{"id":1335,"date":"2008-10-03T03:07:55","date_gmt":"2008-10-03T01:07:55","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2008\/10\/03\/palin-gegen-biden-die-debatte_1335"},"modified":"2008-10-03T03:07:55","modified_gmt":"2008-10-03T01:07:55","slug":"palin-gegen-biden-die-debatte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2008\/10\/03\/palin-gegen-biden-die-debatte_1335","title":{"rendered":"Palin gegen Biden &#8211; die Debatte"},"content":{"rendered":"<p><strong>Cambridge, Mass. &#8211; <\/strong>Biden gibt den Charmeur: &#8222;It&#8217;s a pleasure to meet you, Governor, and to be with you&#8230;&#8220; Dann kommt er gleich auf Obama und dessen Haltung zum Bailout zu sprechen. &#8222;Wir werden uns auf die Mittelschicht konzentrieren&#8220;, und das unterscheidet uns von unseren Konkurrenten, so Biden.<\/p>\n<p>Palin spricht sofort die \u00c4ngste in der Bev\u00f6lkerung an. Sie wendet sich direkt ans Volk und erw\u00e4hnt die Konkurrenz \u00fcberhaupt nicht. Sie schaut Biden nicht an. Sie wirkt sehr selbstsicher. (21:07h)<\/p>\n<p>Biden erinnert an McCains Satz, die Grundlage der Wirtschaft sei stark . Die Frage war allerdings, wie die beiden Kandidaten die Polarisierung Washingtons \u00fcberwinden wollen. Beide machen keine Anstalten zu Vers\u00f6hnlichkeit. (21:11h)<\/p>\n<p>Palin kritisiert die Mentalit\u00e4t derjenigen, die sich mit dem Hauskauf \u00fcbernommen haben. Sie appeliert an die konservative Vernunft, nicht \u00fcber die eigenen Verh\u00e4ltnisse zu leben. Klarer Punkt f\u00fcr Palin. Biden antwortet mit einer Attacke auf McCain, dessen witschaftspolitische Kompetenz er immer wieder in Abrede stellt. Das zieht nicht so gut, weil er keine eigene Position formuliert. (21:15h)<\/p>\n<p>Biden ist wieder &#8211; und viel zu lange &#8211; damit besch\u00e4ftigt, seinen Herrn und Meister zu verteidigen. Palin hingegen spricht, als w\u00e4re sie selbst die Spitzenkandidatin. Und das ist sie ja auch. Biden wirkt dagegen, als h\u00e4tte man ihn geschickt, eines anderen Sache zu vertreten. Wieder Punkt Palin, die v\u00f6llig ruhig wirkt. (21:17h)<\/p>\n<p>Biden macht endlich Punkte, als er \u00fcber die Mittelschicht und ihre Sorgen spricht. Die Mittelschicht muss endlich entlastet werden. Die Reichen, sagt er, zahlen nicht mehr Steuern als unter Ronald Reagan. Endlich hat er sein Thema gefunden und spricht selbst direkt zum W\u00e4hler. (21:19h)<\/p>\n<p>Palin leiert die alte Lehre der Republikaner herunter, dass\u00a0 der Staat nur aus dem Weg gehen muss, damit die Wirtschaft endlich Arbeitspl\u00e4tze schaffen kann. Damit ist heute kein Blumentopf mehr zu gewinnen. (21:21h)<\/p>\n<p>Biden kontert, er wolle nicht Umverteilung, sondern Fairness f\u00fcr die Mittelschicht. Dann verliert er sich in den Einzelheiten der Gesundheitspolitik. Am Ende schlie\u00dft er mit seiner vorbereiteten Pointe ab: &#8222;Das nenne ich die ultimative &#8218;Br\u00fccke ins Nichts&#8216;.