{"id":2299,"date":"2009-05-04T11:50:46","date_gmt":"2009-05-04T10:50:46","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/?p=2299"},"modified":"2009-05-04T11:50:46","modified_gmt":"2009-05-04T10:50:46","slug":"agypten-schweinekeulung-als-antichristlicher-kulturkampf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2009\/05\/04\/agypten-schweinekeulung-als-antichristlicher-kulturkampf_2299","title":{"rendered":"\u00c4gypten: Schweinekeulung als antichristlicher Kulturkampf?"},"content":{"rendered":"<p>\u00c4gypten hat unter dem Eindruck der Schweinegrippe damit begonnen, alle Schweine des Landes zu t\u00f6ten. Professor G\u00fcnter Meyer von der Universit\u00e4t Mainz vermutet hinter der Aktion einen Versuch, der christlichen Minderheit die Lebensgrundlage zu nehmen. Doch auch Muslime halten Schweine in \u00c4gypten.<\/p>\n<p>Aus einer Pressemitteilung der Uni Mainz:<\/p>\n<p>&#8222;Bei dem gewaltsamen Widerstand der M\u00fcllsammler in Kairo gegen die beh\u00f6rdlich angeordnete Schlachtung ihrer Schweine wurden am Sonntag 14 Personen verhaften und zahlreiche Menschen verletzt. Diese Auseinandersetzungen markieren den vorl\u00e4ufigen H\u00f6hepunkt der staatlichen Bem\u00fchungen, das \u00c4rgernis der Schweinehaltung durch meist christliche Familien in dem \u00fcberwiegend muslimischen Land zu beseitigen.<br \/>\n\u00a0<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.geo.uni-mainz.de\/meyer\/\">Professor Meyer<\/a>, der Leiter des Zentrums f\u00fcr Forschung zur Arabischen Welt an der Universit\u00e4t Mainz, untersucht seit den 1980er Jahren die wirtschaftliche und soziale Entwicklung in den sechs M\u00fcllsiedlungen am Rande der \u00e4gyptischen Metropole. Nach seiner Ansicht \u201ehat die Schweinegrippe nur den willkommenen Anlass f\u00fcr die Entscheidung der \u00e4gyptischen Regierung geliefert, den gesamten Schweinebestand des Landes t\u00f6ten zu lassen. Dabei wird die Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz von mehr als 150.000 Menschen in Kauf genommen.\u201c<br \/>\n\u00a0<br \/>\nDie Weltgesundheitsorganisation hat nachdr\u00fccklich unterstrichen, dass von den in \u00c4gypten gehaltenen Schweinen keine Grippegefahr ausgeht. Es ist deshalb offensichtlich, dass die tats\u00e4chlichen Gr\u00fcnde f\u00fcr die Massenschlachtung ganz anderer Art sind:<br \/>\n\u00a0<br \/>\nDen \u00e4gyptischen Beh\u00f6rden waren die \u00fcberwiegend christlichen M\u00fcllsammler schon lange ein Dorn im Auge. Diese erzielen den gr\u00f6\u00dften Teil ihre Eink\u00fcnfte durch die Haltung von Schweinen, die vor allem mit Speiseresten und K\u00fcchenabf\u00e4llen aus wohlhabenden Haushalten gef\u00fcttert werden. F\u00fcr konservative Muslime ist jedoch die Schweinehaltung nicht akzeptabel, da der Koran den Genuss von Schweinefleisch verbietet. \u201eDass dort Schweine gehalten werden, ist eine Schande f\u00fcr das ganze Land\u201c, bekam der Mainzer Geograph immer wieder zu h\u00f6ren, wenn er au\u00dferhalb der M\u00fcllsiedlungen seine Untersuchungen erw\u00e4hnte.<br \/>\n\u00a0<br \/>\nDennoch wurde bisher die Schweinehaltung toleriert, da sonst das gesamte System der Abfallentsorgung in den Stadtteilen der gehobenen Mittel- und Oberschicht zusammengebrochen w\u00e4re. Deren relativ wertvolle Haushaltsabf\u00e4lle sicherten allein in Kairo das wirtschaftliche \u00dcberleben von rund 2000 M\u00fcllsammlerfamilien.