{"id":2392,"date":"2009-05-15T15:12:54","date_gmt":"2009-05-15T13:12:54","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/?p=2392"},"modified":"2009-05-15T15:12:54","modified_gmt":"2009-05-15T13:12:54","slug":"zum-ende-der-papstreise-ins-heilige-land","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2009\/05\/15\/zum-ende-der-papstreise-ins-heilige-land_2392","title":{"rendered":"Zum Ende der Papstreise ins Heilige Land"},"content":{"rendered":"<p>Man kann sich die Erleichterung des Papstes vorstellen, wenn heute nach einem Treffen mit orthodoxen Christen sein Besuch im Heiligen Land zuende geht. Noch nie ist der Pilger-Besuch eines Pontifex so skrupul\u00f6s beobachtet worden. Es ist keine \u00dcbertreibung zu sagen, dass das Schicksal dieses Pontifikats an dieser Reise hing: Noch ein falsches Wort, noch ein Skandal &#8211; und Benedikt w\u00e4re als Versager auf dem heiligen Stuhl in die Geschichte eingegangen.<\/p>\n<p>So ist es nicht gekommen. Die Papstreise ist &#8211; gemessen an den Bef\u00fcrchtungen &#8211; gut verlaufen. Der Papst hat in einigen Fragen sogar &#8211; was etwa die W\u00fcnschbarkeit eines pal\u00e4stinensischen Staates angeht &#8211; erfreulich klare Worte gefunden.<\/p>\n<p>Aber eine gro\u00dfe Reise war es dann doch nicht. Und das hat mit einem merkw\u00fcrdigen Ungleichgewicht des Mitgef\u00fchls zu zu tun, das der Papst bei seinen Stationen an den Tag legte.<\/p>\n<p>Dass diese Pilgerreise so heikel werden w\u00fcrde, hatte der Papst sich selbst eingebrockt &#8211; zuletzt durch sein Missmanagement der Aff\u00e4re um den Holocaustleugner Bischof Williamson. Es war klar, dass manche in Israel darum eine besondere Geste erwarten w\u00fcrden. Und es war zugleich klar, dass er sie nicht w\u00fcrde bieten k\u00f6nnen. Ein Papst, der sich &#8211; etwa in der Gedenkst\u00e4tte Jad Vaschem abermals entschuldigt, dass er und seine Beamten leider, leider \u00fcbersehen haben, dass ein Bischof der Piusbr\u00fcder offenbar der Meinung ist, die Gaskammern h\u00e4tte es nicht gegeben &#8211; wie peinlich und unangemessen w\u00e4re das gewesen!<\/p>\n<p>Doch h\u00e4tte Benedikt sich in Jad Vaschem zur Haltung der Katholischen Kirche im Nationalsozialismus unter Pius XII \u00e4ussern sollen? Im Ernst wurde dies nicht erwartet, auch wenn manche Stimmen in Israel so etwas lauthals gefordert hatten. Eine Pilgerreise ist nicht geeignet zur Fortsetzung eines immer noch nicht angeschlossenen Historikerstreits um Schuld und Verstrickung der Kirche.<\/p>\n<p>Aber h\u00e4tte Benedikt, wenn er schon diese Erwartungen nicht erf\u00fcllen konnte, nicht etwas anderes tun k\u00f6nnen, um die Israelis f\u00fcr sich einzunehmen? Eine menschliche Geste, ein paar bewegte, pers\u00f6nliche Worte w\u00e4ren genug gewesen. Sie kamen ihm nicht \u00fcber die Lippen. Er wirkte wie eingemauert in die Angst, etwas falsch zu machen. Jedenfalls beim israelischen Teil seiner Reise.<\/p>\n<p>Das ist das Erstaunliche: Dieser Papst kam besser bei seinen pal\u00e4stinensischen Gastgebern an als bei den Israelis.<\/p>\n<p>Anders gesagt: Benedikt kommt \u00fcberraschender Weise mit den Muslimen besser zurecht als mit den Juden, mit denen er doch theologisch eine gr\u00f6\u00dfere N\u00e4he (&#8222;unsere \u00e4lteren Br\u00fcder&#8220;) zu haben reklamiert. Das ist nach dem Skandal seiner Regensburger Rede erstaunlich, die vor Jahren zu gro\u00dfer Emp\u00f6rung in der muslimischen Welt gef\u00fchrt hatte.