{"id":1311,"date":"2008-09-23T00:16:23","date_gmt":"2008-09-22T22:16:23","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2008\/09\/23\/zukunftsneid-warum-glaubt-niemand-mehr-an-den-fortschritt_1311"},"modified":"2008-09-23T00:16:23","modified_gmt":"2008-09-22T22:16:23","slug":"zukunftsneid-warum-glaubt-niemand-mehr-an-den-fortschritt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2008\/09\/23\/zukunftsneid-warum-glaubt-niemand-mehr-an-den-fortschritt_1311","title":{"rendered":"Zukunftsneid. Warum glaubt niemand mehr an den Fortschritt?"},"content":{"rendered":"<p>\u00a0Mein Beitrag aus dem <a href=\"http:\/\/www.online-merkur.de\/\">aktuellen Heft des Merkur<\/a>:<\/p>\n<p>\tWenn ich die Selbstauskunft der britischen Zeitschrift <em>The Economist<\/em> lese, packt mich jedes Mal der Neid: \u00bbDiese Zeitung\u00ab, steht da, wird seit dem Jahr 1843 ver\u00f6ffentlicht, \u00bbum teilzunehmen an dem harten Wettstreit zwischen der Intelligenz, die vorw\u00e4rts dr\u00e4ngt, und einer unwerten, \u00e4ngstlichen Ignoranz, die unseren Fortschritt verhindert\u00ab. Das altliberale Bekenntnis des <em>Economist <\/em>mit seiner in 165 Jahren ungebrochen k\u00e4mpferischen Fortschrittsidee, die sich in gro\u00dfer Selbstverst\u00e4ndlichkeit gegen \u00bb\u00e4ngstliche Ignoranz\u00ab stellt, macht mich eifers\u00fcchtig.<\/p>\n<p>\tWarum es solche progressiv-liberale Selbstgewissheit hierzulande \u2013 jedenfalls als bedeutsame politische Str\u00f6mung \u2013 nie gegeben hat und vielleicht auch niemals geben kann, muss an dieser Stelle nicht erkl\u00e4rt werden. Nur so viel: Im selben Jahr 1843, in dem der schottische Hutmacher und sp\u00e4tere Parlamentsabgeordnete James Wilson den <em>Economist <\/em>gr\u00fcndete, um Freihandel und gesellschaftlichen Liberalismus zu propagieren, reiste Heinrich Heine durchs winterliche Deutschland, dessen R\u00fcckst\u00e4ndigkeit er im darauffolgenden Jahr sein sarkastisches Denkmal setzte. Der erste <em>Economist<\/em> und <em>Deutschland. Ein Winterm\u00e4rchen <\/em>sind Gr\u00fcndungsdokumente zweier Gestalten des Liberalismus: offener Kampf f\u00fcr den Fortschritt dort, elegisch-bittere Klage \u00fcber seine Verhinderung hier.<\/p>\n<p>\tWer in den \u00e4ngstlichen und am Ende zunehmend verbitterten siebziger und achtziger Jahren des 20.\u00a0Jahrhunderts aufgewachsen ist, f\u00fcr den wird das Wort \u00bbFortschritt\u00ab wohl f\u00fcr immer einen verbotenen und leicht frivolen Klang behalten. Merkw\u00fcrdig ist das allerdings: Denn man legte damals ja eigentlich gro\u00dfen Wert darauf, als \u00bbprogressiv\u00ab zu gelten. Doch zu den \u00bbProgressiven\u00ab zu geh\u00f6ren bedeutete, auf den Fortschritt in Wissenschaft und Technik herabzuschauen und sich \u00fcber den \u00bbFortschrittsglauben\u00ab der Zeit zu mokieren.<\/p>\n<p>\tDas war nicht immer so gewesen. <!--more-->In den ersten Nachkriegsjahrzehnten glaubte man eine Weile lang an die Unteilbarkeit der Moderne als \u00e4sthetisches, gesellschaftliches und technisch-industrielles Projekt. Irgendwo in der Mitte der siebziger Jahre war dieser Glaube abhanden gekommen. Das war mehr als eine Zeitgeistwendung. Denn auf eine unheimliche Weise haben wir diese siebziger Jahre nie mehr verlassen. Die verschiedenen Str\u00e4nge der Moderne konnten, einmal aufgedr\u00f6selt, nicht wieder zusammengef\u00fchrt werden. Und was als Fortschrittsskepsis einer kleinen Avantgarde begann, ist zum gesellschaftlichen Mainstream geworden. Es geht dabei nicht nur um deutsche Mentalit\u00e4tsgeschichte, auch wenn sich in dem Land, das mit der Geschichtsphilosophie auch den Kulturpessimismus hervorgebracht hat, die Dinge zweifellos besonders verdichten.<\/p>\n<p>\tDenn in den siebziger Jahren fand \u00fcberall in der westlichen Welt parallel eine folgenreiche Entwicklung statt \u2013 die Entkopplung des Wohlstands vom Wohlbefinden. Der amerikanische Publizist Gregg Easterbrook nennt dies \u00bbdas Fortschrittsparadox\u00ab: Die Menschen f\u00fchlen sich schlechter, obwohl sie ein besseres Leben f\u00fchren.<sup><a href=\"http:\/\/www.online-merkur.de\/seiten\/lp200809d.php#1\">(1)<\/a><\/sup> Mit dem Wohlstand nimmt der Pessimismus zu.