<br \/>\n\u00a0<br \/>\nIn den letzten Jahren haben sich jedoch mehrere private Gro\u00dfunternehmen der Abfallwirtschaft etabliert, die bisher vor allem den M\u00fcll aus den \u00e4rmeren Stadtteilen einsammeln. Die dortigen Abf\u00e4lle enthalten jedoch zu wenig wertvolles Material, das eine profitable Wiederverwertung in modernen Recyclinganlagen lohnt. Diese Unternehmen werden jetzt die gro\u00dfen Gewinner sein, wenn sie auch die Abfallentsorgung in den wohlhabenden Stadtteilen \u00fcbernehmen k\u00f6nnen, weil sich dies f\u00fcr die kleinen traditionellen M\u00fcllsammlerbetriebe nach dem Wegfall ihrer wichtigsten Einnahmequelle aus der Schweinehaltung nicht mehr lohnt.<br \/>\n\u00a0<br \/>\nVor dem Hintergrund der Vogelgrippe hatte der \u00e4gyptische Pr\u00e4sident schon 2008 die Tierhaltung \u2013 insbesondere von Gefl\u00fcgel und Schweinen \u2013 aus hygienischen Gr\u00fcnden in dicht besiedelten Gebieten verboten. Diese Anordnung lie\u00df sich im vergangenen Jahr nicht durchsetzen. Jetzt dagegen liefert die Schweinegrippe ein scheinbar \u00fcberzeugendes Argument f\u00fcr die schon lange angestrebte Ausschaltung der Schweinehaltung.<br \/>\n\u00a0<br \/>\nEin weiterer Grund, weshalb sich gerade konservative muslimische Parlamentarier vehement f\u00fcr diese gesetzliche Regelung einsetzen, ist darin zu sehen, dass die Schweinehaltung keineswegs nur von Christen, sondern auch von Muslimen betrieben wird \u2013 was in der Regel als schwerer religi\u00f6ser Frevel angesehen wird. Bei Befragungen jedes zehnten M\u00fcllsammlerbetriebes im Gro\u00dfraum Kairo konnte Meyer feststellen, dass rund 20 Prozent der M\u00fcllsammlerfamilien Muslime waren, die ebenso wie ihre christlichen Nachbarn Schweine hielten. Auf die erstaunte Frage des Wissenschaftlers, wie dies mit dem Koran in Einklang zu bringen sei, war die Antwort jedes Mal die gleiche: \u201eDer Prophet hat nur den Genuss von Schweinefleisch verboten, nicht die Haltung von Schweinen!\u201c<br \/>\n\u00a0<br \/>\nDie Schweinehaltung nimmt als wichtigster Wirtschaftsfaktor eine Schl\u00fcsselrolle in dem aktuellen System der Abfallwirtschaft in Kairo ein, dessen Anf\u00e4nge um 1880 Jahren zu suchen sind. Damals lie\u00dfen sich v\u00f6llig verarmte Zuwanderer aus den Oasen in der Westlichen W\u00fcste in Kairo nieder. Die <em>Wahis<\/em>, d.h. \u201edie Leute aus den Oasen\u201c sicherten ihr wirtschaftliches \u00dcberleben, indem sie die Abf\u00e4lle aus den Haushalten der reichen Oberschicht einsammelten und daf\u00fcr eine Geb\u00fchr erhielten. Au\u00dferdem verkauften sie das brennbare Material vor allem an \u00f6ffentliche Badeh\u00e4user zum Erhitzen des Badewassers. In den 1920er Jahren gingen jedoch immer mehr Badeh\u00e4user dazu \u00fcber, Heiz\u00f6l statt Abf\u00e4llen als Brennmaterial einzusetzen. Damit verloren die <em>Wahis<\/em> eine ihrer wichtigsten Einnahmequelle.<br \/>\n\u00a0<br \/>\nIn dieser Phase str\u00f6mten zahlreiche koptische Migranten aus christlichen D\u00f6rfern in Mittel\u00e4gypten nach Kairo. Sie erkannten die M\u00f6glichkeit, die K\u00fcchenabf\u00e4lle der Reichen als Schweinefutter zu nutzen. Nur zu gern traten die <em>Wahis <\/em>\u2013 gegen Entgelt \u2013 die m\u00fchselige Schmutzarbeit des aktiven Sammelns und Aufbereitens der Abf\u00e4lle an die mittellosen koptischen Neuank\u00f6mmlinge ab, die ihr wirtschaftliches \u00dcberleben durch die Schweinehaltung sicherten. Die <em>Wahis <\/em>kassieren jedoch nach wie vor die Geb\u00fchren f\u00fcr die M\u00fcllabfuhr von den jeweiligen Haushalten \u2013 f\u00fcr eine Leistung, die nicht von ihnen, sondern von den <em>Zabbalin, <\/em>den \u201eSchweinehaltern\u201c, erbracht wird.