{"id":1312,"date":"2008-09-26T17:52:42","date_gmt":"2008-09-26T15:52:42","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2008\/09\/26\/muslime-in-deutschland-hoch-religios-und-tolerant_1312"},"modified":"2008-09-26T17:52:42","modified_gmt":"2008-09-26T15:52:42","slug":"muslime-in-deutschland-hoch-religios-und-tolerant","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2008\/09\/26\/muslime-in-deutschland-hoch-religios-und-tolerant_1312","title":{"rendered":"Muslime in Deutschland: hoch religi\u00f6s und tolerant"},"content":{"rendered":"<p>Ja, liebe Mitblogger, Sie lesen richtig. Dies ist jedenfalls das Ergebnis einer ersten umfassenden <a href=\"http:\/\/www.bertelsmann-stiftung.de\/cps\/rde\/xchg\/SID-0A000F0A-B8460401\/bst\/hs.xsl\/nachrichten_90459.htm\">Meinungsumfrage, die seit heute vorliegt<\/a>.<\/p>\n<p>\tDie Bertelsmann Stiftung hat endlich getan, was hier schon seit langen gefordert wird: Die Einstellungen der in Deutschland lebenden Muslime einmal repr\u00e4sentativ zu erfragen. Vielleicht kommen wir so aus dem rein Anekdotischen und aus den wechselseitigen Projektionen heraus.<\/p>\n<p>\tIm folgenden einige der interessantesten Ergebnisse:<\/p>\n<p>\t<em>&#8222;Danach sind 90% der in Deutschland lebenden Muslime religi\u00f6s, davon 41% sogar hochreligi\u00f6s. 5% sind nichtreligi\u00f6s. Im Vergleich dazu sind in der\u00a0 gesamtdeutschen Bev\u00f6lkerung 70% religi\u00f6s (18% davon hochreligi\u00f6s) und 28% nichtreligi\u00f6s.&#8220; <\/em><\/p>\n<p>\tDies ist bekanntlich\u00a0 seit langem meine Rede: Mit den Muslimen liegt die Religion als \u00f6ffentliches Thema wieder auf dem Tisch, und das blosse Faktum hoher Religi\u00f6sit\u00e4t einer signifikanten Gruppe ist f\u00fcr unsere Gesellschaft ein gewisser Stein des Ansto\u00dfes.<\/p>\n<p>\t<em>&#8222;Dabei zeigen sich erhebliche Unterschiede zwischen den Angeh\u00f6rigen der verschiedenen muslimischen Glaubensrichtungen und bez\u00fcglich ihrer nationalen Herkunft bzw. dem ethnisch-kulturellen Hintergrund. So ist Religiosit\u00e4t unter den hier lebenden Sunniten besonders ausgepr\u00e4gt. Von ihnen werden 92% als religi\u00f6s und 47% sogar als hochreligi\u00f6s eingestuft. Unter den Schiiten sind 90% religi\u00f6s (29% hochreligi\u00f6s) w\u00e4hrend unter den Aleviten 77% Religi\u00f6se (12% Hochreligi\u00f6se) identifiziert wurden. Zum Vergleich l\u00e4sst sich f\u00fcr die christlichen Konfessionen in Deutschland festhalten, dass 84% der Katholiken und 79% der Protestanten (mit einem Anteil von 27% bzw. 14% Hochreligi\u00f6sen) religi\u00f6s sind. Bei der Unterteilung nach Sprachgruppen zeigt sich die h\u00f6chste religi\u00f6se Pr\u00e4gung bei T\u00fcrkisch- und Arabischsprachigen mit jeweils 91%. Unter den Angeh\u00f6rigen der Bosnischst\u00e4mmigen liegt sie mit 85% und bei der persischen Sprachgruppe mit 84% etwas niedriger. Der h\u00f6chste Anteil an Hochreligi\u00f6sen findet sich mit 44% unter den t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Muslimen.&#8220; <\/em><\/p>\n<p>\tSehr gut, dass diese Unterschiede hier einmal benannt werden. Den deutschen Muslim gibt es nicht.