<\/p>\n<p>\tWir haben von allem immer mehr in unserem Leben, mit einer Ausnahme: Gl\u00fcck. In den westlichen Industriel\u00e4ndern hat sich der materielle Lebensstandard in den letzten f\u00fcnf Jahrzehnten, gemessen an den inflationsbereinigten Einkommen, verdoppelt bis verdreifacht. Und nicht nur die gesteigerte Kaufkraft spricht f\u00fcr eine allgemeine Verbesserung der Lebensbedingungen. Auch der Gesundheitszustand, die Lebenserwartung, die Bildungschancen, die soziale und physische Mobilit\u00e4t sowie die Sicherheit des durchschnittlichen Menschen der westlichen Welt sind auf einem historischen H\u00f6chststand. Zwischen den Geschlechtern geht es gerechter zu als je zuvor. Die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit in den westlichen L\u00e4ndern kann bis ins hohe Alter ein selbstbestimmtes Leben f\u00fchren. Und so weiter, und so fort. Doch warum \u00fcbersetzt sich all dies nicht in das Gef\u00fchl des Fortschritts? Im Gegenteil: Das Goldene Zeitalter, von dem fr\u00fchere Generationen tr\u00e4umten, ist hier und jetzt. Doch in den letzten f\u00fcnf Jahrzehnten hat der Anteil der Bev\u00f6lkerung, der sich als gl\u00fccklich beschreibt, nicht weiter zugenommen. Im Gegenzug werden immer mehr Depressionserkrankungen und stressinduzierte Krankheiten verzeichnet.<\/p>\n<p>\tEasterbrook f\u00fchrt eine Reihe brauchbarer Theorien an, um das Fortschrittsparadox aufzul\u00f6sen. Da w\u00e4re zun\u00e4chst die \u00bbRevolution der befriedigten Erwartungen\u00ab: Die meisten Menschen beurteilen ihre Lage nicht nach dem Stand der Dinge, sondern auf der Grundlage ihrer Hoffnungen oder \u00c4ngste. Das mag erkl\u00e4ren, warum bei vielen Meinungsumfragen heute die Mehrheit der Aussage zustimmt, die Eltern h\u00e4tten es \u00bbzu ihrer Zeit besser gehabt\u00ab und die eigenen Kinder w\u00fcrden wohl in einer noch schlechteren Gesellschaft aufwachsen m\u00fcssen. Die Nachkriegsgesellschaften des Westens waren guten Mutes, dass die Kinder es einmal besser haben w\u00fcrden. Und sie hatten recht: Die Kinder haben es tats\u00e4chlich besser. Nicht zuletzt dies freilich macht sie verzagt. Sie haben im Vergleich zu ihren Eltern (nicht zuletzt durch deren Vorarbeit) so vieles erreicht, dass es ihnen schwerf\u00e4llt, zu erwarten, die Zukunft k\u00f6nnte abermals mehr bringen.<\/p>\n<p>\tDies f\u00fchrt zur zweiten Erkl\u00e4rung des Fortschrittsparadoxes: \u00bbZusammenbruchsangst\u00ab. Die Kinder der Aufsteiger, die es unbedingt einmal besser haben sollten, haben gelernt, sich vor dem Mehr zu f\u00fcrchten, das ihren Eltern ungebrochen erstrebenswert schien. Der Verdacht, dass sich ihr hoher Lebensstandard und die gro\u00dfe pers\u00f6nliche Freiheit auf Dauer nicht aufrechterhalten lassen, sitzt tief in den K\u00f6pfen und Herzen der Bewohner des Westens. Wir f\u00fcrchten globale Erw\u00e4rmung, Terrorismus, entfesselte Gentechnik, neue Seuchen, den Aufstieg Chinas und die Dekadenz der eigenen Gesellschaft. \u00bbNachhaltigkeit\u00ab ist das dunkle Wort, in dem sich die \u00c4ngste vor dem Kollaps verdichten. Es ist auch das Codewort f\u00fcr die Gegenstrategie. Ein befl\u00fcgelndes Wort der Hoffnung und des Aufbruchs ist es nicht.<\/p>\n<p>\tEin Hauptfaktor des Unbehagens im fortschrittlichen Alltag ist die Selbstwertobsession. Eine Kultur wie unsere, deren Programm es ist, den Selbstwert der Menschen zu heben, macht sie gerade dadurch anf\u00e4lliger f\u00fcr Depressionen. Selbsthilfeliteratur und eine ganze Industrie von Therapeuten predigen das vollkommen unrealistische Ideal eines Lebens in permanenter ausgeglichener Zustimmung zu sich selbst. Die Menschen werden angehalten, alles und jedes in Bezug zu ihrem Selbstwert zu setzen. Eine Gehaltserh\u00f6hung, ein Misserfolg, ein Liebesungl\u00fcck, eine Ablehnung, ja auch das neue Auto \u2013 alles muss im Hinblick auf die Selbstachtung beobachtet, bewertet, eingeordnet werden: Was macht das mit mir, was sagt das \u00fcber mich? Und wer dabei nicht dauernd zufrieden strahlt, hat nicht einfach einen schlechten Tag erwischt. Er hat ein Selbstwertproblem und wird ermuntert, sich zu fragen, ob etwas grundlegend mit seinem Leben falsch l\u00e4uft.<\/p>\n<p>\tEs gibt noch eine Reihe weiterer Vermutungen, wie sich die schlechte Laune im Schlaraffenland erkl\u00e4ren l\u00e4sst. Erstens scheint es eine evolution\u00e4re Selektion zugunsten des Negativismus zu geben. Die Gen\u00fcgsamen und Selbstzufriedenen bringen es meist nicht weit. Das Gl\u00fcck ist mit den Unzufriedenen, die allerdings mit Gereiztheit und Gestresstheit f\u00fcr ihre Erfolge bezahlen m\u00fcssen. Aus dem gleichen Grund scheint uns eine alte Konditionierung zu treiben, den \u00dcberfluss zu leugnen, in dem wir im Vergleich zu unseren Vorfahren leben. Statt uns an ihnen zu messen, vergleichen wir uns mit den Nachbarn, die an uns vorbeizuziehen drohen. Vergleichsstress ist einer der wichtigsten Gr\u00fcnde f\u00fcr die Entkopplung von Wohlstand und Wohlergehen. Bei steigenden Einkommen tritt bei jeder Anschaffung tendenziell der Vergleichsgesichtspunkt in den Vordergrund. Die Leute fragen sich immer weniger, ob ihr Haus ihren Bed\u00fcrfnissen entspricht. Es kommt jetzt mehr darauf an, ob es sch\u00f6ner als das der Nachbarn ist. Dieses Spiel hat notwendigerweise viele Verlierer. Der erste BMW in einer Stra\u00dfe zieht noch alle Augen auf sich. Der zehnte f\u00fchlt sich f\u00fcr seinen Besitzer schon so allt\u00e4glich an wie ein VW K\u00e4fer in den sechziger Jahren.