<br \/>\n\u00a0<br \/>\nZur Sicherung ihrer lukrativen Pfr\u00fcnde schlossen sich die <em>Wahis <\/em>in einem \u00f6ffentlich registrierten M\u00fcllkontraktoren-Verband zusammen. Als Mitglieder sind nur Personen zugelassen, die in f\u00fcnf D\u00f6rfern der Dachla-Oase geboren sind, und deren Nachkommen. Dem Verband gelang es noch bis vor wenigen Jahren \u2013 zum Teil mit gewaltsamen Methoden \u2013 alle Konkurrenten abzuwehren, die sich ebenfalls in diesem eintr\u00e4glichen Abfallsektor etablieren wollten. Nur bei der Gruppe der Hausbesitzer gelang ihnen das nicht.&#8220;<\/p>\n<p>(p.s. Professor Meyer erg\u00e4nzt:)<\/p>\n<p>In der Praxis funktioniert das System der M\u00fcllabfuhr in Kairo folgenderma\u00dfen: Wird ein Apartmentgeb\u00e4ude f\u00fcr relativ einkommensstarke Bewohner errichtet, so verkauft der Hausbesitzer das Recht auf M\u00fcllabfuhr an einen M\u00fcllkontraktor. Dieser kassiert in Zukunft die Geb\u00fchr f\u00fcr die M\u00fcllabfuhr von allen Haushalten des betreffenden Wohngeb\u00e4udes. Au\u00dferdem erh\u00e4lt er einen einmaligen Betrag von dem M\u00fcllsammler, der damit das Recht hat, fortan den Abfall t\u00e4glich aus den Haushalten abzuholen und zu verwerten.<br \/>\nWie Meyer bei seinen Untersuchungen zeigen konnte, beziehen die M\u00fcllsammlerfamilien im Durchschnitt zwei Drittel ihrer Eink\u00fcnfte aus dem Verkauf ihrer Schweine. Die \u00fcbrigen Einnahmen stammen aus dem Verkauf des Schweinemistes und der Altmaterialien. Nachdem die aktuelle Wirtschaftskrise bereits zu einem Preisverfall bei den Altmaterialien gef\u00fchrt hat, bedeutet die staatlich verordnete Aufgabe der Schweinehaltung f\u00fcr die Zabbalin die Vernichtung ihrer wirtschaftlichen Existenz. Erschwerend kommt hinzu, dass die angek\u00fcndigten Entsch\u00e4digungszahlungen f\u00fcr die geschlachteten Schweine nur etwa halb so hoch sind, wie die bisherigen Marktpreise.<br \/>\nAngesichts des drohenden Verlustes ihrer Lebensgrundlage ist es nur zu verst\u00e4ndlich, dass sich die M\u00fcllsammler in ihrer Verzweiflung gewaltsam gegen die T\u00f6tung ihrer Tiere wehren und in der gr\u00f6\u00dften M\u00fcllsiedlung Manshiet Nasser die Sicherheitskr\u00e4fte mit Steinen und Flaschen angegriffen haben. Allein in diesem Viertel werden rund 65.000 Schweine gehalten, die bisher ein wirtschaftliches \u00dcberleben f\u00fcr mehr als 50.000 Menschen sicherten.<br \/>\nBetroffen sind auch Tausende von Kleinbetrieben, die sich auf das Recyceln der Abf\u00e4lle spezialisiert haben. Es bedeutet auch das Ende dieser Kleinbetriebe, wenn nach dem Ausscheiden der traditionellen M\u00fcllsammler die Gro\u00dfunternehmen mit ihren modernen Recycling-Anlagen die Abfallentsorgung \u00fcbernehmen. Als Folge der Vernichtung der \u00e4gyptischen Schweinebest\u00e4nde werden mehr als 150.000 Menschen ihre wirtschaftliche Existenz verlieren.\u201d<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00c4gypten hat unter dem Eindruck der Schweinegrippe damit begonnen, alle Schweine des Landes zu t\u00f6ten. Professor G\u00fcnter Meyer von der Universit\u00e4t Mainz vermutet hinter der Aktion einen Versuch, der christlichen Minderheit die Lebensgrundlage zu nehmen. 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