<\/p>\n<p>\t<em>&#8222;Ein uneinheitliches Bild zeigt sich bei der Unterteilung nach Alter und Geschlecht. Mit zunehmendem Alter verringert sich die Intensit\u00e4t des Glaubens. Da es sich bei der Studie um eine Momentaufnahme handelt, lassen sich daraus allerdings keine Trends ableiten; ein Vergleich beispielsweise der Altersgruppen beschreibt damit nur die aktuelle religi\u00f6se Pr\u00e4gung der repr\u00e4sentativ befragten Personen. Bei den unter 30-J\u00e4hrigen glauben 80% stark an einen Gott oder an ein Leben nach dem Tod, bei den \u00fcber 60-J\u00e4hrigen sind es 66%. Muslimische Frauen besch\u00e4ftigen sich intensiver mit ihrer Religion als M\u00e4nner (54% zu 38%). Zudem nimmt das pers\u00f6nliche Gebet f\u00fcr Frauen mit 79% einen h\u00f6heren Stellenwert ein als f\u00fcr M\u00e4nner (59%). Die \u00f6ffentliche Praxis hingegen ist der Bereich der M\u00e4nner; f\u00fcr 51% der muslimischen M\u00e4nner ist die Teilnahme am Gemeinschaftsgebet sehr wichtig, allerdings nur f\u00fcr 21% der Muslimas.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>\tDas ist ein deutlicher Unterschied etwa zur katholischen Kirchgangspraxis. In der Kirche, zumal am Wochentag, sind die Frauen vorherrschend. Bei den Evangelischen ist das ganz \u00e4hnlich. Die evangelischen Kirchen haben deutlich mehr engagierte Frauen.<\/p>\n<p>\t<em>&#8222;34% der Muslime nehmen mindestens einmal im Monat am Gemeinschafts- bzw. Freitagsgebet teil. Im Vergleich dazu besuchen in der christlichen Bev\u00f6lkerung Deutschlands 33% der Katholiken und 18% der Protestanten mindestens einmal im Monat einen Gottesdienst. Das pers\u00f6nliche Gebet praktizieren 60% der Muslime t\u00e4glich; dem f\u00fcnfmaligen Pflichtgebet in vollem Umfang kommen 28% nach. Im Vergleich dazu beten 36% der Katholiken und 21% der Protestanten in Deutschland mindestens einmal am Tag.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>\tMit anderen Worten: Es gibt eine h\u00f6here pers\u00f6nliche Fr\u00f6mmigkeit im Vergleich zu den Christen, aber keine wesentlich st\u00e4rkere Anbindung an die Moschee. Ich halte das f\u00fcr eine gute Nachricht.<\/p>\n<p>\t<em>&#8222;Mit Blick auf\u00a0 die Konsequenzen der Religiosit\u00e4t f\u00e4llt die unterschiedliche Akzentsetzung bei der Beachtung religi\u00f6ser Vorschriften auf. Das Verbot des Verzehrs von Schweinefleisch wird von 86% nach eigenen Angaben eingehalten. 58% geben an, niemals Alkohol zu trinken. W\u00e4hrend auch das Fasten im Ramadan, die Pilgerfahrt, die Pflichtabgabe, die Speisevorschriften oder die rituellen Reinheitsgebote von zwei Dritteln aller Muslime als ziemlich oder sehr wichtig angesehen werden, gilt dies f\u00fcr Bekleidungsvorschriften nur bei 36%. Das Kopftuchtragen lehnt eine Mehrheit von 53% ab, bei einer Zustimmung von 33%.&#8220; <\/em><\/p>\n<p>\tUnd dies hier finde ich geradezu einen Hammer: Eine Mehrheit hierzulande unter den Muslimen lehnt das Kopftuchtragen ab! Von Nikab, Tschador etc ganz zu schweigen. Ein Drittel stimmt zu. Nat\u00fcrlich hat das mit dem hohen Anteil von T\u00fcrken hierzulande zu tun, mit den Atat\u00fcrk-Muslimen, f\u00fcr die wir dankbar sein sollten. Diese Fakten sollten zu einer deutlichen Entdramatisierung unserer kulturk\u00e4mpferischen Debatten ums Kopftuch beitragen. Bemerkenswert auch die Zahl zum Alkohol: 58 % behaupten, sie trinken keinen Alkohol. Und dabei ist das doch Meinung der Muftis und nach Meinung der Islamkritiker-Ayatollahs eine unverhandelbare und unwandelbareVorschrift. Denkste. Der deutsche Muslim macht, wie er es f\u00fcr richtig h\u00e4lt. Die Sache mit dem Schweinefleisch ist offenbar einfacher durchzuhalten als das Nichttrinken.