{"id":2146,"date":"2009-03-13T14:44:40","date_gmt":"2009-03-13T13:44:40","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/?p=2146"},"modified":"2009-03-13T14:44:40","modified_gmt":"2009-03-13T13:44:40","slug":"wie-amerika-sich-in-der-krise-verandert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2009\/03\/13\/wie-amerika-sich-in-der-krise-verandert_2146","title":{"rendered":"Wie Amerika sich in der Krise ver\u00e4ndert"},"content":{"rendered":"<p><!--StartFragment--><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><em>Ein Vortrag, gehalten in der evangelischen Friedensgemeinde Charlottenburg, gestern am 13. M\u00e4rz 2009:<\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">In der Nacht des 4. November fuhr ich mit dem Fahrrad nach Hause. Wir hatten den Wahlabend, an dem der erste schwarze Pr\u00e4sident Amerikas gew\u00e4hlt worden war, im \u201eCenter for European Studies\u201c der Harvard-Universit\u00e4t in Cambridge verbracht. Man hatte bei Wein und K\u00e4seh\u00e4ppchen dem Moment der Wahrheit eitgegengefiebert \u2013 nach Monaten eines Nerven zerfetzenden Wahlkampfs. Auf einer Gro\u00dfbildleinwand hatte das gesamte Institut zusammen die historische Nacht verfolgt. Dann kam endlich die Erl\u00f6sung: Der Sender MSNBC erkl\u00e4rte Obama als erster zum Sieger. Die anderen Sender folgten bald nach. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Auf dem etwa 12 Kilometer langen weg von Cambridge nach S\u00fcdboston, wo ich wohnte, sah ich Szenen, die ich so noch nie in Amerika erlebt habe: Spontane Autokorsos hatten sich gebildet und fuhren laut hupend \u00fcber die Br\u00fccken des Charles River. Trotz klirrender K\u00e4lte waren \u00fcberall Menschen auf den Stra\u00dfen um zu feiern. Auf dem Universit\u00e4tscampus fand sich spontan eine Blaskapelle begeisterter Studenten zusammen, die die Nationalhymne anstimmten \u2013 das <em>Star Spangled Banner<\/em>. Immer wieder kamen mir Passanten entgegen, die mich einfach beseelt anl\u00e4chelten. Es war, als w\u00e4re eine tonnenschwere Last von den Menschen abgefallen. Die ganze Stimmung erinnerte an den Fall der Berliner Mauer. Etwas Neues konnte endlich beginnen.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Das war das eine. Doch in den Wochen meines USA-Aufenthaltes kam auch etwas an sein Ende: Jahrzehnte einer beispiellosen \u00f6konomischen Expansion, die von Amerika aus angetrieben wurde, von der wir aber alle profitiert haben. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Ja, der Boom, der seit den Reagan-Jahren die gesamte Welt erfa\u00dft hat, war alles in allem eine gute Zeit \u2013 nicht nur f\u00fcr den Westen. In der fr\u00fcher so genannten Dritten Welt konnte eine Mittelklasse aufsteigen, die erstmals Zugang zu Bildung, bescheidenem Reichtum und schlie\u00dflich auch zu politischer Teilnahme bekam. Vielen Millionen Menschen gelang es, aus Hunger und Subsistenzwirtschaft zu entkommen und ein menschenw\u00fcrdigeres Leben zu f\u00fchren. Und hier bei uns in Europa erledigte sich durch den H\u00f6henflug des westlichen Kapitalismus die Systemfrage des Kalten Krieges. Der Kommunismus implodierte \u2013 nicht zuletzt, weil er seinen B\u00fcrgern keine Lebenschancen bieten konnte wie das Konkurrenzsystem. All das muss man im Blick behalten, wenn man jetzt auf den b\u00f6sen Kapitalismus zur\u00fcckschaut aus der Perspektive unserer heutigen Krise.<!--more--><br \/>\n<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Als ich in Boston ankam, im September letzten Jahres, da gab es schon eine Immobilienkrise und eine Finanzkrise. Aber man hielt das allgemein noch f\u00fcr lokale, begrenzte<span>\u00a0 <\/span>Ereignisse. Sehr bald sollte ich dies als Irrtum erweisen, und damit \u00e4nderten sich dann auch die Ziele meines Aufenthalts in Harvard.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Ich hatte geahnt, dass mein Aufenthalt im Herbstsemester 2008 in Boston eine spannende Sache werden w\u00fcrde. Es stand eine Wahl an, bei der historische Alternativen geboten wurden \u2013 ein Vietnamk\u00e4mpfer gegen den Sohn eines Afrikaners und einer Weissen.