<\/p>\n<p>Aber vielleicht ist das bei diesem Papst eine Konstante &#8211; dass er mit den ferneren Glaubensrichtungen eigentlich besser kann als mit den n\u00e4chsten Verwandten im Geiste: Es f\u00e4llt ihm ja auch leichter, freundliche Gesten gegen\u00fcber der christlichen Orthodoxie zu machen als in Richtung der Protestanten.<\/p>\n<p>Und so schien Benedikt mehr in seinem Element, als er Messen in Amman, Nazareth und Bethlehem feierte, als auf israelischem Boden. Er fand ergreifende Worte f\u00fcr das Leid der Pal\u00e4stinenser unter der Besatzung. Er ging voller Engagement in die politischen Tagesk\u00e4mpfe, als er das Recht der Pal\u00e4stinenser auf ein eigenes &#8222;Heimatland&#8220; forderte (auch wenn er dabei das Wort &#8222;Staat&#8220; vermied&#8220;).<\/p>\n<p>In Jad Vaschem hingegen erging er sich in eher d\u00fcrren und abstrakten Erkl\u00e4rungen gegen den Antisemitismus, ohne die unheilige Rolle der Kirche \u00fcber Jahrhunderte dabei auch nur zu streifen. Es h\u00e4tte gar nicht das gro\u00dfe &#8222;nostra culpa&#8220; sein m\u00fcssen: Ein pers\u00f6nliches Wort des Mannes, der als Joseph Ratzinger ja auch ein Zeitzeuge der Barbarei war, h\u00e4tte gen\u00fcgt.<\/p>\n<p>Die israelische \u00d6ffentlichkeit war zu Recht entt\u00e4uscht \u00fcber diesen Mangel. Und dies besonders angesichts der Tatsache, dass es Benedikt auf der pal\u00e4stinensischen Seite offenbar nicht an lebendiger Empathie gebrach.<\/p>\n<p>Am Ende hat er noch einmal versucht, seinen allzu k\u00fchlen Ton in Jad Vaschem zu korrigieren. Am letzten Tag sagte er, in Erinnerung an den Besuch in dem Museum: &#8222;Diese sehr bewegenden Momente haben mich an meinen Besuch im Todeslager Auschwitz vor drei Jahren erinnert, wo so viele Juden, M\u00fctter, V\u00e4ter, Ehem\u00e4nner und Frauen, Br\u00fcder, Schwestern und Freunde brutal vernichtet wurden &#8211; von einem gottlosen Regime, das eine Ideologie von Antisemitismus und Hass verbreitete.&#8220; Er hat es also sp\u00e4t auch selber versp\u00fcrt, das da etwas gefehlt hatte.<\/p>\n<p>Trotzdem war diese Reise ein Erfolg: Der Papst hat sich immer wieder leidenschaftlich daf\u00fcr ausgesprochen, dass die Religionen &#8211; alle gro\u00dfen monotheistischen Religionen, die im Nahen Osten ihre gemeinsamen Wurzeln haben &#8211; eine Ressource zur \u00dcberwindung der ha\u00dfvollen Kulturk\u00e4mpfe unseere Tage sein k\u00f6nnen. Und er fand auch starke Worte gegen jene, die im Namen Gottes den Hass s\u00e4en &#8211; und so noch vor dem Leben &#8222;ihre Seele verlieren&#8220;. Das war ins Gewissen jener gesprochen, die Selbstmordanschl\u00e4ge im Namen Gottes rechtfertigen oder verharmlosen.<\/p>\n<p>H\u00e4tte Benedikt seine Anti-Bin-Laden-Botschaft, dass die Religionen der Liebe und dem Respekt der Menschen untereinander dienen sollen, auch mit etwas mehr menschlicher Bewegtheit angesichts der Shoah vorgetragen, es h\u00e4tte eine ganz gro\u00dfe Reise werden k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man kann sich die Erleichterung des Papstes vorstellen, wenn heute nach einem Treffen mit orthodoxen Christen sein Besuch im Heiligen Land zuende geht. Noch nie ist der Pilger-Besuch eines Pontifex so skrupul\u00f6s beobachtet worden. 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