{"id":9702,"date":"2016-07-06T15:17:24","date_gmt":"2016-07-06T13:17:24","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=9702"},"modified":"2016-07-07T14:56:51","modified_gmt":"2016-07-07T12:56:51","slug":"brexit-laesst-die-meisten-maerkte-kalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2016\/07\/06\/brexit-laesst-die-meisten-maerkte-kalt_9702","title":{"rendered":"Brexit l\u00e4sst die meisten M\u00e4rkte kalt"},"content":{"rendered":"<p>Von Panik keine Spur! Was die Realwirtschaft Gro\u00dfbritanniens, Eurolands und der OECD insgesamt angeht, sind alle Prognosen, die ich in den vergangenen Tagen gesehen habe, stark nach unten revidiert worden, aber zumindest an den Aktienm\u00e4rkten hat sich davon bisher niemand beeindrucken lassen. Ein Einbruch der Gewinne wird nicht erwartet. Das Pfund ist stark unter Druck, der Goldpreis klettert Tag f\u00fcr Tag und sowohl die kurzen als auch die langen Zinsen sind im Sinkflug, aber so etwas wie einen Lehman-Effekt, der im Herbst 2008 die hei\u00dfe Phase der globalen Finanzkrise einl\u00e4utete, hat es nicht gegeben. Bisher ist ja nichts Entscheidendes geschehen, und es k\u00f6nnte sein, dass auch nichts geschehen wird. Die Briten lassen sich jedenfalls mit ihrem Austrittsantrag viel Zeit.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>F\u00fcr die deutschen M\u00e4rkte war der Brexit fast ein Non-Event. Gemessen am DAX stehen die Aktien fast genau da, wo sie vor der Volksabstimmung waren. Wie im Rest Europas sind allerdings die Banken erneut kr\u00e4ftig gebeutelt worden. Offenbar gehen die Marktteilnehmer davon aus, dass die Deflationsrisiken zugenommen haben und dass daher die Marge zwischen den Zinsen, die sich auf der Aktivseite der Bilanz mit Krediten und Wertpapieren verdienen lassen, und den Kosten der Refinanzierung weiter schrumpfen wird. Auf diese Weise trocknet die wichtigste Gewinnquelle der Banken zunehmend aus. Die Kurse der \u00fcbrigen Aktien haben seit dem Brexit eher leicht gewonnen. Von den Wechselkursen her hat sich die Wettbewerbsf\u00e4higkeit der deutschen Unternehmen nicht verschlechtert: Die Aufwertung des Euro gegen\u00fcber dem Pfund Sterling wurde bisher durch eine Abwertung gegen\u00fcber Dollar und Yen mehr als kompensiert.<\/p>\n<p>Ich kann gut verstehen, weshalb die Aktienkurse im britischen FTSE 100 seit der Volksabstimmung um fast 3,5 Prozent zugelegt haben. Es handelt sich in dem Index vorwiegend um Unternehmen, die international aktiv sind. Die scharfe Abwertung des Pfund Sterling gegen\u00fcber dem Euro \u2013 von 0,78 auf 0,85, oder um acht Prozent \u2013 hat ihre Wettbewerbsf\u00e4higkeit deutlich verbessert; auch die Gewinne, die sie vorwiegend im Ausland erzielen, d\u00fcrften, in Pfund gerechnet, proportional zunehmen. Der FTSE 250-Index, in dem sich vor allem inl\u00e4ndisch orientierte Unternehmen befinden, ist dagegen seit dem Brexit um etwas mehr als neun Prozent gefallen. Darin spiegelt sich die Erwartung, dass die Investitionen und der private Konsum in den n\u00e4chsten Quartalen zur\u00fcckgehen und die Immobilienpreise m\u00f6glicherweise sogar einbrechen werden.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9703 size-full\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2016\/07\/Londoner_Aktienmarkt_20151231-20160705.gif\" alt=\"Brexit l\u00e4sst die meisten M\u00e4rkte kalt\" width=\"573\" height=\"322\" \/><\/p>\n<p>Vermutlich erwarten die Marktteilnehmer dar\u00fcber hinaus, dass die Abwertung des Pfunds und damit der H\u00f6henflug der internationalen Aktien am Londoner Markt weitergehen wird. Der letzte Tiefpunkt \u2013 0,98 Pfund je Euro von Anfang 2009, auf dem H\u00f6hepunkt der Finanzkrise \u2013 ist ja noch um Einiges vom heutigen Kurs von 0,86 entfernt. Wenn es nach den fundamentalen Faktoren des Pfundkurses ginge, k\u00f6nnte demn\u00e4chst durchaus die Parit\u00e4t zum Euro erreicht werden: Das Defizit in der Leistungsbilanz bel\u00e4uft sich auf 6,5 Prozent des nominalen BIP, das Defizit im Staatshaushalt auf 3,5 Prozent, und expansive finanzpolitische Ma\u00dfnahmen sind bereits in der Pipeline.