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Aber es kam noch toller: Als w\u00e4re die Aufregung um die Kandidatur von Barack Obama noch nicht genug, legten meine amerikanischen Gastgeber noch eine Finanzkrise drauf, die sich bald als viel mehr entpuppen sollte \u2013 als globale Wirtschaftskrise von immer noch nicht ganz fassbaren Ausmassen.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Wir leben immer noch unter dem Eindruck dieser Krise, deren Endgestalt wir noch nicht ermessen k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Ich habe ihren Anfang in Amerika erlebt, und diese Erfahrung hat mein Amerika-Bild ver\u00e4ndert. Und davon will ich Ihnen hier etwas erz\u00e4hlen. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Ich war Anfang September nach Harvard gekommen, um zwei Projekte zu verfolgen. Erstens wollte ich mir den dort versammelten Sachverstand zunutze machen, um die Zukunft der amerikanischen Aussenpolitik nach George W. Bush zu ergr\u00fcnden. W\u00fcrden Europa und Amerika wieder zusammenfinden nach den acht Jahren, die das transatlantische Verh\u00e4ltnis schwer belastet hatten? Nach dem Irakkrieg und zuletzt der Krise um die russische Invasion Georgiens?<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Zweitens wollte ich ein Thema verfolgen, dass mich seit Jahren besch\u00e4ftigt: Wie sollen liberale Demokratien damit umgehen, dass die Religion wieder eine \u00f6ffentliche, oft sehr politische Rolle spielt in den letzten Jahren? Ist es besser, den \u00f6ffentlichen Raum ganz s\u00e4kular zu halten, oder sollte man die Religionen einbinden in das Gewebe der Institutionen? Und wie soll man dabei mit der (in Europa) neuen Religion umgehen, dem Islam? K\u00f6nnen wir von den Amerikanern etwas lernen dar\u00fcber, wie Religion das \u00f6ffentliche Leben pr\u00e4gt \u2013 und doch strikt vom Staat getrennt bleibt?<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Das zweite Thema, obwohl sicher interessant und relevant \u2013 habe ich bald aufgegeben, weil die Ereignisse das so diktierten. Fasziniert verfolgte ich den Wahlkampf, der bald von der Krise gepr\u00e4gt wurde. Ich teilte mir in Cambridge ein B\u00fcro mit einem portugiesischen \u00d6konomen, der an einer Arbeit \u00fcber den \u00d6lpreis im 20. Jahrhundert sa\u00df. Nach dem Desaster bei dem Investmenthaus Lehman Brothers fragte ich ihn nach seiner Meinung: Wie schlimm ist das alles? Wie alle seri\u00f6sen Wissenschaftler wollte er mir nicht eine schnelle Analyse liefern, die ich als Journalist nat\u00fcrlich gerne benutzt h\u00e4tte. Aber dann sagte er: Was sich hier abspielt, ist nicht bloss eine der \u00fcblichen Krisen des Kapitalismus. Das ist eines dieser Ereignisse, nach denen wir die Welt anders sehen. Ein Paradigmenwechsel.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Damit sollte er Recht behalten.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">In S\u00fcd-Boston, wo ich eine Wohnung gefunden hatte f\u00fcr die 4 Monate meines Aufenthaltes, schlug sich die Krise sehr drastisch nieder. Eine Familie, die vor wenigen Jahren erst ein Haus gekauft hatte, konnte seit l\u00e4ngerem die Kredite nicht mehr bedienen, die sie zu Irrsinns-Konditionen aufgenommen hatte. Nach l\u00e4ngeren Protesten der Anwohner griff die Bank hart durch und lie\u00df die Familie kurzerhand mit Polizeigewalt vor die T\u00fcr setzen. Solche R\u00e4umungsklagen \u2013 Foreclosures \u2013 ereigneten sich in Amerika in immer gr\u00f6\u00dferer Zahl. Von bis zu 200.000 solchen F\u00e4llen im Monat war die Rede. \u00dcbrigens: Diese f\u00fcr unser Sozialstaatsempfinden brutale Vorgehensweise sollten wir nicht allzu schnell als \u201etypisch amerikanisch\u201c abtun: Die Bank im Hintegrund, die den Kredit gew\u00e4hrt hatte und nun die Familie vor die T\u00fcr setzte, war keine andere als die grundsolide Deutsche Bank.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Ich hatte in meinem Haus einen sehr netten Nachbar mit Namen Joe Zimmerman. Er arbeitete f\u00fcr eine gro\u00dfe, weltweit t\u00e4tige Firme namens General Dynamics. Dieser Konzern \u00fcbernimmt gro\u00dfe Auftr\u00e4ge, vor allem im R\u00fcstungsbereich. Joe war einige Wochen lang nicht zu sehen, was mich sehr wunderte, weil wir uns sonst eigentlich regelm\u00e4ssig \u00fcber den Weg liefen. