waren es 2,7 Prozent.<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt schwer, der EZB auf der Basis solcher Zahlen den Vorwurf zu machen, sie treibe mit ihrer Politik die Menschen in die Armut. F\u00fcr Deutschland jedenfalls ist das Gegenteil der Fall.<\/p>\n<p>Eins macht die EZB seit Jahren richtig gut: Sie h\u00e4lt die Kaufkraft des Geldes stabil. Hank h\u00e4lt das allerdings nicht f\u00fcr erw\u00e4hnenswert. In den drei Jahren seit 2013 lag die Geldentwertung im Durchschnitt bei 0,9 Prozent und damit weit unter der Zielmarke von knapp unter zwei Prozent, unterhalb derer nach allgemeinem Verst\u00e4ndnis Preisstabilit\u00e4t herrscht. Seit Einf\u00fchrung des Euro im Januar 1999 sind die Verbraucherpreise in Deutschland im Jahresdurchschnitt um 1,4 Prozent gestiegen, in den Jahren 1960 bis 1998, als die Bundesbank noch das Sagen hatte, betrug die durchschnittliche Inflationsrate 3,2 Prozent.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2016\/04\/DE_Inflationsraten_seit_1960.gif\" alt=\"Grafik: Deutsche Inflationsraten seit 1960\" width=\"565\" height=\"321\" class=\"size-full wp-image-9455\" \/><\/p>\n<p>Einen Vorwurf kann man der EZB allerdings machen, n\u00e4mlich dass es ihr nicht gelingt, die Inflationsrate auf 1,8 oder 1,9 Prozent anzuheben, so wie sie es sich zum Ziel gesetzt hat. Auch das ist f\u00fcr Hank kein Thema. Die Inflationsrate der W\u00e4hrungsunion lag im M\u00e4rz bei -0,1 Prozent (Deutschland +0,1 Prozent), die Kernrate immerhin bei 1,0 Prozent. Am Markt wird damit gerechnet, dass die durchschnittliche deutsche und franz\u00f6sische Inflation in den n\u00e4chsten zehn Jahren 1,0 Prozent betragen wird (abgeleitet aus inflationsgesch\u00fctzten Staatsanleihen). Die EZB betreibt daher ungewollt, de facto aber durchaus eine Politik zugunsten der Gl\u00e4ubiger und zulasten der Schuldner, vor allem der Unternehmen und H\u00e4uslebauer, und bremst damit ungewollt das Wirtschaftswachstum. Da es keine Inflation gibt, bleibt die reale Last der Schulden gleich \u2013 bei &#8222;normaler&#8220; Inflation w\u00fcrde sie dagegen st\u00e4ndig geringer.<\/p>\n<p>Leider hat Hank trotz der vielen Kontakte, die er erw\u00e4hnt, niemanden gefunden, der einen brauchbaren Vorschlag hatte, was die EZB denn nun anders machen solle. Alle waren sich anscheinend nur in Einem einig: die EZB \u00fcberdehne ihr Mandat. F\u00fcr mich hei\u00dft das im Klartext, dass die Ank\u00e4ufe von staatlichen und neuerdings privaten Anleihen ein gef\u00e4hrliches Volumen erreicht h\u00e4tten. Gef\u00e4hrlich wof\u00fcr? Vermutlich f\u00fcr die Stabilit\u00e4t des Euro in der langen Frist. Es wird offenbar bef\u00fcrchtet, dass der Hexenmeister die Liquidit\u00e4tsflut am Ende, wenn die Inflation schlie\u00dflich doch ins Laufen gekommen ist, nicht mehr eind\u00e4mmen kann. Hyperinflation k\u00f6nnte die Folge sein. Ich selbst sehe das nicht so, weil die Notenbanker im Kampf gegen die Inflation \u00fcber gen\u00fcgend Instrumente verf\u00fcgen und in der Schule gelernt haben, wie sie einzusetzen sind. Mit der Deflation ist das eine ganz andere Sache. Darauf waren sie intellektuell nicht vorbereitet.<\/p>\n<p>Vielleicht ist den deutschen Kritikern auch unwohl bei dem Gedanken, dass die EZB zunehmend zu einem Staatsfinanzierer mutiert. Wenn sie von den 80 Mrd Euro, die sie jetzt netto monatlich f\u00fcr Anleihek\u00e4ufe ausgibt, beispielsweise 70 Mrd f\u00fcr staatliche Anleihen verwendet, macht das auf\u2019s Jahr gerechnet 840 Mrd Euro. Das aggregierte Budgetdefizit aller Eurol\u00e4nder d\u00fcrfte sich in diesem Jahr aber &#8222;nur&#8220; auf rund 220 Mrd Euro belaufen. Anders ausgedr\u00fcckt, die EZB subventioniert indirekt, dabei aber sehr massiv, die staatlichen Haushalte. Konkret schl\u00e4gt sich das nieder in einem stark r\u00fcckl\u00e4ufigen Schuldendienst und niedrigen Bondrenditen. Hardliner werden argumentieren, dass die nationalen Parlamente und Finanzminister dann einen entsprechend geringeren Anreiz haben, ihre Haushalte durch sparsames Wirtschaften in Ordnung zu bringen. Wenn dann die n\u00e4chste Krise kommt, w\u00e4ren sie entsprechend schlecht darauf vorbereitet.