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Bank of England passt ein schwacher Wechselkurs gut ins Bild, weil eine neue Rezession, wie sie jetzt allgemein vorhergesagt wird, das Deflationsrisiko wieder erh\u00f6ht. Eine Abwertung wirkt tendenziell inflation\u00e4r, ist also erw\u00fcnscht. Die Bank ist daher dabei, ihre Z\u00fcgel noch einmal deutlich zu lockern. So erwartet etwa die britische Investment Bank Barclays, dass die Leitzinsen am 4. August von 0,5 Prozent auf Null gesenkt werden. Die Notenbank wird alles tun, damit es zu keinen Engp\u00e4ssen bei der Liquidit\u00e4t und der Kreditvergabe der Banken kommt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9704 size-full\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2016\/07\/Pfund-Euro_Wechselkurse_tgl_seit_2007.gif\" alt=\"Brexit l\u00e4sst die meisten M\u00e4rkte kalt\" width=\"573\" height=\"328\" \/><\/p>\n<p>An den britischen Bondm\u00e4rkten ist es angesichts dieser Aussichten derweil zu einer richtigen Rallye gekommen. Am Tag des Brexit betrugen die Renditen der zehnj\u00e4hrigen Staatsanleihen 1,37 Prozent \u2013 heute, also nach noch nicht einmal zwei Wochen \u2013 haben sie 0,77 Prozent erreicht. Die Deflationsangst geht um (trotz der Pfundabwertung).<\/p>\n<p>Bondrallyes gibt es im \u00dcbrigen auch in anderen L\u00e4ndern. In Deutschland verzinsen sich die Zehnj\u00e4hrigen inzwischen mit minus 0,18 Prozent, nachdem Mitte Juni erstmals die Nulllinie erreicht worden war. Dass die Konjunktur gut l\u00e4uft und es erste Anzeichen daf\u00fcr gibt, dass sich die Inflation von L\u00f6hnen und Verbraucherpreisen beschleunigt, ist bei den Marktteilnehmern noch nicht angekommen. Erst einmal setzen sie darauf, dass die EZB ihre Politik wegen der neuen Rezessionsgefahren weiter lockern wird. Davon profitieren die Bundesanleihen, ebenso wie von der Tatsache, dass sie als relativ sicher gelten. Es gibt ja nicht mehr viele andere Wertpapiere, die beim Rating ein dreifaches A aufweisen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9705 size-full\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2016\/07\/10j-Renditen_DE_UK_tgl_bis_20160705.gif\" alt=\"Brexit l\u00e4sst die meisten M\u00e4rkte kalt\" width=\"572\" height=\"345\" \/><\/p>\n<p>In den USA sind die Bondrenditen erstaunlicherweise ebenfalls ins Rutschen gekommen. Dabei hat die Fed ihr Ankaufsprogramm f\u00fcr Bonds schon l\u00e4ngst eingestellt und wird es vermutlich auch nicht mehr reaktivieren. In den vergangenen Monaten gab es jedoch schlechte Nachrichten vom Arbeitsmarkt, und ein sich selbst tragender Aufschwung ist auf einmal nicht mehr in Sicht. Eigentlich sollten die Leitzinsen in den kommenden Monaten mehrmals erh\u00f6ht werden, das scheint aber vom Tisch zu sein. Da nur vier Prozent der amerikanischen Exporte auf Gro\u00dfbritannien entfallen, ist der realwirtschaftliche Effekt des Brexit auf die US-Konjunktur nur ein weiterer Vorwand, die expansive Geldpolitik beizubehalten.