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Dann traf ich ihn wieder, und er wollte ein Bier trinken gehen. An diesem Abend er\u00f6ffnete Joe mir, dass er gefeuert worden war \u2013 nach vier Jahren. In der Krise nutzte der Konzern die Gelegenheit, sich von entbehrlichem Personal zu trennen. Und zuerst mussten diejenigen gehen, die zuletzt gekommen waren \u2013 also die Jungen. Und die, die keine Familie haben. Joe Zimmerman nahm die Hiobsbotschaft amerikanisch-tapfer auf: Er werde schon etwas Neues finden, alles kein Problem. Aber in Wahrheit musste er sich nun auf Kellnern und einen Aushilfsjob in der Weinhandlung eines Freundes umstellen.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Joe wird schon zurecht kommen. Um ihn ist mir nicht bange. Aber was wird aus den Hunderttausenden Arbeitslosen und Enteigneten, die nicht nur f\u00fcr sich selbst zu sorgen haben? Es bahnt sich eine Krise von unabsehbarem Ausma\u00df an. Wie wird sie die amerikanische Mentalit\u00e4t ver\u00e4ndern? Anders gefragt: Wird sie das \u00fcberhaupt tun? Amerika ist ja im Vergleich zu den europ\u00e4ischen L\u00e4ndern viel gefestigter in seinen Grund\u00fcberzeugungen, in seinen Traditionen, in seiner Ideologie. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Ich habe es seit meinem ersten Besuch in den USA immer f\u00fcr eine T\u00e4uschung gehalten, wenn Europ\u00e4er vom Amerika reden, als w\u00e4re dies immer noch \u201edie Neue Welt\u201c. Als k\u00f6nnten wir auf die Amerikaner immer noch wie im 19. Jahrhundert als unsere \u201ej\u00fcngeren Geschwister\u201c herabblicken. Durch die Katastrophen des 20. Jahrhunderts hat sich nach meiner \u00dcberzeugng das Verh\u00e4ltnis eigentlich gedreht: Die Europ\u00e4er haben tiefe Br\u00fcche erlebt, die ihre Gesellschaften von Grund auf ersch\u00fctterten: Zwei Weltkriege auf eigenem Boden, Revolutionen, Diktaturen, Massenmorde und Vertreibungen von apokalyptischem Ausma\u00df. Wenig ist geblieben von den Gesellschaftsstrukturen und den Gewi\u00dfheiten der Welt vor 1914. Und danach wurden manchen Gesellschaften gleich mehrmals hintereinander umgegraben, wie etwa die deutsche.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Amerika hingegen blickt auf 233 Jahre Kontinuit\u00e4t zur\u00fcck in seinem politischen System, in seinen Grund\u00fcberzeugungen, und teilweise auch in seinen gesellschaftstragenden Schichten \u2013 bei allen Ersch\u00fctterungen. Amerika ist in Wahrheit heute die Alte Welt, der politische Fels in der Weltgesellschaft. Seine Institutionen sind uralt im Vergleich zu unseren. Dass zum Beispiel der Pr\u00e4sident immer an einem Dienstag im November gew\u00e4hlt wird, und zwar von \u201eWahlm\u00e4nnern\u201c, h\u00e4ngt mit dem Arbeistrhythmus der Farmer und Plantagenbesitzer zusammen, die einst in der Zeit nach allen Ernten ohne Eisenbahn in die Hauptstadt Washington kommen mu\u00dften. Und da einigte man sich eben auf den ersten Dienstag im November. Sonntag war undenkbar als Wahltag, wegen des Kirchganges. Bis Montag war die Anreise nicht zu schaffen, also Dienstag!<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Aber nun hat eine gro\u00dfe Krise dieses Alte Amerika erwischt, und eine Krise, die die Grund\u00fcberzeugungen ersch\u00fcttert. Was sind das f\u00fcr \u00dcberzeugungen? Der T\u00fcchtige ist seines Gl\u00fcckes Schmied. Der Staat soll sich m\u00f6glichst heraushalten. Individuelle Verantwortung und Selbstgen\u00fcgsamkeit sind das Fundament einer freien Gesellschaft. Leistung muss belohnt werden. Jeder kann es mit Flei\u00df schaffen. Optimismus ist erste B\u00fcrgerpflicht.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">An solche Dinge glauben die Amerikaner, und der Aufstieg Amerikas hat mit diesem Glauben zu tun. Und ich f\u00fcr meinen Teil mu\u00df sagen: Das ist es, was mich vom ersten Augenblick meines ersten Besuchs in Amerika f\u00fcr dieses Land eingenommen hat. Ich war immer ein bis\u00dfchen neidisch auf diese fr\u00f6hliche, freundliche, optimistische Selbstgewi\u00dfheit. Nun aber erscheint sie manchem als Teil des Porblems.