<\/p>\n<p>\tVergleichsstress ist auch einer der Hauptgr\u00fcnde f\u00fcr die ostdeutsche Misere. Er verg\u00e4llt selbst noch denen die eigenen Erfolge, die nicht als Arbeitslose durch das Selbstachtungsraster gefallen sind. Die Lebensumst\u00e4nde der meisten Menschen in Ostdeutschland haben sich nach der Wiedervereinigung objektiv verbessert. Aber weil man sich nun nicht mehr mit Polen und Russen, sondern mit den Westdeutschen vergleicht, h\u00e4lt sich der Gewinn an subjektivem Wohlbefinden in engen Grenzen. Mancher sieht sich dann gar, obwohl er besser dasteht als zuvor, als Verlierer.<\/p>\n<p>\tAber auch ganz ohne frustrierende Vergleiche mit dem Nachbarn stellt sich bei steigendem Wohlstand recht bald ein Grenznutzen ein. Der Aufstieg von der Armut in die Mittelschicht erh\u00f6ht das Gl\u00fccksgef\u00fchl erheblich. Ist das Niveau einer hinreichend abgesicherten Mittelschichtsexistenz einmal erreicht, bringen weitere Zuw\u00e4chse nur unmerklich mehr Lebenszufriedenheit. Fazit: Geldmangel verursacht Ungl\u00fcck, immer mehr Geld bedeutet aber, wer h\u00e4tte es gedacht, nicht automatisch immer mehr Gl\u00fcck. (Allerdings: Wenn man schon ungl\u00fccklich sein muss, dann wohl doch lieber mit Geld \u2013 im Taxi weint es sich einfach besser als in einer vollen U-Bahn.)<\/p>\n<p>\tEs gibt einen eigenen Forschungszweig in den Humanwissenschaften, der sich am Fortschrittsparadox abarbeitet: Die Gl\u00fccksforschung wendet viel Scharfsinn auf, um zu erkl\u00e4ren, warum viele Menschen nicht so gl\u00fccklich sind, wie sie wom\u00f6glich sein k\u00f6nnten, und viele andere geradezu unversch\u00e4mt grundlos gl\u00fccklich. Doch nicht genug damit, sie will uns auch Tipps geben, wie wir gl\u00fccklichere Menschen werden k\u00f6nnen, m\u00f6glichst alle auf einem gleichm\u00e4\u00dfig hohen Niveau. Ihre Rezepte sind von einnehmender Schlichtheit: mehr Zeit mit der Familie oder Freunden verbringen, weniger Fernsehen, Dankbarkeit f\u00fcr die Segnungen des Alltagslebens entwickeln, (sich selbst) vergeben lernen, Freunden etwas Gutes tun. Verheiratete, hei\u00dft es, seien durchschnittlich gl\u00fccklicher als Singles, was nicht zuletzt ihrem aktiveren Sexleben zuzuschreiben sei. Religiosit\u00e4t ist eine ziemlich wirkungsvolle Zutat f\u00fcrs Wohlbefinden. Kinder tragen nach Erkenntnissen der Gl\u00fccksforschung leider nur in den ersten zwei Jahren (und dann erst wieder nach Verlassen des elterlichen Hauses) wesentlich zum Gl\u00fcck bei.<\/p>\n<p>\tAlles hochinteressant! Aber man fragt sich doch, was man mit diesen Erkenntnissen praktisch anfangen soll. Man sollte ja wohl nicht heiraten oder einen Glauben annehmen, nur um sich endlich besser zu f\u00fchlen. Und wer nimmt die Kinder in den sechzehn langen Jahren, in denen sie nur magere Gl\u00fcckseffekte produzieren?<\/p>\n<p>\tDie Gl\u00fccksforschung tr\u00e4umt davon, die L\u00fccke zwischen Wohlstand und Wohlgef\u00fchl zu schlie\u00dfen. Vielleicht sollte man sich lieber fragen, ob das Gl\u00fcck wirklich immer eine so gute Sache ist. Die Datenbest\u00e4nde der Gl\u00fccksforscher bergen da so manchen Grund zur Skepsis. Denn nirgendwo auf der Welt \u2013 dies hat der <em>World Values Survey<\/em> ergeben, der weltweit die Lebenszufriedenheit durch umfangreiche Befragungen erfasst \u2013 haben sich so viele Menschen f\u00fcr \u00bbgl\u00fccklich\u00ab erkl\u00e4rt wie in Nigeria.<\/p>\n<p>\tWer jemals im angeblich \u00bbgl\u00fccklichsten Land der Welt\u00ab war, wird Schwierigkeiten haben, an diese Pointe zu glauben. Teile der Hauptstadt Lagos sind in den H\u00e4nden mordgieriger Banden. Die Regierung z\u00e4hlt zu den korruptesten weltweit. Nichts funktioniert. Der Staat kann niemanden vor Gewalt, Armut und Umweltzerst\u00f6rung sch\u00fctzen. Die Stammesgesellschaft bleibt darum der Referenzpunkt im Leben der meisten. Sechs Prozent der Bev\u00f6lkerung sind an Aids erkrankt, jedes zehnte Baby stirbt vor seinem ersten Geburtstag. Die Einheimischen kommentieren denn auch den nigerianischen Sieg bei der Gl\u00fccksweltmeisterschaft voller Sarkasmus. Reuben Abati, Kommentator der f\u00fchrenden nigerianischen Tageszeitung <em>Guardian<\/em>, schreibt: \u00bbLeichen liegen bei uns an den Stra\u00dfenr\u00e4ndern und verwesen vor sich hin, w\u00e4hrend nebenan ein Imbissstand seine Gesch\u00e4fte macht. Wir m\u00fcssen wirklich ein sehr gl\u00fcckliches Land sein, dass uns dieser Geruch nicht zur Verzweiflung bringt.