&#8220; Sein Refrain ist: keine weiteren Steuererleichterungen f\u00fcr Reiche! (21:24h)<\/p>\n<p>Palin hat ein professionelles, gleichm\u00e4\u00dfiges L\u00e4cheln auf, allerdings von der st\u00e4hlernen Sorte. Dennoch: Sie scheint sich wohlzuf\u00fchlen. Sie legt eine kleine Selbstlob-Orgie ein, was sie alles f\u00fcr die &#8222;Menschen in Alaska&#8220; getan habe. Das tut man eigentlich nicht, bringt auch keine Punkte. Und dann wieder die populistischen Spr\u00fcche gegendie &#8222;Gier an der Wall Street&#8220;. Chuzpe von der Partei, die lange die sch\u00fctzende Hand \u00fcber Wall Street gehalten hat! (21:26h)<\/p>\n<p>Biden hat keinen Stoff mehr: Jetzt erw\u00e4hnt er zum dritten Mal den angeblich von McCain beabsichtigten 4 Milliarden-Steuervorteil f\u00fcr Exxon. Langsam muss\u00a0 er eine andere Platte auflegen. Palin ernennt McCain zum einsamen Warner vor der Finanzkrise. Glaubt ihr aber niemand, dass McCain davon umgetrieben gewesen sei. (21:29h)<\/p>\n<p>Palin kommt wieder auf ihre eigene Verdienste in Alaska zur\u00fcck. Sie stolpert minutenlang herum &#8211; dann findet sie den Faden. Sie sagt den Leuten im wesentlichen: Energieunabh\u00e4ngigkeit kriegen wir auch mit \u00d6l hin. In Alaska haben wir noch viel davon. (21:3h)<\/p>\n<p>Palin wieselt herum, als es um den menschlichen Anteil an globaler Erw\u00e4rmung geht: Sie wolle jetzt nicht in die Ursachenforschung gehen.<\/p>\n<p>Biden kontert, der Klimawandel sei menschengemacht, und es sei wichtig, die Ursache zu kennen, damit man mit vern\u00fcnftigen L\u00f6sungen kommen k\u00f6nne. Er will neue Jobs schaffen durch die erneuerbaren Energien.<\/p>\n<p>Palin verweist wieder auf die Milliarden Barrel \u00d6l in Alaska. Die Demokraten verhindern durch ihre Ablehnung des Bohrens vor der K\u00fcste die L\u00f6sung der amerikanischen Energieprobleme. (21:38h)<\/p>\n<p>Jetzt gehts zu den kulturk\u00e4mpferischen Themen: Biden setzt sich f\u00fcr die Rechte von Homosexuellen ein.<\/p>\n<p>Palin erw\u00e4hnt die traditionelle Familie, betont dann aber, sie sei &#8222;tolerant&#8220; und habe nichts gegen Besuchsrechte im Krankenhaus und Gleichbehandlung bei Versicherungspolicen.<\/p>\n<p>Biden will auch keine neue Definition der Ehe. Sie soll nicht f\u00fcr Homosexuelle ge\u00f6ffnet werden. Allerdings soll es eine zivilrechtliche Gleichstellung geben.<\/p>\n<p>Und das ist doch schon mal eine Meldung: Der Kulturkampf ist vorbei. Es gibt zwischen Links und Rechts keinen Streit mehr um die Rechte von Lesben und Schwulen. (21:41h)<\/p>\n<p>Palin verteidigt den &#8222;Surge&#8220; und behauptet, Amerika sei auf dem Weg zum Sieg im Irak. Wenn nur die b\u00f6sen Demokraten nicht gegen die Unterst\u00fctzung der Truppen gestimmt h\u00e4tten. G\u00e4hn!<\/p>\n<p>Biden greift endlich an und sagt den Satz: Wir werden den Krieg im Irak beenden. &#8222;Das ist der fundamentale Unterschied zwischen uns.&#8220; Palin versucht zur\u00fcckzuschie\u00dfen: &#8222;Ihr Plan ist eine wei\u00dfe Fahne!