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Denn nun sieht sich das Land im Spiegel der Krise, und wenig bleibt \u00fcbrig von den uramerikanischen Grundannahmen: <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Eine ungeahnte H\u00e4ufung von Unverantwortlichkeit auf allen Ebenen der Gesellschaft wird offenbar. Es beginnt beim Hausk\u00e4ufer, der ohne R\u00fccklagen und Eigenkapital eine Schuld \u00fcbernimmt, die er bald schon nicht mehr tragen kann. Ihm gegen\u00fcber ist der skrupellose Immobilienfinanzierer, der ihm den Kredit gew\u00e4hrt \u2013 im vollen Wissen, dass er es hier nicht mit einem solventen Schuldner zu tun hat. Es geht weiter mit dem Finanzjongleur, der aus solchen Schuldscheinen hoch profitable Produkte errechnet, die er auf dem internationalen Markt anbietet. Versicherungsspezialisten bieten sich an, die Risiken abzusichern und weltweit zu streuen, bis es ein \u201etodsicheres Gesch\u00e4ft\u201c ist. Bewertungsagenturen spielen mit, indem sie solchen Gesch\u00e4ften ihren Segen geben. Politiker bef\u00f6rdern diesen Irrsinn, weil sie es zur popul\u00e4ren Politik erheben, jedermann ein H\u00e4uschen zu verschaffen, ohne Ansehen der Liquidit\u00e4t.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Und Journalisten haben die die Dynamik dieses Wachstumsmodells angepriesen und gegen Skeptiker verteidigt, um hier mal etwas gegen meinen eigenen Beruf zu sagen. Am Ende dieser Kette von Unverantwortlichkeiten steht als der Dumme da, wer nicht dabei mitspielt und sich mit mageren Renditen von 5 Prozent bescheidet.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Von ganz unten bis ganz oben reicht die organisierte, sich wechselseitig st\u00fctzende Unverantwortlichkeit. Es gibt keine Unschuldigen in diesem Drama, niemand ist blo\u00df betrogenes Opfer. Das macht die Krise so tiefgreifend.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Und bei manchem ist sie immer noch nicht richtig angekommen. So mu\u00dfte ich mich sehr \u00fcber die Anzeigen des Kaufhauses \u201eMacy\u2019s\u201c in der New York Times vor Weihnachten wundern. Da redete das ganze Land schon seit Monaten nur noch \u00fcber die Krise. Und dar\u00fcber, dass das haltlose Leben einer ganzen Gesellschaft auf Pump so nicht immer h\u00e4tte weitergehen k\u00f6nnen. Die Leitartikler schrieben: Wie kann es sein, dass wir so weit gekommen sind? Amerika war einmal ein Land, das tolle Dinge herstellte, sie exportierte und daran reich wurde. Doch heute lassen wir Dinge anderswo herstellen \u2013 in Mexico, oder in Asien, und wir kaufen Sie dann auch noch mit Geld, das die anderen, die Araber und die Asiaten uns geliehen haben. Wir (Amerikaner) sind abh\u00e4ngig geworden von anderer Leute Kreativit\u00e4t, Fleiss und gutem Willen.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Jedenfalls: Mitten hinein in diesen lauter werdenden Chor der Kritiker platze diese Anzeigen von Macy\u2019s. Da wurde jeden Kunden versprochen, wenn er Waren von \u00fcber 2000 Dollar kaufe, werde ihm ein zinsloser Kredit von einem ganzen Jahr einger\u00e4umt. Also: Jetzt die Weihnachtsgeschenke kaufen, n\u00e4chste Weihnachten erst bezahlen!<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Ist das nicht verr\u00fcckt: Gerade erst hatte man erkannt, dass das haltlose Geldausgeben auf Pump den ganzen Schlamassel verursacht hatte, da warb Macy\u2019s mit neuen haltlosen Krediten. Hatte mit eben diesen Methoden nicht alles angefangen?<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Ich habe bei einer kleinen Vortragsreise nach Denver, Dallas und St. Louis vor amerikanischen Gesch\u00e4ftsleuten gesprochen und ihnen versucht zu erkl\u00e4ren, warum Europ\u00e4er und vor allem Deutsche andere Lehren aus der Krise ziehen als Amerikaner. W\u00e4hrend man in Amerika zu denken scheint, dass die Klinge, die die Wunde geschlagen hat, sie auch heilen kann \u2013 und man auch nun<span>\u00a0 <\/span>auf mehr billiges Geld, aufs Ausgeben und Verschulden setzt, sieht man solche Politik auf der anderen Seite des Atlantik skeptisch. Wir kennen alle die Gesichten unserer Eltern und Gro\u00dfeltern aus der Zeit der Inflation, als das Geld nichts mehr wert war. Die Siedlung, in der ich wohne \u2013 Eichkamp \u2013 ist ein Produkt jener Zeit. Und an der Qualit\u00e4t der Baumaterialien k\u00f6nnen sie sehen, wie Deutschland damals erwischt worden war, im Jahr 1923. Es gab auf einmal nur noch billigstes Holz f\u00fcr die Dielenb\u00f6den, die T\u00fcren, die Fenster.