\u00ab Abati sieht in seinen unersch\u00fctterlich gl\u00fccklichen Landsleuten das eigentliche Problem. Das Geheimnis ihres Gl\u00fccks sei wom\u00f6glich \u00bbdie Gelassenheit, die sich einstellt, wenn ein Menschenleben nichts mehr z\u00e4hlt\u00ab.<\/p>\n<p>\tEin Land voller subjektiv gl\u00fccklicher Menschen muss keineswegs eine lebenswerte Umgebung sein, wie die enorm hohen Auswanderungszahlen Nigerias zeigen. Kann es nicht sogar sein, dass eine hedonistische Kultur wie die nigerianische, die jedermann ermutigt, sich vom allgemeinen Zerfall die Laune nicht vermiesen zu lassen, gerade durch ihre Orientierung auf das Instantgl\u00fcck allgemeines Ungl\u00fcck produziert? Anders gesagt: Kann es sein, dass Gl\u00fcck manchmal schlecht f\u00fcr uns ist?<\/p>\n<p>\tEin gutes Leben ohne Gl\u00fcck ist schwer vorstellbar. Aber offenbar sind subjektives Wohlbefinden und gutes Leben auch nicht einfach ein und dieselbe Sache \u2013 ja sie k\u00f6nnen sogar bittere Feinde sein. Umgekehrt muss man vielleicht auch die schlechte Laune als Ressource wiederentdecken. Ein italienischer Freund, der lange Jahre in Deutschland verbracht hatte, hat es einmal so gesagt: \u00bbWenn ihr Deutschen nicht so abgrundtiefe Pessimisten w\u00e4rt, h\u00e4ttet ihr nicht so viele gute Ingenieure. Was glaubt ihr, warum die italienische Technik so schlecht funktioniert? Weil wir in unserem Optimismus annehmen, dass die Sache schon irgendwie hinhauen wird.\u00ab<\/p>\n<p>\tGl\u00fcckliche Leute sind nicht nur durch einen Hang zu Schlamperei und Selbstzufriedenheit gef\u00e4hrdet, sie neigen auch zu Vorurteilen, wie man aus Untersuchungen amerikanischer Psychologen wei\u00df: Je zufriedener die Probanden mit ihrem Leben waren, umso h\u00f6her ihre Neigung, einen Verd\u00e4chtigen eines Verbrechens f\u00fcr schuldig zu halten, blo\u00df weil er einer Minderheit zugeh\u00f6rt. Gl\u00fcck kann denkfaul und bigott machen. Ambrose Bierce, der gro\u00dfe Sp\u00f6tter, definierte \u00bbGl\u00fcck\u00ab als \u00bbjene angenehme Empfindung, die sich beim Betrachten des Elendes anderer einstellt\u00ab. Nun, so zynisch muss man nicht sein. Aber wenn heute die \u00bbgl\u00fcckliche Gesellschaft\u00ab zum Ziel der Politik erkl\u00e4rt wird, gibt es allemal Grund zur Skepsis. Staatliche Herstellung von Gl\u00fcck \u2013 wer so etwas fordert wie der britische \u00d6konom Richard Layard, \u00fcberfordert die Politik und unterfordert die Menschen.<sup><a href=\"http:\/\/www.online-merkur.de\/seiten\/lp200809d.php#2\">(2)<\/a><\/sup><\/p>\n<p>\tLeider ist irgendwie der Sinn daf\u00fcr verlorengegangen, welch ein Privileg es ist, in einer Gesellschaft zu leben, die das Ungl\u00fccklichsein nicht stigmatisiert wie die totalit\u00e4ren Regime des letzten Jahrhunderts, in denen alle (Volks-)Genossen als Zeichen ihres Einverstandenseins stets gute Miene zu machen hatten. Statt \u00fcber die Entkopplung von Wohlstand und Wohlgef\u00fchl zu klagen, sollte man vielmehr eine Gesellschaft preisen, in der so viele Menschen wie nie zuvor ihr \u2013 im historischen Vergleich recht behagliches \u2013 Ungl\u00fcck pflegen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\tDie ersehnte \u00bbgl\u00fcckliche Gesellschaft\u00ab muss keineswegs eine gute Gesellschaft sein. Eine freie Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie ihren Mitgliedern die Verfolgung des Gl\u00fccks zwar erm\u00f6glicht, sie aber nicht dazu n\u00f6tigt. Das Gl\u00fcck ist eine zu fl\u00fcchtige und scheue Sache, als dass es zum Staatsziel taugen w\u00fcrde. Wer kennt nicht das merkw\u00fcrdige Gef\u00fchl beim Blick aus dem Zugfenster auf eine verschlafene Ortschaft in der Heide, wo sich die Fachwerkh\u00e4user gem\u00fctlich um den Kirchturm schmiegen: \u00bbAch ja, hier wohnt das Gl\u00fcck!\u00ab Und wer kennt nicht die Panik, die einen \u00fcberf\u00e4llt, wenn der Zug dann auf einmal ebendort zum Halten kommt?<\/p>\n<p>\tDie Fixierung auf das Gl\u00fcck und die Diskreditierung des Neuen scheinen zusammenzuh\u00e4ngen. Das Neue und der Fortschritt werden bei uns vor allem unter dem Begriff des Risikos beobachtet und debattiert. Hier gibt es allerdings bemerkenswerte neue Wendungen. Man kann sie etwa an der j\u00fcngsten Neuauflage der Kernenergiedebatte erkennen. Die Verwendung des Risikobegriffs ist im Wandel. Ulrich Beck, der Theoretiker der \u00bbRisikogesellschaft\u00ab, fasste in der <em>Zeit<\/em> vom 3.