<\/p>\n<p>Eine solche Kritik am &#8222;quantitative easing&#8220; ist allerdings nicht nur gegen\u00fcber der EZB angebracht \u2013 alle anderen wichtigen Notenbanken haben, wenn es die Lage erforderte, ebenfalls massiv staatliche Papiere in ihre B\u00fccher genommen. Man sollte im \u00dcbrigen nicht vergessen, dass Notenbanken zum staatlichen Sektor geh\u00f6ren und sich per Saldo in dessen Verm\u00f6gensposition nichts ver\u00e4ndert, wenn der Eine seine Schulden gegen\u00fcber der Notenbank erh\u00f6ht \u2013 deren Forderungen (Aktiva) nehmen n\u00e4mlich im selben Umfang zu.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2016\/04\/Zentralbankbilanzen_EZB_Fed_BoJ.gif\" alt=\"Grafik: Zentralbankbilanzen, Aktiva insg., Jan.2007=100\" width=\"563\" height=\"336\" class=\"size-full wp-image-9456\" \/><\/p>\n<p>Niemand von Hanks Zeugen schl\u00e4gt \u00fcbrigens vor, dass endlich mal wieder die Zinsen angehoben werden sollten. Dann w\u00fcrden sich die Besitzer von Sparb\u00fcchern zwar freuen, aber wer in eine Immobilie oder ein Unternehmen investieren m\u00f6chte, h\u00e4tte eine h\u00f6here H\u00fcrde zu \u00fcberwinden. H\u00f6here Zinsen w\u00e4ren Gift f\u00fcr die Konjunktur. Um es klar zu sagen, das Ziel der Geldpolitik besteht im Augenblick darin, Haushalte, Unternehmen und Staat dazu zu bringen, mehr Geld auszugeben und dadurch die Produktion anzukurbeln, die Produktionsl\u00fccken zu verringern und Spielr\u00e4ume f\u00fcr steigende Preise und L\u00f6hne zu schaffen. Das Sparen durch h\u00f6here Zinsen zu f\u00f6rdern w\u00e4re kontraproduktiv.<\/p>\n<p>Was die Zinspolitik angeht, ist die EZB ebenfalls in guter Gesellschaft. Wie die folgende Grafik zeigt, war die amerikanische Notenbank in dieser Hinsicht sogar weit expansiver.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2016\/04\/Notenbankzinsen_BuBa_EZB_Fed_seit_1960.gif\" alt=\"Grafik: Leitzinsen der Bundesbank, EZB und Fed seit 1960\" width=\"560\" height=\"349\" class=\"size-full wp-image-9457\" \/><\/p>\n<p>Auch das Thema Euro-Abwertung kommt in Hanks Artikel nicht vor. Vermutlich sind alle insgeheim erfreut dar\u00fcber, dass die EZB mit ihrer Politik zur Schw\u00e4che des Euros beigetragen hat. Der Au\u00dfenbeitrag, und mit ihm das Wachstum, w\u00e4ren sonst im vergangenen Jahr noch schw\u00e4cher ausgefallen.<\/p>\n<p>Insgesamt wird nicht klar, weshalb Draghi denn nun gestoppt werden soll. Richtig was falsch scheint er nicht zu machen. \u00c4rgerlich ist allerdings, dass Hank trotzdem versucht, das Ansehen Draghis in der deutschen \u00d6ffentlichkeit mit nebul\u00f6sen Vorw\u00fcrfen zu schw\u00e4chen. Er tut so, als sei der EZB-Chef eine Art Diktator, der quasi autokratisch \u00fcber ein &#8222;Schattenkabinett&#8220; herrscht. Er verschweigt, dass die EZB bereits unter Trichet expansiv war und tut so, als ob die Bezeichnung &#8222;unkonventionelle Ma\u00dfnahmen&#8220; eine Erfindung von Draghi sei. In Wirklichkeit war das schon unter Trichet der offizielle Sprachgebrauch.<\/p>\n<p>Hank zitiert einen Lord Acton mit der Aussage, dass Macht korrumpiert, absolute Macht sogar absolut. Das komme im Falle der EZB daher, dass &#8222;auf Aufsicht und Kontrolle gewollt verzichtet und die Gewaltenteilung suspendiert wird&#8220;. Die Verf\u00fchrung zum Machtmissbrauch liege nahe. War das zu Bundesbankzeiten anders?<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, was der Artikel eigentlich bezwecken soll. Konstruktiv ist er nicht.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der j\u00fcngsten Sonntagsausgabe der Frankfurter Allgemeinen stellt Rainer Hank die Frage, wer Mario Draghi stoppen kann. 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