&#8220; Sie wirkt nicht sicher dabei. Es ist auch l\u00e4cherlich, wenn die Alaska-Gouverneurin sich hier gegen Biden erhebt, der sich seit Jahren mit dem Krieg besch\u00e4ftigt (und selber urspr\u00fcnglich daf\u00fcr war). Kein Punkt. Schwach. (21:46h)<\/p>\n<p>Biden hat eine sehr starke Strecke, als er auf den wahren Kampfplatz im Krieg gegen den Terrorismus\u00a0 verweist: Afghanistan und die pakistanische Grenze zu dem Land. Das ist die schwache Seite McCains und Palins: Sie m\u00fcssen behaupten, der Irak sei die zentrale Front. Und sie wissen, dass das nicht stimmt. Klarer Punkt Biden. (21:51h)<\/p>\n<p>Palin plappert McCains Kritik an Obamas vermeintlicher Iran-Position nach: er wolle sich mit Ahmadinedschad an einen Tisch setzen. Sie wirkt auf diesem Feld nicht zuhause und sehr unfrei. Auch zu Israel leiert sie brav die Positionen herunter: Zweistaatenl\u00f6sung, kein neuer Holocaust etc. Aber da gibt es keinen Kontrast zur Gegenseite.<\/p>\n<p>Biden greift an: Die Nahostpolitik der Bush-Regierung ist ein einziges Versagen. Hamas und Hisbollah als Gewinnler der &#8222;Demokratisierung des Nahen Ostens&#8220;.<\/p>\n<p>Palin kann nur antworten, sie sei so froh, &#8222;da\u00df wir beide Israel lieben&#8220;. Sie sagt ganz generell und unspezifisch, es habe unter Bush &#8222;massive Fehler gegeben&#8220;, und nun werde der &#8222;Wandel&#8220; kommen. Biden kontert sehr gut, er habe noch nicht geh\u00f6rt, wie sich McCains Positionen von Bush unterscheiden. Er l\u00e4\u00dft sich das &#8222;Change&#8220;-Logo nich stehlen. (21:57h)<\/p>\n<p>In Afghanistan will Palin die Politik des Surge anwenden. Biden hat die New York Times gelesen, in der heute der leitende General\u00a0 gesagt hat, die \u00dcbertragung aus dem Irak sei nicht m\u00f6glich. Palin f\u00e4llt zunehmend in sich zusammen. Sie hat hier einfach nichts entgegenzusetzen.<\/p>\n<p>Jetzt versucht sie es doch und behauptet, der General habe das nicht gesagt. Und es werde eben doch gehen. Wie ein trotziges Kind. (22:00h)<\/p>\n<p>Biden wird damit konfrontiert, dass er f\u00fcr die Interventionen in Bosnien war. Er steht dazu, die Intervention sei ein Erfolg gewesen und habe Leben gerettet.<\/p>\n<p>Palin schaltet um auf niedlich: &#8222;Es ist so offensichtlich, da\u00df ich ein Washington-Au\u00dfenseiter bin.&#8220; S\u00fc\u00df. W\u00e4hrend du, Biden,  suggeriert sie, immer wieder hin und her geschwankt bist zwischen Falke und Taube. Funktioniert nicht: &#8222;Au\u00dfenseiter&#8220; \u00fcbersetzt sich hier einfach als ahnungsloses Greenhorn. (22:07h)<\/p>\n<p>Palin m\u00f6chte, man sieht es, dass es endlich vorbei ist (ausser wenn man vielleicht noch ein bi\u00dfchen \u00fcber Wasilla und den gro\u00dfen Staat Alaska reden k\u00f6nnte).<\/p>\n<p>Biden wird gefragt, was er tun w\u00fcrde, wenn der Pr\u00e4sident st\u00fcrbe: Er nutzt das sehr geschickt, um Obamas Programm noch einmal aufzusagen &#8211; Mittelschicht f\u00f6rdern, Afghanistan gewinnen, Amerika wieder mit der Welt vers\u00f6hnen. Souver\u00e4n.<\/p>\n<p>Palin weiss nicht so recht, was sie sagen sagen soll. Sie wird McCains Weg fortsetzen, dann baut sie irgendwie Wasilla ein. Die Regierung soll den Leuten einfach aus dem Weg gehen, sagt sie. Ob das funktioniert, wenn die Menschen sich Schutz und Regulierung w\u00fcnschen? Habe da meine Zweifel. (22:12h)<\/p>\n<p>Palin fl\u00fcchtet in die Familiengeschichte. Gleich wird sie ihre alte Tante zuhause\u00a0 am Bildschirm gr\u00fc\u00dfen. Sie spricht \u00fcber die Wichtigkeit von Erziehung, aber das bleibt &#8211; wie alles in der zweiten H\u00e4lfte &#8211; sehr kursorisch. McCain, enth\u00fcllt sie, habe ihr Energie-Unabh\u00e4ngigkeit als Feld in der Regierung versprochen.