\u00a0Juli 2008 die Lage folgenderma\u00dfen zusammen: \u00bbBeginnt hier eine Realsatire, erg\u00f6tzlich und schreckensvoll? Ihr neospenglerisches Motiv lautet: Klimakatastrophe und \u00d6lkrise killen Atomkraftrisiko. Die ums Gr\u00fcne bem\u00fchte CDU-Kanzlerin und Physikerin Angela Merkel hat pl\u00f6tzlich etwas \u00fcberraschend Missionarisches. Sie will die Paranoia der Deutschen im Umgang mit der Tschernobyl-Energie \u00fcberwinden und Atomkraft, umgetauft in &gt;\u00d6ko-Energie&lt;, auf dem sich im Zeitalter des Klimawandels und der \u00d6lnot radikal ver\u00e4ndernden Macht-Schachbrett der Energiepolitik neu ins Spiel bringen . . . Die unkalkulierbaren Gefahren, die vom Klimawandel ausgehen, sollen mit den unkalkulierbaren Gefahren, die mit neuen Kernkraftwerken verbunden sind, &gt;bek\u00e4mpft&lt; werden. Bei vielen Entscheidungen \u00fcber Gro\u00dfrisiken geht es nicht um die Wahl zwischen sicheren und riskanten Alternativen, sondern um die Wahl zwischen verschieden riskanten Alternativen, oft um die Wahl zwischen verschiedenen Alternativen, deren Risiken qualitativ unterschiedliche Dimensionen betreffen und kaum vergleichbar sind.\u00ab<\/p>\n<p>\tBeck gesteht zu, dass heutige globale Risiken sich der Kalkulation nach wissenschaftlichen Methoden entziehen und darum \u00bbder kulturelle Glaube an die Wirklichkeit oder Unwirklichkeit des jeweiligen Weltrisikos\u00ab entscheidend sei. Wir haben es mit einem \u00bbZusammensto\u00df der Risikokulturen\u00ab zu tun: \u00bbSo wird die Tschernobyl-Erfahrung in Deutschland anders bewertet als in Frankreich oder Gro\u00dfbritannien, in Spanien oder Italien.\u00ab Das ist noch zu kurz gegriffen: Es sind n\u00e4mlich l\u00e4ngst nicht mehr nur unsere unmittelbaren Nachbarn, deren Blick auf Technologie und Wissenschaft den unsrigen beeinflusst. Die Globalisierung in ihrer heutigen Phase \u2013 gekennzeichnet durch den Aufstieg der nichtwestlichen M\u00e4chte der vormals \u00bbDritten Welt\u00ab wie China, Indien und Brasilien \u2013 relativiert n\u00e4mlich nicht nur die Macht des Westens, sondern auch seine Risikokultur. Eine kulturelle Verschiebung hin zu mehr Risikotoleranz ist schon auf dem Weg.<\/p>\n<p>\tEine erstaunliche Wende. Wer in den letzten Jahrzehnten \u00bbRisiko\u00ab sagte, wollte warnen und zur Beschr\u00e4nkung aufrufen. Nun geht es um das Gegenteil: Die Bereitschaft zum Risiko wird manchmal geradezu zur B\u00fcrgerpflicht erhoben. Wie vorher die Warner, sprechen heute die Propagandisten des neuen Wagemuts die Sprache der moralischen Erziehung. Das Wort \u00bbRisiko\u00ab ist ein zentraler Begriff der gesellschaftlichen Selbstverst\u00e4ndigung hierzulande. Der Risikobegriff markiert eine Schnittstelle zwischen Technik, Politik und Gesellschaft. An seinem ver\u00e4nderten Gebrauch l\u00e4sst sich der Beginn eines Mentalit\u00e4tswandels ablesen.<\/p>\n<p>\tW\u00e4hrend der siebziger und achtziger Jahre wurde in den westlichen L\u00e4ndern \u00fcber Ressourcenknappheit, Gro\u00dfunf\u00e4lle und Umweltsch\u00e4den gestritten. In Deutschland erwuchs aus der erregten Debatte eine Theorie, die das Gefahrenpotential der modernen Gesellschaft als ihr definierendes Moment zu begreifen suchte. Als im Jahr 1986 die Welt auf Tschernobyl und die Challenger-Katastrophe starrte, brachte der damals wenig bekannte Soziologe Ulrich Beck das Gef\u00fchl allgemeiner Bedrohung durch technischen Fortschritt auf den Begriff: \u00bbRisikogesellschaft\u00ab.<sup><a href=\"http:\/\/www.online-merkur.de\/seiten\/lp200809d.php#3\">(3)<\/a><\/sup> Beck beschrieb Risiken als \u00bbAusdruck hochentwickelter Produktivkr\u00e4fte\u00ab. Den Ursprung der Gefahren ortete er nicht mehr im \u00c4u\u00dferen, im Nichtmenschlichen, \u00bbsondern in der historisch gewonnenen F\u00e4higkeit der Menschen\u00ab zur Ver\u00e4nderung und Vernichtung der Reproduktionsbedingungen allen Lebens auf der Erde. Das hie\u00df aber: \u00bbDie Quelle der Gefahren ist nicht Ignoranz, sondern Wissen, nicht fehlende, sondern perfektionierte Naturbeherrschung.\u00ab<\/p>\n<p>\tF\u00fcr Beck hatte die entfesselte Technik in der Risikogesellschaft \u00bbdie Zerst\u00f6rungskraft des Krieges absorbiert, generalisiert und normalisiert\u00ab. Das war eine sehr finstere Sicht der Dinge. Beck machte un\u00fcbersehbar (ohne dies zu konzedieren) Anleihen bei Heideggers Technikphilosophie, die keinen Fortschritt, sondern nur die \u00bbVernutzung\u00ab der Welt durch das technische \u00bbGestell\u00ab zu sehen vermochte. Die Technik f\u00fchrt auch in Becks Sicht einen steten Krieg gegen Gesellschaft und Natur. Heute erscheint diese Bildsprache fast als frivol. Doch angesichts der vielen Toten in Tschernobyl fand man sie seinerzeit nicht \u00fcbertrieben.