<\/p>\n<p>\t<em>&#8222;Dabei ist die Zustimmung zum Kopftuch bei den Frauen h\u00f6her als bei den M\u00e4nnern (38% zu 28%) und bei den 18- bis 29-J\u00e4hrigen h\u00f6her als bei den \u00fcber 60-J\u00e4hrigen (34% zu 27%).&#8220;<\/em><\/p>\n<p>\tWie deuten wir das? Ist das Gehrinw\u00e4sche oder Gruppenzwang? Nein, das Kopftuch ist zu einem Symbol der Identit\u00e4t geworden, aus vielerlei Gr\u00fcnden. Die Ideologen des Neomuslimseins unter den Muslimen haben daran mitgearbeitet. Und unsere aggressive Debatte und die schlechte Absorptionsf\u00e4higkeit unserer Gesellschaft war dabei leider eine gro\u00dfe Hilfe.<\/p>\n<p>\t<em>&#8222;Der pers\u00f6nliche Glaube hat f\u00fcr viele Muslime auch unmittelbare Auswirkungen auf die Einstellung zu bestimmten Lebensbereichen. F\u00fcr die Mehrheit insbesondere auf die Kindererziehung, den Umgang mit der Natur, mit Krankheit, Lebenskrisen oder wichtigen Lebensereignissen in der Familie. Nur f\u00fcr eine Minderheit spielt die Religion dagegen eine wichtige Rolle bei der Wahl des Ehepartners, f\u00fcr die Partnerschaft, Sexualit\u00e4t, Arbeit und Freizeit. Vor allem f\u00fcr die politische Einstellung ist die Religiosit\u00e4t wenig ma\u00dfgeblich. Hier sagen nur 16%, der Glaube habe f\u00fcr sie bedeutenden Einfluss. 65% lehnen beispielsweise eine eigene islamische Partei ab.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>\tNoch ein beruhigender Befund. Es gibt eine Art innerliche Trennung von Moschee und Staat. Und ein Gro\u00dfteil der Muslime hier ist auf dem Weg in eine innerliche Fr\u00f6mmigkeit. Von liberal-protestantischer Seite gesprochen: Willkommen im Club.<\/p>\n<p>\t<em>&#8222;Insgesamt, so die Erkenntnis der Studie der Bertelsmann Stiftung, ist die hohe Religiosit\u00e4t der Muslime in Deutschland gepaart mit einer sehr pluralistischen und toleranten Einstellung: 67% der Muslime bejahen f\u00fcr sich, dass jede Religion einen wahren Kern hat, unter den Hochreligi\u00f6sen mit 71% sogar etwas mehr. 86% finden, man sollte offen gegen\u00fcber allen Religionen sein. Nur 6% finden dies nicht. Alter, Geschlecht, Migrationshintergrund oder Glaubensrichtung sind auch bei diesem Inhalt nicht relevant. 24% aller Muslime sind der Ansicht, dass in religi\u00f6sen Fragen ihre eigene Religion vor allem Recht hat und andere Religionen eher Unrecht haben, 52% stimmen dieser Aussage nicht zu. Nur eine Minderheit von 31% der in Deutschland lebenden Muslime glaubt, dass vor allem Muslime zum Heil gelangen.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>\tDas ist eine gro\u00dfe Minderheit. Aber 86 %, die f\u00fcr Offenheit sind &#8211; das ist eine Best\u00e4tigung f\u00fcr meine hier schon oft zum Besten gegebene Meinung, dass Menschen, die hoch religi\u00f6s sind, sehr oft auch anderer Menschen Glauben respektieren k\u00f6nnen. Und dies gilt offenbar f\u00fcr Muslime im Westen genauso wie f\u00fcr Christen oder Juden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ja, liebe Mitblogger, Sie lesen richtig. Dies ist jedenfalls das Ergebnis einer ersten umfassenden Meinungsumfrage, die seit heute vorliegt. Die Bertelsmann Stiftung hat endlich getan, was hier schon seit langen gefordert wird: Die Einstellungen der in Deutschland lebenden Muslime einmal repr\u00e4sentativ zu erfragen. 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