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Wir alle haben es in Deutschland vor diesem Hintergrund gelernt: Schulden sind etwas tunlichst zu Vermeidendes, um so mehr, wenn es Staatsschulden sind. In meiner Familie \u2013 \u00a0B\u00e4cker seit Generationen \u2013 wurde noch in den Siebzigern mit gro\u00dfen Augen den Kindern erz\u00e4hlt, dass ein Brot in der Infaltion Millionen Reichsmark gekostet hatte. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Es sind diese Hintergr\u00fcnde, erkl\u00e4rte ich meinen amerikanischen Zuh\u00f6rern, weswegen wir Kreditkarten hierzulande immer noch sehr z\u00f6gerlich benutzen. In vielen Restaurants in Berlin werden sie zur\u00fcckgewiesen, ausser dort, wo ciele Touristen verkehren. Viele Kaufh\u00e4user akzeptieren Kreditkarten nicht. Mal eben einen DVD-Player auf Kredit kaufen, das geht bei Media Markt nicht. Und es w\u00e4re undenkbar, Kreditkartenschulden von einer auf die n\u00e4chste Karte umzuschulden, wie man es in Amerika getan hat. Der amerikanische Haushalt hat im Schnitt sage und schreibe 12 Kreditkarten! Die Schulden auf diesen Karten sind \u00fcbrigens noch gar nicht in die jetzige Krise eingerechnet. Da kommt noch eine weitere Welle auf uns zu. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Undenkbar auch, dass man in Deutchland ein Haus ganz ohne Eigenkapital finanzieren k\u00f6nnte. In Amerika war das zuletzt gang und g\u00e4be. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Und so kam ich in eine merkw\u00fcrdige Situation: Ich verteidigte in Amerika die vorsichtige europ\u00e4ische Umgangsweise mit Kredit und Schulden, w\u00e4hrend in den Zeitungen die gr\u00f6\u00dften staatlichen Programme aller Zeiten debattiert und verteidigt wurden. Das war im November. Da stand ich, der Reporter einer eher linksliberalen deutschen Zeitung, und erkl\u00e4rte konservativen Gesch\u00e4ftsleuten im Mittelwesten der USA, dass ihre Art zu wirtschaften unseri\u00f6s sei. Verkehrte Welt!<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Mittlerweile hat sich auch unsere Regierung langsam an die amerikanischen Dimensionen herangetastet. Mir bleibt es unheimlich, auch wenn ich keine Alternative sehe. Eine amerikanische Zeitung hat errechnet, dass die gesammelten Rettungspakete und Konjunkturmassnahmen der amerikanischen Regierung folgende Staatsausgaben \u00fcbersteigen: Das Mondprogramm, den Vietnamkrieg, den Koreakrieg und Roosevelts \u201eNew Deal\u201c. Man m\u00fc\u00dfte noch den Zweiten Weltkrieg dazunehmen, um ansatzweise auf die Zahlen zu kommen, die heute als \u201eStimulus-Paket\u201c genannt werden. Das ist doch wohl zum Schwindligwerden!<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Doch nicht nur auf diesen Ebenen des Finanz-, Immobilien- und Versicherungswesens spielt sich die Krise ab. Die amerikanische Autoindustrie wurde voll von der Krise erfasst. Allerdings k\u00f6nnen die Manager von GM, Chrysler und Ford die Schuld f\u00fcr die Lage ihrer Konzerne nicht einfach auf die widrigen Umst\u00e4nde abw\u00e4lzen: Es wurde vielmehr eine fatale Managementstrategie offenbar, die viel zu lange auf benzinfressende Riesenautos gesetzt hatte, als g\u00e4be es billiges \u00d6l f\u00fcr alle Zeiten und als h\u00e4tten die Kosten f\u00fcr den Klimawandel immer nur die anderen zu tragen.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Auch hier offenbarte sich eine geradezu unfa\u00dfliche Unverantwortlichkeit. Die meisten Amerikaner, mit denen ich sprach, waren voller Hohn f\u00fcr die unf\u00e4higen Chefs, die mutwillig<span>\u00a0 <\/span>ihre Unternehmen von Weltf\u00fchrern zu Sanierungsf\u00e4llen gemacht hatten. Nun, da sie beim Staat um Geld betteln mussten, hatten sie auch noch die Taktlosigkeit besessen, mit privaten Jets in Washington einzufliegen: Bettler in seidener Robe. Aber andererseits verstopften die Riesenunget\u00fcme von SUV\u2019s \u00fcberall in den amerikanischen St\u00e4dten den Verkehr. Auch hier m\u00fcssen sich die B\u00fcrger und Konsumenten an die Nase fassen, die das Spiel schlie\u00dflich mitgespielt haben: Die panzerhaften Riesenautos sind ein Symbol f\u00fcr etwas, das am amerikanischen Lebensstil schiefl\u00e4uft. Sie sind eine umweltpolitische Obsz\u00f6nit\u00e4t, und erst die hohen Benzinpreise haben daf\u00fcr die Sinne gesch\u00e4rft.