<\/p>\n<p>\tIn dieser Risikogesellschaft hatten Wissenschaft und Technik den letzten Rest Unschuld eingeb\u00fc\u00dft, Beck konstatierte das \u00bbVersagen der wissenschaftlich-technischen Rationalit\u00e4t\u00ab. Seine Anklage kam in Form eines Double-bind. Wer den technischen Fortschritt propagierte, sollte fortan die Beweislast der Unsch\u00e4dlichkeit tragen. Das Problem war: Wie sollte der Beweis m\u00f6glich sein, wenn die wissenschaftlichen Verfahren samt ihres \u00bbWahrheitsmonopols\u00ab selbst den Schaden verursacht hatten?<\/p>\n<p>\tWer der Wissenschaft misstraute, durfte sich in der Risikogesellschaft a priori im Recht f\u00fchlen \u2013 Beck gab der politischen Angstkultur der Alternativbewegung die sozialwissenschaftlichen Weihen. Mit Blick auf aktuelle Bedrohungen reaktivierte er in der Sprache der Soziologie auch ein Element des Antirationalismus aus der deutschen Ideengeschichte. Wo das Wissen selbst gef\u00e4hrlich geworden war, musste Furcht zur Tugend werden. Hatte schon Martin Heidegger in <em>Sein und Zeit<\/em> behauptet, dass \u00bbIn-der-Welt-Sein wesenhaft Sorge ist\u00ab, so entdeckte sein Sch\u00fcler G\u00fcnther Anders, Vordenker der Anti-Atom-Bewegung, im Schatten der Bombe die Angst als Organ der Wahrheit: \u00bbWir haben unsere Angst zu erweitern\u00ab, schrieb er 1959 in seinen <em>Thesen zum Atomzeitalter<\/em>, \u00bbhabe keine Angst vor der Angst, habe Mut zur Angst. Auch den Mut, Angst zu machen. \u00c4ngstige deinen Nachbarn wie dich selbst.\u00ab<\/p>\n<p>\tDieses Gebot wurde in Deutschland bereitwillig befolgt. Weite Bereiche des gesellschaftlichen Lebens \u2013 von der Gro\u00dftechnologie zur Babymilch, vom Sexualverhalten zu den elektromagnetischen Feldern der Handys \u2013 wurden unter dem Risikoaspekt wahrgenommen. Heute aber wird die Risikogesellschaft sich selbst verd\u00e4chtig. Die Katalysatoren dieses Prozesses sind die wirtschaftliche Krise, der Klimawandel und die absehbare Energieknappheit. Mancher nutzt die Gelegenheit, sich alter Feinde zu entledigen: Wir k\u00f6nnen uns Bedenkentr\u00e4gerei nicht mehr leisten! Weg mit den l\u00e4stigen \u00d6kohysterikern! Dass wir auch ihrer Beharrlichkeit den hohen Standard der Reaktorsicherheit oder die dioxinlose M\u00fcllverbrennung verdanken, passt nicht mehr ins Bild. Beck diagnostiziert eine \u00bbRegression in die konventionelle Fortschrittspolitik der f\u00fcnfziger und sechziger Jahre\u00ab. Er hat nicht v\u00f6llig unrecht damit.<\/p>\n<p>\tAber es ist doch nicht die ganze Geschichte. Denn es gibt auch gute Gr\u00fcnde zur Kritik der Risikoaversion. Mag sein, dass interessierte Lobbyisten f\u00fcr riskante Technologien eine Chance f\u00fcr angstgetriebene Bedenkenlosigkeit wittern. Doch auch in wissenschaftlichen Debatten wird um einen pragmatischeren Risikobegriff gestritten. Ulrich Beck selber fordert heute einen \u00bbneuen Pakt der Unsicherheit\u00ab, in dem Konsense \u00fcber akzeptable Risiken gefunden werden sollen. Und die \u00d6konomen erholen sich vom gro\u00dfen R\u00fcckschlag f\u00fcr die Risikotoleranz der Wirtschaftsb\u00fcrger \u2013 dem Crash der New Economy. Sie versuchen, \u00bbdem Risikobegriff etwas Konstruktives abzugewinnen\u00ab. Die Autoren eines neueren Werks mit dem Titel <em>Risiko\u00f6konomie<\/em>, Birger Priddat und Felix Lowinski, wollen \u00bbdem herrschenden Risiko-Tr\u00fcbsinn\u00ab eine \u00bbgr\u00f6\u00dfere Fehlerfreundlichkeit\u00ab entgegensetzen.<\/p>\n<p>\tDer Bielefelder Soziologe Klaus Peter Japp gibt zu bedenken, dass ein \u00bbRisikoausschaltungsprogramm alle Sorten von kontraproduktiven Effekten generieren\u00ab w\u00fcrde. Eine \u00bbgeneralisierte Innovationsblockade w\u00e4re \u00e4u\u00dferst riskant. Denn woher soll die Gesellschaft dann noch die f\u00fcr die Bek\u00e4mpfung von Krankheiten, Hunger, Armut und Katastrophen n\u00f6tigen Innovationen beziehen, die sie vorher nicht kennen kann?\u00ab Die \u00bbrelative Verantwortungslosigkeit\u00ab der Wissenschaft sei \u00bbdie Grundlage ihres Erfolgs, und niemand sollte sich anheischig machen, verantwortungsethisch begr\u00fcndete Kriterien zu kennen, mit denen in der Gegenwart bereits zwischen &gt;schlechten Risiken&lt; und &gt;guten Innovationen&lt; unterschieden werden k\u00f6nnte\u00ab.<sup><a href=\"http:\/\/www.online-merkur.de\/seiten\/lp200809d.php#4\">(4)<\/a><\/sup><\/p>\n<p>\tEinen Schritt weiter noch geht der britische Soziologe Frank Furedi von der University of Kent. In einem furiosen Pamphlet rechnet er mit der \u00bbKultur der Angst\u00ab ab. Die Unterscheidung von \u00bbguten\u00ab und \u00bbschlechten\u00ab Risiken sei durch die negative Besetzung des Begriffs nahezu unm\u00f6glich geworden. Ein Risiko einzugehen gelte heute schon per se als unverantwortlich.