<\/p>\n<p>Noch gehen die meisten Analysten davon aus, dass die amerikanische Inflationsrate am Jahresende bei \u00fcber zwei Prozent liegen wird, das scheint aber f\u00fcr die Notenbank weniger ins Gewicht zu fallen als das Risiko, dass es im weiteren Verlauf des Jahres zu einer Rezession kommt. W\u00e4re sie nach sieben Jahren Aufschwung nicht ohnehin allm\u00e4hlich f\u00e4llig? Am US-Bondmarkt jedenfalls wird \u00e4hnlich gedacht: Seit dem Brexit sind die Renditen der zehnj\u00e4hrigen Treasuries um 30 Basispunkte auf 1,35 Prozent gefallen. \u00dcbrigens ist auch am amerikanischen Aktienmarkt nichts von den Effekten der britischen Volksabstimmung zu bemerken \u2013 die Kurse bewegen sich kaum.<\/p>\n<p>Die Akteure an den \u00d6lm\u00e4rkten hat Brexit ebenfalls kalt gelassen. Nach wie vor pendelt der Preis f\u00fcr ein Fass der Sorte Brent zwischen 46 und 49 Dollar, ohne eine klare Tendenz. Ich vermute allerdings, dass er demn\u00e4chst der Tendenz nach eher sinken als steigen wird, weil die Weltkonjunktur per saldo an Dynamik zu verlieren scheint.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9706 size-full\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/files\/2016\/07\/Rohoelpreis_Brent_tgl_seit_2014.gif\" alt=\"Brexit l\u00e4sst die meisten M\u00e4rkte kalt\" width=\"561\" height=\"324\" \/><\/p>\n<p>Warum also hat der Brexit bisher so wenig nachhaltige Spuren an den M\u00e4rkten hinterlassen? Es kann nicht nur damit zu tun haben, dass das Vereinigte K\u00f6nigreich wirtschaftlich ein so geringes Gewicht hat \u2013 der Internationale W\u00e4hrungsfonds sch\u00e4tzt seinen Anteil am globalen BIP auf 2,9 Prozent \u2013 oder dass die \u00fcberf\u00e4llige Abwertung des Pfunds die britische Konjunktur stimulieren wird. Wichtiger d\u00fcrfte sein, dass es am Ende doch nicht zu einem Austritt aus der Europ\u00e4ischen Union kommen wird. Der Bev\u00f6lkerung wird zunehmend bewusst, dass die Vorteile eines solchen Schritts vor allem theoretischer Natur sind, die wirtschaftlichen Nachteile dagegen auf der Hand liegen. Deshalb haben Cameron, Farage und Johnson, die dem Land den Brexit eingebrockt hatten, inzwischen geradezu fluchtartig das Schlachtfeld verlassen.<\/p>\n<p>Jetzt sind die Verfassungsrechtler am Zuge. Sie d\u00fcrften argumentieren, dass eine solche f\u00fcr die Nation existenziell wichtige Frage wie die Zugeh\u00f6rigkeit zur EU nicht durch eine knappe und daher vielleicht zuf\u00e4llige Mehrheit entschieden werden darf. 60 Prozent oder sogar zwei Drittel der Wahlberechtigten h\u00e4tten einem solch folgenreichen Schritt schon zustimmen m\u00fcssen. Zudem ist nicht klar, ob eine Regierung ohne eine Mehrheit im Parlament den Austritt aus der EU beschlie\u00dfen darf. Offenbar m\u00f6chten die meisten Mitglieder des Unterhauses in der EU bleiben. Da der Beitrittsvertrag vor 43 Jahren ja durch das Parlament ratifiziert worden war, liegt es nahe, dass es auch \u00fcber den Austritt bestimmen muss. Klar ist, dass das Ergebnis des Referendums in einer repr\u00e4sentativen Demokratie lediglich empfehlenden Charakter hat, das Parlament also nicht bindet.<\/p>\n<p>Es k\u00f6nnte darauf hinauslaufen, dass der Austritt immer wieder verschoben und am Ende abgeblasen wird. F\u00fcr die EU w\u00e4re es dann am Ende vor allem ein Weckruf gewesen. Ein &#8222;immer weiter so&#8220; darf es nicht geben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Panik keine Spur! Was die Realwirtschaft Gro\u00dfbritanniens, Eurolands und der OECD insgesamt angeht, sind alle Prognosen, die ich in den vergangenen Tagen gesehen habe, stark nach unten revidiert worden, aber zumindest an den Aktienm\u00e4rkten hat sich davon bisher niemand beeindrucken lassen. Ein Einbruch der Gewinne wird nicht erwartet. 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