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Nicht nur die Manager sind also schuld an der Fehlsteuerung. Aber doch in erheblichem Mass: <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Denn die Bettler im Privatjet waren dieselben Herren, die sich vorher jede politische Einmischung Washingtons in ihre Konzernpolitik verbeten hatten. Milliarden hatten sie daf\u00fcr ausgegeben, die harten Umweltgesetze des gr\u00f6\u00dften Staates Kalifornien wieder r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen \u2013 anstatt das Geld etwa in die Forschung f\u00fcr umweltschonende Motoren zu stecken. Und nun pl\u00e4dierten sie daf\u00fcr, dass Steuergelder in Milliardenh\u00f6he benutzt werden sollten, um ihre Fehler auszub\u00fcgeln. Das Bild des Unternehmer und Managers \u2013 in Amerika traditionell positiv besetzt als Leitbild der ganzen Gesellschaft \u2013 nahm schwere Schl\u00e4ge hin in<span>\u00a0 <\/span>diesen Tagen.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Der deutsche Botschafter Klaus Scharioth hielt einen Vortrag in Harvard \u00fcber die Zukunft des deutsch-ameriknaischen Verh\u00e4ltnisses. Das war kurz vor Obamas Wahl. Scharioth erz\u00e4hlte, noch wenige Wochen zuvor sei man in Washington schief angeguckt worden, wenn man ein Wort wie \u201eRegulierung\u201c (der Finanzm\u00e4rkte) in den Mund nahm. \u201eEs war, als h\u00e4tte man ein schmutziges Wort benutzt\u201c, sagte Botschafter Scharioth. \u201eAber das ist jetzt vorbei.\u201c<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Man begann nun, auch anders mit den Europ\u00e4ern umzugehen, auf die w\u00e4hrend der acht Bush-Jahre sehr herabgeschaut wurde. Zu vorsichtig, zu risikoscheu, zu altmodisch waren die Europ\u00e4er gescholten worde. Europa war weltpolitisch nicht mehr relevant, demographisch auf dem absteigenden Ast, kulturell erstarrt \u2013 ein Freizeitpark, dessen Attraktionen Paris, Berlin, London und Rom man gerne besucht. Aber eben irrelevant. Amerika wandte sich unter Bush lieber den ausfsteigenden M\u00e4chten des Ostens zu und l\u00f6ste weltpolitische Konflikte auf eigene Faust (\u201ego it alone\u201c). Aber der Blick auf Europa ver\u00e4ndert sich nun unter dem Eindruck von Machtwechsel und Krise. Ein kleines Beispiel:<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Eine Kollegin an unserem Institut erz\u00e4hlte mir Ende Oktober, in ihrer betrieblichen Alterversorgung t\u00e4ten sich neuerdings erschreckende L\u00fccken auf. \u201eEs fehlen mit 40.000 Dollar im Vergleich zum Vorjahr!\u201c Diese Anlagen \u2013 staatlich gef\u00f6rdert \u2013 sind n\u00e4mlich stark an den internationalen B\u00f6rsen orientiert. Und mit den B\u00f6rsen hatte auch die Altersvorsorgung der Kollegin einen Kurs Richtung S\u00fcden aufgenommen. So geht es vielen heute in Amerika. Manche m\u00fcssen \u00fcberlegen, ihre Verrentung zu verschieben, weil sie von den schrumpfenden R\u00fcklagen nicht leben k\u00f6nnen. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">\u201eWie ist das eigentlich bei Euch in Deutschland organisiert mit der Altersversorgung?\u201c wurde ich jetzt immer \u00f6fter gefragt. Und es schwang \u00fcberhaupt keine \u00dcberheblichkeit angesichts der europ\u00e4ischen \u00dcbervorsicht bei diesen Dingen mehr mit.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Mit dem \u00dcbergang zur Regierung Obama wurden die Defizite des amerikanischen Weges \u2013 so wie Bush ihn<span>\u00a0 <\/span>ausgelegt hatte \u2013 immer mehr zum Thema. Man schaute nun anders auf die teilweise schrecklich heruntergekommene Infrastruktur des Landes. Flugh\u00e4fen sind kaum konkurrenzf\u00e4hig mit denen in Asien oder in Europa. Viele Br\u00fccken sind zerfallen. Das \u00f6ffentliche Verkehrsnetz ist str\u00e4flich vernachl\u00e4ssigt worden zugunsten des Autos. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Mittlerweile werden \u00fcbrigens wieder Strassenbahnen gebaut in drei gro\u00dfen St\u00e4dten Amerikas. Doch in den riesigen Vereinigten Staaten gibt es keine einzige Firma mehr, die so etwas herstellen kann. Also teilen sich Siemens und Bombardier das Gesch\u00e4ft auf dem Kontinent. Das war ein Thema in f\u00fchrenden Zeitungen des Landes.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Das Bahn-Netz in den USA ist eine Schande. Und nun, da die Leute mehr rechnen m\u00fcssen, f\u00e4llt die \u00f6ffentliche Armut pl\u00f6tzlich \u00fcbel auf. Wenn man etwa von Boston nach New York fahren will \u2013 also zwischen zwei der reichsten Regionen der USA pendeln &#8211; ,dann braucht der so gennante Schnellzug ACELA f\u00fcr diese Strecke \u00fcber 3,5 Stunden. Der deutsche ICE schafft die etwa gleich lange Entfernung von Berlin nach Hamburg in 1,5 Stunden. Es gibt kein anst\u00e4ndiges Restaurant in dem Zug. Keine Arbeitspl\u00e4tze f\u00fcr Computer. Keine Zeitungen. Und die Bahnh\u00f6fe in den beiden St\u00e4dten sind ein Witz. So etwas Kleines und Altmodisches finden sie in keiner deutschen Mittelstadt in der tiefsten Provinz. Und dieser Zug gilt dabei schon als Glanzst\u00fcck der amerikanischen Eisenbahn.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Die meisten amerikanischen H\u00e4user sind kaum isolierte Leichtbauten aus Holz. Energiesparlampen sind weitgehend unbekannt. Es ist ziemlich schwer zu begreifen, wie das technologisch fortschrittlichste Land der Erde, das uns Computer, Internet und I-Phone gegeben hat, auf vielen zukunfstweisenden Feldern so unglaublich r\u00fcckst\u00e4ndig sein kann. Auf meinem t\u00e4glichen Weg von S\u00fcdboston<span>\u00a0 <\/span>nach Cambridge fuhr ich t\u00e4glich am MIT vorbei, dem Massachusetts Institute for Technology, wo GPS-Ortung, das World Wide Web, das Faxger\u00e4t und die Wegwerf-Rasierklinge erfunden wurden. Aber Boston hat einen altmodischen \u00f6ffentlichen Nahverkehr, der kaum mit einer deutschen Provinzstadt mithalten kann. Solartechnik in Privatgebrauch: Fehlanzeige. Windenergie an der st\u00fcrmischen Neuengland-K\u00fcste, ebenfalls Fehlanzeige. Und wenn doch, dann mit Turbinen d\u00e4nischer Bauart.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Nat\u00fcrlich h\u00e4ngt das mit politischen Entscheidungen zusammen, die auf der Illusion der ewigen Verf\u00fcgabrkeit von billiger Energie beruhen. Obama steht daf\u00fcr, dass mit dieser kurzfristigen Denkweise Schluss ist. Nicht zuletzt darum verk\u00f6rpert er eine Hoffnung auf eine Erneuerung. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">W\u00e4hrend Amerika durch die Krise angestachelt seinen Blick nach innen zu wenden begann, konnte man aber auch etwas anderes beobachten: Die ungeheuere politische und demokratische Vitalit\u00e4t dieses Landes. Es f\u00e4ngt damit an, wie sich ganz normale B\u00fcrger f\u00fcr ihren Kandidaten engagieren. Man geht von Haus zu Haus, man macht Anrufe, man macht St\u00e4nde an \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen. Alles freiwillig, ohne gro\u00dfe Parteiapparate. Eine wahre B\u00fcrgergesellschaft. Es ist sehr ungerecht, wenn bei uns blo\u00df immer vom amerikanischen Wahlkampf als einer Medienangelegenheit bereichtet wird, in der blo\u00df das gro\u00dfe Geld z\u00e4hlt. Das ist eine krasse Verzerrung der Tatsachen. Amerika lebt politisch von der Basis her. Obama hat sich das zunutze gemacht, indem er das Internet einsetzte und die einzelnen B\u00fcrger direkt ansprach. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Ich kenne viele arrivierte Professoren und Universit\u00e4tsangestellte, die aus lauter Begeisterung losgezogen sind zum \u201ecanvassing\u201c \u2013 der Wahlwerbung von T\u00fcr zu T\u00fcr.