<\/p>\n<p>\tWenn aber das Risiko als etwas angesehen werde, \u00bbdas aus eigenem Recht existiert und nur in minimaler Weise von menschlicher Intervention abh\u00e4ngt, dann ist es am vern\u00fcnftigsten, es von vornherein zu vermeiden. Wie einst die griechischen G\u00f6tter, so existieren heute die Risiken in einer eigenen Welt.\u00ab<sup><a href=\"http:\/\/www.online-merkur.de\/seiten\/lp200809d.php#5\">(5)<\/a><\/sup><\/p>\n<p>\tDiese Risikomythologie m\u00f6chte Furedi entzaubern. Vergeblich sei aber der Versuch, unaufgekl\u00e4rten Laienmeinungen \u00fcber vermeintliche Risiken die rationale Expertensicht \u00fcber wirkliche Risiken gegen\u00fcberzustellen. Dieses Spiel ist sehr oft, allerdings ohne ermutigende Ergebnisse, gespielt worden. Immer wieder hat man die Irrationalit\u00e4t der Gefahrenwahrnehmung des gew\u00f6hnlichen Verbrauchers herausgestellt, der sich partout vor den falschen Dingen f\u00fcrchtet, ohne damit ein Umdenken zu bewirken. Der Rationalismus der Experten mit ihren Wahrscheinlichkeitstabellen geht ebenso an der Sache vorbei wie die Nobilitierung der Angst zum h\u00f6heren Erkenntnisorgan durch die Alarmisten. Wer die Bereitschaft zur Risikoabw\u00e4gung bef\u00f6rdern will, muss erst verstehen, warum bestimmte Gefahren akzeptabel erscheinen und andere als zu riskant abgelehnt werden. Furedi fragt: \u00bbWie sucht sich eine Gesellschaft ihre Probleme aus?\u00ab<\/p>\n<p>\tDiese Frage treibt auch den Soziologen Ortwin Renn von der Akademie f\u00fcr Technikfolgenabsch\u00e4tzung in Stuttgart um. Renn hat in dem Papier <em>Risiken und ihre Rolle in der Gesellschaft<\/em> f\u00fcr die EU-Kommission eine ganze Mythologie der Risikowahrnehmung ausgearbeitet.<sup><a href=\"http:\/\/www.online-merkur.de\/seiten\/lp200809d.php#6\">(6)<\/a><\/sup> Wie sehr bestimmte Risiken die Menschen beunruhigen, h\u00e4ngt nicht nur von objektivierbaren Gr\u00f6\u00dfen wie Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadenspotential ab, sondern auch von anderen Charakteristiken: Ungewissheit, Ubiquit\u00e4t, Dauerhaftigkeit, Sp\u00e4tfolgen, Verletzung des Rechtsempfindens und Mobilisierungspotential. Mit diesen Kriterien fasst Renn Risikotypen zusammen. Er hat ihnen Namen aus der griechischen Sagenwelt gegeben: Damokles, Zyklop, Pythia, Pandora, Cassandra, Medusa.<\/p>\n<p>\tDas Risiko vom Typ Damoklesschwert zeichnet sich durch geringe Eintrittswahrscheinlichkeit und wenig Ungewissheit bei gro\u00dfem Schadenspotential aus. Kernkraftwerke sind das beste Beispiel. Bei allem Wissen \u00fcber die Funktion der Sicherheitssysteme und die Wahrscheinlichkeiten: Allein das Ausma\u00df der m\u00f6glichen Zerst\u00f6rung erregt Furcht und Schrecken. Die Cassandrakategorie, benannt nach der ber\u00fchmten Schwarzseherin, kombiniert ein gro\u00dfes Schadenspotential mit hoher Eintrittsaussicht. Weil zwischen Ursache und Wirkung jedoch ein langer Zeitraum liegt, sind viele Menschen pers\u00f6nlich nicht beunruhigt und bleiben schwer mobilisierbar. Beispiel: die globale Klimaver\u00e4nderung. Im Gegenzug dazu bietet der Typ Medusa \u2013 nach der Gorgonenk\u00f6nigin, deren Anblick alle Menschen zu Stein erstarren lie\u00df \u2013 eher geringe Eintrittswahrscheinlichkeit und niedriges Schadenspotential, allerdings bei Allgegenwart der Gefahrenquelle. Elektromagnetische Felder sind ein Beispiel: Experten versichern mehrheitlich deren Unsch\u00e4dlichkeit, die Menschen sind wegen der Kombination aus Unsichtbarkeit und Ubiquit\u00e4t trotzdem hochbesorgt und mobilisiert.<\/p>\n<p>\tDiese Typologie l\u00e4sst sich noch erweitern. Ulrich Beck spricht gar vom \u00bbKampf der Risikoreligionen\u00ab, um zu erkl\u00e4ren, warum in bestimmten Kulturen gef\u00fcrchtet wird, was man anderswo achselzuckend hinnimmt: Risiken sind Glaubensfragen. Wenn die Politik Risiken erfolgreich managen will, darf sie diese Dimension nicht ignorieren. Ortwin Renn beschreibt das Dilemma der Politik so: Folgt sie beim Risikomanagement den Priorit\u00e4ten von Laien, nimmt sie wom\u00f6glich mehr Leiden in Kauf als n\u00f6tig. Folgt sie blo\u00df dem Rat der Experten, riskiert sie den Verlust \u00f6ffentlicher Unterst\u00fctzung. Renns Untersuchung der Einstellungen zur gr\u00fcnen Gentechnik ergibt: Die Ablehnung hat wenig mit dem Glauben zu tun, man werde nach dem Genuss einer modifizierten Tomate tot umfallen. Das Nein der Gegner speist sich aus der Furcht vor unabsehbaren Sp\u00e4teffekten, Zweifeln am gesellschaftlichen Nutzen, Angst vor der Irreversibilit\u00e4t der Ver\u00e4nderungen, Aversion gegen menschliche Hybris und dem allgemeinen Verdacht gegen Konzerninteressen. Aufkl\u00e4rungskampagnen \u00fcber die Unsch\u00e4dlichkeit solcher Produkte laufen also ins Leere, wenn den Institutionen, die ihre Entwicklung vorantreiben, nicht vertraut wird. Wo Vertrauen fehlt, so Renn, fordert der Verbraucher \u00bbNullrisiko\u00ab.