<\/p>\n<p>Biden wird kein spezifisches Feld haben, sondern er sieht sich eher als Berater. Und dann zischt er pl\u00f6tzlich einen scharfen Angriff gegen Cheney als &#8222;gef\u00e4hrlichsten Vizepr\u00e4sidenten unserer Geschichte&#8220; hervor. Er will den Vizepr\u00e4sidenten wieder auf seine bescheidenen verfassungsm\u00e4ssigen Funktionen zur\u00fcckf\u00fchren.<\/p>\n<p>Palin kommt zum vierten Mal mit ihrer Alaska-Efahrung, die sie qualifiziere, in der Energiepolitik\u00a0 eine f\u00fchrende Rolle zu spielen. Und dann sagt sie, sie verstehe die vielen Menschen, die sich keine Gesundheitvorsorge leisten k\u00f6nnen. (Will sie ihnen etwa eine Versicherung geben?)<\/p>\n<p>Biden punktet abermals mit einem Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen Wechsel. Die Leute haben genug, sie wollen &#8222;Change&#8220;. Palin wirft Phrasen um sich vom &#8222;Maverick&#8220; McCain, der den wahren Wechsel verk\u00f6rpere.<\/p>\n<p>Biden greift nun frontal an und sagt, McCain sei eben kein Querkopf gewesen, er habe im wesentlichen immer mit Bush abgestimmt. (22:26h)<\/p>\n<p>Palin bringt zum xten Mal ihre Erfahrung in Alaska im Spiel. Bisschen zu oft.<\/p>\n<p>Biden hat sich f\u00fcr den Schlu\u00df eine Geschichte zurechtgelegt, in der er sich bescheiden gegen\u00fcber Jesse Helms verneigt, eine der kontroversen rechten Figuren. ein<\/p>\n<p>Palin bezieht sich auf Ronald Reagans Freiheitsideale und leiert etwas herunter \u00fcber die Mittelschicht, Verteidigung, und die Freude, ein Amerikaner zu sein. Alles sehr kursorisch.<\/p>\n<p>Biden malt ein schwarzes Bild der letzten acht Jahre, bevor er dann die gleichen amerikanischen Werte und Tugenden beschw\u00f6rt wie seine Kontrahentin.\u00a0 Sie m\u00fc\u00dften allerdings, suggeriert er, erst wieder ins Recht gesetzt werden von Obama und seiner Wenigkeit.<\/p>\n<p>Sarah Palin wirkt sehr erleichtert, geradezu aufgekratzt, als sie Biden f\u00fcr die Debatte dankt. (21:33h)<\/p>\n<p>Sie ist nicht zusammengebrochen unter dem unwahrsacheinlichen Druck, der sich &#8211; vor allem durch ihre grauenhaften Interviews &#8211; aufgebaut hatte. Sie hat mit Anstand \u00fcberlebt. Und mit ihr wird noch zu rechnen sein. Niemand hat erwartet, dass sie bei der Aussenpolitik gewinnt. Es war genug, dass sie Biden die ersten zwanzig Minuten lang scheuchen konnte &#8211; in der Innenpolitik. Biden hat insgesamt gewonnen, kein Zweifel. Aber Diese Debatte wurde darum \u00fcberall mit Spannung erwartet, weil man sehen wollte, ob Sarah Palin untergeht. Sie wu\u00dfte das und hat erfolgreich dagegen angek\u00e4mpft. Insofern war das ein Erfolg, obwohl Senator Biden gewonnen hat. Sarah Palins Geschichte ist noch nicht zuende. (23:21h)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Cambridge, Mass. &#8211; Biden gibt den Charmeur: &#8222;It&#8217;s a pleasure to meet you, Governor, and to be with you&#8230;&#8220; Dann kommt er gleich auf Obama und dessen Haltung zum Bailout zu sprechen. &#8222;Wir werden uns auf die Mittelschicht konzentrieren&#8220;, und das unterscheidet uns von unseren Konkurrenten, so Biden. 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