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Dieses lebendige politische Leben korrespondiert mit dem quicklebendigen religi\u00f6sen Leben in den USA. Und das hei\u00dft eben nicht immer, dass die Religion stark politisiert ist, wie etwa bei den Evangelikalen. Die Gemeinde, in der ich herzlich aufgenommen wurde \u2013 University Lutheran Church in Cambridge \u2013 schien mir ein Musterbeispiel f\u00fcr eine zivilgesellschaftlich gesunde Institution. Es ist eher eine progressive Kongregation, in der die meisten Mitglieder wohl zu Obama geneigt haben d\u00fcrften (wie \u00fcberhaupt ganz Massachusetts).<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Aber ich fand es gerade darum sehr bewegend, dass nach der Wahl eine F\u00fcrbitte abgehalten wurde f\u00fcr \u201ealle jene, die durch den Ausgang dieser Wahl verbittert sein k\u00f6nnten, weil nicht ihr Kandidat gewonnen hat\u201c. In dieser Kirche wurde nicht ein politischer Gegner d\u00e4monisiert, wie es leider mancherorts auch geschieht. Diese Kirche war eine Keimzelle b\u00fcrgerschaftlichen Respekts und Engagements. Wie Sie ja sicherlich wissen, gibt es das Ruhekissen der Kirchensteuer in Amerika nicht. Wer also regelm\u00e4ssig zu UniLu geht, der muss spenden. Am besten den Zehnten, vom Brutto, wenns nichts anders geht auch vom Netto. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Und es wird erwartet, dass man sich im Winter f\u00fcr den Obdachlosen einsetzt, die im Keller der Kirche beherbergt werden. Oder in einer der Gruppen mitarbeitet \u2013 Frauengruppe, Bibelkreis, Sonntagsschule, Chor&#8230;<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Wer die offenen, netten Menschen bei UniLu erlebt hat, wie ich es durfte, der bekommt das Gef\u00fchl, dass Amerika doch im Kern gesund ist \u2013 in mancher Hinsicht eine ges\u00fcndere und vitalere Gesellschaft als die unsere, in der man nicht immer gleich davon ausgeht, dass entweder der Staat oder die Institution Kirche (aber was ist das denn ohne die einzelnen?) oder die Gewerkschaft oder sonst eine Art Amt<span>\u00a0 <\/span>alles regelt. In Amerika ist ein Spruch wie \u201eWir sind Kirche\u201c kein blosser Werbespruch. Es ist dort wirklich so: Wenn wir nicht Kirche sind, dann ist da gar nichts. Und doch gibt es (eben darum?) eine ungeheuer vitale religi\u00f6se Landschaft. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Wie wird es nun weitergehen mit Amerika und Europa? <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Ich finde es atemberaubend, auf wie vielen Feldern Obama in nur 50 Tagen seiner Amtszeit schon die Weichen anders gestellt hat:<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Guantanamo soll geschlossen werden; in einem gro\u00dfen Fernsehinterview hat der Pr\u00e4sident der islamischen Welt die ausgestreckte Hand geboten; den Russen wurde signalisiert, man wolle wieder gemeinsam die Weltprobleme l\u00f6sen; Hillary Clinton sucht das Vertrauen der Chinesen; sogar mit den Taliban und Iran soll verhandelt werden statt nur zu drohen und zu bomben; die Stammzellforschung darf wieder mit staatlicher Unterst\u00fctzung rechnen; bei einem Umweltabkommen nach Kyoto wollen die Amerikaner mitmachen; im Nahen Osten soll eine gerechtere amerikanische Politik Pal\u00e4stinenser und Israelis gleich ernst nehmen und die Zweistaatenl\u00f6sung vorantreiben.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Und das alles vor dem Hintergrund der schlimmsten Wirtschaftskrise seit den 30er Jahren! Kann es denn gelingen?<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Die beste vorl\u00e4ufige Antwort hatte die satirische Zeitung \u201eThe Onion\u201c \u2013 die Zwiebel \u2013 gleich nach der Wahl. Ihre Schlagzeile lautete am Morgen des 5. November: <em>Black Man given Nation\u2019s worst job<\/em>.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span lang=\"DE\">Wollen wir hoffen, dass er das Beste daraus macht. Es geht auch um unser Wohl und Wehe.<\/span><\/p>\n<p><!--EndFragment--><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Vortrag, gehalten in der evangelischen Friedensgemeinde Charlottenburg, gestern am 13. M\u00e4rz 2009: In der Nacht des 4. November fuhr ich mit dem Fahrrad nach Hause. Wir hatten den Wahlabend, an dem der erste schwarze Pr\u00e4sident Amerikas gew\u00e4hlt worden war, im \u201eCenter for European Studies\u201c der Harvard-Universit\u00e4t in Cambridge verbracht. 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