<\/p>\n<p>\tSchwer zu glauben, dass dieses Vertrauen wachsen wird, wenn hierzulande genmanipulierter Mais auf unmarkierten Feldern ausprobiert wird. Damit will die Industrie ihre radikalen Gegner daran hindern, die Versuchsfelder zu verw\u00fcsten. Sie hat wohl keine andere Wahl. Dennoch haben wir es hier mit zwei Typen von Risikoscheu zu tun, die sich wechselseitig steigern: Der Gentechlobby ist das offene Experiment vor aller Augen zu riskant, die Gegner erkl\u00e4ren schon jeden kontrollierten Versuch zum Beginn der Katastrophe. Die Feldverw\u00fcster und die heimlichtuerische Industrie st\u00fctzen sich gegenseitig in diesem Bund der Risikoverweigerer. Was tun? Mit drohendem Unterton mehr Risikofreude einzufordern ist so sinnlos wie ein Befehl zum Lachen. Eine neue \u00bbKultur der Unsicherheit\u00ab (Beck) braucht nicht bedenkenlose, sondern \u00bbrisikom\u00fcndige\u00ab (Renn) Akteure.<\/p>\n<p>\tRisikom\u00fcndigkeit \u2013 die F\u00e4higkeit und Bereitschaft, Gefahren abzuw\u00e4gen und aus gescheiterten Kalk\u00fclen zu lernen, kann sich ohne transparente Verfahren und weitgehende Partizipation nicht bilden. Das Unbehagen am Risiko l\u00e4sst sich durch Standortappelle nicht abschaffen, h\u00f6chstens steigern. Die Sehnsucht nach dem Nullrisiko verstellt Optionen, von denen wir gar nicht wissen k\u00f6nnen, ob wir sie nicht doch noch brauchen. Es geht beim Abschied von der Kultur der Angst aber auch um unser Selbstbild. Um die Frage, wie wir gerne leben und wie wir uns sehen wollen. Der Bewohner der Risikogesellschaft wurde stetig ermutigt, angesichts des drohenden Verh\u00e4ngnisses pr\u00e4ventiv geduckt umherzulaufen \u2013 gewisserma\u00dfen wie ein Opfer auf Abruf. Wer aber m\u00f6chte sich auf Dauer schon gerne so sehen?<\/p>\n<p>\tNirgendwo habe ich die Last der deutschen Risikoreligion so bedr\u00fcckend empfunden wie bei einem Besuch im westchinesischen Chongqing, einer der gro\u00dfen Boomregionen des Landes. Die \u00bbregierungsunmittelbare Stadt\u00ab Chongqing r\u00fchmt sich, mit ihren \u00fcber drei\u00dfig Millionen Einwohnern auf einem Verwaltungsgebiet so gro\u00df wie \u00d6sterreich die gr\u00f6\u00dfte Metropole der Welt zu sein. Auf dem rei\u00dfenden Jangtse fahren abends grell erleuchtete Vergn\u00fcgungsdampfer auf und ab. Die Stadt mit ihrer immer noch wachsenden, an Manhattan erinnernden Skyline ist sich dann selbst das Spektakel. Eines der markantesten Hochh\u00e4user ist eine ziemlich dreiste Kopie des Chrysler Building. Es wirkt merkw\u00fcrdig beruhigend f\u00fcr das irritierte westliche Auge, das sonst nicht viele Orientierungspunkte in diesem unglaublichen Moloch findet. An dem kopierten Chrysler Building findet man Halt. Man beruhigt sich: So lange sie uns noch nachahmen, wird der Aufstieg der Nichtwestler schon nicht so schlimm werden. Aber in Wahrheit ist diese Stadt, in der kaum ein Geb\u00e4ude noch aus der Zeit vor 1980 stammt, keine Kopie westlicher Vorbilder mehr. Sie sieht mit ihren stets regennassen Leuchtreklamen in den Hochhausschluchten so aus, als k\u00e4me sie aus der Zukunft. Sie erinnert unheimlich an das imagin\u00e4re Los Angeles des Jahres 2019 aus Ridley Scotts Science-fiction-Film <em>Blade Runner<\/em>.<\/p>\n<p>\tSchwitzend und ein warmes Dai-Lang-Shian-Bier in der Hand, mit Blick auf die vergn\u00fcgungslustigen Einheimischen, w\u00e4hrend das Ausflugsschiff mit voller Kraft gegen die schlammigen Fluten des Yangtse arbeitet, erwischt man sich bei schwarzen Gedanken: \u00bbWartet nur! Erst wenn der letzte Baum gef\u00e4llt, der letzte Fluss vergiftet und der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man sauren Regen nicht trinken kann.\u00ab Aber das k\u00f6nnte auch einfach ein Anfall von Zukunftsneid sein: Eifersucht auf den unb\u00e4ndigen Optimismus der Chinesen und ihre beneidenswerte Gewissheit, dass das Neue f\u00fcr sie auch das Gute sein wird.<\/p>\n<table>\n<tr>\n<td colspan=\"2\"><strong>Anmerkungen<\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Mein Beitrag aus dem aktuellen Heft des Merkur: Wenn ich die Selbstauskunft der britischen Zeitschrift The Economist lese, packt mich jedes Mal der Neid: \u00bbDiese Zeitung\u00ab, steht da, wird seit dem Jahr 1843 ver\u00f6ffentlicht, \u00bbum teilzunehmen an dem harten Wettstreit zwischen der Intelligenz, die vorw\u00e4rts dr\u00e4ngt, und einer unwerten, \u00e4ngstlichen Ignoranz, die unseren Fortschritt verhindert\u00ab. 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